Fünfzehntes Kapitel

[375] »Wir haben uns schon zu lange hierbei aufgehalten«, murmelte Uhusen zwischen den Zähnen. »Wenn wir heute noch von irgendwelchem Nutzen in der Angelegenheit sein wollen, wird's Zeit, daß wir gehen. Bist ein gutes Mädchen und hast deine Sache gut gemacht! Gib der gnädigen Frau jetzt den Arm und führe sie vorsichtig auf der Treppe. Willst du uns weiter begleiten, Albin, so nimm du meinen Arm. Durch Sonnenglanz und Ätherblau geht der Pfad freilich nicht, und zum Mittagessen im Hôtel de Rome würden wir auch wohl ein wenig spät kommen.«

Der Jugendfreund griff nach dem Arm des schwarzen Peters wie in der Angst, auch allein gelassen zu werden in der leeren Dachstube neben dem Strohsack Erdwine Hegewischs.

»Es ist fürchterlich und nicht zu fassen«, stöhnte er. »Ich bin unfähig, mir und einem andern zu helfen; aber ich bleibe bei euch bis zum Ende.«

»Aber ich?« rief Rotkäppchen. »Was wird aus mir, wenn ich bei euch bleibe? Na, es ist einerlei. Angenehm ist der Aufenthalt da oben unter den Dachsparren oder gar hier in dieser Familienstube nicht. Das Menu war auch nicht zum nobelsten; und Sie, lieber Herr, Sie gefallen mir ausnehmend. Ob sie mich heute oder morgen am Flügel nehmen, was liegt dran. Ist man die Angst der Jagd los, so lacht man ja selber drüber. Also vorwärts, meine Herrschaften, ich bleibe auch bei euch. Und wer weiß, wozu ich Ihnen noch nützlich sein kann, lieber Herr mit dem halben Gesichte!«

Sie hatten sich nun, die Treppen abwärts, durch noch dichtere[375] Haufen scheuer Gaffer zu drängen als vorhin beim Emporsteigen. Auch um ihren Wagen fanden sie jetzt einen noch dichtern Kreis von Neugierigen versammelt. Es hatte sich weithin durch das Viertel das Gerücht verbreitet, die Witwe Wermuth in Numero zehn von Schulzenstraße werde nun, da es richtig wieder mal zu spät sei, von den vornehmsten Verwandten gesucht. Und jeder wollte selbstverständlich diese vornehmen Leute und Verwandten mit eigenen Augen sehen, und jeder beneidete die Witwe Wermuth auch jetzt noch um dieselben. Nicht geringe Verwunderung erregte es freilich, als nach der aristokratischen alten Dame und dem Herrn mit dem Pelze auch das Rotkäppchen, nicht aus dem Märchen, sondern aus dem Polizeibezirk, in die Droschke hüpfte und der »kuriose Kerl mit der verbrannten Nase« ihr sogar ungemein höflich dabei behülflich war.

»Nach dem Kirchhof«, rief Uhusen dem Kutscher zu.

»Nach welchem?« fragte der zurück, und Fräulein Rotkäppchen war wirklich jetzt gleich von Nutzen. Es konnte den Weg angeben.

»Rasch, Mann!« rief der lange Peter. »Es wird eine der besten Fuhren für Euch, die Ihr je gehabt hast.«

Daraufhin fuhr der Kutscher wirklich gut, und zwar die sonderbarste Gesellschaft, die sich heute in dieser großen Stadt, in irgendeiner Stadt in einem Wagen zusammenfinden konnte. – –

Die erste, die das Wort nahm, war das Fräulein, und zwar wie eine, der – ein Stein vom Herzen gefallen war. Wie eine, die aufatmete, wie eine, die aus der Jagd heraus und in Sicherheit unter Menschen, unter Freunden war! Wie eine, die die Angst für diesmal hinter sich hatte, die Räder unter sich rollen fühlte, sich nach den letzten Nächten und Tagen in die weichen Plüschpolster des Wagens zurücklehnte und sich unter »höchst angenehmen, vertraulichen Menschen« wie durch ein Wunder gerettet fand.

Es war der »am wenigsten Vertrauliche« im Wagen, der Herr Hofrat Dr. Brokenkorb, dem sie mit dem weiblichen Sicherheitsgefühl, daß sie sich des Rechten zuerst annehme, behaglich-wehmütig aufs Knie klopfte: »Nur nicht zu betäubt, Männeken. Nehmen Sie mich an; ich weiß von gar nichts; ich weiß nicht, wie[376] und weshalb Sie auch dabei sind, aber darauf verlasse ich mich doch, daß wir's zusammen durchfressen. Ich weiß überhaupt von gar nichts, als daß mir die gnädige Frau da mal meine weißen Atlasschuhe an den Kopf geworfen hat und mir das nichtsnutzige Mundwerk mit einem Teller von ihrer Suppe gestopft hat und daß ich jetzt mit den Herrschaften nach Wolfchen und Paulchen suchen darf! O Gott, nach den letzten Tagen und diesem Schreckensmorgen so zu sitzen in der besten Gesellschaft! Wie ist denn eigentlich Ihr Name, Herr? Die liebe Bekanntschaft der andern habe ich ja schon länger die Ehre –«

»Herr Schmied aus Jüterbog, mein Fräulein«, sprach der lange Peter, und das Fräulein legte militärisch grüßend zwei Finger der rechten Hand an das zerzauste Hütchen: »Das hab ich mir doch gleich gedacht«, seufzte sie womöglich noch befriedigter. »Und gedient? Die Nase auch mit neulich in das liebe Frankreich ringesteckt und halb drin steckenlassen? Bei der Garde, wenn ich fragen darf?«

»Schwerste Artillerie«, brummte der Schmied von Jüterbog.

»Wenn ich Sie nicht vom Anfang darauf angesehen habe!« rief Rotkäppchen. »Und vielleicht auch wohl gar außer Dienst?«

»Völlig!« brummte Peter Uhusen, und die junge Dame klopfte jetzt der Alten auf das Knie und seufzte kopfschüttelnd: »Und so spielt nun das ewige Schicksal mit uns und pökelt uns hier zusammen – uns arme Heringe. Sie, Herr Hofrat, natürlich ausgenommen, wenn ich mich eines unpassenden Ausdrucks bedient haben sollte! Aber – es ist einerlei. Wir verstehen uns doch. Wir haben Mitleiden miteinander in der Welt; – und Sie auch, Hofrätchen. Wenn die Herrschaften die Mutter auch nicht mehr angetroffen haben, die Krabben finden wir schon wieder. Wer sollte noch nach denen suchen und sie vor uns in die Tasche stecken? Oh, die liebe Dame und die Herren sollten nur wissen, wie gemütlich und ruhig mir in diesem Augenblick zumute ist! Ach Gott ja, es geht ja wohl nichts über ein gutes, weinerliches Herz auf Erden; aber unser Herrgott sollte doch den in seinen besondern Schutz nehmen, dem er eins davon in zu reichlichem Maße verlieben hat!«[377]

Sie ließen das arme Ding ungestört sich ausschwatzen. Nur nach einigen nähern Einzelheiten über das Leben und den Tod Erdwines und das Aufwachsen ihrer Kinder fragten Uhusen und Mutter Cruse. Was sie hörten, gab ihnen mehr Lust zum Schweigen als zum Reden. Albin drückte sich völlig stumm in seiner Ecke zusammen; er fühlte sich jetzt in Wahrheit sehr unwohl und gänzlich außerstande, seine Gedanken derartig zusammenzuhalten, wie es einem Mann, der einen so rühmlich bekannten Kopf auf den Schultern trug, im Grunde in jeder Lebenslage zukam. Aber nicht nur der ästhetische, sondern auch der soziale feste Grund und Boden war ihm augenblicklich völlig unter den Füßen weg abhanden gekommen. Bilder und Gestalten aus nächsten und fernsten Tagen drängten sich im Wirbel in seinem Gehirn, und – die Gestalten und Bilder, die gestern und vorgestern den Kreis seines Daseins erfüllt hatten, beängstigten ihn am meisten – ihn, den geistvollen Liebling der Welt, den gelehrten Führer des besten Publikums, den verehrten Lebensvirtuosen und Redekünstler. Großer Gott, was hätten die Leute, die ihn kannten und schätzten, zu einem Blick in diesen Wagen für stumme Anmerkungen machen müssen?! Und was für Gesichter?!

Ach, es war ihm ganz unerfaßlich, wie wenig uns bei vorkommenden Gelegenheiten die Gesichter des gebildetsten Publikums, unserer verehrtesten Gönner und Gönnerinnen, unserer guten Freunde und Bekannten, ja unserer liebsten, unserer nächsten Verwandten, die Gesichter von Vater und Mutter, von Weib und Kind kümmern sollen! Wir in unserm gegenwärtigen Fall nehmen nicht die mindeste Rücksicht auf die Gefühle und Mienen, auf welche der Herr Hofrat Dr. Brokenkorb Rücksicht zu nehmen hat. Wir haben es nur mit den Gesichtern in dieser Droschke erster Klasse zu tun, welche von dem mangelhaften Pflaster der letzten Gassen der Stadt auf den weicheren Straßenkörper der Vorstädte hinrollt und auch letztere allmählich hinter sich zurückläßt. Die Gesichter von Mrs. Crusoe und dem langen Peter, dem Einäugigen, waren freilich unter allen Umständen sehens- und beachtenswert, aber unter den laufenden ganz besonders. –

»Jaja, du armer Tropf«, sagte Frau Wendeline, nachdem das[378] schluchzende Rotkäppchen ihr »weinerliches Herz« unserm Herrgott zum besondern Schutz anempfohlen hatte. »Aber sei nur zufrieden und laß dich um Gottes willen auf keinen Handel und Austausch ein. Die da leicht weinen, lachen auch leicht. Und es ist nicht ein Tag wie der andere, und die Nächte gleichen einander auch nicht.«

»Sagt Philine«, brummte Herr Schmied aus Jüterbog aus seinen Goethestudien unter den Weiden am Ufer der Trave her.

»Kenne ich nicht, Alterchen«, lachte Rotkäppchen zwischen ihren Tränen. »Unter meinen Freundinnen weiß ich keine mit dem Namen; aber vielleicht gehört sie zu der Bekanntschaft des Herrn Hofrats. – Die Stadt ist zu groß. Aber den Weg, den wir vor uns haben – in fünf Minuten sind wir da –, den kenne ich und kann die Honneurs vom Orte machen. Ich habe nämlich meine Mama per Zufall auch dort liegen, und so schickt sich das für diesmal ebensogut, wie daß ich Hausgelegenheit dort hinter uns in Numero zehn wußte. So fein wie heute und in so guter Gesellschaft habe ich die alte Frau auch noch nicht besucht. O Hofrätchen, wenn doch jeder seine Gedanken so schön ausdrücken könnte wie Sie! Es muß etwas Wundervolles darum sein, wie ich von den Herren in den Ateliers weiß. Na ja, es kann ja nicht jeder in ein Mausoleum zu liegen kommen und sein Bildnis und seinen Namen in Goldschrift darauf, und mir ist das auch ganz egal. Selbst zu meiner Mutter würde ich auch nur wieder ganz durch Zufall unters letzte Deckbett unterkriechen. Und da kann keiner was dafür, und sie müssen's damit machen, wie es eben paßt. Passen Sie nur auf, wir werden das sogleich mit der Witwe Wermuth erfahren.«

»Zum Henker, ist das ein Weg, der sich hierher in den Mittelpunkt der Zivilisation schickt?« rief der lange Peter grimmig, wahrscheinlich um seiner Stimmung wenigstens nach einer Seite hin Luft zu machen. »Da sollte man sich ja fast auf das Pflaster zurücksehnen.«

»Bauschutt!« meinte die Mutter Cruse. »Wir dehnen uns mächtig ins Weite und müssen uns dabei schon etwas schütteln lassen. Aber, Mädchen, eine Laterne hätten wir eigentlich mitnehmen[379] sollen. Es wird vollständig Nacht, wenn wir nicht in fünf Minuten an Ort und Stelle sind.«

»Das sind wir auch. Nein – richtig – hier sind wir schon. Da sind wieder ein paar Häuser aufgeschossen, seit ich zum letztenmal hier war, und das irrte mich. Oh, ich habe außer Mama auch noch ein paar Freundinnen hier im Frieden, und jetzt weiß ich wieder ganz genau Hausgelegenheit. Siehst du, und August auf dem Bock weiß sie auch. Er hält vor der richtigen Tür: Station Kreuzberg! Und nun lassen Sie mich gütigst zuerst herausklettern und den Herrschaften behülflich sein, den weitern Weg zu finden.«

Sie hatte den Wagenschlag selber geöffnet und war leichtfüßig hinausgehüpft. Scheu, vorsichtig sah sie sich nach allen Richtungen hin um, der Mutter Cruse die Hand reichend.

»Das brauchte man auch nicht, wenn man hier schon zu Hause wäre und nicht bloß Hausgelegenheit wüßte«, lachte sie. »Was ginge einen da noch die öffentliche Sicherheit an? Na, kommen Sie nur, Hofrätchen; und Tag ist es auch noch, gnädige Frau; wir finden uns wenigstens noch ohne Laterne zurecht. Und Sie, lieber Herr mit der schwarzen Nase, ich bitte Sie um Gottes willen, sehen Sie mich nicht mit Ihrem letzten Auge an, als wäre aller Tage Abend gekommen. Gucken Sie, da liegt wirklich noch ein roter Streif von der Sonne am Rande vom Himmel, und irgendwo ist es immer noch schön Wetter. – Herr Hofrat Brokenkorb muß das noch genauer wissen und reizender sagen können. Aber nun vor allen Dingen erst die Kinder!« ...

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 375-380.
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