Zweiunddreißigstes Kapitel

[680] Das Nest mit dem unbekannten welschen Namen, wie die Frau Jane Warwolf die hochberühmte Stadt und Festung Verona für gewöhnlich zu bezeichnen pflegte, quoll über. Die bombenfesten Speicher, die wunderbaren Kasematten über und unter der Erde, die Vorratskammern in allen Innen- und Außenwerken und in den großen Forts San Felice und San Pietro waren mit allem angefüllt, was ein kriegserfahrener Festungskommandant nur irgend wünschen konnte. Der weißröckigen Infanterie lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie nur an die Herrlichkeiten dachte; und vor allen Vorratskammern wurden Doppelposten ausgestellt, um einen größern Teil der Besatzung des[680] Vergnügens und der Ehre teilhaftig machen zu können, das Gewehr vor der unberechenbaren strabbondanza zu schultern.

Unberechenbar? No, signori! Die Veroneser wußten ziemlich genau, was die neue Verproviantierung ihrer Stadt gekostet hatte, und der Edle Dietrich Häußler von Haußenbleib wußte es ganz genau. Er hatte seine sämtlichen Posten auf dem Papiere. Er konnte in jedem beliebigen Moment in ausführlichster Weise Rechenschaft ablegen, und die Kommission, welche ihm denn bei Gelegenheit diese Rechenschaft abgenommen hatte, war mit seinen Leistungen aufs höchste zufrieden und wußte, wenn auch nicht so sicher wie der Edle, doch jedenfalls so genau als die Veroneser, daß man in diesem kostspieligen irdischen Jammertal nichts umsonst bekam.

Was die Privatangelegenheiten des Edlen von Haußenbleib anbetrifft, so können wir uns auch in dieser Hinsicht beruhigen: der Edle hatte nicht nur ein anständiges, sondern auch ein sehr gutes Geschäft gemacht und einen neuen Orden dazugewonnen. Der sardinische Orden des heiligen Lazarus war es selbstverständlich nicht, und daß jener Herr, welcher dem Junker von Lauen zu einem ähnlichen Schmucke helfen wollte, nichts mit der Dekoration zu tun hatte, konnte ihren Wert nur erhöhen. Was jener Herr geben konnte, das hatte der Edle längst sich selber verschafft. –

Figaro là – Figaro quà! Noch einmal wandelte der Edle Dietrich Häußler von Haußenbleib, ein wohlbeleibt, behäbig Männlein und immer noch Grau in Grau, über den Schauplatz seiner segensreichen Tätigkeit, hierhin grüßend, dorthin winkend und einen letzten Sorbetto auf der Piazza Bra schlürfend. Welcher Vogel um diese Jahreszeit in dem Granatbaum singen mochte, es gab keinen vergnügteren Vogel rund um die dreifachen Verteidigungslinien der Stadt als den Edlen von Haußenbleib am letzten Abend sei nes diesmaligen Aufenthalts in Verona.

»Ich werde auch dem Mädchen einen Spaß machen, so wenig sie es um mich verdient!« murmelte er. »Aber wenn man der ganzen Welt seinen Segen geben möchte, wie könnte man da[681] sein eigen Fleisch und Blut ausschließen? In Venedig kaufe ich dem dummen Ding einen Schmuck, so prachtvoll ich ihn finde, und da ich den Conte ebenfalls dort finden werde, so meine ich, wir bringen auch diese Angelegenheit, da wir augenblicklich so gut im Zuge sind, endlich in Richtigkeit. Da kann sich das Tonerl dann wirklich nicht beklagen, daß ich mit leeren Händen nach Haus gekommen sei, und hoffentlich wird sie dann sowenig gegen den Grafen wie gegen den Schmuck mit ihren gewöhnlichen albernen Einwendungen vorrücken und mir die Laune verderben.«

Er sah in diesem Moment nicht darnach aus, als ob er sich je in seinem Leben die gute Laune habe verderben lassen.

Nicht ohne eine gewisse Berechtigung


Evviva Vittorio

Emanuele


summend, zog er sich in sein Quartier zurück und reiste am andern Morgen nach Venedig ab.


Es war im Anfang ein lachender Morgen, und erst hinter Vicenza bezog sich der Himmel mit einem leichten Regendunst, der hinter Padua zu einem wirklichen Regen wurde. O könnten wir unsere besten Freunde und Freundinnen in die Stimmung des Edlen auf dieser Fahrt versetzen und sie dauernd darin erhalten! Mit wahrhaft wollüstiger Befriedigung dehnte er sich in seiner Ecke, blies leichte blaue Wölkchen aus seiner Zigarre und sah mit halbgeschlossenen Augen die Rebengehänge, die alten und neuen Schlachtfelder, die Maulbeerpflanzungen, die alten romantischen Städte, Städtchen, Dörfer, Flecken und Villen bis zu den Tiroler Bergen hin vorüberfliegen. Als es, wie gesagt, in der Nähe des Adriatischen Meeres anfing zu regnen, versank der Träumer in einen Halbschlummer, der süßer als alles übrige war, und da er die lange Brücke von Mestre wohl schon einige hundert Male passiert hatte, so erweckte ihn das Donnern des Zuges auf derselben keineswegs. Er erwachte zum vollen Bewußtsein erst im Venediger Bahnhof und sagte gähnend:[682]

»Ah, das waren vier sehr angenehme Stunden. O Gott, wie billig sind doch die Genüsse dieses Lebens, wenn man zu genießen versteht!«

Aber wenn der Edle von Haußenbleib bei vollem Bewußtsein war, so wußte er vor allen Dingen klar und scharf, daß die Geschäfte den Vortritt vor jeglichem Vergnügen zu beanspruchen haben. Er ließ sich deshalb schleunigst zu seinem gewohnten Hotel rudern und gab auf der Stelle den verschiedensten Leuten Nachricht von seiner Ankunft in der alten Kaufmannsstadt. Die also Benachrichtigten ließen dann auch nicht lange auf ihre Besuche warten, und die mannigfaltigsten Konferenzen dauerten einige Tage hindurch, oft bis tief in die Nacht hinein. Aber das alles war doch nur ein behagliches Tändeln mit einem deliziösen Nachtisch nach aufgehobener üppiger Tafel, und wir – wir haben nur einer einzigen Verhandlung beizuwohnen. Diese hat denn aber auch ein um so größeres Interesse für uns, obgleich hoffentlich niemand erwarten wird, daß es sich dabei um all die oft besungenen, gemalten und photographierten Herrlichkeiten und Schönheiten Venedigs, um Historie, um die Wunder der Kunst und der Natur, um Gondeln, Serenaden, Ave-Marias und Mondenschein auf den Lagunen handelte.

Es regnete ja in Venedig, und:


Sankt Johannes im Kot heißt jene Kirche; Venedig

Nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus im Kot.


Freilich haben auch wir diesmal ein doppeltes Recht, von dem Ort und der Gelegenheit so geringschätzig zu sprechen, indem wir uns leider die Freiheit nehmen müssen, unsere Leserinnen in wirklich ausnehmend schmutzige Gesellschaft einzuführen; denn wir treffen jenen Herrn im eifrigen Gespräch mit dem Edlen von Haußenbleib, welchen der letztere augenblicklich seinen besten Freund nannte.

Es war, an dem drückend schwülen, feuchten Tage, ein kühles, weites, stattlich-dämmeriges Gemach, in welchem der Edle mit seinem Freunde, dem Grafen Basilides Conexionsky, bei einem Glase duftiger Eislimonade und einem Bündel Zigaretten[683] im vertraulichen Gespräch saß, während vor den offenen maurisch-gotischen Fenstern der Regen leise niederrieselte und ein mittelalterlicher venezianischer Nobile, der vor einigen Jahrhunderten vielleicht ebenfalls recht gute Geschäfte gemacht hatte, aus seinem gebräunten Rahmen von der Wand wohlwollend auf sie herabsah und seine rechte Freude an ihnen zu haben schien.

Der Conte Basilides, ein lang aufgeschossener, in ein hellfarbiges Sommerkostüm hineingeschlotterter Mensch von ungefähr fünfunddreißig Jahren, lag seiner ganzen Länge nach auf einem dunkelroten Diwan; der muntere Greis dagegen saß aufrecht, mit seinem neuen Bändchen im Knopfloch, in einem Stuhl, der einst das Eigentum des Venezianers an der Wand gewesen sein konnte, beobachtete und betrachtete den Grafen scharf und aufs zärtlichste und sagte eben:

»Also, mein Lieber, es bleibt dabei. Sie geben mir das Zeugnis, daß ich meinerseits alles tat, mögliche Hindernisse des Glückes meiner Kinder – ich sage meiner Kinder, mein Sohn! – aus dem Wege zu räumen: Sie begleiten mich nach Wien, und wir bringen die Sache zum Abschluß wie verabredet.«

»Weshalb sollte es nicht dabei bleiben, Babbo Teodorico, allersüßester Schwiegerpapa?« stöhnte der Graf, beide Arme unter den Hinterkopf schiebend. »Gewiß begleite ich Sie, und zwar um so enthusiastischer, je weniger ich Ihnen das verlangte Zeugnis verweigern kann. Ach, stören Sie die Süßigkeit dieses Momentes nicht durch unnötige Worte – Sie wissen es ja nur zu gut, Sie Grausamer, welch eine innige Sehnsucht nach diesem – diesem erfreulichen Abschluß ich seit Monden mühevoll zu unterdrücken hatte. Sie wissen es nur zu gut, was ich litt, wie ich litt und warum ich litt, Sie herzloser Mann. Bewundern mußte ich Sie immer, selbst vor einem Vierteljahre, als Ihr Gestirn bedenklich in cadente domo stand: ein um so größeres Vergnügen macht es mir, Sie heute – lieben und bewundern zu dürfen! Wahrhaftig. Alter, Sie haben Ihre Chancen glorreich zu benutzen gewußt – es lebe Verona und mit ihm Romeo und Julia, Basil und Antonia! Da sitzen Sie wieder und sind Ihr[684] Gewicht in Gold hundertfach wert, und hier liege ich, den Edelstein meines Wertes im Busen, und fühle die Schwingen wachsen, die mich meinem holdesten Lebensziel entgegentragen sollen, Ja, Babbo, Babbo, Sie sind das begehrenswerteste Großväterchen, welches mir jemals in meinem Leben begegnete, und morgen mit dem ersten Dampfschiff gehen wir nach Triest hinüber.«

»O Basilides, wenn Sie wüßten, Basilides, wie sehr ich Sie um diesen Ton, in welchem Sie zu mir reden, beneide, so würden Sie denselben nicht mit einer solchen Virtuosität gegen mich anstimmen!« sprach der Edle, welcher diesen Ton durchaus nicht nach seinem Geschmack fand und nicht wenig darunter litt, obgleich er wirklich unter Umständen ebenfalls ein Virtuose darin war, wie er das zum Beispiel vor einigen Jahren in Krodebeck unter den Barbaren des Herzynischen Waldes zur Genüge bewies. »Lassen Sie uns ernst sprechen, Graf«, fuhr er fort, »ich halte das Glück meiner Enkelin für einen Gegenstand der ernsthaftern Unterhaltung.«

»Ich bin ernst und offen – ich bin nie anders, Signor«, erwiderte der Graf; »aber ich bin heute glücklich, und ich habe das Recht, glücklich zu sein; denn aufrichtig gestanden, mein sehr würdiger Freund, noch vor zwölf Wochen sah es kaum danach aus, daß wir je zu einem solchen angenehmen Geplauder uns zusammenfinden würden. Ihre besten Freunde, und ich habe das Recht, mich dazuzurechnen, hatten Ihre Stellung aufgegeben und hielten Sie für verloren, unwiderruflich verloren, was wollen Sie? Sie vor allen sollten meine Heiterkeit zu würdigen wissen; denn ach, Sie allein wären ja nur imstande gewesen, meine Verzweiflung zu messen, wenn das Fatum mich gezwungen hätte, das seligste Verhältnis, das ich je entrierte, abzubrechen, Babbo!«

›Babbuino!‹ sprach der Edle Dietrich Häußler von Haußenbleib in der tiefsten Tiefe seiner Seele; äußerlich aber schnitt er nur eine bittersüße Grimasse; ja er vermochte es sogar, dem »Pavian« mit einem neuen Lächeln zu antworten.

»Sie haben recht, Basil; wenn auch nicht völlig, so doch in[685] mancher Beziehung«, sagte er. »Ich muß Ihre Behutsamkeit loben: denn ich weiß sie zu würdigen, und sie gerade gibt mir die besten Garantien für eine segensreiche Zukunft. Da wir zusammen ernten wollen, so muß freilich vollkommene Offenheit über sämtliche ökonomische Vorbedingungen zwischen uns herrschen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, in andern Dingen bei Gelegenheit ebenfalls so offen als möglich gegen Sie zu sein, Basil. Ja, vor einigen Monden standen meine Angelegenheiten nicht so günstig wie heute. Einen Augenblick schien es, als ob ich das Los aller jener Schwärmer zu teilen hätte, jener braven, törichten Leute, die sich immer, wie das Beispiel zeigt, wieder finden, um Glück, Kraft, Vermögen, Blut und Seele dem allgemeinen Besten zu opfern, und zuletzt ihren teuersten Illusionen zum Opfer fallen. Dem lieben Gott sei Dank, diese Gefahr ist fürs erste glücklich abgewendet. Meine Anstrengungen wurden mit dem besten Erfolg gekrönt. Wir haben uns wiedergefunden, teuerer Basil! Das Gewölk hat sich verzogen – die Luft ist wieder rein!«

Weshalb streckte der Graf Basilides Conexionsky plötzlich beide Beine gegen die Zimmerdecke empor und krähte förmlich vor überwältigender Heiterkeit?

»Si, si, carissimo!« rief er unter fortwährenden Lachkrämpfen. »Die Luft ist wieder rein, und es geht nichts über eine gesunde, reine Luft«, kicherte er, und diesmal versuchte der Edle von Haußenbleib vergeblich, zu lächeln, geschweige denn mitzulachen.

Vor drei Monaten hing in der Tat ein sehr schweres Gewölk, ganz unfigürlich genommen, über dem Haupte des Edlen, und die Luft um ihn her war so ungesund, so unrein, daß selbst seine besten Freunde – und beim Zeus, der Graf Basilides gehörte zu seinen besten Freunden – sich die Nase nicht ohne Grund zuhielten.

Es war durchaus nicht abzusehen, in welcher Art eine ungeheuere Lieferung komprimierter Gemüse endigen werde; denn der Dunst, der vierzehn Tage nach der Ablieferung aus einigen der geöffneten Büchsen emporstieg, war schauderhaft und trieb[686] selbst eine slowakische Arbeiterkompanie im Laufschritt aus den Magazinen. Der Edle hatte allen Grund, von einem düstern Gewölk über seinem Haupte zu reden; aber der Edle hatte auch alles Recht, sich der endlichen Desinfektion zu freuen. Mit Energie hatte er die verschiedenen Mittel und Mittelchen, die in solchen anrüchigen Fällen die Lüfte am sichersten reinigen, angewendet, und das Resultat war ein glänzendes gewesen. Der infernalische Duft hatte sich verzogen, die slowakische Arbeiterkompanie war in die Vorratskammern zurückkommandiert worden, und heute strahlte die Sonne des Glücks mit erneuertem Glanz auf das würdige Haupt des ehemaligen Barbiers von Krodebeck hernieder. Seine Enkelin war von neuem eine sehr annehmbare Partie für den Herrn von Conexionsky, und die von dem Edlen so hochgepriesene Offenherzigkeit seines jüngern Freundes legte der Exbarbier höchstens als ein weiteres Zeichen des guten Herzens des Grafen zu den übrigen bereits vorhandenen Beweisen. –

Nach einer frischen Papierzigarre greifend, gab aber Basilides Conexionsky jetzt sowohl seinem Körper wie der Unterhaltung eine andere Wendung. Indem er das wohlriechende Zündhölzchen, welches ihm der umsichtige Versorger Veronas dienstbeflissen reichte, mit einem sanften Neigen des Kopfes nahm und gebrauchte, sagte er:

»Ach, Väterchen, hören Sie den Regen! Hören Sie, wie er auf den Sumpf niederrauscht! Man könnte fast vor träumerischem Behagen zum Poeten darüber werden! Es geht doch nichts über einen solchen innern Frieden in Verbindung mit einem solchen äußern monotonen Geräusch. Mein Herz ist freilich in Wien; aber mein Körper ist augenblicklich mehr als je auf diesem Sofa, und aus dieser Trennung erwächst ein so außerordentlich anmutiges, süßes, unsagbares Drittes – ein, sozusagen, schwankendes Genügen, daß die Phantasie in Wahrheit eine brutta puttana sein müßte, wenn sie sich irgend im geringsten bemühte, einen Namen dafür aufzufinden. Beiläufig, mein Bester, jetzt wäre vielleicht der rechte Moment gekommen, um mir etwas Ausführlicheres über diesen jungen norddeutschen Kavalier,[687] der bis jetzt einige Male so sonderbar durch Ihre liebenswürdige Konversation schäkerte, mitzuteilen. Nicht, daß er mich über den Rauch dieser Zigarre hinaus interessierte, allein Sie wissen, Papa, alle Menschen interessieren den Weisen, zumal wenn sie sich in so angenehmer Weise und in so innigster Vertraulichkeit mit der promessa in seinen Gesichtskreis einführen. Ist der junge Mann ein buon camarado, oder – oder das, was wir unter dem Gegenteil verstehen?«

Der Edle von Haußenbleib drehte sich ein wenig in seinem Fauteuil und antwortete: »Mein lieber Sohn, da es Ihnen gefällt, auch dieses Thema zu berühren, und ich gestehe wiederum, daß Sie auch hier einiges Recht dazu haben, so sollen Sie in dieser Hinsicht ebenfalls meine Seele so klar sehen wie den blauesten italienischen Himmel.«

Mit einem Blick nach dem Fenster meinte der Graf lächelnd:

»Das freut mich, vorausgesetzt, daß Sie nicht den heutigen Tag zum Bürgen Ihres Gleichnisses machen, Babbo! Offen gestanden, wenn mir jener junge nordische Edelmann unendlich gleichgültig ist, so interessiert es mich doch nicht wenig, zu erfahren, weshalb Sie nicht diesen Herrn von Lauen als Gemahl Ihrer Enkelin vorzogen, da doch, wie mir scheint, mannigfache Umstände, ältere und neuere Bezüge, heimatliche Neigungen und, wie ich fast Grund habe anzunehmen, auch gewisse Herzensbedürfnisse dort oben in Wien für ihn sprechen?!«

Der Edle hatte Furcht – er hatte unbedingt sehr große Furcht vor dem jungen Adeligen mit dem slawischen Namen, und er hätte nur das anzuführen brauchen, um deutlich darzulegen, weshalb er den Grafen Basil Conexionsky dem armen Junker Hennig vorzog. Er fühlte auch trotz allem eine gewisse, nicht unberechtigte Neigung zu dem Grafen und hätte auch dieses anführen können; allein der Graf würde vielleicht am allerletzten eine derartige Erklärung erwartet haben und war jedenfalls bereit, jede andere Auseinandersetzung eher gelten zu lassen.

»Sie wissen genug von meiner Vorgeschichte und der meiner Enkelin, teuerer Basil, als daß ich nötig haben sollte, noch einmal[688] darauf zurückzugreifen«, sprach der Edle Häußler von Haußenbleib. »Und da ich in dieser Beziehung Ihnen gegenüber so ziemlich auf demselben Standpunkte mich befinde und das Buch Ihres Lebens sowie die höchst eigentümliche Chronik Ihres Geschlechts bis zurück in das dritte Glied, bis zu dem glänzenden Ahnherrn, Ihrem eigenen sonderbaren Herrn Großvater, zur Genüge kenne, so verbürgt mir das, daß auch Sie gar nicht wünschen, in solcher Art mich zurückgreifen zu lassen. Wir kennen einander, schätzen einander und können einander sehr nützlich sein – das genügt vollkommen, nicht wahr, lieber Graf?«

»Vollkommen!« gähnte Basilides. »Aber greifen Sie ruhig, wie es Ihnen beliebt; sie können mich stets nur auf das angenehmste berühren«, fügte er hinzu, und wenn ein Mensch imstande war, den Edlen von Haußenbleib aus der Fassung zu bringen, so vermochte das der liebe Graf durch solche Bemerkungen.

Allein der Edle faßte sich, wie wir wissen, sehr rasch, und so rettete er sich auch diesmal schnell, und zwar wiederum durch ein Wort, welches er nur in der Tiefe seiner Seele sprach, und fuhr laut fort:

»Wenn ich also über gewisse Tatsachen schweige, so kann ich über die Gefühle und Empfindungen, welche sich an ebendiese Tatsachen knüpfen, da Sie es wünschen, nicht schweigen. O Dio, wie gern würde ich jene Idylle von Krodebeck, welche mir dieser Herr Hennig von Lauen vertritt, in den Kreis meiner Anschauungen, Geschäftsverbindungen und Hoffnungen aufnehmen; aber es geht nicht! Ich weiß kaum, wie ich mich in diesem Punkte Ihnen gegenüber delikat genug ausdrücken kann, und hoffe nur, daß wir uns auch hier, ohne viele Worte, verstehen werden. Ach, Basil, Sie machen sich keinen Begriff von dem Wust der Vorurteile, kleinlichen Rankünen und philisterhaften Begriffsverwirrungen, welche dort unten in jenem albernen Erdenwinkel in den Köpfen der Leute nisten, brüten und sich ins Unendliche vermehren. Dagegen ist die größte Intelligenz machtlos, und selbst Ihr Witz, mein Freund, würde vor so[689] großartiger Stupidität kläglich die Flagge streichen müssen. Überlegen Sie es nur! Würde ich heute mit Ihnen hier in Venedig sitzen, wenn es ginge, wenn es gegangen wäre? Als ich vor drei, vier Jahren dort war, brachte ich einige Illusionen hin und glaubte mich der kuriosen Rumpelkammer zum mindesten gewachsen; allein ich fand schnell genug, daß ich mich sehr hierin getäuscht hatte. Ich gestehe Ihnen offen, werter Graf, daß ich nichts in meinem Leben so sehr bereut habe als jene Reise und daß meine ganze Tatkraft dazu gehörte, die Rute, welche mir da band, im Laufe der Jahre wieder aufzulösen.«

Der Graf Basilides nahm die Zigarette aus dem Munde, seufzte zärtlich, küßte die Fingerspitzen der rechten Hand und warf einen Kuß in die weite Ferne – nach Wien – in die Vorstadt Mariahilf; und der Edle von Haußenbleib wußte den Gestus vollkommen zu deuten und sagte:

»Sie haben wiederum recht, Basil. Da ich Sie gefunden habe, den Mann ohne Vorurteile, den Menschen, welchen ich mein ganzes Leben hindurch suchte, um alles mit ihm zu teilen, den Mann, der wirklich die Absicht hat, alles zu gewinnen, und im Notfall alles daransetzt, um eine Grille zu befriedigen, wenn sie ihm einmal durch den Kopf fuhr, den wahren, wirklichen Ritter ohne Furcht und Tadel, so wäre es lächerlich, einen falschen Schritt zu beklagen, der doch auch nur zum Glücke geführt hat, indem er dazu dient, uns beide auch durch liebe verwandtschaftliche Bande zu vereinigen.«

»Mille grazie«, lächelte der Graf, »übrigens heirate ich die süße Antonie nur, weil auch ich entsetzlich viele Vorurteilte hege, dieselben liegen nur nach einer andern Direktion als die anderer Leute.«

»Und sehen Sie«, fuhr der Edle, ohne auf die Unterbrechung zu achten, begeistert und gerührt fort, »sehen Sie, trotz ihrer doch sehr fraglichen geheimen Neigungen weiß meine Enkelin so gut als ich, daß Krodebeck unwiderruflich hinter uns liegt, daß jener junge Mensch nicht nur ein Tölpel ist, sondern auch ein kompletter Esel gerade in Hinsicht auf diese fragliche Neigung; und deshalb – deshalb, Signor Conte, treffen auch hier[690] unsere Kalkulationen zu und können wir auch hier heiter, hell und freudig in eine lachende Zukunft blicken.«

»Unbedingt!« sprach der Graf mit einem sonderbaren Blick auf den Redner und einem eigentümlichen Zucken um die Mundwinkel. »In dieser Beziehung gebe ich mich am allerwenigsten irgendeiner Täuschung hin. Sie geben und ich nehme, ich gehe und Sie nehmen, wie man an der Börse sagt; und, bei allen Freuden und Herrlichkeiten des Paradieses, Sie haben recht, Papa, wir haben uns gefunden, weil wir einander brauchen können, und wir können uns nicht fest genug aneinander binden.«

»Und deshalb kann es Ihnen wie mir nur sehr erwünscht sein, daß dieser nordische Balordo augenblicklich seinen Aufenthalt in Wien nahm. Er wird das sentimentale Gänschen uns in unsere Wünsche, in unsere Berechnungen hineintreiben. Er versperrt ihr den Weg nach jeder Seite; – ich kenne sie: um ihn nicht unglücklich zu machen, wird sie uns, wird sie Sie, Basil, glücklich machen; und, bei allem, was Ihnen heilig ist, Graf Conexionsky, ich gebe Ihnen einen Schatz, einen Schatz, einen köstlichen, unbezahlbaren Schatz in dem Kinde für alles, was Sie mir durch Ihren Namen und Ihre Verbindungen zu bieten haben!«

»Und bei Bacchus und Cythere«, rief der andere aufspringend, »ich liebe dieses Mädchen seiner Mitgift, nach jeder Seite hin, zum Trotz und halte Sie, Babbo Theodorich, für den genialsten Kuppler, der jemals das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden wußte. Das Kind imponiert mir durch seine tiefe Abneigung gegen Sie, ehrwürdiger Greis, gegen mich, gegen uns alle. Sie haben keine Idee davon, wie mir das Mädchen imponiert und wie mich hier eine völlig unbekannte Region, ein süßes Zauberreich voll Lindenblüte, Veilchenduft und Nachtigallengesang bewegt, reizt und zu allen möglichen Entsagungen befähigt. Es ist ein so neues, ungewohntes, anmutig-bängliches Gefühl, irgend etwas respektieren zu müssen. Eine verschüchterte galizische Landbaronesse von sechzehn Jahren kann ihrer superior finishing-governess gegenüber nichts empfinden, was ich nicht ebenfalls zu den Füßen dieses holden Wunders empfinde.[691] Sie haßt uns alle und mich mehr als alle, und deshalb will ich sie haben mit ihren Kinderaugen, in ihrem weißen Kleidchen, und in ihrer Gesellschaft den Versuch machen, wie es sich eigentlich leben läßt im Buchenwäldchen unter Nachtigallengesang und Veilchenduft. Ach, wir werden sehr glücklich miteinander sein!«

»Würde ich sonst diese Verbindung gewünscht, erstrebt oder zugelassen haben?« fragte der Edle mit einem so zärtlichen Vorwurf in Stimme und Gebärde, daß der Graf Basilides mit dem Ausdruck höchsten Ekels und Überdrusses die Zigarette dem edlen Venezianer an der Wand an die Nase warf und sich zurück auf den Diwan.

Es entstand eine längere Pause, in welcher jeder der beiden Herren seinen eigenen Gedanken nachhing; dann fragte der Graf:

»Sie haben natürlich in den letzten Zeiten recht eifrig mit Wien korrespondiert; – wie werden wir die Stimmung dort finden?«

»Befriedigend, wie ich hoffe. Das Kind scheint wieder einmal ein wenig an den Nerven zu leiden, aber das hat nichts zu bedeuten. Sie schreibt von Müdigkeit, aber wie mir scheint, sozusagen geduldiger, sanfter, hingegebener. Sie bittet mich, mir keine Sorgen um sie zu machen –«

»Und dazu wird man Sie ersuchen, Babbo, Sie mit verhaltenen Tränen bitten, uns Ruhe, Ruhe zu lassen – unser armes Herz nicht zu quälen, nicht ungeduldig zu werden, und so weiter- eh?«

»Die Briefe stehen sämtlich zu Ihrer Verfügung, lieber Sohn!«

Der Graf winkte abwehrend mit der Hand.

»Den Jugendfreund, den lieben Spielkameraden werden wir also jedenfalls noch in der Stadt vorfinden?«

Der Edle von Haußenbleib lachte.

»Ich lese in dieser Hinsicht mancherlei zwischen den Zeilen. Sie wissen ja, Basil, daß ich zwischen den Zeilen zu lesen verstehe. Dem Burschen scheint es im Kreise unserer Freunde recht zu behagen, und ich habe auch aus jenen Kreisen Nachrichten,[692] welche mich nicht wenig erheitern. Die arme Tonerl! Ich habe ihr im Anfang ziemlich barsch meine Ansichten ausgedrückt; allein ich empfinde jetzt einige Reue darüber. Man macht sich eben viel unnötige Sorgen in dieser wunderlichen Welt, lieber Graf. Jaja, es gefällt dem jungen Mann sehr gut in Wien, und die Tonie ist sehr überrascht und einigermaßen aus aller Fassung darüber gebracht. In einem Postskript hat sie mich neulich selbst gebeten, dem armen Teufel mein Haus zu verbieten, und in einem letzten Billett habe ich ihr natürlich den vortrefflichen Landsmann auf das beste empfohlen und ihm selber alle Annehmlichkeiten meines Wiener Etablissements zur Verfügung gestellt. Man hält eben alte Verbindungen und Bezüge aufrecht, auch wenn man keinen momentanen Nutzen davon sieht und wenn man höflich ohne Gefahr sein kann.«

»Wann geht das Dampfschiff?« fragte der Graf.

»Morgen früh um sechs Uhr.«

»Benissimo!« lallte Basil. »Was sagen Sie zu einem Akt der ›Traviata‹?«

»Wie Sie wünschen! Ach, Basil, Sie haben keine Ahnung davon, wie jung ich mich nach den Qualen, Anstrengungen und Aufregungen der letzten drei Monate fühle!«

»Und Sie haben keine Ahnung davon, wie sehr ich Sie beneide«, erwiderte der Graf, und diesmal im bittersten Ernst, und doch ahnte er nicht zur Hälfte, wie ernst ihm dieser Neid sein mußte. –

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 4, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 680-693.
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