Elftes Kapitel

[461] Mit lautem Jammergeheul hatte der Knabe mit beiden Händen nach seinem Kopfe gegriffen, als es bereits zu spät war, und sehr verständig wär's gewesen, wenn er nunmehr wenigstens auf seine Beine Achtung gegeben hätte, denn dieser Wirbelwind und Regen ließen in keiner Hinsicht mit sich spaßen. Beide Kinder wurden trotz ihres Sträubens von den Füßen gehoben, gedreht und auf der der Heimat entgegengesetzten Seite fort- und der Mütze nachgetrieben. Sie suchten sich zwar noch immer aneinander zu halten, allein es wollte nicht mehr gelingen, und auch Antonie Häußler hatte den Mut verloren und zeterte so hell wie der Junker.

Und dieser Sturm, der sie trieb, fuhr natürlich einem ihnen entgegensteuernden schwerbepackten alten Weibe gerad ins Gesicht, daß es mit gesenktem Haupte und vorgebeugtem Leibe seinen Weg dem Unwetter mühselig abgewann und ebenfalls weder sah noch hörte. So stießen denn die drei tüchtig und derb aufeinander, und die Herzen der Kinder wurden gar nicht ermutigt durch die Art und Weise, in der die wandernde Frau diesen Zusammenstoß aufnahm. Keine Hexe in irgendeinem[461] Waldmärchen gab ihrer Bosheit und Entrüstung durchgreifenderen Ausdruck als die brave Jane Warwolf aus Hüttenrode; denn diese war es, welche das Schicksal zum Trost für »Hänsel und Gretel« in den Wald ausgesandt hatte.

»Holla! Oje! O dreidoppelt Düwelsdunnerwetter! Heilige Angst, was läuft einem da zwischen die Beine? O potz Sackzieher und Lederfresser, wen haben wir hier? Ihr Kanaillen, ist das eine Witterung, um seinem Nebenmenschen so auf den Hals und einer abgerackerten, hungernden, durstenden Bettelmadam also auf die Krähenaugen zu springen? Ich will euch!«

Schon hatte die nasse, ärgerliche und ermüdete Frau die rechte Faust, ohne den Knotenstock fahrenzulassen, in den Haarbusch des Junkers versenkt und griff eben grimmigst mit der linken nach den wirren Locken und Flechten Tonies, als sie bei der letzten Helle des Tages glücklicherweise noch rechtzeitig erkannte, wen sie vor sich hatte. War ihr Zorn groß, so schien ihre Verwunderung jetzt doch noch größer zu sein, und sie machte auch der letzteren nicht weniger offen Luft als eben dem ersteren.

Zuerst ließ sie den Haarbusch des Junkers los, packte ihn dagegen an der Schulter und stellte ihn samt der kleinen Antonie, welche sie ebenfalls an der Schulter ergriff, vor sich hin.

»Ei herrje! Nanu, das ist mir eine schöne Bescherung! Ei, ei, darf man wirklich und wahrhaftig seinen Augen trauen? Der junge Herr vom Lauenhof mit dem gnädigen Fräulein vom Armenhause in angenehmster Kompanie, abends um halb sechse im stichdunkeln Walde und bei solch lieblichem Wetter! Ei Himmel, was verschafft denn gerade mir die Ehre? Und wie geht es der gnädigen Frau und dem Herrn Ritter und dem gnädigen Frö – ja, na, na, Hennig, was sagt denn das gnädige Frölen darzu, Hennig?«

»Dem gnädigen Fräulein ist er selbst durchgebrannt, und in den Mordgrund hab ich ihn gebracht, nachdem wir den Fuchs besucht haben!« rief Tonie Häußler gar weinerlich. »Aber wir waren schon auf dem Heimwege.«

»I kurios! Ist das der Heimweg, ihr Kröten? Ist das der Weg[462] nach Krodebeck, dem Siechenhause und dem Lauenhofe, ihr ausbündigen Halunken? Das ist der Weg nach Goslar, meine Zuckerpüppchen, und ich wünsch euch eine recht glückliche Reise und kein schlimmeres Wetter als dieses gegenwärtige – Glück auf!«

Angstvoll griff der Knabe nach dem Rocke der Alten:

»O Frau Jane, wir wollen nicht nach Goslar. Es war der Wind und der Regen, die uns trieben, und in meinem Leben will ich nicht wieder weglaufen. O Frau Jane, Frau Jane, bringt uns nach Hause, bringt uns nach Hause!«

»Schön! Ist der Schacht verschüttet und das letzte Grubenlicht aus? Na, das Wetter ist freilich soso, und das gnädige Fräulein ist ebenfalls soso, also keine langen Worte und Komplimente. Marsch, ihr Bergkobolde, haltet euch rechts und links an meine Gesellschaft, legt euch an den Karren, schief mit der Schulter gegen den Wind! So ist's brav – nun laßt das Weinen und Plärren, es kommt so schon zuviel Wasser herunter, und wann der liebe Herrgott durchaus aus Wohlgefallen an der Menschheit eine neue Sündflut schicken will, so hat er eure Hülfe dazu nicht nötig. Na, Junkerchen, Junkerchen, auf Eurem – möcht ich an diesem Abend auch nicht sitzen, für alles Silber nicht, was sie seit tausend Jahren aus dem Rammelsberg heraufgeholt haben. Dazu kenne ich die gnädige Frau Mutter und das gnädge Fräulein viel zu gut!«

So gut wie die Warwölfin die beiden Damen vom Lauenhof kannte, so gut kannte Hennig von Lauen sie auch, und es war viel mehr als eine bloße Ahnung von dem ihm Bevorstehenden, was ihn, trotzdem er übergenug mit dem Wege und Wetter vorn zu tun hatte, doch unwillkürlich von Zeit zu Zeit nach hinten greifen ließ. Aber vorwärts ging's jetzt unaufhaltsam im muntern Schritt gen Krodebeck, und Tonie Häußler, die längst wieder besten Humors war, hüpfte und sprang lustig querhin und querüber vor den beiden anderen her und schien nur dann auf ihren Pfad achten zu müssen, wenn ein Regensturmstoß sie ganz von ihm wegschwemmen und – blasen wollte.

Sie kreischte vor Vergnügen und neckte den müden, frierenden,[463] grämlichen Knaben nach Herzenslust, und Jane Warwolf aus Hüttenrode, die auch müde, hungrig und frostig genug war, schüttelte zwar den Kopf und brummte, jedoch laute Bemerkungen erlaubte sie sich nicht, und im Grunde hatte sie ihre Freude an dem wilden Dinge und nahm sich vor, der alten Hanne Allmann etwas recht Schmeichelhaftes über ihre Erziehungsmethode zu sagen.

Aber hier war nun das liebe Dorf Krodebeck endlich doch wieder! Zwar gleichfalls im strömenden Regen und sausenden Winde, aber doch mit Lampenschein aus den Fenstern und mit ermutigendem Hundegebell hinter den Hofmauern.

»Jetzt lauf, Tonie, und grüße die Mutter Hanne und sag ihr, ich spräche noch vor, um ein gut Wort für dich einzulegen. Sei brav und bleibe vergnügt und nimm das ganze Leben wie das Wetter heut abend.«

»Gute Nacht, Hennig, grüß deinen guten Herrn und schieb alle Schuld auf mich!« rief Antonie Häußler.

»Gute Nacht, du!« ächzte der Knabe und wurde von Jane weitergeschleppt, während das kleine Mädchen leichtfüßig in der Dunkelheit verschwand.

Hier war nun auch der Lauenhof wieder, der Lauenhof in gewaltiger und nicht unmotivierter Aufregung und Verwirrung! Es war nicht bloß der Junker und Stammhalter dem Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin durchgegangen, sondern auch ein glücklich auf ein Gewicht von vierhundert Pfund herangemästetes Schwein, an welchem sich am folgenden Morgen sein letztes Schicksal erfüllen sollte, hatte der unerbittlichen Parze und der gutmütigen Frau Adelheid durchgehen wollen und war wirklich den ganzen Nachmittag über vermißt worden.

Nun kamen beide, der Junker und die Sau, in der nämlichen Stunde heim, und das war unbedingt ein Glücksfall für den Junker, denn die Freude über den zweiten Sünder und wirklichen Trebernfresser, der heimkehrte, war zu groß, um nicht den Ärger und Verdruß über den erstgenannten Taugenichts und Ausreißer ein wenig zu mildern.[464]

Daß es noch immer regnete, wissen alle meine Leser, und wie auch der reinlichste Ökonomiehof bei dergleichen Wetter aussieht, wissen sehr viele meiner Leser. Die Dachtraufen des alten Hauses gossen Ströme trüber Fluten aus ihren fratzenhaften Mäulern, Schnauzen und Schnäbeln. Das Volk des Hofes lief mit und ohne Laternen, mit und ohne Wasserstiefel, beschuht und unbeschuht durcheinander und spektakulierte heillos. Aus den Stallungen erscholl das Gebrüll und Gebrumm der Ochsen, Kühe und Rinder, das Federvieh in seinen Behältern griff munter mit offenem Schnabel in das Konzert ein; die Hunde waren natürlich außer sich, und die gnädige Frau war ganz in ihrem Elemente. Mit aufgeschürzten Röcken und aufgekrempelten Ärmeln widmete sie sich in der Mitte ihrer Hintersassen ganz ihrem Schwein, und das Gequiek dieses Schweines unter den zärtlichen Händen von zwanzig Knechten, Mägden, Verwaltern und Milchmamsells war fürchterlich.

»Da hat Sie Ihren Jungen, Fraue«, sprach Jane Warwolf, den greinenden Bengel am Ohr herzuführend. »Mitten im Kuckelrucksholz hab ich ihn arretiert. Da hat Sie ihn, Fraue, und es soll Sie nichts kosten als eine Abendsuppe und ein Nachtquartier.«

»Richtig! Natürlich! Mun-ter!« sagte die Gnädige, versetzte ihrem Sprößlinge im Fluge eine tüchtige Maulschelle und widmete sich, ohne weitere Zeit für ihn übrig zu haben, von neuem mit Energie dem Hinterteile des Borstentieres, welches letztere noch immer eine heftige Abneigung gegen seinen Stall kundgab und nur geschoben seitwärts sich demselben zubewegte.

»Das war dir versprochen, mein Sohn! Tröste dich und sei dankbar«, sprach Jane zu ihrem Schützling und zog ihn weiter über den Hof; denn jetzo erklang von der Vortreppe des Herrenhauses ein geller Ruf schneidend und schrill über allen Lärm und Aufruhr des Abends.

Auf der Treppe unter dem Vordach des Hauses standen der Chevalier und Fräulein Adelaide, ebenso erregt wie die anderen, nur aus einem anderen Grunde und mit größerem Abscheu vor Schmutz, Regen, harten Ellenbogen und nassen Füßen. Den[465] Schrei aber hatte das Fräulein ausgestoßen, als es des Junkers und seiner Führerin im Laternenschimmer ansichtig wurde. Der Ritter nahm eine Prise über die andere, und Peccadillo und Mystax, welche ebenfalls auf der Treppe harrten und die Abneigung der beiden alten Herrschaften gegen das schlechte Wetter teilten, spitzten die Ohren und bewegten die Schwänze sehr hastig.

»O Hennig! O ciel! Da ist er! Da ist er! Um das Stück Vieh ist der ganze Hof und das halbe Dorf auf den Beinen gewesen, und für das arme böse Kind war niemand übrig!« schrillte hysterisch die Malteserin. »O mon Dieu, Hennig, wie hast du mir dieses antun können! Sie, Frau, bringe Sie ihn hierherauf! Bringe Sie ihn auf der Stelle hierherauf! O Gott, o Gott, diesen Tag vergesse ich in meinem Leben nicht! Sie da, Weib, Frau, wo hat Sie ihn gefunden? Herr von Glaubigern, geben Sie der Person zwei und einen halben Silbergroschen, und – o Hennig, Hennig, war denn alle Tendresse, alle zarte Sorgfalt, Bildung und Lektüre weggeworfen an dich, wie an jenes widerliche Tier, welches sie dort unten soeben mit so entsetzlichem Lärm in sein Behältnis zurückbringen?«

»Ja, da haben Sie Ihren Deserteur wieder, Frölen. Jetzt wickeln Sie ihn nur recht hübsch in Baumwolle und Seidenpapier und seien Sie von neuem recht glücklich d'rmit. Glück auf, Herr von Glaubigern, schlecht Wetter! Aber brave Herzen bei schlechtem Wetter, das ist das Wahre!«

»Die Haut habe ich mir Von den Händen gerungen, und jetzt ist alles wie gar nichts!« wimmerte Adelaide.

»Glück auf, Jane!« sprach der Ritter, der wandernden Frau statt des Geldbeutels die Hand bietend. »Ich danke Ihnen, Jane, wir haben uns einige Sorge um den Knaben gemacht.«

»War nicht nötig, Herr Von Glaubigern – er war in guter Kompanie und hat was gelernt heute.«

Der Ritter nahm abermals eine langsame Prise und bot die Dose dem alten Weibe, welches mit einem Knicks zugriff.

»Ich will Ihnen nachher davon erzählen, Herr von Glaubigern.«[466]

Der Ritter neigte das Haupt und wandte sich zu dem gnädigen Fräulein, welches mit dem feuchten, triefenden, schmierigen, heulenden Liebling in den Armen einen harten Kampf zwischen Ekel und Entrüstung einerseits und Entzücken und Rührung andererseits kämpfte.

»Mein Sohn«, sprach er, »ein kluger Mann benutzt jede Gelegenheit, um sich zu bilden; wie nennt sich nach dem Herrn Professor Comenius das Schwein in lateinischer Zunge?«

»Sus! Ja, sus!« winselte der unglückliche Examinand.

»Und wie in der Sprache der Franzosen?«

»Cochon!« jammerte der Junker.

»Sehr richtig. Vorzüglich, wenn es sich noch in den Jahren der lugend befindet! Nun, mein lieber Hennig, werde ich raten, nicht abzuwarten, daß die Frau Mutter dort unten im Hofe ihre Hände zu frei mache, es könnte sonst leicht noch zu einem zweiten Examen kommen, für dessen Resultate ich nicht einstehen würde.«

»Herr von Glaubigern?!« rief das Fräulein vorwurfsvoll und entrüstet, folgte aber nichtsdestoweniger eilig der wohlmeinenden Zuflüsterung und führte den Junker, der nur allzugern sich führen ließ, ab, um ihn wenigstens für den Abend dem rächenden Arme des Gesetzes zu entziehen. Was zwischen den beiden ferner noch vorging, ist unbekannt; allein schon nach einer Viertelstunde lag Hennig, an den letzten Brocken eines frugalen Nachtessens kauend, warm zugedeckt unter berghohem Federbett, und niemand auf dem Lauenhofe hatte eine Ahnung davon, von welch entscheidendem Einflusse dieser eben vergangene Tag auf die meisten Bewohner des Lauenhofes, vor allem aber auf den Erben und Herrn desselben sein sollte. Selbst der Chevalier ahnte nichts davon.

Es dauerte eine geraume Zeit, ehe Ordnung und Ruhe auf dem Hofe wiederkehrten; nur ganz allmählich wurde es still und wurde auch die Frau von Lauen fähig, sich mit Dingen zu beschäftigen, welche sich nicht ganz und gar auf die Landwirtschaft bezogen. Sie wusch sich die Hände, ließ ihre Röcke nieder und stieg zu dem Zimmer des Ritters von Glaubigern hinauf,[467] allwo sie die Warwölfin im lebendigsten Verkehr mit dem Chevalier traf. Die Frau Jane, welche dem Fräulein von Saint-Trouin gegenüber einen ziemlich phantastischen Tanz aufgeführt hatte, wurde vor dem Ritter und der Frau Adelheid in ihrem Berichte kurz, klar und bündig. Sie erzählte, wo und in welcher Gesellschaft sie den Junker Hennig gefunden habe, und benutzte die Gelegenheit, ein hohes Loblied über Tonie Häußler und die Pflegemutter derselben im Siechenhause anzustimmen.

Der Ritter und die Edelfrau ließen sie freundlich gewähren, nickten sogar Billigung und schickten sie nach Anhörung dessen, was sie zu sagen hatte, in die Gesindestube hinab, wo sie vom sämtlichen Volke mit einer gewissen scheuen Zurückhaltung, jedoch keineswegs ungern aufgenommen wurde und, nachdem sie ihren Wanderstab und ihre Last abgesetzt hatte, in einem weiten Kreise sogleich die hervorragende Stelle einnahm, welche ihr von Rechts wegen gebührte. Über den Köpfen der braven Leute aber fragte die Gutsfrau:

»Nun, olle Fründ, was meinen Sie, hole ich ihn mir noch aus dem Neste, um ihm das Leder zu gerben?«

Der Ritter schüttelte bedachtsam den Kopf.

»Solches wollen wir nicht tun, Frau Adelheid. Wollen ihn ruhig schlafen lassen auf die Strapazen. Und im Vertrauen, Frau Adelheid«, fuhr der alte Herr flüsternd fort, »wir wollen ganz still sein und mehr als ein Auge zudrücken, wenn dem Jungen morgen wieder einfallen sollte, sich auf ähnliche Art unserer Leitung, unserer Erziehungs- und Bildungsmethode zu entziehen. Sie sind eine resolute Frau, meine Liebe, aber gegen Johann von Brienne, Konstantinopel, Malta und den Papst Honorius kommen wir doch nicht an –«

»Das weiß der liebe Himmel!« seufzte die Edelfrau.

»Und was Krodebeck gegen Versailles und den König Louis den Vierzehnten ausrichtet, das will wenig bedeuten«, flüsterte der Ritter weiter, »also – im höchsten Vertrauen, meine Gute, wir wollen klug sein wie die Schlangen, wenn auch ohne Falsch wie die Tauben, und wollen alle beide Augen in betreff des[468] Kuckelrucksholzes zudrücken, und gegen das gnädige Fräulein wollen wir sehr liebenswürdig und galant sein. Ach, Adelheid, Sie, welche uns, das heißt das Frölen und mich, als zwei unnütze, unbequeme Inventarstücke auf den Lauenhof übernommen haben, Sie wissen nicht, wie nachsichtig und freundlich man gegen uns sein muß; – Sie sind eben eine brave Frau und verdienen es, uns totzufüttern.«

»Hören Sie, Ritter, wenn ich jünger wäre, so sollten Sie einen Kuß haben, aber so wie's jetzt ist, käm's lächerlich heraus, und ich schämte mich«, schluchzte die Gutsfrau, die hellen Tränen lachend abwischend. »Sie sind ein alter Narr, das weiß das ganze Dorf, und jetzt geben Sie mir Ihre alte, gute, liebe Hand und schlafen Sie wohl. Ich denke, morgen machen wir wohl wieder einmal in Kompanie der Hanne Allmann eine Visite?!«

Es war dem Junker Hennig von Lauen von dem Fräulein Adelaide strengstens anbefohlen worden, zu schwitzen; und er schwitzte. Und obgleich er sich am ganzen Leibe ziemlich zerschlagen fühlte, so hatte er doch zuviel erlebt, um auf der Stelle einzuschlafen. Der Sturm war nach und nach in einen echten und gerechten Landregen übergegangen, und wer so tüchtig im Kuckelrucksholze durchgewaschen worden war, der mochte aus diesem unablässigen Rauschen wohl mancherlei heraushören, was Leuten, die ruhig unter Dach und Fach geblieben waren, entging.

Es waren lauter selbstverständliche Dinge, welche die schwingende Phantasie rekapitulierte; aber alles warf einen Schatten, wie die Haube einer märchenerzählenden Amme oder Großmutter am Winterabend. Es war ein Gemisch aus Schauer und Wonne, welches den Junker wach erhielt; und alles in allem genommen, überwog zuletzt die Wonne den Schauer bedeutend, bedeutete aber kaum etwas Gutes für die Meinungen und Ansichten der armen Adelaide von Saint-Trouin. Der Junker von Lauen hatte eine bessere Spielkameradin gefunden, als die Haute-Justicière der Grafschaft Valcroissant sein konnte, und es war viel lustiger, nach Malepartus hinunterzuhorchen und auf das[469] Erscheinen der spitzen Schnauze und klugen Äuglein Meister Reinekes zu warten, als mit dem frommen und eleganten Jüngling Télémaque die krummen rosigen Wege des Lasters zu vermeiden. Der Knabe hatte die Ohrfeige der ungnädigen Mama wohl gespürt, allein über alles siegte die unbezwingliche Vorstellung, daß doch das größte Vergnügen in der Welt sei, dem weisen Mentor und dem Frölen Trine davonzulaufen und zu erkunden, wie weit der Wald sich in die Welt erstrecke und wie es hinter diesen, Wald aussehe!

Freilich stiegen verschiedene sehr ansehnliche und würdige Persönlichkeiten empor, um sich diesen schönen Vorstellungen und den daraus entspringen den schlechten Vorsätzen strengstens entgegenzustellen. Wenn sich auch mit dem Herzog von Engern und Westfalen, dem biedern Wittekind, Warnekinds Sohn, dem Haupt und Stammeshelden des Herrn von Glaubigern, wohl fertig werden ließ; so war doch mit den sämtlichen Louis von Frankreich und Navarra nicht zu spaßen, und Madame de Campan und Madame de Genlis zeigten sehr drohend die Rute und zeigten bedenklich spitzige und mit scharfen Nägeln bewaffnete Finger. Aber die Krisis war eingetreten, und sämtliche im Körper wie im Geiste auf dem Lauenhofe zu Krodebeck ein und aus gehende Persönlichkeiten hatten sich darein zu finden. Daß sich jedoch Hennig mit allen gleichfalls abzufinden hatte, verstand sich von selbst und ging in den Träumen, welche dann endlich doch auf den Halbtraum folgten, ziemlich leicht und bequem vonstatten, wie solches auch bei erwachsenen Leuten in zweifelhaften Situationen und gefährlichen Kollisionen des Lebens der Fall zu sein pflegt. Die Dämonen der Nacht stehen nicht immer mit den Dämonen des Tages auf dem besten Fuße, und wie der Mensch dabei fährt, als Federball dient und sein armes, leeres Schicksal erfüllt, das kümmert bekanntlich und erweislich die Götter sehr wenig. Weshalb sollten sie ihr Spielwerk nicht gebrauchen? Beim Styx, meine Herren und Damen, versetzen wir uns an ihre Stelle, und seien wir einmal – gerechter als sie.[470]

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 4, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 461-471.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Schüdderump
Wilhelm Raabe - Romane: Der Hungerpastor, Abu Telfan, Der Schüdderump
Sämtliche Werke: Der Schüdderump: Bd. 8 (Raabe, Samtliche Werke)
Abu Telfan / Der Schüdderump / Wunnigel. ( Gesammelte Werke in Einzelausg.)
Der Schüdderump
Der Schüdderump

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese gibt sich nach dem frühen Verfall ihrer Familie beliebigen Liebschaften hin, bekommt ungewollt einen Sohn, den sie in Pflege gibt. Als der später als junger Mann Geld von ihr fordert, kommt es zur Trgödie in diesem Beziehungsroman aus der versunkenen Welt des Fin de siècle.

226 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon