Erster Auftritt

[181] Der junge Gotthart. Heinrich.


ERNST GOTTHART ganz ängstlich. Um des Himmels willen, Heinrich! bleibt doch bei mir; oder bindet mich zum mindesten fest, ehe Ihr von mir geht!

HEINRICH. Hilf Himmel! was gibt's denn nun wieder?

ERNST GOTTHART. Ach!

HEINRICH. Was ist Ihnen denn? Sagen Sie mir's doch!

ERNST GOTTHART. Nichts.

HEINRICH ungeduldig. So machen Sie's immer! Sagen Sie mir doch nur, was Ihnen fehlt?

ERNST GOTTHART seufzt. Nichts, sage ich!

HEINRICH böse. Zum Henker! warum geberden Sie sich denn so wie eine kranke Frau? Haben Sie etwa eine Gräte im Halse stecken?

ERNST GOTTHART. Ach nein!

HEINRICH. Was denn? Einen Knochen?

ERNST GOTTHART. Ach nein doch!

HEINRICH. Oder haben Sie die Kolike?

ERNST GOTTHART. Ach nein!

HEINRICH ungeduldig. Nun, so möchte ich doch wissen, was Ihnen denn ist?

ERNST GOTTHART ängstlich. Ich kann's Euch nicht sagen!

HEINRICH. Je nun! wenn Sie's nicht sagen können, so wird's auch wohl nichts sein.[181]

ERNST GOTTHART. Ach! was wollte es nur nicht sein! Es ist leider mehr als zu viel!

HEINRICH besorgt. Nun, so sagen Sie's doch! Wer seine Not klagt, dem ist halb geholfen.

ERNST GOTTHART. Was soll ich Euch sagen?

HEINRICH. Was Ihnen fehlt, worüber Sie so seufzen.

ERNST GOTTHART. Ach Heinrich! das weiß ich selbst nicht!

HEINRICH verdrießlich. Ja, Herr Gotthart, wo Sie's selbst nicht wissen, so weiß ich es noch viel weniger! Legen Sie sich nieder und schlafen Sie aus. Ich wollte Sie herzlich gern anbinden; aber ich muß erst ausgehen. Er will gehen Gotthart hält ihn zurück.

ERNST GOTTHART. Heinrich! wo Ihr nicht ein steinern Herz im Leibe habt, so bleibt um des Himmels willen bei mir!

HEINRICH. Ei, zum Henker! so sagen Sie doch, warum?

ERNST GOTTHART ängstlich. Seht Ihr denn nicht, daß ich meinen Paroxismus wiederhabe?

HEINRICH. Je mit Ihrem Paroxismus! Immer kommen Sie mit dem verwünschten Paroxismus, wenn ich gerade keine Zeit habe, Sie zu warten. Sie wissen ja, daß ich notwendig ausgehen muß.

ERNST GOTTHART. Wohin denn? Ihr ungeduldiger Mensch!

HEINRICH. Haben Sie es denn nicht gehört? Der Herr will nicht haben, daß die fremden Gäste im Gasthofe einkehren sollen. Ich muß ja ihre Kuffer und Sachen hieherschaffen.

ERNST GOTTHART. Gäste hin! Gäste her! bleibt Ihr bei mir. Was gehen mich die Gäste an? Sie kommen mir gerade zur Unzeit!

HEINRICH. Ei, mein lieber Herr Gotthart, nehmen Sie mir das nicht übel: Gehen die Gäste Sie nichts an, so gehen sie mich an. Ein ehrlicher Lakai will auch gern einmal mit Ehren ein Trinkgeld verdienen. Ich muß gehen! Er will gehen.

ERNST GOTTHART ängstlich. Ja, so muß ich mich umbringen.

HEINRICH. Tun Sie's immer, wo Sie das Herz haben! Ich kann Ihnen nicht helfen! Ich muß gehen! Er will gehen.

ERNST GOTTHART kläglich. Ihr unbarmherziger Mensch! Ist es Euch denn mehr um einen Saufpfennig als um Euren Herren zu tun?

HEINRICH lächelnd. Ach! Sie bringen sich nicht um! das weiß ich schon. Er will gehen.[182]

ERNST GOTTHART. Bleibt doch nur bei mir, geldgieriger Mensch! Ich will Euch zweimal soviel geben als die Gäste.

HEINRICH. Ja, das wäre was Schönes! Wenn ich nun nicht hinginge und holte die Sachen nicht, so kriegte ich von den Gästen nichts, und Sie gäben mir hernach doppelt soviel: das heißt, ich kriege von beiden einen Quark. Dabei käme ich trefflich zurechte! Nein! ich gehe! Er will gehen.

ERNST GOTTHART. Ihr höret ja aber, daß ich Euch nicht gehen lasse! Seht! da habt Ihr einen Gulden! den vertanzt künftigen Sonntag auf meine Gesundheit und bleibt jetzt bei mir. Er hält ihn beim Ärmel.

HEINRICH besieht das Geld. Ja, Herr Gotthart, das ist alles ganz schön und gut; ich nehme es auch mit Dank an! und wenn nur die Gäste nicht da wären; ich bliebe wohl den ganzen Tag bei Ihnen. Aber jetzt muß ich gehen, oder der Henker wird mir das Licht halten. Er will gehen.

ERNST GOTTHART ängstlich. Und warum denn?

HEINRICH ungeduldig. Ich habe es Ihnen ja wohl zehnmal schon gesagt! Ich soll der Fremden ihre Sachen von der Post holen. Sie wissen ja, daß Sie selbst deswegen früher vom Tische aufgestanden sind, und wir armen Menschen, die Köchin und ich, wir haben unsre Mittagsmahlzeit gar bis auf die Nacht verlegen müssen; denn heute abend kriegen wir doch nichts.

ERNST GOTTHART. Nun, so bleibt doch nur noch eine Viertelstunde bei mir!

HEINRICH. Ich kann aber nicht!

ERNST GOTTHART. Nur eine halbe Viertelstunde!

HEINRICH. Ich kann unmöglich!

ERNST GOTTHART. Nur fünf Minuten. Er zieht die Uhre heraus.

HEINRICH böse. Zum Henker! so sagen Sie mir auch, was ich soll?

ERNST GOTTHART ängstlich. Ach! ich sehe wohl, es muß nur heraus. Hört nur, Heinrich, habt Ihr heute bei Tische nichts gemerkt?

HEINRICH. Nichts anders, als daß Sie brav gegessen und getrunken und wenig gesprochen haben: welches auch das klügste ist.

ERNST GOTTHART ängstlich. Ei! darnach frage ich nicht! Habt Ihr aber nicht in meinem Gesichte eine gewisse ungewöhnliche Verzuckung bemerkt?

HEINRICH schüttelt den Kopf. Nein, keine andere, als die alle Menschen beim Essen und Trinken machen.[183]

ERNST GOTTHART. Ach! ich sehe wohl, Euch muß man so fragen, wie man die Bauren ausfragt. Ängstlich. Sagt mir doch, Heinrich, habe ich nicht heute bei Tische meinem Vater ein schiefes Maul gemacht?

HEINRICH lacht sehr. Dachte ich's nicht, das so was kommen würde!

ERNST GOTTHART ängstlich. Nun, so redet doch.

HEINRICH lachend. Ei Possen! wie wollten Sie dazu gekommen sein? Sein Sie doch nicht wunderlich!

ERNST GOTTHART. Nun, nun! es fiel mir nur so ein, ob ich's auch getan haben möchte.

HEINRICH lachend. Ei, Herr Gotthart! wenn Sie's getan hätten, so würden Sie's ja wissen!

ERNST GOTTHART böse. Narr! wenn ich es wüßte, so würde ich Euch nicht darum fragen.

HEINRICH. Nun, ich weiß es noch weniger als Sie.

ERNST GOTTHART. Ihr müßt es wissen!

HEINRICH. Ich weiß es aber nicht!

ERNST GOTTHART. Ganz gewiß nicht?

HEINRICH lachend. Bedenken Sie doch nur einmal, wie soll ich's denn wissen! Ich gehe ja bei Tische wohl zehnmal aus und ein. Indessen kann viel geschehen, das ich nicht weiß.

ERNST GOTTHART. So habt ihr's nicht gesehen?

HEINRICH. Nein doch! nein.

ERNST GOTTHART. Ach! Ihr habt's gesehen und wollt es mir nur nicht sagen.

HEINRICH. Um des Himmels willen! wenn Sie es getan haben, so müssen Sie es ja selbst am besten wissen: denn betrunken sind Sie ja nicht. Und haben Sie es nicht getan, was fragen Sie mir denn die Seele aus dem Leibe?

ERNST GOTTHART. Ich sage Euch ja, daß ich es nicht weiß. Ich stehe noch deswegen im Zweifel. Aber ich muß eine Gewißheit davon haben.

HEINRICH. Wissen Sie denn nun selbst nicht mehr, was Sie tun?

ERNST GOTTHART. Ei! ich weiß es wohl. Ich weiß es nur nicht recht.

HEINRICH. Ach! bekümmern Sie sich doch nicht um geschehene Dinge, und hoffen Sie immer das Beste.

ERNST GOTTHART. Das Beste hoffen? Das kann ich nicht![184]

HEINRICH. So wollen Sie denn durchaus dem Herrn ein schiefes Maul gemacht haben?

ERNST GOTTHART. Das ist es eben, was mich so martert! Es liegt mir auf dem Herzen wie ein Mühlstein; und wo ich gewiß werde, daß ich mich so sehr vergangen habe, so erhänge ich mich den Augenblick. Er windet die Hände. O Himmel!

HEINRICH lachend. Nun, das hieße aus der Traufe in den Platzregen! Gesetzt nun, Sie hätten es auch getan ...

ERNST GOTTHART sehr erschrocken. Wie? Was?

HEINRICH. Ich sage ja nur, gesetzt! Gesetzt nun, Sie hätten dem Herrn Vater ein schiefes Maul gemacht: wer weiß, ob er es auch gesehen hat?

ERNST GOTTHART ängstlich. Ach! ich muß doch besorgen, daß er's gesehn hätte!

HEINRICH lachend. Und wenn er's nun auch gesehen hätte; wer weiß, ob er sich's zu Gemüte gezogen?

ERNST GOTTHART ängstlich. Ach! ich müßte doch besorgen, daß er sich's zu Gemüte zöge!

HEINRICH. Gesetzt nun, daß er sich's auch zu Gemüte gezogen hätte; wer weiß, ob er's Ihnen nicht schon wieder vergeben hat?

ERNST GOTTHART. Ach! wie wollte er mir das vergeben?

HEINRICH. Je, warum denn nicht? Und wenn er es Ihnen auch nicht vergäbe, wollten Sie sich denn darüber gleich erhenken?

ERNST GOTTHART ängstlich. Ja freilich! was wollte ich anders machen? Mein Vater würde mich doch gewiß enterben. Wenn er mich nun enterbte, so würde ich hier aller Menschen Spott. Kein Mensch würde sich meiner annehmen. Zivildienste kriegte ich nicht, und zum Kriege tauge ich nicht. Ich müßte also betteln gehen. Wenn ich betteln ginge, könnte ich leicht Hunger leiden: wenn ich Hunger litte, könnte ich leicht stehlen: wenn ich stöhle, könnte ich leicht aufgehangen werden: und ehe ich mich von einem Scharfrichter hängen lasse, eher ...

HEINRICH. Wollen Sie es selbst tun? Er lacht sehr. Schön! schon!

ERNST GOTTHART. Jawohl!

HEINRICH lachend. Was das nun wieder für halsbrechende Schlüsse und Einfälle sind!

ERNST GOTTHART. Ja! sind sie nicht richtig?[185]

HEINRICH. O ja! ebenso richtig als meines vorigen Herrn seine. Der ging niemals in die Kirche; denn er schloß so: wer in die Kirche geht, der kann leicht fallen. Wer fällt, der kann leicht ein Bein brechen. Wer ein Bein bricht, der kann leicht ein Krüppel werden. Ehe ich also in tausendfache Not gerate: so gehe ich lieber nicht in die Kirche.

ERNST GOTTHART. Ach! das ist ein gottloser Mensch gewesen. Der hat seine Vernunft gemißbrauchet.

HEINRICH. Und Sie gebrauchen Ihre auch gewiß nicht recht!

ERNST GOTTHART. Ach, was wollte ich nur nicht! Es ist ja alles ganz vernünftig. Hört nur! wenn ...

HEINRICH ungeduldig. Ei! ich mag nichts mehr hören! Bedenken Sie doch nur einmal: die ganze Ursache, warum Sie sich erhenken wollen, ist diese: weil Sie besorgen, Sie möchten den alten Herrn Gotthart böse gemacht haben. Aber wenn Sie sich nun erhenkten: würden Sie ihn da nicht noch zehnmal böser machen? He? was meinen Sie?

ERNST GOTTHART. Ja, Ihr mögt schwatzen, wie Ihr wollt! Ich muß wissen, ob ich meinem Vater ein schiefes Maul gemacht habe oder nicht. Ehe werde ich nicht ruhig: und sollte ich ihn auch selbst darnach fragen.

HEINRICH lachend. Sei'n Sie doch nicht wunderlich! Wenn ich einem eine Maulschelle gegeben hätte, wie wollte ich doch ihn selbst ...


Quelle:
Die bürgerliche Gemeinschaftskultur der vierziger Jahre. Herausgegeben von Prof. Dr. Brüggemann, Leipzig 1933, S. 181-186.
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