Viertes Kapitel

[309] Daß der Justizrat die Gegend genau kannte, wurde bald recht deutlich. Er führte, und der Esel folgte.

Ihr Weg ging nun eine kurze Strecke auf der Landstraße hin; dann schlug der Alte einen Nebenpfad über die baumlose, mit Felsentrümmern übersäte Lehne ein und benutzte einen Waldarbeitersteig, der sie in den dunkeln Tannenwald niederführte. Nun benutzten sie einen durch den Sommer ausgetrockneten Bergbach als Weg und gelangten erst nach längeren Mühseligkeiten und Beschwerden in eine Schneise, die es dem Justizrat erlaubte, neben dem Maultier und dem Knie der Frau Salome einherzugehen. Sobald ihm das möglich geworden war, geriet er mit der Dame in ein Gespräch, das selbstverständlich seinen Anfang aus der landschaftlichen Umgebung entnahm.

»Jetzt treibe ich mich nun schon wieder an die sechs Wochen in diesen Bergen umher«, sagte die Baronin.

»Und zwar mit dem Gefühl, durchaus nicht dahinein zu gehören«, meinte Scholten.

»Da das über unsere Willkür hinausliegt, halte ich mich nicht für verpflichtet, Ihnen eine Antwort zu suchen. Sonst aber stehe ich mich durchschnittlich recht gut mit den Höhen und Tiefen, den Bäumen und Wassern und allen lebendigen Geschöpfen, Sie eingeschlossen, Scholten.«

»Das soll nun keine Antwort sein?« brummte Scholten und fügte erst nach einer geraumen Pause hinzu: »Also Euer Gnaden[309] haben sich den Stimmungen Ihrer Umgebung wieder nach Möglichkeit angepaßt?«

»Das ist der rechte Ausdruck! Wir passen uns den Stimmungen dessen, was uns umgibt, an, und ein Geschäft ist es – ein Tun, eine Arbeit, während welcher wir uns mehr Melancholie als Behagen aus Sturmwind und Stille, aus Regen und Himmelblau, aus Sonne und Schatten spinnen. Wenn einmal das Zünglein der Waage einsteht, dann –«

»Nun, dann?«

»Sehen Sie doch die Nase, die uns der alte Steinklotz dort aus dem Gebüsch dreht! Scholten, der Kerl hat eine fast ärgerliche Ähnlichkeit mit Ihnen. Nehmen Sie es nicht übel, aber Sie müssen mich unbedingt noch einmal hierherführen. Ich muß diesen Burschen zeichnen!«

»Das ist nicht der erste Esel, den ich Ihnen gehalten habe, während Sie sich derartigen artistischen Versuchen hingaben«, sagte Scholten; doch die Frau Salome neigte sich aus ihrem Reitsattel und rief:

»Glück auf, Großpapa Granit! Nicht wahr, es ist zu lächerlich, zu dumm, daß das närrische Menschenvolk hierherkommt und meint, du solltest dich seinen Grillen bequemen und deine Stimmung der seinigen anpassen? Hat er genickt, lieber Freund?«

Der Alte lächelte:

»Wohl möglich. Sie haben wohl schon ehedem die Steine zum Nicken gebracht.«

Nun lachte die schöne Frau:

»Wahrlich! In den Tagen, da uns das noch Spaß machte!« Doch da der Hochwald um sie her augenblicklich sehr dicht und dunkel wurde, so schien sie sich ebenso augenblicklich der Stimmung, die er verlangte, zu fügen, und zu ihrem Begleiter sich niederbeugend und die Hand auf seine Schulter legend, sagte sie:

»Mein Freund, nickendes Gestein droht mit Einsturz. Unsere eigenen Wälle brechen über uns zusammen. Und manchmal wird man lebendig von ihnen begraben. Führt Ihr Weg nicht bald wieder in die Sonne?«

»Nun so nach und nach«, sagte der Justizrat verdrießlich.[310]

»Übrigens reicht die Beleuchtung wohl noch hin, daß Sie sich meine Physiognomie dabei betrachten können. Sagen Sie, Sie närrische Judenmadam, sehe ich so aus, als ob ich mir durch sentimental-klägliche Redensarten die Laune verderben ließe? Da müssen Sie doch sich einen anderen Jeremias suchen und sich mit ihm auf die Trümmer von Jeruscholajim setzen. Ich habe beide Rechte studiert und dies und das noch dazu, bin dreimal meiner exakten Lebensphilosophie halber relegiert worden und nachher nur aus Gnaden zum Examen zugelassen. So ziemlich ist mir alles durch die Tatzen gegangen, vom Brotdieb aus Hunger, Elend und zu starker Familie bis zum Brandstifter und Mörder aus purem Vergnügen. Vom eintägigen Gefängnis wegen Feldarbeit am heiligen Sonntage bis zum Tod durchs Schwert oder Beil wegen sechsfachen Familienmordes weiß ich Bescheid in den Zuständen der Menschenwelt. Eine hebräische Millionärin und dazu hübsche und gesunde junge Witwe, und zwar aus Berlin, die ihre Villeggiatur hier in der Gegend in einer eigenen Villa hält, muß sich mir auf eine andere Weise zu den Akten geben, ehe ich ihr und ihrem sonor-melancholisch verschleierten Stimmorgan glaube, daß sie sich über ihr Dasein zu beklagen hat. Daß sie sich dann und wann über die krummnasige Verwandtschaft und über die liebe Bekanntschaft unter den christlich-germanisch aufgestülpten Arier-Riechern zu ärgern hat, will ich ihr wohl glauben. Zu weiteren Konzessionen lasse ich mich aber nicht herbei.«

»Sie sind doch ein furchtbarer Grobian, Scholten!« rief die schöne Frau.

»Unter Umständen – ja!« brummte der Alte und fügte unverständlich zwischen den Zähnen hinzu: »Immer aber da, wo ich nicht nur Menschenfleisch rieche, sondern auch Ichor wittere und man mir dann mit Flausen kommt.«

»Da ist die Sonne wieder«, rief die Frau Salome, »und jetzt, Scholten, bitte ich Sie freundlich, ein ander Gesicht zu ziehen. Im Grunde ist es doch nur eine komische Nachahmung und erreicht das Urbild lange nicht. Ich mache Sie da eben harmlos auf eine Felsenfratze zwischen den Tannen aufmerksam, und sofort fallen Sie ins Genre untergeordneter Talente und ziehen sie nach.[311] Was sehe ich an Ihrem Gesicht, was mir – unter Umständen – mein Spiegel nicht grimmiger zeigt? Was murmelten Sie da von: Ichor?! Da kommt ein lustiger Strahl zwischen den alten Stämmen durch, und wenn Sie höflich Abbitte leisten wollen, ziehe ich den Handschuh ab und halte meine Hand in das Licht. Über die Hand hat man mir dann und wann Komplimente gesagt, aber noch nie über das Blut, das in ihr fließt. Sehen Sie das Götterfeuer? Da flammt es zwischen Aufgang und Niedergang und wird zwischen Okzident und Orient fluten, ob ich mich dann und wann langweile oder nicht. Was haben Sie noch zu sagen, bester Justizrat?«

»Daß Euer Gnaden eine Hand zum Küssen haben!«

»Flausen!« sagte die schöne Jüdin boshaft lächelnd, das Wort von vorhin wieder anwendend, und der Alte lachte und stieß mit seinem Stock auf den Boden und rief:

»Was für ein Ohr Eure Leute haben! Nun denn, bei den Göttern des Aufgangs und des Niedergangs, bei dem hohen Liede von der Attraktion im Weltall, bei den roten Kügelchen in den Adern von Mensch und Tier: wenn du vor mir stirbst, Menschenkind, will ich mich über deinem Hügel auf den Schild lehnen und sprechen: Das war mal ein braves, ordentliches Weib! Mit dem Worte ›außerordentlich‹ wird ein zu großer Mißbrauch getrieben, als daß ein Freund dem andern es in die Grube mitgeben könnte.«

»Da ist meine Hand, mein Freund; wenngleich nicht zum Küssen. Wie weit haben wir noch bis zu Ihrer Höhle?«

»Eine Pfeife Tabak, eine gute Harzstunde, zwei und einen halben Hundeblaff weit. ›Gehen Sie nur immer meinen Eierschalen nach, in einer Stunde sind Sie am Ort‹, sagte mir einmal ein kauender landeseingeborener geistlicher Herr, den ich nach dem Wege fragte, und seine Eierschalen brachten mich richtig nach einem Gewaltmarsch von ein und einer halben Stunde an Ort und Stelle.«

»Ein recht ordentlicher Appetit!«

»Nun, den können Sie dreist außerordentlich nennen, Baronin. Mir aber ist die gute Verdauung eines andern nie von solchem Nutzen gewesen als in jenem Falle. Aber beiläufig, zum Henker,[312] was ist denn überhaupt unser Sein, Wesen und Treiben anders als ein Den-Eierschalen-anderer-Nachgehen?«

»Sagte das Merlin aus der Tiefe von Brozeliand oder Justizrat Scholten von der Höhe seines Bürostuhls aus?«

»Ichor!« murmelte Justizrat Scholten, und so zogen sie weiter, wirklich wohl noch eine gute Stunde, durch Licht und Schatten, auf gebahnten Wegen und auf ungebahnten, bis ein mit gelben Tannennadeln bedeckter Pfad, den nur hier und da die Wildschweine zerwühlt hatten, sie aus dem Hochwalde heraus und zu ihrem Ziel brachte. Vor ihnen, über eine Gebirgsebene weit ausgestreut, lag ein graues Dorf in der Spätnachmittagssonne, und trotz der Sonne traf die Wanderer ein kühler, ja kalter Luftstrom, vor welchem wie vor dem plötzlichen Blick in den gegen die westlichen Berge sinkenden Feuerball die Reiterin unwillkürlich die Zügel ihres Tieres anzog.

»Welch ein merkwürdiger Wechsel der Temperatur!« rief sie, und sie fand zu der meteorologischen Bemerkung ein Dichterzitat


Ein Windstoß fuhr aus dem betränten Grunde,

Und es erblitzte purpurrotes Licht,


murmelte sie, und der Justizrat, auf die schindelgedeckten Häuser und Hütten deutend, brachte die Terzine und den dritten Gesang der »Hölle« mit einem gewissen mürrischen Nachdruck zu Ende.


Hinsank ich ohne meines Daseins Kunde,

Wie unter eines schweren Schlafs Gewicht,


zitierte er und fügte seinerseits hinzu: »Es haben schon mehr Leute ausfindig gemacht, daß es hier gewöhnlich ziemlich kühl weht. Das ist nervenstärkend, Baronin; und was den Schlaf anbetrifft, so habe ich seinetwegen hier Quartier genommen. Er hat sich niemals im Leben zu schwer auf mich gelegt; – auf meines Daseins Kunde aber verzichte ich dann und wann mit dem größten Vergnügen.«


»Um so weniger finde ich es passend und berechtigt, daß Sie mich vorhin so grimmig anfuhren und von Ihrer Amtserfahrung und Kriminalgesetzbuchweisheit aus lächerlich machten.«[313]

»Wenn wir demnächst einmal wieder eine Partie Billard zusammen spielen, wollen wir die Kontroverse fortsetzen, Frau Salome. Wenn wir uns jetzt nicht beeilen, wird wahrscheinlicherweise mein Besuch des Wartens überdrüssig werden und heimgehen, ohne eine Visitenkarte zurückzulassen.«

Er ergriff von neuem den Zügel des Maultiers und führte es von dem Waldpfade auf den steinigen Dorfweg und dem Dorfe zu.

Die schöne Frau lachte und sagte:

»So seid ihr!«

»Ja, so sind wir!« brummte Scholten. »Als ob noch jemand nötig hätte, mir das zu sagen?!«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 5, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 309-314.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Frau Salome
Sämtliche Werke. Bände 1-20 und Ergänzungs-Bände 1-5 / Frau Salome. Die Innerste. Vom alten Proteus. Horacker (Raabe, Samtliche Werke)
Gesammelte Erzählungen: Bd. Höxter Und Corvey. Eulenpfingsten. Frau Salome. Die Innerste. Vom Alten Proteus (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon