1.

[64] Um die Kirche zu Sankt Paul

einen Schatten sieht man reiten,

mitternachts auf hohem Gaul,

auswattiert die magren Seiten.


Pfeile trägt er nicht noch Köcher,

führt kein Schlachtschwert um die Lenden:

Aber einen Tintenstecher

sorgsam trägt er in den Händen.


Statt des Fähnleins, statt der Lanze

ragt ihm eine ries'ge Feder

hinterm Ohr im stolzen Glanze:

Und die Ohren sind von Leder.


Hinter ihm auf einem Grauen –

oder sag' ich Esel füglich? –

läßt sein Knappe sich erschauen,

wohlbeleibt und höchst vergnüglich.


Nicht zum Kämpfen, nicht zum Fechten,

besser wohl ist der beim Trinken;

eine Wurst hängt ihm zur Rechten,

auf der andern ihm ein Schinken.
[64]

Eine purpurne Melone

sieht man auf der Faust ihm prahlen,

um die Scheitel eine Krone,

aber nur von Eierschalen. –


So in mitternächt'ger Stunde,

auf dem Esel, auf dem Gaul,

reiten sie gespenst'ge Runde

um die Kirche zu Sankt Paul;


klopfen dreimal an die Pforte,

rufen dreimal, äußerst kläglich,

unvernommne, dumpfe Worte –

doch die Tür bleibt unbeweglich!


Unbeweglich, wie sie warten,

wie sie rufen, wie sie klopfen;

ja dem Öle selbst, dem zarten,

das sie auf die Angeln tropfen:


Bis beim ersten Hahnenschreie,

bei des Morgenlieds Gedudel,

heimwärts reiten diese zweie,

kläglich, wie begoßne Pudel. –


Diesen Ritter, diesen Knappen,

weiß ihn keiner mir zu nennen?

Ihre Namen, ihre Wappen,

lehrt die Seltsamen mich kennen!


Wär's vielleicht der große Tote,

der berühmte, vielgenannte,

wär's la Manchas Don Quichote,

wär es Sancho, der bekannte?


Oder aber (sprechet leiser,

denn es graut mich der Gemeinheit) –

wär's vielleicht der künft'ge Kaiser,

ihm voran die deutsche Einheit?


Quelle:
Robert Eduard Prutz: Prosa und Lyrik, Leipzig 1961, S. 64-65.
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