Achtes Kapitel

[333] Man weiß südwärts der Polargrenze des Weines, das heißt des trinkbaren Weines, keineswegs viel Von den Ländern und Menschen zwischen dem Harz und der Deutschen See; aber dessenungeachtet ist Karl Ernst Querian in das Kirchenbuch zu Quakenbrück[333] als ehelich erzeugter Sohn bürgerlich anständiger Eltern eingetragen, dessenungeachtet existierte Peter Schwanewede in Pilsum, ein doctor theologiae der gleichfalls vorhandenen Universität Göttingen, und dessenungeachtet hat sich soeben Justizrat Scholten von seiner Wirtin die Lampe anzünden lassen und blättert, ehe er an seinen Freund Peter schreibt – wahrscheinlich um wenigstens sich klarzubleiben –, im Recueil de nouvelles pièces fugitives de M. de Voltaire, und zwar in der Ausgabe, die man voreinst außer in Genf auch zu Paris, und zwar bei Duchesne, rue St. Jacques – au temple du goût, finden konnte.

Das ist ein langer Satz, aber es war uns unmöglich, ihn und uns kürzer zu fassen; wir werden auch gleich sehen, daß es auch dem Justizrat trotz seiner Lektüre nicht gelang, bündig zu sein. Mademoiselle Catherine Vadé mag es ihm verzeihen.

Die Witwe hatte die Lampe gebracht, noch einmal mit dem Schürzenzipfel vor den Augen die Rede auf das halbe Huhn und den Pflaumentopf bringen wollen und war mit einem Donnerwetter zur Tür hinausbefördert worden. Der Justizrat schlug Antoine Vadés »Discours« an die Welschen zu und mit der Faust auf den Tisch und ächzte:

»Wir sind das langweilig-verrückteste Volk auf Erden, und wir haben alle Aussicht, es noch längere Zeit zu bleiben. Was hilft's dem einzelnen, zu wissen, wie klug andere Leute schon vor hundert Jahren gewesen sind?«

Er schien die größte Lust zu haben, den alten Lederband mit der blassen, abgegriffenen Rokokoschnörkelvergoldung unter den Tisch der Witwe Bebenroth zu werfen, legte ihn jedoch nur um desto vorsichtiger, ja zärtlicher beiseite und sich seine Briefbogen zurecht.

»Diese hübsche, kluge Jüdin hat mir gleichfalls für einige Tage meinen Gleichmut wieder verschoben«, brummte er. »Alle Teufel, da wird der alte Mystiker an der Emsmündung einmal wieder kuriose Augen über seinen Kommilitonen und voreinstigen Hausburschen machen! Wodan und Thor mögen ihm den Appetit gesegnen! He, he, he; es muß in der Tat ein absonderliches Gefühl sein, wenn man aus Swedenborgs konstabilierter Erd-[334] und Himmelsharmonie plötzlich abgerufen wird, weil Hermode und Braga an der Tür stehen und Odins Gruß bringen: Genieße Einherierfrieden und trinke Met mit den Göttern! – Schöner Frieden! Urgemütliche Kneiperei! Prügele dich lustig weiter in Walhalla und bramarbasiere am Abend beim Bierkrug Ich danke gehorsamst!«

Er hatte bereits das Dintenfaß herangezogen und die Feder eingetaucht. Noch saß er einen Moment äußerst nachdenklich, und um so drolliger war der Effekt, als er beim Niederschreiben des Einganges seines Briefes mit sozusagen zärtlichem Grimme sich die Worte auch laut vorschrie: »Mein lieber Peter!«

Das übrige knüpfte sich dann ziemlich in einem Zuge daran; nur hatte er eine Flasche Bordeaux zu entpfropfen, dann und wann sein Glas zu füllen und dann und wann seine Pfeife von neuem in Brand zu setzen. Es gibt ärgere Störungen geistiger Tätigkeit und gemütlichen oder ungemütlichen schriftlichen Seelenergusses. Wie er sich aber dagegen wehren mochte: der bleiche Mondenschein auf den Gräbern, Kreuzen und Denksteinen des Bergdorfes vor seinem Fenster und das Glitzern der Fenster der Kirche drüben gab doch seinem Brief eine Färbung, die derselbe bei hellem, klarem Tageslicht und auch an einem Gebirgsregentage nicht bekommen haben würde. Freund Schwanewede, da um diese Stunde, wie der Justizrat glaubte, den Mond sich im Pilsumer Watt spiegeln sah und dem da vielleicht, über die Blätter der »Aurora« oder der »Morgenröte im Aufgang« weg, durch das weiße Licht ein weißes Segel nach fremden Landen vorüberglitt, verdarb sich aber den Magen nicht daran. Wir werden sehen, weshalb.


»Mein lieber Peter!

Nach zweijähriger Pause in unserm Schriftwechsel drängt es mich heute abend, die Korrespondenz durch diesen meinen Schreibebrief von neuem zu eröffnen und Dir vor allen Dingen mitzuteilen, daß ich mich noch am Leben befinde und das nämliche von Dir verhoffe. Seit wir uns in Göttingen kennenlernten und zusammen daselbst studierten, haben wir als Kastor und[335] Pollux, Orest und Pylades ein jeder den andern für den größten Narren auf Erden gehalten, und nur der Tod erst wird das freundschaftliche Verhältnis – meiner Schreibfaulheit zum Trotz – lösen. Wie oft – wie oft, während ich mich in der nichtswürdigen Praxis des Tages abängstete und abwütete, habe ich an eine Kröte gedacht, die seit einigen Jahrtausenden irgendwo in einem Steine eingeschlossen sitzt, wie oft habe ich mich an den alten Freund Peter Schwanewede in Pilsum erinnert, und wie ungemein hat mir beides Trost und Stärkung im Kummer verliehen und Nachlaß im Verdruß und Abnahme der Wut zuwege gebracht!

Peter, nicht wie ein alter Justizrat, sondern wie der jüngste der modernen Poeten, der seinen Velocipegasus zu einer Dichterfahrt gesattelt hat, sitze ich auf. Die buntesten Schwärme des Lebens wo möglich sollen sich über dieses Blatt drängen, und es kitzelt mich, wenn ich daran denke, daß ich Dich zwinge, ihnen mit flimmernden Augen nachzustieren. Wenn Du mir wieder schreibst, wirst Du Dir zwar einbilden, wie eine gotische Kirche auf einen Jahrmarkt voll Buden, Hanswürste, Bratwürste, Riesendamen und sonstiger Meßraritäten herunterzusehen, aber das tut nichts – das tut gar nichts! Solange Du mir nicht mit Deinem Heer steinerner Heiligen auf den Kopf fällst, gönne ich Dir das Vergnügen.

Peter, ich verkehre wieder einmal mit Querian, und – ich bin einem Menschen begegnet: einem Menschen weiblichen Geschlechts – einem Weibe, und zwar einen, jüdischen Weibe, welches ich im Affekt oder bei schlechter Laune, ohne Widerspruch zu erfahren, Frau Baronin anreden darf! – Nun wirst Du sicherlich fragen: Ist es denn überhaupt nötig, Menschen zu begegnen? Kann man sich nicht an die Oster-Ems setzen, von gekochtem Seegras und gebratenen Quallen leben und Bengels Auslegung der Apokalypse studieren? – Ich aber erwidere Dir, leider kann man das nicht, indem ich Dir mit Vergnügen zugebe, daß es eine Lust wäre, wenn das jeder könnte und wir da den Strand entlang einen stillvergnügten Haufen bildeten; – es erzittert da übrigens wieder einmal ein buntgefiederter Pfeil, den[336] ich vor dreißig Jahren schon auf Deinen Lebenswandkalender abgeschossen habe und der noch immer drin steckt und Dich an mehr als eine fidel-zänkische Disputiernacht erinnern wird. Schwanewede, ich schmeichle mir, so gelebt zu haben, daß 99 Prozent meiner Mitgeborenen nicht imstande sind, mein Leben zu übersehen. Ich glaube, sicher und fröhlich mit dem, was die Welt augenblicklich an Kulturelementen aufzuweisen hat, rechnen zu können; und auch ich habe mich damit abgegeben, Mücken zu seigen und die kleinsten und untergeordnetsten Tierarten zu Teufelsfratzen und Karikaturen zu magnifizieren. Aber ist das eine Kunst, aus einer Maulwurfsgrille durch ein Vergrößerungsglas ein Olimstier, ein vorsintflutlich Ungeheuer, und aus einer Raupe einen Leviathan zu machen? Ich glaube nicht; wohingegen, alter Peter, es wirklich eine Kunst ist, eine Nuß, die man knackte und hohl fand, wegzuwerfen und seine Meinung nicht darüber zu verhehlen; denn die Welt verlangt das Gegenteil und verlangt, daß man gut von ihren tauben Nüssen rede, sie für voll nehme und ihren Kern lobe.

O Du alter mystischer Nußknacker an der Nordsee, benutze meinen Brief jetzo noch nicht als Fidibus; ich werde sofort protokollarisch klar werden, Dich mit meiner Judenmadam Salome Veitor bekannt machen und nachher erst wieder von Querian reden.

Wie ein Mann, der zwischen seinen Haus- und Zimmerwänden, seinen Bücherbrettern und Aktenrepositorien sich wieder einmal den Maßstab, so der Mensch an sich selber legt, hatte fälschen lassen, ging ich vor drei Jahren in die Gerichtsferien, um mir meinen Standpunkt in und zu der Natur von neuem klarzumachen, und es gelang mir damals auf den Landstraßen des Thüringer Waldes. Ich war ein Riese geworden zwischen den Wänden meiner Schreibstube, und alle Garderobe der Gegenwart war mir den Winter über zu eng geworden. Es war die höchste Zeit, daß ich wieder einschrumpfelte und auf mein richtiges Maß zurückgedrückt wurde, und es geschah. Ewigkeit wurde mir wieder Zeit auf der Chaussee und ich selber wieder zu einem jovialen Touristen durch die Wälder, Höhen und Tiefen[337] der irdischen Vorkommnisse. Damals begegnete ich der Frau Salome zum erstenmal, und ich traf mit ihr zusammen, wie die Herrschaften im ›Don Quixote‹, im ›Tom Jones‹ und im 'Gil Blas von Santillana‹ zusammenkommen, nämlich im Wirtshaus – in der Schenke am Wege.

Du liesest keine Romane mehr oder bist doch überzeugt, keine mehr zu lesen, Peter Schwanewede; in dem einen wie in dem andern Falle spreche ich Dir mein Bedauern aus; wir alten Juristen lesen leidenschaftlich gern Romane, wenn wir es gleich häufig nicht gern gestehen wollen.

Und meine Bekanntschaft ist eine Roman-, das heißt Landstraßen- und Wirtshausschildbekanntschaft. My landlord oder el señor huésped mit der weißen Schürze und der Zipfelkappe, ›die größte Plaudertasche von ganz Asturien‹, steht unter seinem Schilde in der Tür und sieht nach seinen Gästen aus. Da steigen Staubwolken in der Ferne auf, Reiter auf englischen Stutzschwänzen oder katalonischen Langschwänzen sprengen heran, die Glocken der Maultiere klingeln, schwerfällige spanische Karossen ächzen langsam her, und ein schon in der Kneipe vorhandener Gast ist zu dem Herrn Wirt in die Pforte getreten und ist mit ihm gespannt auf die neue Kundschaft. Wer kommt? Ist es die Prinzessin Mikomikona? Ist es der Hauptmann aus der Berberei mit der schönen Zoraide? Ist es Miss Sophia Western mit Mrs. Honour oder gar der Pretender auf dem Marsche von Falkirk nach dem Feld bei Culloden? Ist es der Korregidor von Valladolid oder nur ein Trupp seiner nicht nur grausen, sondern auch groben Alguazils? Es können sehr Vornehme Leute, aber auch das nichtsnutzigste Bettler- und Vagabondenvolk, ja es können sogar auch Schaf- und Schweineherden sein, die da kommen. Diesmal ist's einfach eine zweispännige Landkutsche, und Staubwolken gibt's auch nicht; es regnet fürchterlich, und der Wirt schickt den Hausknecht mit einem alten Regenschirm an den Wagenschlag, um die aussteigende, das heißt vor der Sintflut sich rettende Dame trocken in sein Haus zu schaffen.

Lieber Peter, das Genie macht die Fußtapfen, und das nachfolgende Talent tritt in dieselben hinein, tritt sie aber schief: ich[338] kann so grob wie Du gegen die Leute sein, aber nie mit der originalen Wirkung wie Du. Dir dreht man einfach den Rücken zu mit mir fängt man, aller Bärbeißigkeit ohngeachtet, eine Unterhaltung an. Du sitzest in Pilsum fest, und ich beziehe alle Jahre ein Sommerquartier im Gebirge und Verkehre mit der Menschheit. Du besitzest die geniale Grobheit, die nur sich selbst ausspricht; ich als harmloses Talent werde stets einen großen Verkehr haben und an den Einsiedler an der Ems lange Briefe schreiben. Du zwingst ein halb Dutzend Menschen, von Dir zu reden; ich bringe alle Welt dazu, mit mir zu schwatzen.

Sagt die Dame: ›Dieses ist ein entsetzliches Reisewetter, mein Herr.‹ – Murre ich zutunlich: ›Himmeldonnerundhagel, sitze ich hier nicht seit anderthalb Tagen fest?‹ – Sagt die Dame höflich und lächelnd: ›Das sieht man Euch an, Señor; sowie auch, daß es nicht das erstemal ist, daß Euch das Wetter und Schicksal in die richtige Lebensstimmung hineinschüttelten.‹

›Hm‹, antworte ich, ›wie verstehen Euer Gnaden das, und was weiß Dero glatte Stirn davon?‹

›Hm‹, versetzt die schwarzhaarige Señora, ›ich komme heute zwar im Zweispänner; aber ich bin eine gute Reiterin, reite jedoch nicht schneller als die andern.‹

›Und die Sorge hält deshalb Schritt, Madam; – ich erlaube mir, mich vorzustellen: mein Name und Titel ist Justizrat Scholten aus Hannover.‹

Da hatten wir's; – die Bekanntschaft war gemacht und – dauert noch fort! – Die Señora gibt mir ihren Namen, Rang und Titel bekannt, und ich rücke zu am Tische, was Du in Pilsum nicht getan haben würdest. Der Wirt bringt den Kaffee, und die Frau Salome sagt: ›Ein jeder Mensch hat, meiner Erfahrung nach, seine eigenen Hausmittel, um die schlimmen Stunden zu überwinden; darf ich nach den Ihrigen fragen, mein Herr Justizrat Scholten aus Hannover?‹

Giftig schnurre ich: ›Was halten Euer Gnaden von dem gemütlichen Troste: achtzig Jahre wirst du unbedingt alt und begräbst ohne allen Zweifel alles, was dich heute ärgert?‹

Würdest Du dieses nun gesagt haben, so hätte man dem Kellner[339] gewinkt und sein Service auf einen entfernten Tisch haben stellen lassen; – an mich rückt man nur dichter heran und meint mit zärtlichem Behagen und einem Blick auf den Landregen vor den Fenstern: ›Mein bester Herr Justizrat, es ist mir höchst angenehm, Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben! Haben wir nicht vielleicht denselben Weg fernerhin? Dieses würde mich ebensosehr freuen.‹

Peter Schwanewede, wir haben so ziemlich von dieser Begegnung an den nämlichen Weg gehabt, ich und die Frau Salome Veitor, und wenn einem in seinem Bekanntenkreise durchgängig nichts schwerer gemacht wird, als seiner Natur zu folgen, so machen wir, die Frau Salome und ich, uns das so leicht als möglich. Nun haben wir heute zum erstenmal in dieser Saison einander wiedergetroffen, und zwar am alten Brocken. Die Frau hat noch immer nicht wieder gefreit (sie war bereits Witwe, als ich sie kennenlernte, und ich machte sofort den Versuch, sie nach Pilsum zu dirigieren, und schilderte ihr die Gegend sowie die dort hausenden Menschen, Dich, Peter, eingeschlossen, äußerst verlockend) und langweilt sich aufs sträflichste. Sehr dankbar nimmt sie es auf, wenn ein vernünftiger Mann sich mit ihr einläßt, einen Sommernachmittag mit ihr vertrödelt und ihren Weibergrillen und Phantasien irgendeine feste Direktion gibt. Die Frau hat entsetzlich viel Langeweile und ist – bei den unsterblichen Göttern sei es gesagt! – über der Welt Eitelkeit so erhaben wie je ein tüchtiger und verständiger Mann, und da habe ich sie denn heute mit nach meinem Dorfe genommen und sie mit Querians Kinde bekannt gemacht.

Seit dieser Dritte in unserem Lebensbunde eine Närrin fand, die sich bereitwillig zeigte, in ehelicher Verbindung mit ihm diesem armen Geschöpfe den Fluch Adams aufzuladen, hast Du ihn nicht zu Gesicht bekommen, unsern Freund Querian, wohl aber ich ziemlich häufig, und ein Vergnügen ist das nicht. Nun ist das Kind, die Eilike, dreizehn Jahre alt und der Alte toller denn je. Du kennst zwar meine Ansicht, daß es bei den Mädchen absolut nicht darauf ankommt, ob sie etwas gelernt haben oder nicht, sondern ob sie einen Mann kriegen oder ledig bleiben. Wissen[340] und Kunst und Schönheit tun da nichts zur Sache; wenn wo das Schicksal rücksichtslos und allmächtig sich zeigt, so ist das hier, und die Frauenzimmer ahnen das auch instinktiv und nehmen und geben sich mit zierlichster Brutalität selber als das Schicksal. Die Egoistinnen, die so viel ahnen, haben durchaus keine Ahnung davon, welch eine Sorge sie selbst einem alten Junggesellen wie ich durch ihr bloßes Vorhandensein machen können. Nun ist da die Eilike, das Kind eines andern Mannes – geht mich im Grunde nicht das geringste an und verursacht mir doch mehr schlaflose Nächte, als ich selbst mit meiner ziemlich kräftigen Körperkonstitution ertragen will. Ich sage Dir, eine verwahrlostere und hülflosere Kreatur als diese Eilike Querian gibt es auf Erden nicht, und Querian selber treibt es ärger denn je. Und seine Verrücktheit ist ansteckend! Wie wir vor dreißig Jahren schon uns mit Macht dagegen zu wehren hatten, daß wir nicht mit in seine Tollheitsstrudel hineingerissen wurden, so habe ich mich manchmal heute noch dagegen zu stemmen. Das Bergvolk aber am hiesigen Ort hält ihn für den Mann mit den Schlüsseln zu allen Gängen und Pforten der Unterwelt. Es ist mir nicht unerklärlich, woher er die Mittel, sein Leben und verrücktes Treiben so fortzuführen, nimmt; aber ein Elend und Verdruß ist es.

Durch die Dorfschule ist das Kind des Narren zwar gelaufen; aber selbst der Schulmeister, mein guter Freund und Nachbar, ist sich nicht klar, ob es ihm gelungen ist, ihm das Lesen und Schreiben beizubringen. Dazu hungert das Geschöpf und schläft auf Stroh, und der Alte läßt es nackt Modell stehen. Seine Wege gehen nicht durch die Haustür, sondern durch das Fenster, über das Schindeldach an einem Baumast hinunter; und so ist es auch heute gekommen, und so hat es meine Freundin, die Frau Salome, kennengelernt. Nun frage ich Dich, Peter Schwanewede (und das ist der bittere innerste Kern dieses vielschmackigen Briefes!), soll und darf ich unsern Freund und Jugendgenossen Karl Ernst Querian ins Irrenhaus stecken lassen oder nicht? – – Reif dazu scheint er mir zu sein, und es ist nur die Frage, ob gerade wir beide dazu berufen sind, ein endgültiges Urteil über[341] diese seine Reife abzugeben. Du weißt nur zu gut, Peter, wie wir drei von jeher ein jeglicher über den andern dachten. Du weißt, wie häufig unser Freund uns seine Meinung über uns in dieser Richtung nicht vorenthalten hat. Du weißt, wie oft er selber uns für ganz verrückte Narren erklärte, und – Schwanewede – ich, der ich doch ein Geschäftsmann bin, in des Lebens Praktiken und Kniffen ziemlich Bescheid weiß und mir selten ein X für ein U machen lasse oder, was noch mehr für meinen gesunden Verstand spricht, es mir selber mache ich fasse die heikle Frage, je älter ich werde, mit desto spitzeren Fingern an. Peter von Pilsum, ich habe noch nie in meinem Leben vor einer größeren Verantwortlichkeit gezögert!

Meine kluge, klare hebräische Freundin, die unsern vortrefflichen Querian bis jetzt noch nicht persönlich kennengelernt hat, sondern nur seine Erziehungsresultate an seinem Kinde, hat mir den Vorschlag getan, ihn nach Rom zu spedieren, und es ist nur schade, daß sie diesen Vorschlag uns und ihm nicht vor dreißig Jahren machte.

Sie will das Kind zu sich nehmen und ihm eine menschenwürdige Existenz schaffen. Beim Blute der Götter, ich habe sie eben auf den Weg nach Hause gebracht und ihr gesagt, daß ich mich auf nichts einlassen könne, ehe ich nicht an Dich geschrieben und Deine Ansicht gehört habe. Sehr freundlich wäre es von Dir, steht aber wohl nicht zu erwarten, daß Du auf vierzehn Tage den Bengel, den Böhme und den Swedenborg zuklappst, die Eisenbahn zu erreichen suchest, hierherkommst und Dich auf einen Tag mit unserem in Frage stehenden Freunde und Patienten zusammensperrst?!

Es ist meine Pflicht gegen Querian, Dir auch dieses in Überlegung und unter die Füße zu geben.

Zu einem Entschluß müssen wir kommen!

Dein Freund Scholten.«


Dem Justizrat war über diesem Schreiben mehrmals die Pfeife ausgegangen. Jetzt stand er auf, ging zum Fenster und blickte eine ziemliche Weile auf den mondbeschienenen Kirchhof hin.[342]

»So gehen die Gespenster um«, murmelte er. »Und dann spricht man noch Von klaren Köpfen und tut sich was zugute auf seine fünf gesunden Sinne!«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 5, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 333-343.
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