Neunzehntes Kapitel

[404] Die Mutter Cruse hatte dem Kutscher wiederum ihre Adresse angegeben, und der Kutscher hatte gebrummt: »Na, diese Jagd! Ja, wenn unsereiner sich seine Gedanken darüber machen wollte, was er so hin und her und zusammen fährt, dann hätte er viel zu tun, und ich dankte für die Arbeit.«

Es war ein Glück, daß ihn »die Geschichten seiner Fuhrgäste zuletzt doch gar nichts angingen«, er hätte sie wahrscheinlich sonst nicht so sicher und geschickt durch das Gewühl der lebendigsten Gassen der Stadt zurück zu dem Geschäftslokal der Frau Wendeline geführt.

Da hielten sie nun wieder vor dem Lumpen-, Knochen- und Alteisenkeller; und – als ob nicht ihr wundervolles bewegtes Leben und auch dieser heutige nervenangreifende Nachmittag hinter ihr liege, stieg Frau Wendeline zuerst aus und suchte in ihrer Kleidertasche nach dem Schlüssel, der die Tür zu ihrem Reich des Erdenabfalls öffnete. Aber ganz klar mußte auch sie doch nicht sich während der Fahrt geblieben sein; nämlich sie hatte jetzt das schlafende Kind von ihrem Schoß auf den des Hofrats Dr. Albin Brokenkorb gehoben, und Albin hielt es noch auf den Armen, während Uhusen den Knaben auf das Pflaster stellte.

Aber sehr merkwürdigerweise war Albin um diese Zeit völlig[404]

wach und von der ganzen Gesellschaft vielleicht am objektivsten bei der Sache. Aber diesmal, und das wiederum sonderbarerweise, nicht bei der äußern Erscheinung, sondern bei dem Innern der Dinge. Er ordnete seine heutigen Erlebnisse seiner sonstigen Existenz ein, er legte den Tag zu Begriffen auseinander; und ein Mann, der wieder bei dem Begriff angelangt ist, der ist schon frei und weit hinaus und hinweg über die ärgste Verblüffung in betreff dessen, was ihm persönlich wieder mal am Tisch des Lebens neben den Teller gelegt worden ist.

»Bis ich drunten Licht angezündet haben werde, gedulden sich die Herren wohl hier oben«, sagte Frau Wendeline; und dann öffnete sich die kleine Tür, und der schwarze Abstieg in die Tiefe der Erde wurde ihnen bei dem Lichter- und Lampenschein der Gasse sichtbar. Der erste süß-sauere, unheimliche Duft von dem Produktenlager der Mutter Cruse schlug zu ihnen empor; aber der Hofrat blieb auch dem gewachsen. Nun leuchtete es aus der Tiefe, und die Mutter Cruse trat an die unterste Stufe der Treppe: »Wenn es gefällig ist.«

Dem feinen, vornehmen, gelehrten Mann mit dem Kinde war's gefällig. Er strauchelte nicht mit seiner Last auf den übel ausgetretenen Steinstufen; er wurde nicht ohnmächtig von dem Dunst der alten Knochen und noch ältern Fetzengarderobe.

»Nicht da in die Glasscherben«, warnte aber die Geschäftsinhaberin, als er die kleine Paula jetzt auf dem Boden niedersetzen wollte. Er trat zurück und wäre nun beinahe selber in das alte Eisen geraten; ein hochgetürmter Haufen von verrosteten Kochtöpfen, Ofenröhren, Ofenplatten, Kohlenschaufeln, Feuerhaken und -zangen, und was sonst dazu gehört, kam ins Wackeln und klirrte und rasselte hinter ihm und um ihn her.

Sie mußten sich alle erst an das Licht und die Schatten in dem Gewölbe gewöhnen – alle bis auf die Mutter Cruse, die sich natürlich sofort zurechtzufinden wußte und es ihren jetzt so ungewohnten Gästen so behaglich als möglich, und das auch so schnell als möglich, zu machen suchte.

Sie verstand dieses wundervoll. Mit königlicher Unbefangenheit trat sie einher, als ob alles so recht in der Ordnung sei und[405] als ob dieser schreckliche Aufenthaltsort ihr das ganze Leben durch das wünschenswerteste Ziel voll Licht, Fülle, Ruhe und Sicherheit gewesen sei. Und wir können es nicht genug wiederholen: Hofrat Dr. Brokenkorb war jetzt mit der ganzen Seele in der Situation. »Und diese Wunder hättest du versäumt ohne den Menschen – diesen Vagabunden Uhusen – deinen Freund Peter Uhusen, Albin!« murmelte er, mit allen Sinnen beschäftigt, allen phantastischen Zauber des Nachmittags und des Abends verwendbar sich einzuprägen.

Aber der lange Mensch, der schwarze, kluge Peter Uhusen, schlug den Jugendfreund ganz zärtlich auf die Schulter: »Nicht wahr, du fängst an, dich zurechtzufinden? Dir fällt eine ganz neue Seite auf an dem Menschen in seiner Verwirrung auf Erden? Was für schöne Reden lassen sich darüber den Damen halten! Jaja, siehst du, es war doch wieder mal recht nett von mir, daß ich dich wie in unsern Lübecker Jahren mit mir nahm. Es kommt eben nicht alles dabei heraus, wenn man sich nur auf Mamas Eau-de-Cologne-Fläschchen verschwört in der menschlichen und göttlichen Komödie, in der man eben mitspielt, bewußt oder unbewußt, ob man will, oder ob man nicht will!«

»Zuerst jetzt für die heutigen Hauptpersonen in der Komödie sorgen, Schmied von Jüterbog!« rief die Mutter Cruse. »Das Mädchen wäre mir auch auf den Glasscherben, auf welche es der Herr Hofrat niederbetten wollte, eingeschlafen und der Junge dort auf dem alten Eisen. Essen werden sie nicht wollen; ich kenne das, sie sind zu sterbensmüde dazu; aber ins Bett sollen sie, und somit – habe ich Sie, meine Herren, bis morgen früh hier nicht mehr nötig und wünsche von Herzen auch Ihnen eine recht gute Nacht.«

Die alte Dame hatte im Hintergrunde ihrer Höhle eine Pforte geöffnet, die in ihre Privatgemächer oder vielmehr in ihre Schlafkammer führte. Mutter Cruse schlief nicht, wie die Nachbarschaft wissen wollte, auf ihren Lumpensäcken und Knochensäcken.

Nur im alten Eisen schlief sie, und gewöhnlich einen gesunden Schlaf, einen ruhigen, traumlosen Schlaf. Die beiden Herren[406] sahen noch von der Tür aus, wie sie die Kinder Erdwinens auf ihrem Bett zur Ruhe brachte. Wenn sie sich für diese Nacht ausnahmsweise auf ihren Lumpen ausstreckte, so war dagegen nichts einzuwenden, weder vom Standpunkt ihrer nächsten Nachbarschaft noch von dem des Lieblingspublikums des Hofrats Dr. Albin Brokenkorb aus. Es war eben eine Geschmackssache, über die man sich sowohl in der Tiefe wie in der Höhe beifällig und sogar gerührt aussprechen durfte, ohne deshalb – aus seiner eigenen Rolle zu fallen.

In seine eigene Rolle fand sich Albin draußen in der Gasse im Anhauch der frischen Luft und vor dem Droschkenkutscher, der ihm den Schlag des Wagens öffnete, beruhigend rasch zurück.

»Rede jetzt nicht mehr zu mir, Peter«, sprach er mit einem tragischen Pathos, welches der Mutter Cruse zu andern Zeiten sicherlich viel Spaß gemacht haben würde, das ihr aber im jetzigen Augenblick ebenso sicher recht unbehaglich gewesen wäre, wenn sie drunten am Bett bei den Kindern eine Ahnung davon gehabt hätte. »Dieser Tag hat mich durchgeschüttelt wie kein anderer in meinem Leben. Auf das furchtbarste hat er mich erschüttert; aber laß uns jetzt nicht weiter davon reden; ich bin unfähig, zu hören und zu antworten. Ich muß mir das alles erst in der Stille zurechtlegen, und ich erschrecke jetzt schon vor dem Nachzittern des Erlebten. Du bist hart gegen mich gewesen, Uhusen, aber es war wie immer gut von dir gemeint, und ich habe dir zu danken. Willst du mich jetzt begleiten, willst du mit mir nach Haus fahren, so sollst du mir willkommen sein. Du sollst mir zu Rat, Trost und Überlegung mehr denn willkommen sein! O großer Gott, was für eine Nacht wird das werden mit diesem entsetzlichen Degen des Leutnants Hegewisch dort in meinem Arbeitszimmer auf dem Tische!«

Der Schmied von Jüterbog besah sich seinen Mann noch einmal ganz genau beim Schein der Wagen- und nächsten Gassenlaterne, und zwar mehr erstaunt über sich selber als über den Freund. Er pfiff drei bis vier Sätze aus dem ersten besten Niggermarsch seiner amerikanischen Kriegszeit und sagte, nachdem er[407] sich möglichst wieder gefaßt hatte, mit einer Ironie, die aus dem ältesten alten Eisen der Welt stammte:

»Ich meine doch, wir haben für jetzt wohl völlig genug voneinander. Auf dich wird es ankommen, ob wir uns morgen noch einmal sehen. Was sollte ich dir raten? Was könnte ich mit dir überlegen? Und – ich bitte dich – weshalb sollte grade ich dir zum Trost aufs Seil gehen?«

»Du fährst nicht mit mir, Uhusen?«

»Nein, ich gehe lieber, und zwar meine eigenen Wege.«

»Also denn bis morgen«, lallte Albin Brokenkorb. »Gute Nacht denn! O Götter, welch ein Tag, welch ein fürchterlicher Tag!«

»Gute Nacht, alter Junge«, brummte Peter Uhusen. »Ich rate dir nun selber, deine kostbare Gesundheit zu schonen und dich nicht über die Grenzen der Menschheit hinaus aufzuregen. Sollte es dir unmöglich sein, den Erben des Leutnants Hegewisch den Degen ihres Großvaters persönlich zu bringen, so – schicke ich natürlich nach ihm. Der Herr erhalte dich noch recht lange zur Bildung und Verschönerung seiner Schöpfung.«

Der Hofrat war nicht imstande, noch einmal auszudrücken, daß er wahrscheinlich wieder mißverstanden werde. Er ließ sich von dem Kutscher über den Wagentritt emporlüpfen, sank mit einem tiefen Seufzer hin in die Kissen und schloß die Augen so fest als tunlich, da er den Kopf jetzt nicht mehr wie auf einer andern, mehr oder weniger weit zurückliegenden Stufe seiner Metempsychosen oder Inkarnationen – in den Sand stecken konnte.

Der schwarze Peter stand und sah dem Wagen nach. Dann nahm er den Hut ab und rieb sich mit der verstümmelten Pfote den sonst schon wirr genug sich aufbäumenden Haarwulst zu einer wahrhaft stachelschweinhaften Frisur durcheinander. Hierauf ging er sechs oder acht Schritte auf dem Wege nach seinem Gasthof, schwenkte urplötzlich um, kehrte zurück zu der Kellertür der Mutter Cruse, fand sie noch nicht verriegelt und stolperte nochmals die Kellertreppe hinunter.

»Nun, was soll denn das? Wer ist denn da noch?« scholl es[408] etwas sehr scharf durch die Türspalte, aus der noch der Lichtschein in das Geschäftslokal drang.

»Ich bin's noch einmal, Mama. Ihnen ist es zwar ja längst kein Geheimnis; aber mir ist es ein Bedürfnis, es noch einmal heute in einen Busen auszuschütten, was ich bin und mit glänzendstem Talent zur Darstellung bringe. Ein Esel bin ich – bin ich gewesen von Ewigkeit – werde ich bleiben in Ewigkeit.«

»Hm«, brummte Frau Wendeline, schon sehr in Flanell und also in ziemlich mangelhafter Toilette, aber wirklich mütterlich besorgt aus ihrem Boudoir auftauchend, »was ist denn aber noch mehr Außergewöhnliches vorgefallen, um –«


»Schreibtafel her! Ich muß mir's niederschreiben,

Daß einer reden kann, und immer schöner reden

Und doch –«


»Das ist annähernd aus dem ›Hamlet‹, Uhusen. Sie fielen mir glänzend damit durch, selbst vor dem Publikum von Brooklyn.«

»Na denn:


– der Lord läßt sich

Entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.«


»Ja, mit Ihrem Leicester haben Sie mich seinerzeit auch schön hineingeritten. Das war freilich Ihre Manie, auf Ihre Kenntnis des Menschen sich etwas einzubilden und sich an Charaktere zu wagen, von denen Sie nicht das mindeste verstanden. Bah, Ihre Psychologie! Nun, was hat Ihnen der saubere Weislingen denn noch angetan oder mitgeteilt, um Ihnen wenigstens für einen kurzen Augenblick zu dieser jetzigen Selbsterkenntnis zu verhelfen?«

Der Peter aus der Fremde sah die greise mütterliche Freundin wahrhaftig ratlos an.

»Zum Teufel, ja, fragen Sie mich nur! Gar nichts!« schrie er wütend, seinen durchnäßten Filzhut mit grimmigem Nachdruck in das alte Eisen niederschmetternd. »Abgeahnt – abgerochen – nein, bei Gott, abgefühlt habe ich's dem armen Tier eben, daß es trotz allem nichts brauchen kann von der Erbschaft des Leutnants Hegewisch und der Witwe Erdwine Wermuth.«[409] Und mütterlicher denn zuvor klopfte die Mutter Cruse ihrem liebsten Erdenkameraden auf die schwarz angerauchte Backe und sagte mit leiser und gerührter Stimme: »Sie haben recht, Uhusen. Ein Esel sind Sie, waren Sie und bleiben Sie. Aber was sollte aus uns hier bei den Knochen, Lumpen und im alten Eisen werden, wenn man euch nicht hätte zu einem Halt und zum Anklammern mit der Hand und mit dem Herzen im Kehrichtstaubwirbel dieser Welt? Ich hätte Sie schon heute morgen umrufen können, Peter, als Sie mir mit dem Degen des ebenso närrischen Leutnants durchgingen; aber da dachte ich mir doch: was würde wohl, wenn man gar noch diese von ihren Dummheiten zurückhalten und ihnen ihre Rolle aus der Hand schlagen würde? Da habe ich Sie denn ruhig laufen lassen, grade als wie ich Ihnen Ihren Willen ließ, wenn Sie mir über Ihre ›Seepiraten von Blankenese‹, oder wie die wunderbare Historie sonst hieß, hinausgriffen und sich nicht nur an meinem bessern Verständnis, sondern auch an unserer Tageskasse auf das schmählichste versündigten.«

Herr Schmied aus Jüterbog saß wieder auf dem Lumpensack, auf dem er am Morgen gesessen, und sah zu der alten Heldenmutter im »Hausrock« empor, als könne er sie nimmer genug sein Lob singen hören. Sie aber fragte nur noch: »Nun, wie hat sich denn der Edle geäußert, um Sie zu diesem vollen Verständnis über Ihre Unzulänglichkeit in betreff von Menschenkunde und Menschenverständnis zu bringen?«

Wütend wieder aufspringend, rief der lange Peter aus der Fremde: »Gar nicht hat er sich geäußert. So dumm wie ich ist er nicht! Fällt ihm gar nicht ein, das einem andern auseinanderzusetzen, was er sich von ihm abriechen, abfühlen, abahnen lassen kann. Den Honigseim des Tages hat er vollgesogen und trägt ihn eben zu Stock, das dazugehörige Wachs ebenfalls an den Beinen. Geben Sie acht, sie adeln ihn uns für das Kapital, was er aus dem heutigen Jammer herausschlägt! Im übrigen freilich fühlt er sich augenblicklich sehr unwohl – zum äußersten erschöpft – ermattet zum Tode von allem, was er heute in unserem Guckkasten – in unserm Guckkasten, Mutter Cruse, gesehen[410] hat. Ob er morgen früh Erdwinen die letzte Ehre geben wird, hängt natürlich ganz von seinem Befinden ab.«

Sie hatten beide bei ihrer Unterhaltung nicht auf das Bett in dem Kämmerchen, in welchem die beiden Kinder Erdwinens zur Ruhe gebracht worden waren, geachtet. Aber jetzt wurde alle ihre Aufmerksamkeit wieder dahin gezogen.

Ein schluchzender Ton war von dorther gekommen. Sie sahen den Sohn Erdwinens aufrecht sitzen und nach ihnen hinstarren im Schein der Lampe. Er stützte sich auf die linke Hand und hob die rechte, welche den Degen von Bau, Kolding und Fridericia so gut geführt hatte, gegen sie.

»Das ist der andere«, schluchzte er. »Die Mama hat ja nicht viel von ihm uns erzählt; aber ich kenne ihn nun doch. Aber er hat noch meinen Degen, und er soll mir meinen Degen, meines lieben Großvaters Degen wiedergeben. Ich habe alles gehört und alles verstanden.«

Die Frau Wendeline und Peter Uhusen waren rasch zu dem Bett geeilt, und jetzt hing der Junge an dem Halse des Schmieds von Jüterbog und rief, in Tränen und Aufregung um Worte kämpfend: »Und Sie sind wieder der andere! Der, von dem Mama immer und immer wieder erzählt hat. Sie haben Mama liebgehabt und haben das Paulchen und mich gefunden, als wir keinen andern mehr zur Hülfe hatten und die ganze Welt sich vor uns fürchtete der Vergiftung wegen. Sie haben schon vorhin von sich und dem andern zu mir gesprochen; aber da habe ich es noch nicht ganz verstehen können aus Mattheit. Jetzt bin ich ganz wieder bei mir, gradesogut wie als Paula und ich allein waren in den Nächten bei der gestorbenen Mama und ich allein wachte. Ja, der guten Madam da habe ich meinen Degen gebracht in meiner allerletzten Not, und sie hat ihn Ihnen gezeigt, und so sind Sie alle uns zu Hülfe gekommen. Sie haben auch den tollen Hund damals totgeschlagen, und-«

Was der arme kleine Bursche alles sonst noch hervorstieß, blieb unverständlich. Die Mutter Cruse und der Schmied von Jüterbog hatten noch lange, lange neben dem Bett zu sitzen, ehe sie ihn zu Ruhe gesprochen hatten und er in seinem Unwohlsein,[411] seiner äußersten Erschöpfung, seiner Todesmattigkeit wieder schlief.

Als er endlich wieder schlief, ließen sie sich das Vorgefallene eine Warnung sein und sprachen von nun an recht leise miteinander. Natürlich zuerst darüber, was nunmehr mit den Kindern werden sollte. Aber darüber kamen sie in dieser Nacht noch zu keinem endgültigen Beschluß. Es war in der Tat zu vieles dabei zu überlegen. Sie verschoben denn auch diesmal die Hauptsache, wie das das Gewöhnlichste und meistens auch das Verständigste ist, auf eine beruhigtere Stunde, also unbedingt zum wenigsten auf morgen, und redeten dafür lieber noch von sich selber, dem armen Rotkäppchen und auch noch ein weniges vom Hofrat Dr. Albin Brokenkorb. Das letztere Thema wirkte merkwürdigerweise am beruhigendsten unter den gegebenen Umständen. Es ist eine Tatsache, daß die Mutter Cruse zuletzt ganz lustig dabei wurde und den armen Peter sogar sehr heiter damit aufzog, so daß dieser beim endlichen wirklichen Gutenachtsagen für diese Nacht, sich den im Produktenkeller mühsam wiedergefundenen Filz auf den Kopf schlagend, grimmig grinsend schnarrte: »Na, zum Henker, ich für meinen Teil lasse ihn mit Vergnügen laufen. Aber Mutter Cruse, wen schicken wir ihm, um ihm die Plempe des Leutnants Hegewisch wieder abholen zu lassen? Meinen guten alten Wanderknüppel, mein einziges Lübecker Erbstück, habe ich schon bei der saubern Geschichte eingebüßt; und das können Sie nicht verlangen, Mama, daß ich mich ohne solchen Trost in der Hand noch einmal zu ihm verfüge. Einige Rücksicht habe ich doch auch auf meine Gefühle zu nehmen.«

Frau Wendeline sah mit einem ihrer verständnisreichsten, hellsten Blicke zu dem Freund hinüber: »Dem Himmel sei Dank, daß man noch lachen kann; aber – machen Sie mir Ihre Gefühle nicht lächerlich, Uhusen! Ihr Knüppel liegt ganz gut – dort – in Numero zehn in der Schulzenstraße – bei dem Strohsack; und um das alte Eisen gehe ich im Notfall selber. Nun aber habe ich für heute wirklich genug. Scheren Sie sich nach Hause oder nach Ihrem Wirtshause, und rauchen Sie noch eine Zigarre zu einem[412] gemütlichen Glase Grog. Ich meinesteils habe auch die Absicht, noch ein wenig still für mich bei einer Tasse Tee zu sitzen. Morgen früh können wir dann ja unsere Ideen zusammentragen und miteinander vergleichen, was zwischen unsern Überlegungen miteinander stimmt oder nicht stimmt.«

»Das mit der Zigarre und dem Glas Grog ist unbedingt eine Idee, und zwar eine, die mir wirklich auch schon unbestimmt im Sinn geschwebt hat. Gute Nacht, Mutter Cruse.«

»Gute Nacht, Uhusen.«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 404-413.
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