Thirsis Empfindungen, als er bey Damon war

Pyra und Lange


Der rauhe Fürst des Nords verkündigte nun schon,

Mit grimmigem Gesicht und stürmerischen Ton

Des nahen Winters Macht. In einem düstern Wetter

Wälzt er so Staub als Sand und Wolcken gelber Blätter,

Der Bäum entrissne Pracht, durch Wiesen, Feld und Wald

Und kehrte Straß und Weg mit wütender Gewalt

In dunckler Würbel Lauf, die schwebend leichten Düfte

Verdickt der Kälte Druck, verfinsterte die Lüfte.

Die Tage wurden kurtz, und noch darzu der Nacht

Durch starrer Nebel Dunst bey nahe gleich gemacht.

In dieser rauhen Zeit ging P–– seinen L––

Den redlich treuen Freund freundschafftlich zu empfangen

Nebst seiner Dorothee, das allerliebste Paar,

Das ihn recht redlich liebt, dem er verbunden war.

Ja er verachtete der Winde strenges Wehen

Des Weges Läng und Schweiß um ihr Gesicht zu sehen.

Er kam ermüdet hin, gleich um die Mittagszeit,

Und traff dis holde Paar in schönster Einsamkeit[27]

Bey ihrer Mahlzeit an. Nach freundlichem Willkommen

(Als er in ihrer Mitt ein Plätzgen eingenommen)

So legte sie ihm gleich ein gutes Stückgen für,

Und Thirsis zehrt es auf im schwatzen mit Begier.

Drauf zeigte Doris ihm, die Milch, die sich inzwischen

Die schöne Hand bemüht mit Beeren zu vermischen,

Die sie auf ihn gespaart, allein sie war zu alt,

Und taugte nun nicht mehr, indem er nicht so bald,

Als sie gemeint, erschien. Sie lebten mit Vergnügen,

Wie wahre Freunde thun, und durch des Zeitlauffs Fügen

Fiel ihr Geburtsfest ein. Der Schertz von Dorothen,

Gab beyden Freunden es halb schalckhaft zu verstehn.

Sie liessen beyde sichs gewiß nicht zehnmal sagen,

Sie sonnen beyde drauf, die Leyer gut zu schlagen

Und gingen in den Hain. Darauf fing Thirsis an:

Mein theurer Damon, Freund, den ich nicht schätzen kan,

Wie freudig sah ich doch stets dein Vergnügen steigen,

Und deine Doris dir die neue Hoffnung zeigen:

Wie lustig will ich doch mit dir, mein Liebster, seyn,

Wenn nun ein kleiner wird auf ihrem Schoosse schreyn.

Selbst meine Brust verspührt dein väterlich Vergnügen;

Denn das, was dich ergötzt, muß auch mein Hertz besiegen.


Damon.


In Doris hat mir Gott mein gantzes Glück beschehrt

Und wenn mich manchmal auch der Sorgen Last beschwehrt

So bin ich doch getrost, wenn ich sie sehe lachen:

Doch ihr Betrübnis kan mich wieder traurig machen.

Gewiß, hätt ich sie nicht, so wär ich nicht beglückt,

Und ohne sie wär ich zu leben nicht geschickt.

Die Liebe ziehet uns stets immermehr zusammen,

Stets spühr ich neue Gluth und doch die alten Flammen,

Die Tage reichen nicht zu unsrer Liebe zu,

Wir lieben uns, auch selbst unwissend in der Ruh.

Bald pfleget sie die Hand im Schlaf nach mir zu strecken,

Bald sucht mein matter Arm sie sorgsam zu zu decken,[28]

Jetzt streichelt tappend mich die schlaffe sanfte Hand,

Bald schliesset sie mich fest in ihrer Arme Band

Und wenn sie offtermals die Hand zu hoch beweget,

Hab ich, wie sie vermerckt, sie oft zu recht geleget.

Bald heb ich mich, wenn ich noch voll des Schlafes bin,

Und sinck im halben Kuß entschlummernd wieder hin.

Um ihrent willen nur, in ihr lieb ich mein Leben

Für sie bin ich es auch bereit dahin zu geben.

Sie ist mir zwar weit mehr, als hundert Kinder werth;

Jedoch, wenn mir auch Gott durch sie dis Glück beschehrt,

So wird ein neues Feur in meiner Brust entbrennen.

Und ich als Mutter sie aufs neue lieben können,

Weil ich als meinen Schatz sie mehr nicht lieben kan.

Du siehst, mein Thirsis, ihr die neue Hoffnung an,

Und meine Freude muß dir auch dein Hertz durchdringen.


Thirsis.


Gott lasse deinen Wunsch und meinen auch gelingen

Und Doris und dein Kind dich viele Jahre sehn.

Was kan wohl glücklichers so dir, als mir geschehn.

Ich, den die Flöte nur nach euch allein vergnüget,

Ich, der den wilden Lerm des Reimer Schwarms bekrieget,

Ich werde, liebstes Paar, dich immermehr erhöhn,

Und solte gleich der Neid noch eins so hönisch schmähn:

Der Neid, den noch mein Lied und euer Lob verdriesset,

Und dem zu Trotz mein Mund mit Opitz Worten schliesset:


O ihr seligen zwey Liebe

Bleibt in unverrücktem Triebe,

Bleibt in stets beglückter Ruh.

Gott, der Vater, saget zu

Aus den sauer süssen Nöthen

Einen artigen Poeten.

Was das liebe Kindelein

Wird mit halbem Munde machen,

Was es kürmeln wird und lachen

Werden lauter Verse seyn.

Quelle:
Freundschaftliche Lieder von I. J. Pyra und S. G. Lange, Heilbronn 1885, S. 24-25,27-29.
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