Zwanzigstes Kapitel

[413] Es ist nicht zu ändern; wir müssen noch hier hindurch, so gern wir's uns ersparen und dem Leser durch einen andern schenken lassen möchten. Wer uns den Griffel in die Hand gedrückt hat, trägt die Verantwortung; das Stückchen Blau aber, das jetzt schon durch das Gewölk leuchtet, nehmen wir nicht als ein Geschenk, sondern als ein Zeichen, daß man sich andernorts seiner Verantwortlichkeit bewußt ist.

Der Mittwochmorgen kam. Noch ohne Sonne; aber es dämmerte doch, es wurde von neuem Tag, und wir – wir haben nicht danach zu fragen, wo Rotkäppchen einen Unterschlupf diesmal für die Nacht gefunden hatte. Wenn das deutsche Volk ein wenig zuviel Musik macht, so zeigt es doch von Jahr zu Jahr deutlicher noch einen andern Geschmack, den wir noch weniger billigen können als seine Neigung, in Tönen aufzugehen. Dr. Berg ist anderer Ansicht; – was Hofrat Dr. Brokenkorbs innerste Meinung über die Frage ist, hat er sich bis jetzt gehütet, öffentlich vorzutragen. –

Wir finden mit dem ersten Morgengrauen das Rotkäppchen schon vollständig in den Kleidern und selbstverständlich in denen vom gestrigen Tage. Und wir finden es, mit dem Kopf auf den Knien und die Arme um den Kopf gelegt, auf dem Strohsack in der leeren, kalten Kammer der Witwe Wermuth, in welcher[413] die zwei Stücke des alten »Wanderknüppels« des Schmieds von Jüterbog – das mit der eisernen Zwinge und das mit der Hanswurst- und Faunenfratze – die einzigen Zeichen sind, daß jenseits dieses doch noch etwas anderes liegt, als der Pöbel in der Welt zugeben kann und will – von seinem Zugebenmögen sei nicht die Rede.

Ob das Fräulein so früh am Tage schon ein Frühstück gefunden hatte, können wir gleichfalls nicht sagen; aber als es völlig Dämmerung geworden war, schnellte sie empor, als ob es keinen Hunger, keinen Frost, keine Ermüdung auf Erden gebe. Es ist kein Mensch, den nicht um irgend etwas Hunderttausende, ja Millionen beneiden können, und für heute hatte Fräulein Rotkäppchen noch ihren Leichtsinn, ihren guten Mut und gesunden Körper. Alles drei sehr schöne Dinge – auch das erste unter gewissen Lebensumständen und Daseinsbedingungen.

Sie schüttelte sich in ihren Röcken und machte noch einmal den vergeblichen Versuch, eine erblindete Fensterscheibe als Spiegel zu benutzen. Da das wiederum sich nicht tun lassen wollte, öffnete sie das Fenster, sah in das Wetter und seufzte: »Leidlich!«

Nun regte sich der erste Fuß auf den Treppen im Hause. Der erste Bewohner ging zur Arbeit, und das Rotkäppchen sagte: »Na, denn zu. Hat der Spatz Glück, wird er nicht von der Katze gefressen; und Glück habe ich meistens doch immer noch gehabt. Also vorwärts ins Vergnügen, und nur keinen merken lassen, daß man Angst hat!«

Sie mußte doch wohl ein Frühstück gefunden haben, denn als sie aus dem Hause glitt, sah sie gar nicht verhungert aus. Und ihr Spatzen- und Buttervogelglück hatte sie dazu; sie wurde nicht sofort an der Tür abgefangen und an ihren jetzigen Wegen gehindert.

Sonderbarerweise führte sie der erste Gang in die alleranständigste Gegend der Stadt.

»Ich hab's dem guten Jungen versprochen, und Wort halten soll der Mensch, wenn er auch sonst nichts zu verschenken hat.

Ich hab ihm das Ding von wegen der Nägel des Säbels seines seligen Großpapas und der Madam Cruse unter die Finger gegeben,[414] und ich habe ihm hoch und heilig versprochen: ›Wolf, ich schaffe dir das Käsemesser zurück, denn die Mutter Cruse kenne ich. Mit der brauche ich nur zur Auseinandersetzung zu kommen.‹ Na, so 'ne Komödie! Aber so ganz umsonst will ich gestern abend doch nicht mit der Alten, der Schwarznase und meinem Hofrat nach dem – da draußen hingerutscht sein. Na, Hofrätchen, warte, dich werden wir im Notfall auch aus dem süßesten Schlummer wecken, bloß um der Welt zu beweisen, daß auch unsereine mit beiden Ohren hören kann, wenn man unbestimmte Verhältnisse vor ihr in der Droschke stundenlang Knie gegen Knie verhandelt. Wenn der Junge wo Anspruch auf den Degen seiner Ahnen hat, so ist das heute morgen um achte – da draußen! Da draußen, da draußen, da draußen vor dem Tor. Wer aber so früh am Tage und nach den gestrigen Erlebnissen da sicherlich noch nicht vorhanden sein wird, das ist mein liebes Dokterchen, mein süßes Hofrätchen. Aber – mein ist der Säbel, mir gehört er an, sagt die Jungfrau; und umsonst werde ich mich doch nicht von dem alten braven Sohn, dem Wölfchen Wermuth, mit der Plempe haben gleichfalls beschirmen lassen. Her muß sie, und sollt ich Runne & Plate vom Keller bis zum Dache aus den Eiderdaunen sturmläuten müssen. Das ist ja diesmal ein wahrer Segen, daß dieser Edle, dieser liebe gute Herr mit noch mehreren schönen Seelen zu meiner ausgebreiteten Bekanntschaft gehört! Na, und im Notfall muß mir sein Rupfer zu dem Meinigen verhelfen. Komm ich in Rage, so ist's mir auch ganz egal, was für Aufsehen es macht oder was für eines ich mache.«

Ach, um das Aufsehenmachen in der Welt – –!

So zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen kommt man, wenn man Glück hat, schon ohne Aufsehen durch. Es ist dann bereits eine ganze Menge Leute auf den Beinen, auch im Spätherbst und bei mißlichem Wetter. Bei Runne & Plate standen sowohl Geschäftstor wie Privateingang geöffnet, und Rotkäppchen fand in der Hinsicht nichts vor, was ihrem Vorhaben entgegen gewesen wäre. Einen Augenblick zögerte sie zwischen den zwei Pforten; dann aber schlüpfte sie in das hochgewölbte Einfahrtstor des Geschäftshauses und fand sich wieder im richtigen[415] Augenblick an der richtigen Stelle: Gott ist nicht wählerisch in seinen Boten und Werkzeugen, und die irren sich, die da meinen, daß er die Welt mit spitzen Fingern anfasse und das nämliche von ihnen verlange. –

Das große Geschäft in altem und neuem Eisen war schon in voller Tätigkeit. In den Schreibstuben glitten die Stahlfedern über das Papier, und in den Magazinen und auf dem Hofe rasselte und klirrte das und hoben und schoben die Arbeitsleute; die Firma rühmte sich in ihrer »Branche« mit des größten Umsatzes in der Stadt und weit über dieselbe hinaus.

Das Erscheinen der jungen Dame in dem Hofe machte kein Aufsehen. Wie großartig der Umsatz von Runne & Plate in neuem Eisen sein mochte, der in altem blieb immer, zum Teil wenigstens, ein Kleinhandel. Alte Weiber und Männer, halberwachsene Mädchen, Kinder von beiden Geschlechtern kamen mit Körben, mit Säcken, mit Schubkarren oder Handwagen voll des rostigen Wertobjekts und zogen mit weniger Silber und meistens nur Nickel und Kupfer zum Austausch wieder von dannen. Frau Wendeline Cruse war da zum Exempel eine wohlbekannte und sehr respektable Persönlichkeit, und Fräulein Rotkäppchen konnte ganz wohl ebenfalls einen durchgebrannten Stubenofenrost oder eine durchlöcherte Eierkuchenpfanne oder einen zersprungenen Kochtopf unter dem Tuche tragen! Runne & Plate hielten ihre Waagschale und ihr mächtiges Hauptbuch auch für den Geschäftsverkehr mit ihr bereit. Runne & Plate konnten nicht wissen, daß das Rotkäppchen nicht gekommen sei, altes Eisen zu bringen, sondern die feste Absicht hatte, dergleichen auf jede Weise, einerlei, ob erlaubte oder unerlaubte, auszuführen.

»Je, Fräulein, sind Sie denn das? Wie kommen Sie denn jetzt hierher?« erscholl aber eine Stimme aus einer Tür her, von der eine enge Dienerschaftstreppe zu den Wohnungen der besten Mieter des Haupthauses führte; und das Fräulein, rasch dem Anruf zuspringend, sagte: »Na, siehst du, ich wußte es ja, daß ich nur meinem Gefühl zu folgen brauchte. Guten Morgen, Rupfer.«[416]

Es war Rupfer, der mit einem Stiefel seines Herrn über der linken Faust, einer Bürste in der rechten und einer angenehmen leichten Zigarre aus dem Vorrat seines Hofrats dort »der Unterhaltung bei seiner Mühsal wegen« lehnte und den Haufen alten Eisens inmitten des Hofes wachsen und abnehmen sah.

»Ah, so nett!« rief Rotkäppchen. »Sie suche ich grade. Ihretwegen komme ich, Rupferchen.«

»Meinetwegen? Nanu?«

»Oder des Herrn Hofrats Brokenkorb wegen – natürlich. Ist er schon auf?«

»Nanu?« fragte Rupfer mit einem Gesicht, als ob er wegen der Bodenlosigkeit der Anfrage sofort zu Stein werden müsse. »Der schon uf? Und nach solchem Nachhausekommen und dem, was man ihn wahrscheinlich seit gestern hat durchmachen lassen? Fräulein, wenn Sie dabeigewesen sind, dann will ich Sie gleichfalls seit gestern abend gesucht haben, um das Genauere von Ihnen endlich über dieses Jammerelend zu erfahren.«

»Sicherlich war ich dabei. Vom Anfang bis zum Ende. Und erfahren sollen Sie natürlich alles, Rupfer; aber nur jetzt nicht. Ich habe keinen Augenblick Zeit. Ich war nämlich nicht allein dabei, sondern die vornehmsten Herrschaften, und jetzt schickt mich der Herr Oberst zur Disposition Uhusen von wegen des Degens des Herrn Leutnants Hegewisch. Gehen Sie hinauf, Rupfer, und sagen Sie dem Herrn Hofrat: Ein schönes Kompliment von der gnädigen Frau und dem jungen Herrn Wolfram und Fräulein Paula, und ich sei da und geschickt, um den Degen des Herrn Leutnants abzuholen; die Herrschaften brauchten das alte Eisen notwendig auf dem Kirchhofe am Sarge der Frau Erdwine.«

Zu Stein wurde Rupfer nicht, aber er klopfte sich mit dem Zeigefinger, seine Glanzwichsbürste fester packend, dreimal bedeutend, stumm vor die Stirn.

Das arme Mädchen, jetzt zwischen Ärger und Kummer, stampfte mit dem Fuße auf und rief: »Oder noch besser, fragen Sie ihn, ob wir persönlich verabredetermaßen wirklich die Ehre haben werden von ihm. Ob er selber kommen und den Degen mitbringen will.«[417]

»Nu gar noch dieses Blech! Ne, Fräulein, alles andere Ihnen zuliebe, aber diesen Unsinn bestelle ich meinem Herrn nicht. Sie haben ihm gestern abend nicht aus den Kleidern geholfen, Sie haben ihn heute nacht nicht wimmern hören, Sie haben ihn diesen Morgen nicht auf seinem Kopfkissen sich betrachtet. Wissen Sie was, machen Sie sich das letztere Vergnügen. Kommen Sie mit rauf und besehen Sie sich das Unglück; und denn – wenn es eben nicht anders geht, rapportieren Sie selbst zu Hause, oder von wo sonst Sie mir eben nach Möglichkeit vorflunkern. Hätte das mit der Plempe und dem Kerl mit dem Knüppel als Visitenkarte nicht seine Richtigkeit, so nähme ich Gift drauf, daß das nur wieder einer von Ihren dummsten Narrenstreichen ist, Fräulein. Wollen Sie mitkommen?«

Natürlich wollte Fräulein mitkommen. Wir wissen nun schon, daß ihr Leben sie schon öfter mit dem Hofrat Dr. Brokenkorb in Verbindung gebracht hatte: die geschmackvollen, behaglichen Wohnungsräume ihres gefeierten guten Bekannten imponierten ihr gar nicht. Sie lagen ebenso wie gestern bei niedergelassenen Vorhängen im traulichen Dämmer, diese Räume; aber Rotkäppchen warf kaum einen Blick auf ihre Herrlichkeiten, Merkwürdigkeiten, Behaglichkeiten. Sonderbarerweise jedoch fing sie, die vorhin so frisch und warm von dem Strohsack der Witwe Wermuth aufgesprungen war, jetzt in diesen durch die allerneuste und sinnreichste Luftheizung erwärmten Zimmern an zu frösteln, und sie zog ihr dünnes Tuch fester um die Schultern.

Doch da war das Arbeitszimmer des bekannten und beliebten Gelehrten und Kunstverständigen, und –

»Ah!« rief das Mädchen, in den Sessel vor dem Schreibtisch sinkend. Sie griff nach dem Degen des Leutnants Hegewisch, der immer noch über den wohlgeordneten Papieren, den Kunsthandbüchern und zwischen den Nippsachen lag, der noch nicht durch Rupfers Hand zu dem Haufen alten Eisens drunten im Hofe gewandert war. Und sie seufzte: »So!«

Rupfer warf über die Schulter dem Griff einen verständnisvollen Blick zu, lächelte vergnügt in der Gewißheit, seinem Herrn in Treuen die wohltuendste, angenehmste Mitteilung zu machen,[418] und flüsterte in das Nebengemach hinein: »Herr Hofrat, der Säbel des Herrn Leutnants soll wieder abgeholt werden.«

Rotkäppchen lehnte sich über den Arm ihres Sessels dem Türvorhang zu, vernahm aber nichts als einen unbestimmten Laut aus dem Nebenzimmer.

»Oder ob Sie vielleicht selber zu dem Begräbnis kommen und den Degen des Herrn Leutnants mitbringen würden?«

Es ließ sich derselbe Laut, nur etwas deutlicher, vernehmen; Rotkäppchen zuckte die Achseln auf eine Weise, die mehr sagte, als Hofrat Dr. Albin Brokenkorb je in einem seiner berühmten und beliebten Vorträge mündlich oder durch den Druck veröffentlicht hatte.

»Gehen Sie doch näher heran und schütteln Sie ihn, Rupfer«, riet sie, und der gute Diener folgte gern und grinsend dem Rat, indem er spaßhaft seiner und seines Herrn guten Bekannten mit der Faust drohte.

Rotkäppchen stand jetzt gestützt auf den Degen des Leutnants Hegewisch und horchte an der Tür. Es wurde drinnen hin und her geredet, klagend und bedientenhaft. Dann steckte Rupfer den Kopf wieder hinter dem Vorhang vor und greinte leise: »Fräulein, wie ich es mir gedacht habe. Er spricht aus Schäkspieren und lateinisch und griechisch. Das einzige, was ich verstanden habe, ist, daß er an – Ihre – Ihre Herrschaften schreiben will, sobald er wieder bei Kräften ist.«

»Na, grüßen Sie ihn, Rupfer!« rief die Kleine, und den Degen des Leutnants Hegewisch und seines Enkels unter ihr Tuch wickelnd und an die Brust drückend, schritt sie ruhig durch die Gemächer des guten Bekannten, fest und sicher die teppichbelegte Treppe in dem Haupthause von Runne & Plate hinunter und setzte sich erst unten in der Gasse wieder in einen Trab, den sie erst ziemlich weit draußen in den Vorstädten mäßigte und nur einmal noch ganz unterbrach.

Nämlich sie hatte noch in einen Keller zu gucken, in welchem es um sehr viel besser roch als in dem der Frau Wendeline Cruse.[419]

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 413-420.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Im alten Eisen
Im Alten Eisen; Eine Erzahlung
Sämtliche Werke: Raabe, Wilhelm, Bd.16 : Pfisters Mühle; Unruhige Gäste; Im alten Eisen: Bd 16 (Raabe, Samtliche Werke)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Die Narrenburg

Die Narrenburg

Der junge Naturforscher Heinrich stößt beim Sammeln von Steinen und Pflanzen auf eine verlassene Burg, die in der Gegend als Narrenburg bekannt ist, weil das zuletzt dort ansässige Geschlecht derer von Scharnast sich im Zank getrennt und die Burg aufgegeben hat. Heinrich verliebt sich in Anna, die Tochter seines Wirtes und findet Gefallen an der Gegend.

82 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon