Fünftes Kapitel

[314] Wie unter eines schweren Schlafes Macht lag trotz der Tageshelle das Dorf da. Was die drei anging, so war der Esel der gleichmütigste unter ihnen; aber auch er hatte sich mit seinem Verdruß abzufinden. Es wuchsen ausgezeichnete Disteln farbenprächtig zwischen dem Gestein bis in den Weg; man wußte ihren Zuckergehalt wohl zu taxieren, aber der zweibeinige Narr mit dem dicken Prügel und dem ewigen widerlichen, unverständlichen Menschengeschnatter zog nicht am Zügel, sondern er riß an ihm, und die dumm-unverschämte Kreatur, die man den lieben langen Tag auf dem Rücken gehabt hatte, hätte einem freilich durch ihren Anblick den Genuß an der vollsten Krippe verleiden können.

»Was ist Talent für Lebensbehagen?« murmelte in dem Augenblick der Justizrat Scholten. »Nichts als die Gabe, aus dem Qualm etwas zu machen, der von dem Feuer der Leidenschaften in der Luft wirbelt!«

Die Frau Salome aber sah mit ihren orientalischen Augen auf das stumme Dorf.

Kein Kindergeschrei – kein Gänsegeschnatter – kein fröhliches[314] Singen der Feldarbeiter! Viel Gebüsch doch wenige Obstbäume um die Schindelhäuser. Eine graue Steinkirche abseits auf einem Hügel zwischen den Gräbern des Dorfes; das hohe Gebirge seitwärts über den Wäldern, und nach der andern Richtung hin, über die Dächer, das Gebüsch und die mageren Felder hinaus, die ferne blaue Ebene!

»Es ist ein einsilbiges Volk, das hier haust«, sagte Scholten. »Zum größten Teil befindet es sich gegenwärtig sogar unter der Erde; drei Viertel der männlichen Bevölkerung treiben Bergbau, und das letzte Viertel mit den Weibern befindet sich im Walde oder auf den Äckern. Sie haben kurz anzubeißen, das sehen Sie schon den Kindergesichtern an. Manchmal passieren da Geschichten, die das Gepräge eines ganz andern Säkulums tragen. Sie stoßen auf Worte, Ausdrücke, Ansichten, die ganz sonderbar nach der Wüstenei des siebzehnten Jahrhunderts riechen, kurz, einen idyllischern Sommeraufenthalt für einen Juristen werden Sie sich schwerlich vorstellen können, liebe Baronin. Außerdem habe ich aber natürlich auch das Vergnügen, der einzige Gast der guten Leute zu sein – ein nicht zu unterschätzender Vorzug Sagten Sie etwas?«

»Nein. Aber es wäre mir lieb, wenn wir nun bald Palämons Hüttchen und Strohdach zu Gesicht bekämen. Sie schildern so verlockend, daß man fast Lust hat, jetzt – zwanzig Schritte vor dem riegellosen Pförtchen – umzudrehen und im Galopp seinen Hals in Sicherheit zu bringen.«

»Nun, nun, das Nest liegt trotz allem mit allem übrigen rundum im neunzehnten Jahrhundert. Vorwärts, Signor Mulo!«

Sie kreuzten einen hastigen Bach und gelangten nun zwischen die Zäune und Häuser. Da fuhren wohl einige ob der Reiterin verwunderte Gesichter an die Fenster, drei oder vier eilige Frauen liefen gaffend in die Haustüren, und die Kinder rannten in den Weg und scheu zurück; aber das Dorf behielt dessenungeachtet den Ausdruck des Abgestorbenseins. Nur ein Mann begegnete dem Justizrat und der Frau Salome und grüßte den Alten ziemlich höflich.

Hügelauf und hügelab zogen sich die Dorfgassen, wenn man[315] die Wege zwischen den regellos verstreuten Wohnungen so nennen wollte; und der Kirche zu, gegen die Berge hin, zwischen Gebüsch versteckt lag die Behausung Scholtens, so nahe der Kirche, daß der kuriose Rechtsgelehrte in windstillen Nächten wahrscheinlich das Geräusch der Unruhe im Turm vernehmen konnte.

Vor einer Lücke in der lebendigen Hecke, die eine Tür vorstellen konnte, ließ der Justizrat den Zügel des Esels frei und zog die Mütze ab, indem er sich verneigte wie ein Seneschall oder Kastellan auf dem Theater oder aus einer zierlich-höflicheren Zeit.

»Euer Gnaden sind angelangt«, sprach er und war seiner Begleiterin beim Absteigen in einer Weise behülflich, die klar darlegte, daß er nicht zum erstenmal einer Dame vom Roß oder Esel half.

»Unsere Gnaden danken Euch freundlichst«, sagte die Baronin lächelnd. »Die knienden Pagen, den Salut vom Donjon, den üblichen Bewillkommnungsscherz des buckligen Burgzwergs erlassen wir unserm edlen Gastfreund. Sie hausen in der Tat recht heimlich, lieber Scholten.«

»Und Sie haben wie gewöhnlich das richtige Wort für die Sache gefunden, liebe Frau Salome. Nie oder selten hat ein alter, abgefeimter juristischer Fuchs sich so heimlich ins Grüne verzogen wie ich hier. Sehen Sie da, zur Linken und Rechten die Küsterei und Pfarrei. Da habe ich meine zwei lieben Dorffreunde dicht zur Hand. Und der Schatten des Kirchendachs fällt auf mein Dach, wenn die Sonne danach steht; aber das Gemütlichste ist doch der stille Dorffriedhof, auf welchem ich stets, der geschützten Lage wegen, meine Morgenpfeife rauche. Wenn die Witterung es irgend erlaubt, wandle ich in Schlafrock und Pantoffeln unter den Gräbern, Blumen, Kränzen und Kreuzen als ein Poet und Philosoph und notiere nichts – als eben die Witterung in meinem Terminkalender –«

»Und bringe es doch nicht dahin, von der närrischen Judenmadam Salome Veitor für den Verzwicktesten der Sterblichen gehalten zu werden. Wir haben unter uns Charaktere, denen Sie[316] längst nicht das Wasser reichen, bester Justizrat. Geben Sie sich also weiter keine Mühe.«

»Wo lassen wir nun den Asinus?« fragte Scholten, mit dem Zügel des Tieres in der Hand sich umschauend, und die Baronin lachte darauf so herzlich, daß der Alte beinahe nunmehr zum erstenmal an diesem Tage die Fassung und Haltung verloren hätte.

»Zum Kuckuck!« brummte er und fand zu seinem Glück einen Ast, um welchen er den Riemen schlang. »Tretet ein. Gnädige«, sagte er, »und nehmt die Gewißheit mit über die Schwelle, daß Ihr willkommen seid. Hätte ich viele Euresgleichen unter euch und uns gefunden, so – würde ich mich wahrscheinlich nicht mit meinen Besuchen bei Ihnen begnügt haben, liebe Freundin.«

Die schöne Frau verneigte sich, den Saum ihrer Kleider zusammenfassend, und trat über den Steintritt. In demselben Moment erschien ein altes, verwittertes Harzweib auf der Schwelle des Hauses, und der Justizrat stellte vor:

»Meine Hauswirtin, Witwe Bebenroth, vor fünfzig Jahren ein recht niedliches Kind, um das mehr denn ein Jüngling mit blutigem Kopf nach Hause kam; jetzt eine ganz brave Frau, die nur dann und wann ihr Mundwerk ein wenig im Zaum zu halten hat.«

»O Herr Justizrat!« rief die Alte.

»Nun, nun, Frau Baronin; wir wollen mit niemand zu strenge ins Gericht gehen. Sie hatte es für ihren Charakter vielleicht zu bequem mit dem Friedhof da vor ihrer Tür. Zwei Männer hat sie zu Tode geärgert, und zwar nur, weil sie sie nur über den Zaun zu schieben brauchte, um das Haus rein und ruhig zu machen.«

»O du gütiger Himmel, nun höre ihn wieder einer!« kreischte die Alte. »Ach Madam, konnte ich denn für die Ruhr bei meinem Zweiten? Und konnte ich dafür, daß mein Letzter sich im Steinbruch nicht mit der Sprengpatrone in acht nahm?! O Madam, glauben Sie nur niemalen, was der Herr Justizrat so hinsagen; auf dreimal machen sie zweimal ihren Spaß mit einem. Was meinen Ersten angeht, so hat mich der von Anfang an so schlimm[317] traktiert, daß es kein Wunder gewesen ist, wenn ich mich gegen ihn gewehrt habe, wie ich konnte.«

»Herrgott, von dem Ersten hab ich ja noch gar nichts gewußt!« rief Scholten verblüfft. »Also sind es gar drei gewesen? Und jetzt komme ich schon sechs Sommer hintereinander hier in die Einöde und gehe jeden Morgen da im Dorfarchive spazieren, und sie hat es doch möglich gemacht, mir einen – ihren Ersten gar – zu verheimlichen. O Witwe Bebenroth, o Weiber, Weiber, Weiber!«

»Der Meister Kasties kann ihn selber nicht mehr finden«, sagte die Alte kleinlaut beschönigend, und mit zum Himmel gerichteten Augen wendete sich der Justizrat an die Frau Salome und ächzte:

»Nun bitt ich Sie; dieser Meister Kasties ist der Archivar des Ortes, das heißt der Totengräber, und gut seine achtzig Jahre alt. Er ist mein guter Freund und behauptet, jedes Regal und Fach in seinem Repositorio genau zu kennen nach Datum und Inhalt. Das nennt man nun Historie; und so geht man mit den wichtigsten Dokumenten der Erde um!«

»Ich ginge in Ihrer Stelle jetzt in Ihre Stube, Herr Justizrat«, sagte die Alte verdrossen. »Das Kind ist eingeschlafen, und wenn es mir nicht gesagt hätte, daß es auf Sie warten müsse und daß Sie es eingeladen hätten, so würde ich ihm wohl eine andere Schlafstelle angewiesen haben.«

»Auf Eure Gefahr!« rief Scholten. »Kommen Sie, Baronin. Sie ziehen mir auch eine verzwickte Miene. Ist Ihnen die Witwe zu schwer auf die Seele gefallen?«

Die Frau Salome schüttelte sich ein wenig, folgte dann der einladenden Handbewegung und trat über die Schwelle der Stube des Justizrats. Der Kuckuck der Uhr im Winkel rief grade in diesem Augenblick sechsmal.

Es war eine gewöhnliche Bauernstube, jedoch kahler und geräteleerer, als man sie sonst zu finden pflegt. Der jetzige Bewohner hatte für seinen Aufenthalt alles, was ihm im Wege stand, und dessen war nicht wenig, hinausschaffen lassen. Nur die Uhr, der lange, massive Tisch, die in der Wand befestigte Bank, der Ofen und einige dreibeinige Holzstühle mit herzförmigen[318] Aussägungen in den Rücklehnen hatten Gnade vor seinen Augen gefunden. Ebenso ein Wandschrank und am Fenster eines jener bekannten untrüglichen Wetterhäuschen, aus dessen Tür bei angenehmer Witterung der Mann, bei Regen aber die Frau tritt und in welchem eine Darmsaite das bewegende Prinzip spielt. Eine alte – die erste Genfer Ausgabe der Pièces fugitives von M. de Voltaire lag in der einen Fensterbank, ein bleiernes Dintenfaß mit einem Gänsefederstumpf stand in der andern. In einer Ecke stand ein halb Dutzend langer Pfeifen und ein Reserveknotenstock. An einem Nagel hinter der Tür hing die Garderobe des Justizrats Scholten, und eine zweite Tür führte in eine Kammer, in welche einen Blick zu werfen wir uns nicht erlauben werden. Wir haben noch ein anderes zu betrachten, was auch die Baronin Salome rasch und nicht ohne Interesse ins Auge faßte und auf welches uns die Witwe Bebenroth bereits aufmerksam gemacht hat.

Auf der Bank hinter dem Tische saß oder lag vielmehr ein junges Mädchen, dem Anschein nach ein Kind von zwölf Jahren, und schlief. Von dem Gesichte sah man nichts; die Kleine hatte es auf die Arme gelegt und schlief mit der Nase auf dem Tische. Das Haar aber, dessen eine Flechte sich gelöst hatte, überströmte in merkwürdigster gelbweißer Fülle die Arme und den Tisch, und dieser Besuch schien sehr müde zu sein und lange nicht geschlafen zu haben: der Eintritt des Justizrats mit seiner schönen Freundin erweckte ihn nicht.

»Ich würde Ihnen die Bank anbieten, Gnädige«, sagte der augenblickliche Herr der vier Wände, »aber Sie sehen, es läßt sich nicht tun. Nehmen Sie Platz, ich freue mich sehr, Sie endlich einmal hier zu haben.«

Er schob der Baronin einen der dreibeinigen Stühle mit einem Herzen in der Lehne hin und holte sich gleichfalls einen. Doch ehe er sich setzte, ging er zu dem offenen Wandschrank, holte ein weißes Brot nebst einer mit Salz gefüllten Glasschale sowie ein Messer auf einem irdenen Teller mit dem Spruche: Und sie aßen alle und wurden satt. Ev. Matthäi 14, 20. – Damit kam er vergnügt zurück an den Tisch und meinte:[319]

»Es ist eine Gefälligkeit von Euch, Gastfreundin, aber Ihr tut mir wirklich einen Gefallen, wenn Ihr jetzo zum erstenmal Salz und Brot unter meinem Dache eßt.«


»Und einen Trunk der frischen Welle,

Der nie das Blut geschwinder treibt,


Gastfreund«, bat die jüdische Edelfrau, worauf Justizrat Scholten seine Witwe Bebenroth mit einem Kruge zum Brunnen schickte und brummte:

»Mit der Reservatio, daß Sie mir damit nicht kommen, wenn ich Ihnen meinen Gegenbesuch abstatte.«

Die Schläferin am Tische regte sich während dieses Zwiegespräches, doch sie erwachte nicht, sie legte ihren Kopf nur ein wenig bequemer zwischen ihre Arme.

»Wen haben Sie denn da, Scholten?« fragte die Baronin.

»Welch ein merkwürdiges Haar die Kleine hat!«

»Die Sonne Judäas hat freilich nichts mit diesem Flachsfelde zu schaffen. 's ist die Tochter Querians, den Sie auch nicht kennen, Frau Salome. Ihren Taufnamen habe ich ihr aus der Tiefe meiner germanistischen Geschichtsstudien aufgefischt und an gehängt. Eilike heißt das Kind – Eilike Querian. Ein ganz vortrefflicher Name, Eilike, den ich aber dem Pastor vor dem Taufakt in den Büchern altsächsischer Chronik und Legende aufzuschlagen hatte, ehe ich ihm denselben mundgerecht machte.«

»Und wer ist Querian?«

»Hm«, antwortete der Justizrat, »das mögen Sie sich von seiner Tochter erzählen lassen. Vierzehn Jahre ist's her, seit ich sie in der Marktkirche zu Hannover aus der Taufe hob und sie auf den Markt des Lebens brachte. Sie ist ein recht gescheites Ding in den Jahren geworden und weiß ziemlich genau Bescheid in den Umständen ihres Papas.«

»Und Querian wohnt hier im Dorfe?«

»So ist es. Und er wohnt hier nicht bloß als ein flüchtig vor überziehender Sommergast. Er hat sich ansässig hier gemacht, oh, er sitzt hier sehr fest. Nun, wenn Sie Glück haben, werden Sie ja auch wohl seine persönliche Bekanntschaft machen; ich[320] erlaube mir jedoch, Sie von vornherein darauf aufmerksam zu machen, daß der Verkehr mit ihm einige Behutsamkeit erfordert.«

»Meine Neugier –«

»Nach dem Wörterbuch ein heftiges Verlangen, etwas Unbekanntes kennenzulernen oder zu erfahren, das aber, wie ich dann und wann erfahren habe, nach seiner Befriedigung in sein Gegenteil umschlägt. Eilike!«

Er hatte bei dem letzten Worte seinem schlafenden Gaste die Hand auf die Schulter gelegt, und die Kleine erwachte. Sie fuhr aber nicht rasch und erschreckt in die Höhe, sondern sie richtete sich langsam und träge empor und strich gähnend mit beiden Händen die Haare zurück. Da ihr die Frau Salome gerade gegenüber saß, sah sie auch auf die schöne Baronin. Sie stierte sie an aus hellen, blauen Augen, und es war etwas in dem Blicke, was die Frau Salome zu dem stummen Ausrufe bewog:

»Mein Gott, das arme Geschöpf ist blödsinnig!«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 5, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 314-321.
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