Neuntes Kapitel

[343] Mit einer schlängleingleichen Behendigkeit war die Eilike in ihr Dachfenster geglitten; man vernahm kaum ein Geräusch ihrer Bewegungen, und selbst dann kaum, als sie Von dem Fenster auf den Fußboden ihrer Kammer sprang. Der Mondschein glitt ihr fast nicht geräuschloser nach.

Das Mädchen hatte sonst den Schlaf der Tiere, die, wenn sie satt und nicht auf der Jagd sind, auch sonst nicht gehindert werden, sich zusammenrollen und die Augen zudrücken. Damit war's in dieser Nacht nichts.

Auf ihrer Bettstatt sitzend, löste Eilike mechanisch ihre Haare, um sie dann fester und zierlicher von neuem zu flechten, und sah sehr ernst und nachdenklich in den immer mehr den Raum mit seinem Lichte füllenden Mond. Aus ihrem Schlummer in der Stube des Paten und Justizrats Scholten erwachend, hatte Eilike Querian die Frau Salome gegenüber am Tisch Vor sich gesehen, und das Bild der schönen jüdischen Baronin war's, was sie munter hielt auf ihrem Strohsack.

Wir haben erzählt, wie das junge Mädchen damals jach sich aufrecht setzte, die blonden Haare zurückstrich und die schöne Dame anstarrte; – damals hatte sich inmitten ihrer verwahrlosten Seele auch etwas mit einem heftigen Sprunge aufgerichtet, und das stand noch aufrecht und starrte nun aus sehnsüchtig funkelnden Augen in eine neue Welt. Nicht eine Bewegung, nicht ein Wort der eleganten Dame war verlorengegangen, und wenn die Tochter Querians den Sinn der Worte nicht begriff, so war es doch schon allein der Ton, der Klang der Stimme, der sie im Tiefsten aufregte und jeder Fiber ihres Wesens ein Mit- und Nachklingen abzwang.[343]

»So möchtest du aussehen! So möchtest du sprechen!« In diesen beiden Ausrufen zog sich gierig das bekümmerte Herz Eilikes zusammen, und als nun der alte Pate Scholten polternd nach seinem halben gebratenen Huhn und seinem Topf mit den Zuckerpflaumen fragte, als dann die Frau Bebenroth loszeterte und in der Stube herumfuhr, und sie – die arme Eilike – von ihrem Mittagsessen Bescheid zu geben hatte, da schämte sie sich vor der fremden Dame wie noch nie in ihrem Leben vor einem Menschen. Und weil sie sich so sehr schämte – grade weil sie sich so sehr schämte, zeigte sie den Bauerngroschen in ihrer magern Hand und erzählte der schönen, schwarzen fremden Dame (nicht dem Paten Justizrat!), daß der Vater sie abgebildet habe – nackt abgebildet habe; und dann hatte sie sich zusammengenommen, um sich nichts merken zu lassen – sie hatte die Zähne gezeigt und gelacht und hätte es gern gehabt, wenn die fremde Frau laut, ganz laut gerufen hätte:

»Oh, sie ist blödsinnig!«

Das war nicht das erste Wort gewesen, welches sie von der Frau Salome vernommen hatte, als sie aufgewacht war, aber der Pate Scholten hatte gesagt, daß die schöne Dame das schlimme Wort in ihrer Seele gesprochen habe. Und da ging ein armer Mensch im Dorfe umher, von dem wußte sie, daß er blödsinnig sei. In der ganzen durch ihre unglücklichen Zustände verschütteten Reinlichkeit, Klarheit und Zierlichkeit des Weibes schauderte sie vor ihrem Dasein; es blieb ihr nichts übrig, als dumm zu lachen und die Zähne zu zeigen! Jetzt auf ihrem Bette ihre Haare flechtend und in den Strahl des Mondes, der durch ihr Fenster kam, sehend, wiederholte sie:

»Sie ist blödsinnig!«, und leiser, mit heißerem Atem sagte sie: »Und der Herr Pate sagt auch, mein Vater sei ein Narr!«

Der Mond stieg an der Wand dem Bette gegenüber hinauf und traf den griechischen Frauenkopf; – schön-ruhig sah das hellenische Gesicht gradaus, und Eilike Querian faltete die Hände auf ihrem rechten Knie und rief, ihre Tränen niederschluckend:

»Nein, du bist doch nicht meine Mutter. Meine Mutter ist erst[344] seit zwölf Jahren tot, du aber bist schon vor tausend Jahren gestorben. Ich bin blödsinnig, und du bist das fremde Bild, das mein Vater im Sinne hat und nicht finden kann, und mein Vater ist ein Narr. Wer kann uns aus unserer Not helfen? Niemand als der liebe Gott, wenn er uns einen guten Tod schickt.«

Es war eine schöne Sommernacht, kein Lüftchen regte sich, der Mond ging an dem wolkenlosen Himmelsgewölbe hin, und die Berge und Wälder lagen im tiefen Frieden. Von der Hitze und dem Frost, von dem Hundstagsfeuer, von dem Knirschen des Schnees und dem Krachen des Eises schien die Natur nichts zu wissen. Es war nur eine linde Kühle. Das Kind schlang seine Zöpfe um die Stirn; es machte noch immer nicht Miene, sich zu entkleiden. Es hatte nur den einen Schuh vom Fuße fallen lassen, und jetzt zog es auch den wieder an. Es sprang wieder empor von seiner Bettstatt und schwang sich in die Fensterbank; da saß es still eine Weile. Nun riß es ein Blatt von dem Baumast, den ihm der Wald gleich einem hülfreichen Arm hinzuhalten schien, und drückte dieses kühle, taufeuchte Blatt an die heiße Stirn. Dann kniete es von neuem auf dem Schindeldache, doch es glitt diesmal nicht hinab. Die buschbewachsene Hügelwand, welche die Hütte Querians im Rücken deckte, sperrte jede weitere Aussicht ab.

Unten im Hause schnarrte und schnurrte etwas. Ob es eine Feile oder das Rad einer Drehbank war – einerlei; es bedeutete jedenfalls, daß der närrische Vater sich auch noch wach und zu einem seiner närrischen Werke halte oder vielleicht auch wohl ein Gerät zu einer neuen Arbeit schärfe. Eilike legte den Finger auf den Mund und horchte auf den Ton; sie hatte Angst, daß sie gerufen werde aus der Werkstatt, und schon stand sie schlank und leicht auf dem Dache. Behende wie eine Katze, geschmeidig wie eine Schlange glitt sie aufwärts bis zum First da stand sie im weißen Lichte und sah tiefatmend sich um.

Ein leichter Rauch, manchmal gerötet von der Flamme des Herdes drunten, stieg aus dem Schornstein kerzengrade und verlor sich in dem klaren Äther. Eilike Querian stützte sich mit der einen Hand auf den Rand des Schornsteins, mit der[345] andern wischte sie die letzte Träne vom Auge und sah in die Ferne.

Von drei Seiten her begrenzten über der Talmunde, in welcher die Hütte ihres Vaters lag, die hohen Berge und die dunkeln Wälder die Aussicht; doch nach der vierten Seite öffnete sich das Tal auf die Hochebene und das weit darüberhin verzettelte Dorf und über die Gassen des Dorfes weg, zwischen den Gärten und Baumwipfeln durch, auf die im lichten Mondnebel flimmernde Norddeutsche Tiefebene. Seltsam und verlockend – verstreute Lichter im blauen Glanz! – blitzte und funkelte es aus der Ferne. Was Jakob Böhme sah und fühlte und wovon er zu schreiben versuchte, hier war's und konzentrierte sich in dem Herzen des unverständigen, verwahrlosten Geschöpfes, der Eilike Querian: das ewige Kontrariurn zwischen Finsternis und Licht – die »Quall« im Universo! Was vielleicht Peter Schwanewede zu Pilsum am Pilsumer Watt in dieser Mondscheinnacht aus den Büchern des mystischen Philosophen mit ächzenden Hebebäumen und knarrenden Ketten des Geistes aufzuwinden trachtete: hier lag es auf den Lippen des Kindes, unter den Zähnen, die diese Lippen blutig preßten!

Das Auge Eilikes schwebte über den ganzen sichtbaren Ausschnitt der nächtlichen Weltenschöne von der Talwand zur Linken bis zum Hochgebirge auf der Rechten und wieder zurück; es trennte das Licht von der Nacht. Dann schloß es sich eine Weile, und als es sich wieder öffnete, suchte es zur Rechten am fernen Tannenwalde. Da lief jenseits der grauen Dächer des Dorfes den Berg entlang ein weißer, schimmernder Strich, der um eine Ecke bog und noch weiter weg an einer andern Berglehne wieder auftauchte, um dann bald ganz in dem Walde zu verschwinden. Das war die Straße, auf der die Frau Salome nach ihrem Besuche beim Justizrat Scholten nach Hause geritten war.

Aus der Qual des Alls rettete das hülflose Menschenkind, nach seiner Art von Adam an, sich eben auf den nächsten Weg, der aus der Unzulänglichkeit und Verwirrung der irdischen Zustände herauszuführen schien.[346]

»Die Welt ist so weit, so weit«, sagte Eilike Querian, und sie sagte es ganz laut. »Die Wege sind so lang, so lang, und in den Wäldern geht man in die Irre. Es sind auch viel zu Viele Menschen in der Welt – keiner kennt den andern, und wenn einer den andern kennt und fern Von ihm wohnt, weiß er nicht einmal, ob er noch lebt. – Und die einander nahe wohnen, die fürchten einander und tun sich allen möglichen Schabernack und Possen an. Die Leute im Dorfe, was die Bergleute sind und was die Ackerleute sind, und ihre Frauen und Kinder zu Hause quälen sich schlimm mit ihrer Arbeit und sind niemals zufrieden; aber am schlimmsten quält sich mein Vater, und der ist am wenigsten zufrieden. Der Herr Pate Scholten tut auch nur so, als ob er Vergnügt sei, wenn er hier im Dorfe wohnt und spazierengeht in die Berge und sich einen guten Tag macht. Bei der Witwe Bebenroth möchte ich nicht wohnen! Oh, der Pate ärgert sich genug und schimpft genug, und sein Französisch hilft ihm auch nicht viel. Er hat mit seinem lustigen französischen Buche nach dem tauben August geworfen, weil er meinte, daß der ihm den Sack voll Ameisen ins Bett geschüttet habe. Ich wollte nur, der Arme könnte genug sehen, hören und sprechen zu solchem Streich, und dem Herrn Paten hat's auch sehr leid getan, und er hat ihm einen blanken Taler geschenkt, nachdem ihm die Frau Bebenroth das Blut abgewaschen hatte. Er ist meines Vaters bester Freund, der Herr Pate, und es tut ihm auch leid, wenn er sagt, er sei ein Narr. Von mir sagte die schöne vornehme Dame, die heute hier war, in ihren Gedanken, ich sei blödsinnig – oh – und so, so hat mich noch kein Mensch angesehen wie die schöne Dame. Auch mein Vater tat ihr leid: oh, wenn sie nicht so übel dran wäre wie wir alle hier?! Wenn sie alles kann, was sie will?!« – –

Da machte sich das Elend von neuem in einem Tränenstrom Luft. Ein großer Nachtraubvogel flatterte schwarz aus dem Walde hinter dem Hause Querians auf, erhob sich schwerfällig in die Luft und stand flügelschlagend einen Moment über der Feueresse und dem Haupte Eilikes. Dann zog er langsam durch den weißen Glanz des nächtlichen Friedens, und Eilike Querian[347] sah ihm erschreckt durch ihre Tränen nach, bis er plötzlich über dem Dorfe jach herabfiel und verschwand.

Beinahe hätte sich ein Schrei um Hülfe dem jungen Mädchen entrungen, atemlos horchte es, ob sich nicht ein Todeskreischen vernehmen lasse; aber es blieb still.

»Oh, der Verderber!« flüsterte die Tochter Querians, und in diesem Augenblick wälzte sich ein dichterer, schwärzerer Qualm vom Herde des Vaters durch die Esse, an der sie lehnte, und ein röterer Glutschein beleuchtete die aufwärts rollenden Wirbel des Rauches. Der Vater mußte das Feuer, das ihm bei seinen närrischen Werken half, zu neuem Aufflammen angeschürt haben. Es krachte und prasselte drunten wie von trockenen harzigen Fichtenzweigen und Tannenzapfen. Vor dem erstickend sich verbreitenden Gewölke glitt Eilike Querian wieder hinab von ihrem wunderlichen nächtlichen Lugaus zu ihrem Fenster hin. Noch zögerte sie eine Minute; dann setzte sie den Fuß auf den schwankenden Ast. Er zerbrach auch diesmal nicht unter der leichten Last, und geschmeidig erreichte sie, an dem alten treuen Stamm hinunter, den festen Boden der Erde. Noch einmal sah und horchte sie nach dem Hause hin; schwere Hammerschläge erschallten jetzt aus der Werkstatt des Vaters, scheu rückwärts schreitend, auf den Fußspitzen, zog sich Eilike aus dem Mondenschein in das Dunkel unter den Bäumen zurück. Dann wendete sie sich rasch, das Gebüsch an der Tallehne rauschte, wie sie sich durchwand. Sie war verschwunden hier, und niemand begegnete ihr auf jenem fernen lichten Streif an den Bergen, der Landstraße, die auf der letzten Höhe im Hochwalde sich dem Auge des Dorfes verlor.

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 5, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 343-348.
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