Zweiundzwanzigstes Kapitel

[422] Verschlafen hatten die die Zeit nicht. Sie kamen nur einfach, ohne ihr Verschulden, um ein paar Minuten zu spät – der Schmied von Jüterbog nämlich und der Enkel des Leutnants Hegewisch. Die Mutter Cruse hatte überhaupt nicht gekonnt, denn die kleine Paula fieberte nun doch ein wenig, und Frau Wendeline hatte ja auch, irgendein Hindernis vorausahnend, gestern abend bereits ihre Handvoll Erde auf den Leib Erdwinens gedeckt.

Es war der Droschkenkutscher vom vergangenen Tage, der die Hauptleidtragenden von der Stadt herführte. Uhusen hatte ihn sich, ehe er ihm Brokenkorb zur Heimfahrt überlieferte oder überließ, nach seinem Wirtshaus bestellt, und der Mann, der seinen Fahrgast schon ganz richtig nach seinem »nobeln Gemüte taxierte«, war auch pünktlich gewesen. Pünktlich wie der Tod, also viel pünktlicher als Armendoktor. Armenvorsteher, Armentischler und Armenleichenfuhrmann und so weiter in den letztvergangenen Tagen. Aber ändern konnte er an dem Dinge nichts; – zu spät kam der gute Peter noch einmal in Erdwines irdischen Angelegenheiten.

Sie, das heißt Wolf Wermuth und er, der Peter aus der Fremde, fanden, wie Lochner sich ausdrückte, das Gedränge schon in seiner Blüte.

»Eine halbe Stunde macht da einen Unterschied, mein lieber Herr«, sagte Lochner; »aber zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen sagen, daß Fräulein alles recht dezent besorgt hat und daß wir[422] unserseits Buch unser möglichstes getan haben, der traurigen Angelegenheit einen beruhigungsvollen Beschluß zu verleihen. Die Frau ist im Frieden, und das Fräulein hat seinen Kranz mit Rührung niedergelegt. Mit dem Säbel wußte sie freilich nicht so recht wohin.«

Peter hielt den Knaben am Handgelenk, während er ärgerlich-zornig-niedergeschlagen ob seiner Versäumnis dem Kirchhofswärter durch die engen Gänge zwischen den Gräbern folgte. Nun blieb er stehen und fragte, grimmiger aufsehend: »Mit welchem Säbel?«

Doch der Junge rief: »Mit meinem! Mit meines Großpapas Degen! Sie hat es mir versprochen, daß sie ihn mir wiederschaffen würde, und sie ist mit ihm hiergewesen und hat Wort gehalten!«

»Und dem Albin muß sie vor Tagesanbruch auf die Bude gerückt sein!« rief der Schmied von Jüterbog. »Das Mädchen ist toll oder klüger als wir alle; oder – sie ist beides zu gleicher Zeit, was das wahrscheinlichste ist. O Hofrat, Hofrat – Doktor, Doktor Brokenkorb, geh um Menschengefühle und Menschenkenntnis bei dem Kinde in die Schule. Geh du auch bei ihr in die Schule, Peter Uhusen!«

Sie standen nunmehr wieder auf dem Flecke der Armen und fanden von Frau Erdwine Wermuths Erdenleben kein ander Zeichen mehr als den Kranz mit den weißen Papierblumen auf der frisch aufgeschütteten Erde. Lochners »Kollegen« waren dicht dabei schon mit ihrem Nachbar im Frieden des Herrn beschäftigt, und ziemlich laut dabei. Der Schmied von Jüterbog konnte nur grimmig-kläglich dem betäubten Knaben über Stirn und Haar streichen und murmeln: »Da steht man nun mit seinen eigenen saubern Gefühlen eines durchgefallenen Komödianten.«

Wolf weinte, und der Weise, der Soldat, der Weltmann und der Weltwanderer hob ihn auf den Arm und seufzte: »Du armer, kleiner, wirklicher Held, wie bald wird auch für dich die Gewißheit gekommen sein, daß du nichts als eine Rolle abspielst!«

Lochner wußte nicht anzugeben, wohin die junge Person sich mit dem Degen des Leutnants Hegewisch gewendet habe.[423]

»Sie wird sich aber schon wieder einfinden«, meinte er. »Die verliert sich so leicht nicht. Ich habe hier mein Geschäft gehabt und konnte natürlich nicht auf sie allein achten. Und sie hatte Furcht vor der Polizei und meinte, die Sonne käme ihr ein bißchen zu sehr durch die Wolken; vielleicht gäbe es gar noch einen ganz klaren Tag, und dies sei ihr ausnahmsweise ein bißchen ungemütlich. Dem jungen Herrn hier, wenn ich nicht irre, läßt sie aber bestellen, er solle sich nicht mehr zu arg grämen um seine Mama, sie habe es gut jetzt, was ja auch richtig ist. Und was das alte Eisen anbeträfe, so sei das in guten Händen. Nach der Stadt zurück ist sie nicht. Ihre Papiere scheint sie nicht so recht in Ordnung zu haben.«

Daraufhin bekam der Mann sein Trinkgeld, und Peter Uhusen und Wolfram Wermuth ließen ihn bei seinem Amt in seinem wunderlichen Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und wendeten sich ihresteils nach der Stadt zurück, der Schmied von Jüterbog mit seinen Papieren ausnahmsweise in Ordnung, der Erbe des Leutnants Hegewisch ohne alle Papiere. Wir aber wir werfen einen zweifelnden Blick über unsere Papiere und seufzen sorgenvoll.

Dem Pindar und den übrigen alten Griechen läßt sich ja wohl beikommen, wenn man sie mit Ausdauer Tag und Nacht durchblättert; aber – aber was hat es uns hier geholfen, durch Tage und Nächte den künstlerischen Geheimnissen nachgeschlichen zu sein, uns ihnen nachgeschleppt zu haben?

Von Tage zu Nacht und von Nacht zu Tage wurden die Wendungen in dem großen Buche unbegreiflicher. Je mehr Siegel aufsprangen, desto fragmentarischer wurde das Ganze; und wir – wir haben durch all unser Studium dem ungeheuern Gedicht nicht den harmonischen Abschluß abgewonnen. Mit dem jüngstgeborenen Kind stimmen wir nur in den furchtbaren Angstruf der Menschheit nach derartiger ästhetischer Befriedigung ein. Was unsere Papiere anbetrifft, so haben wir ja Gott sei Dank nur

1. den Kindern der armen Erdwine zu einem behaglichen Unterkommen und einer anständigen Erziehung zu verhelfen;

2. die Lage der Frau Wendeline Cruse zu verbessern;[424]

3. Rotkäppchen einfach zu bessern;

4. den Hofrat Brokenkorb mit einer der Töchter des Kommerzienrats im Stockwerk unter ihm zu verheiraten und –

5. den braven Peter Uhusen, genannt der schwarze Peter, alias der Peter aus der Fremde, alias Herr Schmied aus Jüterbog, ein heiteres, gemütliches Schlußwort sprechen zu lassen.

Nicht wahr? –

Es ist acht Tage nach den vier Tagen, in welchen die stille Hauptperson dieser Geschichte »über der Erde stand« und alles ruhig über sich und ihre Kinder ergehen ließ. Letzteres ein Zeichen, daß sie selber persönlich vollkommen in Sicherheit war, während um sie her so viele und mancherlei schauerliche und schöne Bewegung war. Nun sind wir wieder in dem Geschäftslokal von Frau Wendeline Cruse und finden unsere vornehme große Dame allein zu Hause; denn Peter Uhusen war mit den Kindern in der Affenkomödie, was in Anbetracht der Umstände hie und da vielleicht recht unpassend erscheinen kann, worin jedoch die Mutter Cruse nicht das mindeste Unschickliche fand.

»Ja, gehen Sie nur mit den Würmern, Uhusen«, hatte sie gesagt. »In ihrer Mutter Namen, soviel als möglich hinein mit ihnen in das Licht, die Sonne, das Lachen! Was können wir ihrer Mutter Besseres zuliebe tun, als die Kleinen so rasch als möglich und so oft als möglich wieder zum Lachen zu bringen?«

Es war gegen acht Uhr abends und die Witterung draußen nicht besser als ihr Ruf um diese Jahreszeit. Aber in dem Lumpen-, Knochen- und Alten-Eisen-Keller war es ganz außergewöhnlich gemütlich.

Es war Ordnung darin geschaffen und durch Ordnung Raum gewonnen worden. Ein Tisch mit einem Teppich hatte sich angefunden, eine gute Lampe erhellte das Gewölbe, und der Lehnstuhl der Frau Wendeline war aus dem Kämmerchen an den warmen Ofen im Vorderraum gerückt worden. Es roch sogar nach Kölnischem Wasser in dem Keller. Die gnädige Frau hatte den Boden damit besprengt, und im grauen bürgerlichen Matronenkleide saß sie mit ihrem Strickzeug im Schoß in ihrem Sessel und[425] rieb, statt zu stricken, von Zeit zu Zeit die liebe kluge Stirn mit der Nadel.

Mit der Handarbeit hatte es selten bei ihr viel gebracht, aber an diesem Abend brachte es trotz des besten Vornehmens gar nichts! Mutter Cruse hatte in ihrer Einsamkeit viel zu große Gesellschaft bei sich, sie hatte viel zuviel zurück und vorwärts zu denken, um bei der Sache, nämlich dem Strumpf, bleiben zu können.

Wie sie sich für ihr Teil mit der Vergangenheit abgefunden hatte, haben wir erfahren. Das Beste daraus hatte sie in Sicherheit, und das weniger Angenehme verstand sie in den Winkel zu schieben und fest zuzudecken, im Notfall auch mit Lumpen, Knochen und altem Eisen.

Aber die Zukunft?

Ei, wer hatte sich je sowenig Sorgen um die gemacht wie die Mutter Cruse. Da hatte doch das wundervolle Licht in ihr zu jeder Zeit genug Helle vor ihre Füße geworfen, daß sie ihren Weg von frühester Kindheit bis in das Greisenalter fand, ohne sich vor dem »dummen Spuk im Dunkeln« wie andere zu fürchten.

Und hatte sie nicht recht gehabt in ihrer gottgegebenen Tapferkeit und Unbefangenheit, Schlauheit und Weisheit? War es nicht wieder glorreich, wie auch diesmal die Komödie zu einem befriedigenden Abschluß kam? Erfinden konnte das kein Poet, kein Dramenschreiber; aber erleben konnte man es, wenn man wie Wendeline Cruse hier nur ruhig und gelassen jeden Tag nahm, wie er sich an den vorhergegangenen anschloß.

Sollten die Augen der alten Dame nicht seltsam leuchten, wenn sie in diesem Dämmerstündchen der Mitspielenden der letzten Tage gedachte? An alle zusammen, wie sie diese göttliche Komödie als Ganzes zur Darstellung brachten – an jeden einzelnen, wie er sich zu seiner Rolle schickte?

Der Schmied von Jüterbog! Wie konnte man, wenn man Wendeline Cruse hieß und einst seine Direktorin gewesen war, an diesen Menschen denken, ohne zu weinen und zu lachen, und zwar das erstere noch fröhlicher als das andere? Tausend tolle[426] und wilde Erinnerungen von beiden geographischen Hälften der Erdkugel steckten hier doch die Koboldköpfe aus der Vergangenheit und verlangten grinsend, mit in die Zukunft hinübergenommen zu werden. Dieser Bursche! Wie aus der Versenkung herauf! Und dabei sollte man Strümpfe stricken? Diesen Strumpf aus rosa Wolle, diesen Kinderstrumpf?

Jawohl, jawohl! Zehntausendmal jawohl!

Die Fürstin von Messina mochte die Mutter Cruse mit einem Loch in der Ferse am eigenen Strumpf gespielt haben, ohne »daran zu denken«; aber das närrische, liebe Geschöpfchen, dem sie die letzten Nächte durch einen warmen Platz in ihrem Bett eingeräumt hatte, konnte man nicht mit einem Loch im Hacken durch die Welt laufen lassen. Nein, lieber noch barfuß!

Die Nadeln klirrten jetzt heftig, wie die Frau Direktorin der Kinder gedachte, die ihr so unvermutet aus den Soffitten am Faden in ihren Keller hinuntergelassen worden waren. Mit den urgroßmütterlichsten Ahnfraugefühlen saß und sah und – strickte die Greisin, die ins alte Eisen herabgesunkene Komödienmutter, in eine ganz und gar von Sonnenschein erfüllte Welt hinein und schüttelte nur von Zeit zu Zeit den Kopf und murmelte: »Armer Schmetterling! Arme Erdwine!«

Aber welche ahnungs- und erinnerungsvollste Großmama kann immer stricken? Es standen noch andere Leute aus dem Zugstück der letzten Tage – nicht etwa auf einem andern Blatt, sondern auf demselben Zettel. Der Hofrat Dr. Brokenkorb und das arme Rotkäppchen zum Beispiel.

Mit dem Gedenken an den einen ließ die Frau Wendeline ihre Arbeit wieder im Schoße ruhen und sprach nach einer Weile mit dem gediegensten Nachdruck: »Dieser Esel, dieser – Uhusen!«

Mit dem Gedenken an die andere stand sie auf aus ihrem Sessel, schritt dreimal durch das Gewölbe, setzte sich wieder, warf Strumpf, Nadeln und rosarotes Wollknäuel auf den Tisch.

»Das Mädchen, das Mädchen! Habe ich diese ganzen Tage und Nächte durch an etwas anderes denken können als an dies verrückte Mädchen?«

Dem war wohl nicht ganz so. Die Mutter Cruse hatte sich während[427] der letzten Tage und Nächte nicht bloß mit dem Rotkäppchen beschäftigt; aber berechtigt waren der Ausruf und die Frage doch. Es war viel Kopfzerbrechens ob des Verschwindens und wegen des Verbleibens der jungen Dame in dem Keller der Mutter Cruse zwischen den Lumpen, Knochen, Glasscherben und beim alten Eisen gewesen. Nur der kleine Wolf hatte ruhig gesagt: »Sie hat nie gleich Zeit zu allem; und was sie versprochen hat, das hält sie. Stehlen tut sie nicht; sie hat nur nicht gleich kommen können. Sie hat Mama oft unser Mittagsbrot versprochen und ist erst am Abend oder am andern Tage damit gekommen.« –

»Das gute Mädchen!« seufzte die Mutter Cruse, auf das dumpfe Getön und Getöse der Stadt, das von der Gasse herab in ihre Tiefe drang, unwillkürlich hinhorchend, als erwarte sie eine Antwort auf ihren Seufzer von dorther: ein helles, tolles, leichtsinniges Lachen oder ein verhaltenes Weinen oder einen kreischenden Schrei um Hülfe.

Von dergleichen ließ sich nun nichts vernehmen; aber die Kellertür wurde in diesem Augenblicke geöffnet, und jemand zögerte einen Moment in der offenen Tür und ließ einen so heftigen Zugwind ein, daß die Lampe der Frau Wendeline flackerte und beinahe ausgeblasen worden wäre. Dann glitt es leichtfüßig, unhörbar, zierlichst die Treppe herunter, und wieder fiel der Lichtschein der wieder beruhigten Flamme auf einen kleinen Stiefel und einen weißen Strumpf. Mit einem Sprung stand nun der abendliche Gast vor dem Lehnstuhl der alten Dame, sank mit einem Knickse wie bei einer Vorstellung bei Hofe zurück, schüttelte aus den Locken und der mit weißem Pelzwerk besetzten Theaterkapuze ein Gesprüh von Regentropfen umher und rief mit frischer, zaghaft-vergnüglicher Stimme: »Gnädige Frau – oh, Mutter Cruse! Guten Abend denn endlich, Madamchen!«

»Na freilich – endlich! Wenn du's wirklich bist!« rief die gnädige Frau, von neuem Strumpf, Stricknadeln und Wollgarn vom Schoß streifend und in ihrer ganzen Höhe sich aus ihrem Sessel erhebend.

»Nur auf einen Augenblick –«[428]

»Wo hast du gesteckt? Weshalb hast du uns so auf dich warten lassen? Rede mir nicht bloß von einem Augenblick! Hast du etwa zu viele Leute in der Welt, die so nach dir suchen, wie ich und der lange Peter und der kleine Wolf die letzte Woche nach dir ausgesehen haben?«

»O großer Gott, nein, nein! Aber wo soll ich die Zeit denn für alle zu gleicher Zeit hernehmen, liebste gnädige Frau. Ich hab mir selber doch erst wieder heraus- und aufhelfen müssen, ehe ich das Liebste und Allernotwendigste besorgen konnte. Sie waren mir ja grade diesmal zu scharf auf den Hacken. Pudelnaß bin ich mit dem Strick um den Hals wieder ans Land und zu Gnaden gekommen; aber einerlei – davon müßte ich viel mehr reden, als die ganze Geschichte wert ist. Also vor allen Dingen das Wichtigste – da

Sie stand nun im vollen Lichtschein, durchaus nicht abgejagt, zerzaust, verhungert, fieberfröstelnd, wie sie vor acht Tagen auf den Ruf »Rotkäppchen! Rotkäppchen!« in der Schulzenstraße erschienen war. Unter ihrem Mantel hervor reichte sie der Frau Wendeline den Degen des Leutnants Hegewisch hin und schluchzte: »Nur ein bißchen verrostet; Wolf braucht ihn aber nur ein bißchen zu putzen, und er ist so blank wie vorher. Ich konnte doch die dumme Mordwaffe nicht in alle Ewigkeit mit mir herumschleppen, und so hat sie ein paar Tage draußen in der Heide in 'nem Busch gesteckt. Mir war zu schlimm zumute allein am Sarge der Frau Wermuth, als daß ich gleich wieder unter die Leute gehen konnte. Die blaue Schleife hier am Griff soll ein Andenken an mich sein; aber sie ist natürlich leicht abzuknüpfen, wenn Sie es für besser und schicklicher halten sollten, Mutter Cruse.«

»Jetzt nimm vor allen Dingen erst deinen Mantel ab und setze dich, törichte Kreatur, daß man ein vernünftiges Wort mit dir reden kann!« rief die Frau Wendeline.

»Rein unmöglich, gnädige Frau. Meine Droschke hält draußen an der nächsten Ecke, und – ich habe – versprochen, um neun Uhr – zu Hause zu sein.«

»Zu Hause!« murmelte die Mutter Cruse. Sie schritt wie ratlos,[429] kopfschüttelnd in ihrem aufgeputzten Geschäftslokal hin und her, von Zeit zu Zeit einen der Säcke voll Erdenkehricht mit der Hand berührend oder mit dem Fuße ein Stück alten Eisens mehr aus dem Wege schiebend. Plötzlich blieb sie vor ihrem Gast stehen, zog ihm den Mantel von den Schultern, setzte sich wieder, zog wahrhaftig wie eine Mutter, eine Mutter in Schmerz und Angst, das arme Mädchen auf den Schoß und hielt es, wie man einen gefangenen, scheuen Vogel hält, und rief:

»Kind, laß uns verständig zusammen reden! Laß dir wenigstens erzählen, was wir in den letzten Tagen über unsere nächste Zukunft vorläufig beredet haben. Weshalb bist du nicht früher gekommen, um dein Wort dazu zu geben? Du hattest wohl das Recht dazu dir erworben. – Nun haben wir uns notdürftig in die Verantwortlichkeit, die uns das Schicksal auf den Hals geladen hat, gefunden. Die Mutter Cruse schließt einmal wieder ihr Geschäft, zieht ihr Schild ein und begleitet den Schmied von Jüterbog und die Kinder der Witwe Wermuth nach Untermeidling bei Wien. Kind, Kind, man braucht nie die Rolle, die man eben spielt, für die allerletzte zu halten. Wie hätte ich vor acht Tagen noch mir einbilden können, daß ich heute schon die Großmama mit allen Rechten und Pflichten zu agieren haben würde? Was sein würde, wenn des langen Peters liebes armes Donauweiblein nicht unter dem grünen Rasen läge, kann ich nicht sagen. Das gäbe der Geschichte wieder eine andere Nase. Der Mensch hält sich in seiner Lebensnot doch immer an das Nächste. Nun haben die Kinder der armen Erdwine nach meines Peter Uhusens Rockschößen gegriffen; und dem Schmied aus Jüterbog, der sich in seinem Leben nicht vor Tod und Teufel gefürchtet hat, bleibt nichts übrig bei seinem weichen Gemüt, als sich an meinen Rock festzuklammern. Eine sonderliche Wirtschaft wird das werden aber – eine feine, saubere soll es werden – bei den unsterblichen Göttern und dem alten Eisen in der Welt! – Und weißt du, Mädchen, daß der verrückte Gesell, dieser Uhusen und Schmied aus Jüterbog, einen Augenblick der Meinung war, dich mit in das neue Leben zu nehmen?«

»Das haben Sie ihm doch wohl ausgeredet, gnädige Frau?«[430] sagte Rotkäppchen leise und mit der Hand über die Stirn und Augen fahrend. »Ich bin schon in Wien gewesen – was sollte ich da bei Ihnen und den Kindern und dem liebsten alten Eisen, dem Herrn Schmied aus Jüterbog, oder welchen Namen Sie ihm sonst verleihen, zunutze sein? Oh, lassen Sie mich los, Mama Cruse lassen Sie mich laufen – diese Kellerluft erstickt mich! Ich schwimme ja wieder oben, und dem Herrn Hofrat Brokenkorb habe ich dermaßen die Leviten gelesen, daß er fürs erste bei allen seinen Bekanntschaften sich meiner annehmen wird. Oh, wir sind ja auf einen recht guten Fuß gekommen. Ich habe die Geschichte der letzten Tage noch einmal ganz genau mit ihm durchgesprochen. Auf seine Tränen gebe ich sowenig wie auf seine öffentlichen Reden; aber seine Bekanntschaft hat mir wieder an die Oberfläche geholfen. Lassen Sie mich los! Was soll ich unter euch großen Damen und vornehmen Männern und lieben Kindern? Grüßen Sie die Kinder, aber nur von – einer – unbekannten Freundin ihrer Mama! Grüßen Sie Herrn Schmied aus Jüterbog vom Rotkäppchen, und – Sie – Sie – o Mutter, Mutter – liebe Mama, legen Sie bei dem lieben Gott ein gut Wort für mich ein, daß er mich jung wegnimmt von seiner Erde – ich passe, ich passe nicht in sein – altes Eisen!«

Sie hatte sich losgewunden, sie war entschlüpft, und einige Augenblicke später hielt der Wagen, der Peter Uhusen mit den Kindern Erdwine Wermuths aus der Affenkomödie zurückführte, vor der Tür.

»Der Degen des Leutnants Hegewisch ist eben zurückgebracht worden, Uhusen,« sagte Frau Wendeline Cruse, ihre Augen trocknend. »Wir haben über Knochen, Lumpen und altes Eisen in der Welt noch manches zu reden, wenn die Kinder schlafen werden.«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 422-431.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Im alten Eisen
Im Alten Eisen; Eine Erzahlung
Sämtliche Werke: Raabe, Wilhelm, Bd.16 : Pfisters Mühle; Unruhige Gäste; Im alten Eisen: Bd 16 (Raabe, Samtliche Werke)

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Über den Umgang mit Menschen

Über den Umgang mit Menschen

»Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. – Das heißt: Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.« Adolph Freiherr von Knigge

276 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon