Siebenzehntes Kapitel

[386] In der schlechten Kneipe gegenüber dem Kirchhofstor brachten sie den Hofrat glücklicherweise bald zur Besinnung zurück; aber eine ziemliche Weile verging doch, ehe sie imstande waren, die Rückfahrt mit ihm nach der Stadt zu wagen. Wir können es nicht genug wiederholen, daß er die Kunst, hinter einem eleganten Tischchen mit zwei Wachskerzen und einem Manuskript im roten Maroquineinband ein Publikum zu interessieren, zu bewegen, zu rühren, im hohen Maße verstand – daß die Zuhörerinnen vor dieser Kunst dann und wann zergingen und nur selten einer der Zuhörer auf dem Heimwege brummte: »Geschwätz! Aber der Mann versteht's!«

Nun hatte er wieder ein Publikum um sich und vor sich, welches er gleichfalls ungemein interessierte, bewegte und aufregte, jedoch diesmal ohne alle Kunst und ohne jedwedes vorhergegangene Studium vor dem Spiegel. Wie er war, hatte er sich jetzt diesem aus der höchsten Aristokratie und dem tiefsten Plebejertum gemischten Publikum in der Wegschenke zu geben, und er winselte kindisch und äußerte sich ärgerlich-weinerlich, vorzüglich gegen seinen Freund Uhusen, während seiner Abwesenheit im Geiste und klammerte sich mit doppelter Energie an diesen Freund beim ersten Schimmer wiederkehrenden Selbstbewußtseins.

»Du bleibst hier! Du bleibst bei mir! Mein Gott, mein Gott, Peter, was soll aus mir werden?«

Sie hatten ihn zuerst auf der Bank hinter dem Tische niedergelegt, und die Mutter Cruse hatte sein immer noch wohlgelocktes Haupt im Schoß aufrecht erhalten, doch nun saß er gottlob selber wieder und hielt auch den Kopf aufrecht, wenn auch ihn auf beide Hände stützend.

Der Schmied von Jüterbog hatte gebrummt: »Sie könnten mir eine Million bei so 'ne Haut wie deine legen; ich kröche dafür nicht in sie hinein.« Hatte ihm dabei mit dem besten Spiritus der Schenke die Schläfen gerieben und ihm aus dem nämlichen Stoff[386] das zweckdienlichste Getränk brauen lassen, aber sich doch dabei bei weitem mehr dem Kirchhofswächter Lochner als dem leidenden Freunde gewidmet.

»Ich sage ihm und rede ihm zu: ›Bengel, armer Kerl, dieses geht doch nicht‹«, erzählte nämlich Lochner weiter, seine Rede sowohl an die »Honoratioren aus der Stadt« wie an das gewohnte gemischte Publikum der Schenke richtend. »›So eine Nacht hier allein, und noch dazu in dieser Jahreszeit – bloß mit der kummervollen, schwarzen Kiste zur Gesellschaft, wie soll das möglich sein für so 'ne Krabbe wie du, und noch dazu mit solch einer noch erbarmungswürdigern, unmündigern Kreatur am Arme wie das da? Deine kleine Schwester hättest du sowieso schon zu Hause lassen sollen, wenn du auch selber mit eurer Mutter herausgelaufen wärest! Denkst du denn gar nicht daran, wo du bist und wo du dich befindest? Schon, daß es ganz auf mich fiele, wenn wir euch morgen früh hier erfroren fänden, davon will ich gar nichts sagen; aber was bist du für ein Junge? Was bist du für ein Bengel? Hast du denn gar keine Furcht und Gottesfurcht, daß du dir so was zutraust, was kein erwachsener Mann um seiner abgestorbenen Mutter zuliebe sich auferlegte? Bengel, was bist du für ein Junge! Wo und wie bist du aufgewachsen, daß du mir gar keine Ahnung davon zu haben scheinst, an welchem angsthaften Orte du dich zu jetziger Stunde befindest? So guck dich doch nur um, und glaub ja nicht, daß das hier nicht noch dunkler wird und ich, wenn ich solch ein Vieh wäre, dich einriegeln müßte mit deiner kleinen Schwester und dich allein lassen mit der finstern Nacht hier an der Grube, bloß in dieser Gesellschaft mit den Toten? Weißt du denn gar nicht, was das sagen will: eine ganze Nacht allein bloß mit solch einer Gesellschaft? Gruselt dir denn gar nicht? Und wenn du keine Gefühle hierfür hast, so haben andere Leute welche, ich zum Beispiel.‹«

»Halten Sie uns nicht mit Ihren Gefühlen auf«, rief Rotkäppchen, und Peter Uhusen, die Unterlippe zwischen den Zähnen, keuchte: »Rasch weiter, Mann. Mutter Cruse, geben Sie dem Hofrat den Rest aus dem Glase; wir sind sogleich auf dem Marsche, wer auch zur Rechten oder Linken fallen mag.«[387]

Der Kirchhofswächter sah sich alle seine Leute noch einmal an und wußte sich augenscheinlich weniger denn je in dieser Droschke-erster-Klasse-Gesellschaft zurechtzufinden; aber er wendete sich zuletzt wieder doch an den Ruppigsten unter ihr, den Mann mit dem einen Auge, und meinte: »Ja, wer nicht selber mit bei der Komödie gewesen ist, der kann das auch gar nicht nachfühlen. Was antwortet die Kröte auf meinen barmherzigen Zuspruch? Vor einem Kirchhofe brauchte sich gar keiner zu fürchten, der nichts Böses getan hätte, antwortete der Satansjunge. Und das Gruseln wolle er gar nicht lernen, das wisse er schon aus seiner Mutter Geschichten, wie es damit für einen ordentlichen Jungen sei. Vor dem Erfrieren fürchte er sich auch nicht; an die Kälte wären sie schon gewöhnt. Zu Hause hätten sie niemand mehr als den Strohsack, auf dem Mama gelegen habe, und so wollten sie hier bei ihrer Mutter bleiben, bis sie in Sicherheit wäre. Daß sie mit dem Sarge so spät gekommen wären, dafür könnten sie nichts, und morgen früh wollte er mit seiner kleinen Schwester in die weite Welt gehen, wenn er erst seines Großvaters Offiziersdegen wiederhätte.«

»Bei Ihnen liegt er, Hofrat Brokenkorb!« rief die Frau Wendeline. »Nicht wahr, er liegt doch bei Ihnen? Bei Gott, mir beben alle Glieder, daß ich ihn aus Händen gegeben habe – daß – ich ihn – selbst Ihnen anvertraut habe, Schmied von Jüterbog! Aber kommen Sie zu Ende, Unglücksmensch. Was ist aus den unglücklichen Geschöpfen geworden? Was haben Sie mit meinem braven, braven Jungen angefangen?«

»Was konnte ich denn tun? Die Hände habe ich ihm in aller Güte, mit aller Milde von dem Sarge seiner Mutter doch losmachen müssen, wie ich Ihnen schon sagte. Seine Instruktionen hat man doch einmal zu seinem Herzen im Leibe. Und was hätten Sie in meinem Falle denn anders tun können? Es war spät, und wir drei waren da drüben allein mit der toten Frau und letzten Nummer vom Tage. Wenn ich alle die, welche auf dem Terrain da nicht wissen, wo sie mit sich hin sollen, wenn der Angehörige zugedeckt ist, mit in meine Stube nehmen wollte, so hätte ich selber wenig Platz darin. Aber ich habe gesagt: ›Sohnemann,[388] leid tust du mir, und deiner Courage wegen gefällst du mir wahrhaftig; aber Unsinn ist dieses, was du vorhast. Was Vernünftiges werden kann draus nicht, also komm in Güte; deine Schwester nehme ich auf den Arm, und auf was Warmes soll es mir hier bei Flebbe nicht ankommen! Und dann geht ihr artig wieder nach der Stadt zurück, da werden sie ja schon wissen, wie sie nach ihrer verfluchten Schuldigkeit für euch weiter zu sorgen haben.‹ – Und so ist es denn auch geschehen bis auf das Warme aus gutem Herzen. Als ich das unmündige Wesen am Torpfeiler vom Arm abgesetzt habe, um hinter uns abzuschließen und mich mit dem Schlüssel ärgere, da packt der Junge das Mädchen am Arm und ist auf und davon mit ihm in die Dämmerung hinein und der Stadt zu, ehe ich ihnen ein Wort nachschreien kann. Mehr kann ich nicht sagen; aber bis die Herrschaften mit ihrem Wagen kamen, haben wir hier noch bei Flebbe vor der Tür gestanden und dieses Erlebnis besprochen. Es könnte mir nur lieb sein, wenn Sie nun bei der Wirtin und den andern sich erkundigen wollen, wie ich ihnen hierüber meine – Gefühle ausgedrückt habe, verstehen Sie wohl, Fräulein? Sie – Fräulein!«

»Versuche es, Albin. Komm hervor hinterm Tisch! Wir müssen tot oder lebendig weiter. Siehst du, es geht. Nimm nur meinen Arm, alter Mondscheingenoß!« sagte Uhusen. »Im Mondenschein liegt auch wohl heute abend die Lübische Bucht nicht. Fort mit dem Komödienlicht aus unserer Vergangenheit! Der Mann hat recht: wir kommen nicht an gegen die festgestellte Ordnung und müssen die schwarze Kiste dort drüben hinter dem schwarzen Gitter die Nacht durch lassen, wie sie steht. Aber der Enkel des Leutnants Hegewisch will sein Schwert, um sich mit ihm durch die Welt zu hauen! Auch du hast recht, was hast du eigentlich mit dem alten Eisen zu schaffen? Aber es ist zu dir geraten! Freilich sonderbar – es liegt bei dir, und – bei Ahriman und bei Ormuzd und, so wahr ich für mein Teil wenigstens ein Auge und eine Faust im Gedränge behalten habe, der brave kleine Kerl soll seine Waffe haben, und Sie sollen ihn damit zum Ritter schlagen, Mutter Cruse!«...

Sie saßen im Wagen und rollten wieder der Stadt zu. Es war[389] jetzt vollständig Nacht, und die Laternen in den Gassen und die Lichter in den Häusern brannten, und die beiden Weiber warfen nach rechts und links ängstliche, suchende Blicke durch die Fenster des Wagens. Die Mutter Cruse aber preßte trotz ihrer eigenen Ritterlichkeit die Hände krampfhaft im Schoße aneinander und murmelte in abgebrochenen Sätzen: »Was soll ich, Uhusen? Ich mache mir nur die bittersten Vorwürfe. Zu mir ist er gekommen. Bei mir hat er seine Waffe gelassen. Verpfändet um ein Dutzend Sargnägel! Nun ist er in seiner Kinderphantasie völlig wehrlos. Und wenn er nun vor meine verschlossene Tür gekommen wäre um seinen letzten Halt im Leben? Von Ihnen, Schmied von Jüterbog, weiß er ja doch nicht das geringste! Und daß Sie ihn mit mir suchen, kann er auch nicht wissen!«

»Es ist freilich schlimm, so jung so allein zu sein«, sagte das Rotkäppchen leise. »Und er hat noch dazu sein unmündiges Schwesterchen auf dem Halse. Es sind wohl schon welche in solchem Alter ins Wasser gegangen, wenn sie in solcher Stunde und Jahreszeit vor die letzte Hoffnung und verschlossene Tür gekommen sind.«

»Das verhüte der Himmel«, wimmerte der Hofrat, aus seiner Wagenecke auffahrend und aus seinem Stupor. »Das wird nicht sein, das kann nicht sein – habe ich denn noch nicht genug an dem Schrecklichen da draußen – an diesem – Sarge auf dem Kirchhof, an diesem Tage, an diesen Wegen, Fahrten, dieser Nacht? Ich beschwöre dich, Uhusen, mach jetzt ein Ende mit diesen grenzenlosen Aufregungen! Ich will ja alles tun, was ich kann; du kannst ja meine Umstände, ich bin zu allem bereit; aber ich gehe zugrunde an den entsetzlichen Bildern und Aufregungen dieses Tages! Wohin fahren wir denn jetzt auf dieser fürchterlichen Jagd nach dem menschlichen Elend?«

»Fräulein Rotkäppchen riet zuerst doch lieber zu der Witwe Wermuth, das heißt zu der unbezahlten Rechnung in Kreide an ihrer Tür«, sagte Peter Uhusen grimmig. »Die Kleine hat Erfahrung, und wir andern müssen uns dankbar fügen. Leider brauchen wir den Wagen noch, sonst würden wir, die gnädige Frau, ich und das Fräulein, ihn dir gern überlassen zur Heimfahrt. Auf[390] Ehre, Albin, hätte ich eine volle Ahnung davon gehabt, auf welche Wege ich dich hinauszerren müsse, so würde ich es mir zweimal überlegt haben, ehe und bevor ich dir den Degen des Leutnants Hegewisch ins Haus trug.«

»Aber ich will, ich muß diese Wege ja nun mit euch gehen!« stöhnte Albin. »Wie könnte ich je wieder ruhig werden, ohne an der Katharsis dieser Tragödie – dieses erschütternden, dieses furchtbaren Tages teilgenommen zu haben?«

»So ist es recht. Auf dem Wege der Besserung bist du freilich«, brummte der lange Peter, die Achseln zuckend. »Nun, so nimm deine Lebensgeister noch einmal hübsch zusammen und laß dich verbrauchen, wie die Welt dich gewollt hat. Wenn mich mein Ortssinn nicht täuscht, halten wir hier eben noch einmal Schulzengasse Numero zehn.«

»Lassen Sie mich zuerst aus dem Wagen«, rief das Rotkäppchen. »Bei Nacht weiß ich doch wohl am besten hier Hausgelegenheit. Was? Sie zuerst, Hofrätchen? Da nehmen Sie meine Hand. Hier sind wir auf festem Boden, so gut ihn die Ortsgelegenheit liefern kann. Aber wie ist mir denn? Woher kriegen Sie denn auf einmal den guten Humor, Herzenshofrätchen?«

Das konnte nur der liebe Gott wissen! Guter Humor jetzt?!

Es war Humor in dem Dinge, wenn auch ein etwas grimmiger. Der liebe Gott wußte sehr gut darum Bescheid und brachte ihn ganz genau zu Buche. Die bei den guten alten Freunde aber, die Mutter Cruse und Peter Uhusen, die sich in der großen, anfang- und endelosen Komödie, und zwar nicht bloß von den Bretterbuden in Lübeck, Celle, Sankt Pauli und Brooklyn, zuerst zurechtfanden, die wußten ihn auch am besten zu würdigen – diesen Humor! –

»Sie sind alle beim Abendessen, soweit sie etwas zu knabbern haben«, meinte das Rotkäppchen. »Hier unten und im ersten Stock bei der Noblesse möchte ich mich lieber nicht nach den Jören erkundigen. Die Herrschaften glauben es wohl nicht; aber sie können auch hier schauderhaft vornehm und süffisant sein. Heute morgen noch habe ich mich selber erst mit Scheu und Schrecken auf den bloßen Strümpfen durchgeschlichen. Erst weiter[391] oben sind sie mir gut und geben uns Nachricht, wenn die Kinder sich nicht unvermerkt wie ich eingeschlichen haben. Und sie leihen uns auch wohl ein Licht für den Weg. Also bitte ich, sich an meine Schleppe zu halten. Sie besonders, Hofrätchen. Zwei Treppen höher klopfe ich schon jemand heraus. Also nur immerzu. Ein wenig mehr rechts halten – bitte. Wer übrigens bei dieser Angelegenheit den Hals bricht, stirbt eines edlen Todes.«

Das ganze Haus war dunkel und, was die Treppen anbelangte, gänzlich leer. Dagegen regte sich hinter allen Türen das lebendigste Leben Gezänk, Lachen, Gekreisch, weinende Kinder von allen Altern.

Nicht ohne Gefahr und Sorge um ihre gesunden Glieder waren sie im vierten Stock angekommen und standen, einer den andern gefaßt haltend, in der Finsternis, als die Führerin plötzlich mit heller Stimme sang, und zwar seltsamerweise nicht aus der neuesten Operette, sondern aus einem recht alten Kinderliede:


Herr Doktor, lieber Nachbar,

Leiht mir Eure Latern;

Die Nacht ist so dunkel,

Es scheint ja kein Stern.


Ihre Begleiter konnten es in der Dunkelheit nicht erkennen; aber das Mädchen schien sich an einer Tür zum Schlüsselloch niedergebeugt zu haben. Mit gar nicht unmelodischer Stimme sang sie in das Schlüsselloch hinein:


Die Nacht ist ja so dunkel,

Es scheint gar kein Stern,


und es erhub sich hinter der Tür ein Gepolter, als falle da einer aus dem Bett oder als schlage da jemand in heller Wut mit der Faust auf den Tisch und werfe aufspringend hinter sich den Stuhl zu Boden. Und aufgerissen wurde die Tür, und der jähzornige Bewohner der Höhle erschien, trübe beleuchtet von seiner Lampe, auf der Schwelle, und zwar mit einem Prügel in der Hand, gegen den Uhusens Stock aus der Schwartauer Heide eine[392] Gerte war. Rotkäppchen ergriff den erhobenen Arm des Mannes im zerfetzten Schlafrock und rief: »Gott sei Dank, Dokterchen, daß Sie jetzt wenigstens zu Hause sind. Wo waren Sie denn die vorige Nacht über? Wo steckten Sie, als ich heute morgen um den letzten Trost im Leben bei Ihnen zuerst anklopfte?«


»Bist du's, frivoles Ephemeron, allerliebstes Uferhaft, meine arme, kleine Eintagsfliege? Na, dann hättest du auch die Dummheit unterwegs lassen können; ein Dutzend Zugharmonikas im Hause seit Feierabend sind grade genug. Mußt du mir auch noch die Ohren vollplärren? Zuviel Musik, zuviel Musik in der Welt, das ist es ja, was ich sage.«

»Wir haben keine Zeit, und ich komme nur um Ihre Lampe für 'nen Moment; aber ich muß die Herrschaften doch wohl miteinander bekannt machen. Herr –«, das Mädchen kam nicht weiter. Hofrat Dr. Brokenkorb und der Mann im Schlafrock hatten sich schon erkannt.

»Hohoho, na aber jetzt – nanu?« brüllte der ungetümliche, rotgesichtige, schwammige Höhlenbewohner (als Gulo borealis unter den Naturkundigen in literarischen Kreisen nicht nur gekannt, sondern auch gefürchtet) den vor einem neuen Schrecken erstarrenden Liebling des Publikums an. »O Götter, Helden und Wieland – die Wonne und Hoffnung von ganz Deutschland hier am Ufer des Cocytus in nächtiger Stunde?! Und mir die Ehre?... Mein allertrefflichster Mohammed, der zu seinem Berge kommt?«

Der Mann schwankte leider bedenklich auf seinen Füßen, und Rotkäppchen stieß ihn kräftig zurück: »Ich sehe schon. Gehen Sie schlafen, Doktor Berg; legen Sie sich nicht aufs Sofa, gehen Sie ins Bett. Ihre Lampe bringe ich zurück, wenn ich sie nicht mehr brauche –«

»Yes, meine Psyche, holde Psyche! Immer mit der Lampe; ganz wie's Raffael gezeichnet und Mark Anton in Kupfer gestochen hat. Psyche, die sich mit der Lampe über den Amor neigt. Sie haben auch über diese süße Sage einen Ihrer lächerlichen Vorträge Ihren Weiberchen hingeleiert, Brokenkorb, und – ich – ich – habe mir und Ihnen die Kritik darüber geleistet. Nicht wahr, sauber? Und dazu ganz ohne Musik – ganz ohne Musik[393] – ganz ohne Musik. Zwanzig Mark unter Brüdern auch jetzt noch in diesem feierlichen Augenblick wert. Leihe mir zwanzig Mark auf die nächste Abschlachtung hin, Bruder. Auch wir haben noch unser Schwert in die Waage zu werfen, bester Koll- Koll- Koll-«

»Jetzt gehen Sie auf der Stelle ins Bett«, rief das Rotkäppchen zornig. Sie hatte den Doktor am Kragen genommen, ihn in seine Stube zurückgeführt und ihn mit einem Stoß wirklich auf sein Lager befördert. Nun griff sie die Lampe vom Tische auf und sagte etwas außer Atem: »Auch das muß einen noch auf dem Wege aufhalten. Ihn nach den Kindern auszufragen hätte uns nichts geholfen; aber sonst ist er gar kein übler Herr und ganz gutmütig und wirklich ein Kollege von Ihnen, Hofrat Brokenkorb. Na, es freut mich, daß Sie ihn auch als solchen kennen und achten. Aber die andern Herrschaften müßten ihn wirklich einmal reden hören, wenn es ihm ein bißchen klarer hinter der Stirn und unter der Glatze zumute ist. Über sein Hauptthema nämlich. Nämlich sein Hauptthema ist, daß viel zuviel Musik in Deutschland gemacht wird. Ich kenne keinen zweiten Menschen, der eine solche ingrimmige Wut auf die Musik hat wie er und sein Gift so spaßig und gelehrt auslassen kann. Oh, er kann über alles reden, wie der Herr Hofrat, und manchmal, wenn er bei guter Laune ist, hält er uns hier im Viertel einen Vortrag vor zwei Lichtern, grade wie der Herr Hofrat anderswo. Aber die Polizei paßt ihm mehr auf die Finger oder – in seinem Fall, auf das Mundwerk. Er weiß nämlich, wenn er in der Stimmung ist, über alles göttlich zu reden, und wenn es ihm aus Zufall zwischen die Lippen kommt, auch himmlisch sozialdemokratisch. Ach Gott, Sie sollten nur wissen, wie ganz einerlei ihm das alles ist, und nicht bloß am andern Morgen im Katzenjammer! Seine einzige, ewige und wirkliche Wut ist nur die zu viele Musik, die die deutsche Bevölkerung macht. Auf das schiebt er's, daß er selber es zu nichts in der Welt gebracht hat; aber – die Hauptsache ist, daß wir augenblicklich seine Lampe haben und daß ich Ihnen mit ihr leuchten kann. Bitte, je weiter nach oben, desto vorsichtiger! Und nun – o Gott, Gott, man sollte wirklich ein Vaterunser[394] vorher beten – da – sind wir wieder vor der Tür der Witwe Wermuth!«

Es war so. Sie standen zum zweitenmal vor der Tür mit der letzten unbezahlten Rechnung von Erdwine Hegewisch; und ihre Führerin öffnete leise und scheu und leuchtete, mit zitternder Hand die Lampe des Doktors Berg haltend, in den fürchterlichen Raum voll Kälte und Finsternis und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus: »Gottlob, da liegen sie! Sie sind zu Hause!«...

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 386-395.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Im alten Eisen
Im Alten Eisen; Eine Erzahlung
Sämtliche Werke: Raabe, Wilhelm, Bd.16 : Pfisters Mühle; Unruhige Gäste; Im alten Eisen: Bd 16 (Raabe, Samtliche Werke)

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Nachdem Musarion sich mit ihrem Freund Phanias gestrittet hat, flüchtet sich dieser in sinnenfeindliche Meditation und hängt zwei radikalen philosophischen Lehrern an. Musarion provoziert eine Diskussion zwischen den Philosophen, die in einer Prügelei mündet und Phanias erkennen lässt, dass die beiden »nicht ganz so weise als ihr System sind.«

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon