[Schmeichelndste der Lügnerinnen]

[80] Schmeichelndste der Lügnerinnen,

Hoffnung,

Laß die Täuschung nicht zerrinnen,

Hoffnung.


Webe zu dein Truggewebe,

Fahr' nur

Fort, den goldnen Duft zu spinnen,

Hoffnung!


Einen Schleier über Mutter-

Augen,

Blendwerk über Muttersinnen,

Hoffnung!


Daß sie wähne, mütterliche

Pflege

Müß' es über'n Tod gewinnen,

Hoffnung!


Daß sie in des Sterbeflämmchens

Zucken

Neues Leben seh' beginnen,

Hoffnung!


Halt am Krankenbett die Kranke

Aufrecht,

Wärterin der Wärterinnen,

Hoffnung!
[81]

Weil du von mir bist entflohen,

Floh ich;

Bleib du bei der Mutter drinnen,

Hoffnung!


Wer, wenn alle sie verlassen,

Bleibt ihr,

Wenn auch du noch gehst von hinnen,

Hoffnung?


Einer bleibt, von dem gesandt du

Selber

Schwebst herab von jenen Zinnen,

Hoffnung!

Quelle:
Friedrich Rückert: Kindertodtenlieder aus seinem Nachlasse, Frankfurt a.M. 1872, S. 80-82.
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