[Es hat dir die Weihnachtszeit]

[96] Es hat dir die Weihnachtszeit

Mit andrer Pracht

Auch eine Bauernhochzeit

Zum Spiel gebracht.


Gesellschaft bunt aus Pappe

Auf Holz geleimt,

Vom Strumpfe bis zur Kappe

Kein Schmuck versäumt.


Mit Knöpfen ihre Jacken

Reich übersät,

Und ihre rothen Backen

Recht aufgebläht.
[96]

Hier spielt man Baß und Geigen

Und Hackebrett,

Dort dreht man sich im Reigen

Halb plump, halb nett.


Die meisten an den Tischen

Auf Stuhl und Bank

Sind da, sich zu erfrischen

Mit Speis' und Trank.


Wer bringt zur Krankenkammer

Den Saus und Braus?

Wie seltsam nimmt beim Jammer

Die Lust sich aus!


Doch mach' es dir noch heiter

Den Lebensrest!

Du Armer siehst nichts weiter

Vom Lebensfest.


Du hast, zum Tod gelagert,

Noch halb erweckt,

Die Händchen abgemagert

Danach gestreckt.


Du spielst noch, weil du spieltest

Dein Lebenlang,

Doch ist's, als ob du hieltest

Dein Spiel mit Zwang.
[97]

Entlocken dir die Possen

Nicht einen Ton?

Du hältst den Mund verschlossen

Seit Tagen schon.


Sie sehn mit starrem Lachen

Dir ins Gesicht,

Um lachen dich zu machen;

Du kannst es nicht.


Und nun den Blick, den starren,

Du zugethan,

Sehn lachend dich die Narren

Noch immer an.


Zum Trauern wär' es doch Zeit

Im Trauerhaus,

Doch bleibt die Bauernhochzeit

Beim Hochzeitschmaus.


Ihr stummen Musikanten

Spielt auf der Braut,

Und laßt die Anverwandten

Hier klagen laut.

Quelle:
Friedrich Rückert: Kindertodtenlieder aus seinem Nachlasse, Frankfurt a.M. 1872, S. 96-98.
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