Dritter Auftritt

[197] Frau Kreuzin. Jungfer Fröhlichin. Herr Ernst Gotthart. Heinrich reicht den Kaffee auf einem Teller herum.


FRAU KREUZIN zur Jungfer Fröhlichin. So trinkt der Herr Vater keinen Kaffee?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Nein; er macht ihm ein schweres Geblüt.

ERNST GOTTHART. Es ist gut, daß ich das höre. Ich will auch keinen mehr trinken. Er gibt dem Heinrich die Tasse wieder hin.

FRAU KREUZIN. Da tun Sie recht, Herr Gotthart! Uns Hypochondristen ist der Kaffee so schädlich wie Gift.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Wie, Frau Kreuzin? So haben Sie auch die Hypochondrie?

FRAU KREUZIN. Ach, leider! mehr als zu viel! Ich heiße Kreuzin und habe auch mein Kreuz. Seitdem ich Witwe bin, habe ich das Unkraut am Halse.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Nun! so werde ich doch einmal recht hören können, wie es denn eigentlich mit der Hypochondrie beschaffen ist. Mein Vater hat zwar ehemals auch diese Krankheit gehabt: allein, seit er[197] sie losgeworden, ist er diesem Übel so gram, daß er gar nicht mehr davon reden mag; darum habe ich es niemals von ihm erfahren können. Allein, es mag doch ein possierliches Ding damit sein.

FRAU KREUZIN seufzend. Ach! spotten Sie nur nicht, Jungfer Fröhlichin! Wohl dem, der es niemals erfahren hat! Es kann keine Todesangst größer sein.

ERNST GOTTHART. Ja freilich, Frau Kreuzin! ich wollte gern einen Mühlstein zehn Meilen weit tragen, wenn ich dies Unglück nur damit loswerden könnte.

JUNGFER FRÖHLICHIN. So erzählen Sie mir doch nur, worin es denn eigentlich bestehe?

FRAU KREUZIN. Ja, das weiß ich gewiß selbst nicht; aber was ich fühlen und leiden muß, das weiß ich mehr als zu wohl. Bedenken Sie nur, wie mir's gestern gleich nach dem Kaffee erging. Meinem Bedünken nach war ich ganz frisch und gesund: mit eins steigt mir ein Dampf in den Kopf, daß ich dachte, er würde mir in tausend Stücken springen. Ich konnte nicht anders denken, als daß mir alle Adern bersten müßten. Kaum besorgte ich das, so borste mir wirklich eine Ader hinten im Kopfe. Da sah ich nun den lebendigen Tod vor Augen. Ich wollte meine Leute rufen: allein, ich fiel nieder und blieb tot. Ja, es kam mir nicht anders vor, als daß ich im Sarge lag, und ich ärgerte mich nur, daß mir die Leute die eine Manschette anders gekraußt hatten als die andere.


Ernst Gotthart höret emsig zu: Jungfer Fröhlichin hält sich das Schnupftuch vor, um das Lachen zu verbergen. Heinrich gibt Kaffee herum, allein es will ihn niemand nehmen, daher trägt er das Kaffeebrett mit dem Zeuge weg.


JUNGFER FRÖHLICHIN. Das ist auch ärgerlich genug!

FRAU KREUZIN. Den Augenblick aber erwachte ich und sah, daß ich noch lebte. Bedenken Sie nun, wie mir zumute war! Ich wußte wahrhaftig in einer ganzen Stunde nicht, ob ich lebte oder tot wäre? Können Sie nun wohl glauben, daß die rechte Todesangst was Ärgers sein könne?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Gewiß nicht: denn es ist eben die leibhaftige Todesangst gewesen, die man bei Leuten findet, welche nicht gern sterben wollen. Allein, es ist doch bloß ihre eigene Einbildung schuld daran gewesen.

ERNST GOTTHART. Ei, Frau Kreuzin! das ist noch gar nichts. Mir ging es vor vierzehn Tagen noch viel ärger. Ich wär auf meiner Stube und[198] lag im Fenster, um mir die Grillen zu vertreiben. Da kam ein alter Mann gegangen, und es rührte ihn der Schlag, gerade gegenüber meinem Fenster. Da ward meine Hypochondrie rege, und ich stellte mir nicht anders vor, als daß ich den alten Mann zu Tode gesehen hätte. Sogleich bildete ich mir ein, ich hätte Basiliskenaugen. Ich laufe in der größten Angst herum und sehe von ungefähr in den Spiegel: und weil mir einfällt, ich hätte Basiliskenaugen, so ward mir nicht anders, als wenn ich vor mir selbst zerbörste ...

JUNGFER FRÖHLICHIN sieht ihn an und lacht.

ERNST GOTTHART. Ja, ich hätte wohl darauf geschworen!

JUNGFER FRÖHLICHIN. Warum zerberste denn ich anjetzt nicht

ERNST GOTTHART. Hören Sie nur weiter. Als ich mich nun lange genug besehen hatte und das Gedärme mit aller Gewalt wieder hinein haben wollte, so sah ich, daß das Bersten nichts anders war, als daß ich mir in der Angst die Weste ausgerissen hatte.

JUNGFER FRÖHLICHIN lachend. Nun? so war ja alles gut?

ERNST GOTTHART. Ei! es war nur desto schlimmer! Ich laufe den Augenblick zu meinen Büchern und schlage nach, was ich für ein Crimen begangen haben möchte, wenn ich den alten Mann wirklich zu Tode gesehen hätte, und was darauf für eine Strafe stünde? Ich machte mir in Gedanken den ganzen peinlichen Prozeß, beantwortete die Inquisitionsartikel, führte meine Defension pro avertenda; sprach ein Urteil über mich und stand die ganze Tortur nach allen Graden glücklich aus ...

JUNGFER FRÖHLICHIN lachend. Das will ich glauben. Aber sagen Sie mir, wie kriegten Sie die Daumschrauben auf?

ERNST GOTTHART. Hören Sie nur: den Augenblick kömmt der alte Mann auf meine Stube, und da sehe ich nicht nur, daß er noch lebt: sondern daß es unser alter Holzhacker ist, der unten im Keller wohnet, und von dem ich weiß, daß er sonst mit dem Schlagflusse behaftet ist. Sagen Sie nun, ob man für solche Todesangst nicht lieber einen Mühlstein schleppen möchte?

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht, was sie kann. Nun, Herr Vetter! wo Sie mir das im Ernste gesagt haben, so lache ich Sie dafür tapfer aus. Mit der Frau Kreuzin hatte ich noch einiges Mitleiden: aber mit Ihnen? das ist ja gar zu arg! Zum Henker! glauben Sie es denn etwan noch Ihrer Amme zu Ehren, daß es Basilisken gibt, die vor sich selbst zerbersten? Warum spiegeln sich die Gecken? Ich habe gedacht, das Märchen von den[199] Basilisken wäre nur eine Satire auf die häßlichen Jungfern, die doch so gern in den Spiegel gucken, ob sie gleich rote Augen haben.

ERNST GOTTHART. Um des Himmels willen, Jungfer Muhme! scherzen Sie nur nicht gar zu sehr. Wenn es vorbei ist, so sehe ich es ebenso gut, daß es lauter leere Einbildungen sind. Allein, wenn einem gleichwohl solche Vorstellungen einfallen ... Er schüttelt den Kopf.

FRAU KREUZIN. Ja! da haben Sie wohl recht, Herr Gotthart. Ich erfahre es leider zur Genüge an mir. Sind Sie denn Herr über Ihre Gedanken, Jungfer Fröhlichin?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Ei! wie wollte mir doch so was einfallen können? Es ist ja eben, als wenn ich mir einbilden wollte, Sie wüßten anjetzt, was ich von Ihnen denke.

FRAU KREUZIN. Ja, da kommen Sie eben auf den rechten Punkt! Meinen Sie denn, daß man sich das nicht auch vorstellen kann? Ach, das versalzet mir manche Gesellschaft! Ich sitze manchmal bei einem Besuche und beiße mir fast die Lippen entzwei aus Furcht, ich möchte sagen, was ich dächte. Gleichwohl, wenn ich nach Hause komme, so ängstige ich mich doch noch ganze Wochen lang, ob die Leute auch möchten erraten haben, was ich denke?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Nun, das gestehe ich, Frau Kreuzin! Auf diese Art sind Sie freilich bedaurenswert! Nein. Das Lachen muß ich wohl oft verbeißen; aber mit dem Sprechen habe ich keine Not. Wenn ich nicht reden will, so sage ich gewiß kein Wort.

ERNST GOTTHART. Ja, meine liebe Jungfer Muhme! Sie richten uns nach sich. Aber Sie haben ja kein Malum hypochondriacum.

JUNGFER FRÖHLICHIN lachend. O das ist mir auch von Herzen lieb! Wissen denn aber die Hypochondristen gar nicht mehr, was sie tun?

ERNST GOTTHART. Nein, Jungfer Muhme, ich weiß zum mindesten niemals gewiß, was ich tue. Mir kann ein jeder einbilden, was er will. Sagt man, ich habe das Podagra, so kann ich gleich auf keinem Fuße mehr stehen. Sagt man: ich hätte die Schwindsucht, so fühle ich gleich den Schmerz in der Lunge. Sagt man, ich sähe elend aus, so verliere ich den Augenblick meine Gestalt.

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht sehr. Nun, das ist lustig!

ERNST GOTTHART. Ei! was wollte es doch lustig sein! Denken Sie nur, als Sie vorhin mit der Frau Kreuzin redeten, so fiel mir ein, ich hätte[200] Ihnen die Schuhschnalle aufgelöset und schämte mich nicht nur, was die Frau Kreuzin davon sagen würde, sondern wußte auch nicht, wie ich mich bei Ihnen entschuldigen wollte.

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht sehr. Nun, wahrhaftig!


Quelle:
Die bürgerliche Gemeinschaftskultur der vierziger Jahre. Herausgegeben von Prof. Dr. Brüggemann, Leipzig 1933, S. 197-201.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Prévost d'Exiles, Antoine-François

Manon Lescaut

Manon Lescaut

Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon