Wilhelm Raabe

Stopfkuchen

Eine See- und Mordgeschichte

[435] Wieder an Bord! –


Es liegt mir daran, gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen oder darzutun, daß ich noch zu den Gebildeten mich zählen darf. Nämlich ich habe es in Südafrika zu einem Vermögen gebracht, und das bringen Leute ohne tote Sprachen, Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie eigentlich am leichtesten und besten zustande. Und so ist es im Grunde auch das Richtige und Dienlichste zur Ausbreitung der Kultur; denn man kann doch nicht von jedem deutschen Professor verlangen, daß er auch nach Afrika gehe und sein Wissen an den Mann, das heißt an den Buschmann bringe oder es im Busche sitzenlasse, bloß – um ein Vermögen zu machen.

»Geben wir den Beweis aus der ›Verhängnisvollen Gabel‹, Eduard, daß wir immer noch unsere Literaturkunde am Bändchen haben!« Eduard ist nämlich mein Taufname, und Mopsus heißt bei August von Platen der Schäfer in Arkadien, welcher »auf dem Vorgebürg der guten Hoffnung mit der Zeit ein Rittergut zu kaufen wünscht und alles diesem Zweck erspart«.

»Wie kam er drauf?« fragt Damon, der Schultheiß von Arkadien, und dieselbe Frage an mich zu stellen, ist die Welt vollauf berechtigt.

Aber vielleicht weiß grade sie das mir mitzuteilen! Wie kommen Menschen dahin, wo sie sich, sich besinnend, zu eigener Verwunderung dann und wann finden?

Ich an dieser Stelle kann nur so viel sagen, daß ich glaube, den Landbriefträger Störzer als dafür verantwortlich halten zu dürfen. Meinen alten Freund Störzer. Meinen alten guten Freund von der Landstraße der Kinderzeit in der nächsten Umgebung [436] meiner Heimatstadt in Arkadien, also – von allen Landstraßen und Seewegen der weitesten Welt.

Nachdem man also seinen Berechtigungsgrund, im alten Vaterlande mitzusprechen, wo gebildete Leute reden, auf den Tisch gelegt hat, kann man hoffentlich weitergehen. Dieses tue ich jetzt mit der Zwischenbemerkung, daß ich absolut nicht sagen kann, ob ich für das heutige Vaterland bloß nur allein orthographisch noch recht oder richtig schreiben kann. Es sind selbst in dieser Richtung während meiner Abwesenheit zu große kleine Leute am Werke gewesen und können unter polizeilicher Beglaubigung das wundervolle ironische Wort des französischen Erbfeindes gebrauchen: Nous avons changé tout cela. Das haben wir am verkehrten Ende aufgenommen, sagt freilich leider der deutsche Mann nicht! Der nimmt immer die Sache ernst, vorzüglich wo sein Vorteil, sein Ehrgeiz oder seine Eitelkeit mit im Spiel ist.

Aber es ist doch hübsch im Vaterlande, und wenn dem nicht so wäre, so würde ich dieses sicherlich nicht der Rückreise-Unterhaltung wegen an Bord des »Hagebucher« auf den langen Wogen des Atlantischen Ozeans niederschreiben. Zum wenigsten werde ich mir, wenn das Wetter gut bleibt, dreißig nicht ganz unnütz verträumte Seefahrtstage – von Hamburg aus gerechnet – durch die ungewohnte Federarbeit verschaffen. Wie aber würden sich meine Nachbarn am Oranjefluß und im Transvaalschen über unsern gemeinsamen Vetter Stopfkuchen wundern und freuen, wenn sie das Kajüten-Gekritzel lesen könnten, so sie es in die Hände kriegten! Zu dem letztern ist aber sowenig eine Aussicht wie zu dem erstern, und unser Präsident, mein guter Freund daheim im Burenlande, hat wirklich auch wenig Zeit zu so was, sonst täte er mir wohl den Gefallen und sagte mir seine Meinung über mein Manuskript.


Es war eine sternenklare Nacht, und wir waren auf dem Heimwege. Nicht nach dem Kap der Guten Hoffnung, sondern vom »Brummersumm«. Einer gottlob unter einem ganzen, ja auch unter einem halben Dutzend deutscher Männer hat immer Astronomie [437] ein wenig gründlicher getrieben als die übrigen und weiß Auskunft zu gehen, Namen zu nennen und mit seinem Stabe zu deuten, wo die andern vorübergehend in der schauerlichen Pracht des Weltalls verlorengehen und kopfschüttelnd sagen: Es ist großartig.

Man kann in vielen Wissenschaften Bescheid wissen und sich doch bei passender, stimmungsvoller Gelegenheit belehren lassen müssen, wo der Sirius zu finden ist, wo die Beteigeuze und wo der Arktur und der Aldebaran. Die den Orion kennen, sind den andern schon weit voraus; denn auch was die Sternbilder anbetrifft, tappen die meisten im dunkeln. So allein und einfach wie mein Südliches Kreuz steht das nicht am Himmel, und wenn nördliche Männer den Großen Bären zu finden wissen, ist das schon viel, doch verfallen auch hierbei nicht üble Kenner manchmal in den Irrtum, daß sie den Polarstern ihm zurechnen und nicht dem Kleinen Bären.

Wir sahen auf dem Heimwege vom Brummersumm nach den Sternen. So gegen Mitternacht, wo sie dann und wann am schönsten zu sehen sind und einer am wenigsten bei seiner Betrachtung gestört wird. Zu den Stunden auf einem Feldwege allein mit den noch übrigen Genossen seiner Jugend zu sein – das ist etwas! Wovon man reden mag, ob Politik, Börsengeschäften, Fabrikangelegenheiten, Ästhetik: jeder Mann und berufenste Mitredner in allem diesen darf ungehöhnt sein gescheitestes Wort abbrechen und aufblinzelnd bemerken: Da liegt doch auch was drin! – Nachher darf er natürlich eine Prise nehmen, wenn er schnupft; ich für mein Teil rauche und zünde mir gern beim Anblick des unendlichen Heeres der himmlischen Lichter eine frische Zigarre an, denn das leuchtet doch auch, und der Mensch auf Erden ist darauf angewiesen, gegen alles und also auch gegen das »Übermaß der Sterne« zu reagieren.

Jaja, und wenn man auch noch ein Deutscher älterer Generation ist, so bleibt man doch am liebsten bei dem Nächstliegenden, dem angenehmen Abend, der guten Gesellschaft, und was sonst so dazu gehört, wenn man sich auch, der Abwechselung wegen, einmal auf »Siriusweiten« in das Glitzern und Flimmern überm [438] Kopfe davon entfernt. Und das ist unser gutes Erdenrecht. Es ist uns, wenigstens fürs erste, wichtiger, zu wissen, was für Menschen hier mit uns leben und mit welchen von ihnen man es zu tun gekriegt hat, eben kriegt und morgen kriegen wird, als herauszukriegen, ob der Mond und der Mars bewohnt sind und von wem oder was. –

Nun mußte mir aber die Weggenossenschaft grade dieses Abends näherliegen als alles, was auf dem Mars, dem Monde, dem Sirius und der Beteigeuze, der Venus und dem Jupiter herumlaufen konnte. Es waren die Leute, mit denen man ging, die einem in der Fremde im Wachen und im Träumen, vorzüglich jedoch im Halbwachen und im Halbtraume, plötzlich vorübergleiten oder sich in den Weg stellen! Die, an welche man lange Jahre nicht gedacht und an die man dann um so intensiver zu denken hat:

I, der und der! Ob der gute alte Kerl wohl noch lebt und es ihm nach Verdienst wohl ergeht? ... Und nun – da – guck den Stänker – den hämischen Schulbankpetzer! Wie kommt mir der Bursche in seinen zu kurzen Hosen und Rockärmeln grade jetzt, hier an dieser Straßenecke am Hafen, in den Sinn, hier unter den Palmen und Sykomoren und andern Mohren und bei der äquatorialen Hitze? Aber es freut einen doch, grade bei der Hitze und unter dem exotischen, heidnischen Niggerpack, daß man in kühlerer Zeit mal mit dem heimatländischen, germanischen Christen zu tun gehabt hat und von ihm mit der Nase drauf gestoßen worden ist, wie treuherzig es in der Welt und unter den Leuten zugeht! ... Herrgott, da kommt ja Meier! ... Meier! Aber wie von einer Teekistenbemalung, mit dem seligen Porzellanturm von Nanking hinter sich! Wie kommt denn der liebe alte Junge und Schafskopf zu dem wundervollen Zopf und dem Mandarinenknopf vierter Rangklasse? ... Herrje, und Stopfkuchen? Wie komme ich denn grade hier auf Stopfkuchen, auf meinen dicken Freund Stopfkuchen, den ersten auf unserer Bank in der Tertia von unten auf gerechnet? Ei, Stopfkuchen! ... Stopfkuchen!

Ich hatte weder in der Stadt noch im Brummersumm alle wieder beieinander angetroffen. Den einen hatte der Tod, den andern [439] das Leben daraus weggeholt. Und was den Brummersumm im besondern anbetraf, so war der eine zu gut verheiratet und der andere zu schlecht, als daß sie noch die gehörige Stimmung für die abendliche, ja manchmal auch nächtliche Gesellschaft und Geselligkeit dort aus ihrem Eheleben hätten herausschlagen können. Einer aber von uns hatte auf den Brummersumm Verzicht geleistet und blieb bei seinem Weibe aus ganz besonderm Grunde, und sein Name oder vielmehr sein Spitzname war:


Stopfkuchen.


Er wird sehr häufig auf diesen Blättern das Wort haben; es war aber auch eine längere Zeit in der alten Schenke die Rede von ihm gewesen und auf dem Heimwege unter dem glitzernden Sternenhimmel und in der langen Pappelallee auch. Ich aber war eine geraume Zeit hinter den andern gegangen, ohne an der Unterhaltung teilzunehmen, und hatte nur wiederum alte Erinnerungen lebendig werden lassen und hatte nur gedacht:

›Stopfkuchen! Und Stopfkuchen auf der Roten Schanze! Eduard, solltest du das dir als den besten Bissen vom Kuchen bis zuletzt aufgehoben haben? Welch ein Gott hat dir den wunderlichen Gesellen und guten Jungen hier bis jetzt aus dem Wege geschoben? Also Stopfkuchen wirklich auf der Roten Schanze! Und wenn sich Afrika und Europa dir morgen in den Weg stellt: du schiebst sie zur Seite und bist morgen so früh als möglich auf dem Wege nach der Roten Schanze und zu deinem dicksten Freunde Stopfkuchen. Also Stopfkuchen wirklich und wahrhaftig auf der Roten Schanze!‹


Ich war, wie gesagt, nach Jahren der Abwesenheit einmal wieder ihr Gast, der Gast der Heimatstadt, im Kruge zum Brummersumm gewesen oder hatte vielmehr endlich einmal wieder daselbst einen Stuhl eingenommen.

Natürlich könnte man hier Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Anmerkungen aus der Tiefe des deutschen Herzens, Busens und Gemütes heraus noch recht erklecklich weiter, und zwar ins [440] Behaglichste ausmalen; man tut es aber nicht, sondern bemerkt nur das Notwendige.

Nämlich als Kind schon begleitete ich meinen jetzt längst verstorbenen Vater dorthin. Er hatte seine Pfeife da stehen, doch dann und wann hatte ich ihm auch eine neue hinauszutragen. Viele Leute werden nun sagen: Der selige alte Herr gab da seinem Jungen ein recht sauberes Beispiel! Und sie haben recht und wissen gar nicht, wie sehr sie recht haben. Er tat es auch und gab mir ein nettes Beispiel – freilich nicht bloß in dieser Hinsicht.

Ich bin also Stammgast des Brummersumms von Kindsbeinen an gewesen und habe schon um dessentwegen mit geheiratet, um gleich dem wackern alten Vater allerlei von dorther an meine eigenen Jungen drunten im »heißen Afrika« weitergeben zu können. Die verwilderten, halbschlächtig deutsch-holländischen Schlingel geben gottlob unter den Buren, Kaffern und Hottentotten manch ein Kulturmoment weiter, was aus dem Brummersumm stammt. Sie sagen dann gewöhnlich dabei: Mein Vater hat's gesagt, und der hat's schon von seinem Vater, unserm Großvater in Deutschland.

Ja, so ein richtiger deutscher Spießbürger in seiner Kneipe!

Man zieht die Achseln nur deshalb über ihn, weil man selbstverständlich stets den unrichtigen für den richtigen nimmt. Wo in aller Welt als wie so im Brummersumm läßt sich denn der Spieß leichter umdrehen, auf daß man die langweilige, die dumme, die abgeschmackte, die boshafte, die neidische Welt drauflaufen lasse? Und wo kann man kräftiger nachstoßen, um das überleidige Untier völlig zu Boden zu bringen?

Wie sich freilich die Frau Spießbürgerin zu dem Brummersumm verhält, das steht auf einem ganz andern Blatte. Auf einem ganz besondern Blatte aber steht, wie sich meine selige Mutter zu ihm verhielt. Erst in reifern Jahren natürlich habe ich den Sachverhalt herausgekriegt durch wehmütig-fröhliche Rückerinnerung, und da ist der Gesamteindruck ein höchst erfreulicher. Das brave Weib hatte sich nicht nur mit dem Brummersumm abgefunden, sondern es ermahnte dann und wann meinen Vater: »Du, es ist wohl Zeit für deinen Abendweg!« Und seltsamerweise [441] geschah dieses am häufigsten dann, wenn Sorge, Kummer und Verdruß unser Haus in der Stadt umkrochen und böser Lebensdunst sich darüber und also zumeist über ihrem teuren Haupte zusammengezogen hatte. Es gibt wohl nichts, was mehr für die Frau und den Brummersumm spricht.

Ich hatte auch an dem Abend, unter dessen Sternkonstellationen diese Blätter sich auftaten, alle möglichen alten Erinnerungen von neuem aufgefrischt. Sie hatten im Brummersumm gemeint, ich sei doch recht schweigsam aus dem Kaffernlande auf Besuch nach Hause gekommen, und sie bedachten wie gewöhnlich nicht, daß man den Mund halten und doch die lebendigste Unterhaltung mit einem, mit mehreren, mit vielen führen kann. Dazu hatte ich wirklich das meiste vernommen, was an diesem Abend um mich her gesprochen worden war, und ein im Vorübergehen rasch und leicht hingesprochenes Gesprächsthema hatte mich in der Tat länger und eingehender beschäftigt und nachdenklicher bei sich festgehalten als die an dern um den alten Tisch herum.

Es gehört nämlich jetzt einer von uns der Kaiserlichen Reichspost als Beamter an, und der erzählte oder gab vielmehr beiläufig in die Unterhaltung hinein:

»Es wird vielleicht einige der Herren interessieren, daß man uns heute angezeigt hat, daß Störzer tot ist. Unser ältester und weitgelaufenster Landpostbote. Es sollte mich wundern, wenn einer hier unter uns wäre, dem er nicht über den Weg gelaufen wäre.«

»I, natürlich!« klang es im Kreise. »Der alte Störzer! Also der hat endlich auch seinen Pilgerstab in den Winkel gestellt.«

»Mit allen Ehren. Volle einunddreißig Jahre ist er gelaufen, und wir haben uns unter dem ersten Eindruck der Nachricht drangemacht und haben es ihm postamtlich nachgerechnet, welchen Weg er in seinem Dienste treu und redlich, ohne einen einzigen Urlaubstag zu verlangen, zurückgelegt hat. Wie viele Male glauben die Herren, daß er hätte rund um die Erde herumgewesen sein können?«

»Da bin ich doch neugierig!« sagte der ganze Brummersumm.

»Fünfmal. Rund um den Erdball. Siebenundzwanzigtausend [442] und zweiundachtzig Meilen in vierundfünfzigtausendeinhundertvierundsechzig Berufs-Gehstunden! Und, wie gesagt, keinen Tag hat der Glückspilz in seinen einunddreißig Dienstjahren ausgesetzt – aussetzen müssen aus Gesundheitsrücksichten. Wie viele der Herren würden gegen seine Beine die ihrigen mit anhängendem Rheuma, mehr oder minder ausgesprochener Ischias, und was sonst so zu den Beigaben einer seßhaften Lebensstellung gehört, mit Vergnügen ausgetauscht haben! Ach, und wenn er sie hätte vererben können!«

»Das weiß der liebe Gott!« seufzten verschiedene der Herren, indem sie noch einmal hinzufügten: »Also der alte Störzer ist tot!«

»Also der alte Störzer ist tot!« hatte auch ich gemurmelt. »Hat sich zur Ruhe gesetzt, nachdem er fünfmal die Weglänge um den Erdball zurückgelegt hat. Hm, hm, den hättest du gern auch noch einmal gesehen und gesprochen vor seinem allerletzten Wege, der nicht mehr zu seinen irdischen, amtlichen gehörte!« – Und ein unbehagliches Gefühl, eine Pflicht und Verpflichtung leichthin versäumt zu haben, überkam mich. »Mußte der Mann es denn diesmal so eilig haben? Konnte er es keinen Augenblick ruhig abwarten, bis du dich auch seiner erinnern würdest, Eduard, um auch ihm seinen ihm zukommenden Freundschaftsbesuch bei diesem deinem Besuch in der Heimat abzustatten?«

»Du mußt dich doch seiner vor uns allen gut erinnern, Eduard?« hatte vorhin einer am Lebenstisch mich gefragt.

»Jawohl, ich erinnere mich seiner sehr gut«, hatte ich geantwortet; und nun sind die folgenden Blätter seinetwegen, Störzers wegen, mit geschrieben worden.

»Jawohl, jawohl, wie gut ich mich seiner erinnere!« wiederholte ich mir, eine halbe Stunde oder eine Stunde später, als ich im Wirtshause, in meinem Absteigequartier in hiesiger Stadt, mit mir und den Heimatseindrücken des eben abgelaufenen Tages allein war. Er, Störzer, gehörte freilich, zu meinen allerbesten Jugendbekannten, und mein Vater war's gewesen, der mich mit [443] ihm bekannt gemacht und auf seinen Umgang hingewiesen hatte, indem er mir riet:

»Sieh einmal, mein Junge, an dem nimm dir ein Beispiel. Der macht sich weder aus dem Wege noch aus dem Wetter was. Und was alles trägt er täglich den Leuten in seiner Ledertasche zu und macht dabei an dem einen wie an dem andern Tage das gleiche Gesicht.«

Der letztere Teil dieser Rede war mir damals wohl etwas dunkel geblieben; heute weiß ich, daß mein seliger Papa vor dem Worte »Gesicht« wohl die dazugehörigen Beiwörter »dumm, gleichgültig, stillvergnügt« unterschlagen hatte. Aber welch ein richtiger Junge achtet nicht einen Menschen, der ihm als ein Muster aufgestellt wird, weil er sich weder aus dem Wetter noch aus dem Wege etwas macht?

»Wo das Kind eigentlich wieder stecken mag?« pflegte in jenen glücklichen Tagen meine arme selige Mutter zu fragen.

Das Kind steckte bei Störzern, seiner Kunst, sämtlichen autochthonen und auch einigen exotischen Vögeln nachzupfeifen, – flöten, – zirpen und – schnarren, bei seiner »Kriegsbereitschaft« Anno achtzehnhundertfünfzig und bei seiner – Geographie. Die Sache war doch ganz klar, so dunkel sie auch einem den Deckel vom Suppennapf abhebenden und vergeblich um sich schauenden Muttergemüt sein mochte. Beiläufig: daß wir ebenfalls zur Post (damals noch nicht Kaiserlichen) gehörten und daß mein Vater in seinen letzten Lebensjahren sogar Herr Postrat genannt wurde, trug wohl auch das Seinige zu dem angenehmen und innigen Verhältnis zwischen mir und Störzer bei. Wir rechneten uns einander, wie man das ausdrückt, zueinander; und auf meinen Wegen nicht um, sondern durch die Welt habe ich niemals ein selten Posthorn zu Ohr bekommen, ohne dabei an meinen seligen Vater, meine selige Mutter und den Landbriefträger Störzer zu denken. Übrigens bekam Störzer auch jedesmal eine Zigarre mit auf den Weg, wenn er dem Vater und mir draußen vor der Stadt begegnete. Da war's wohl kein Wunder, wenn er jedesmal, wo er mich allein traf, zu fragen pflegte:

»Nu, Eduard, wie ist es? Willst du mit? Darfst du mit?« –

[444] Ich hätte ihm doch, wenn nicht zuerst, so doch unter den ersten meinen Besuch machen sollen. Jetzt war es wieder einmal zu spät für etwas. Auch die Kaiserliche Reichspostverwaltung hatte ihr Recht an ihm verloren, holte ihn sich nicht mehr zu neuem Marsch durch gutes und böses Wetter vor Tage aus den Federn oder besser von seinem Strohsack; und ich – ich saß bei meinem Freunde Sichert, dem Wirt zu den Drei Königen, und gedachte seiner, wie man eines gedenkt, zu dem man in seiner Kindheit aufgesehen hat und mit dem man Wege gegangen ist, aller Phantasien, Wunder und Abenteuer der Welt voll.

Man hat so Stunden, wo einem alles übrige Leben und alle sonstige Lebendigkeit zu einem fernen Gesumm wird und man nur eine einzelne Stimme ganz in der Nähe und ganz laut und genau vernimmt.

»Damit ist es nun nichts, Eduard!« hörte ich Störzer ganz deutlich seufzen. Er hatte mir aber, das heißt an dem Tage damals, ein Kuckucksei in einem Grasmückenneste zeigen wollen, und es hatte sich gefunden, daß schon andere Naturforscher vor uns dagewesen waren und daß der Kuckuck die ganze naturhistorische Merkwürdigkeit aus dem Busch in dem alten Steinbruche, rechts abseits der Landstraße und des Postdienstweges, geholt hatte.

Und wieder, von einem andern Tage her, höre ich diese Stimme:

»Siehst du, Eduard, wenn ich heute deine Mutter gewesen wäre, so hätte ich dich an diesem Morgen doch vielleicht nicht mit mir gehen lassen, und wenn es auch hundertmal die großen Ferien sind. Noch hält dies zwar jeder, der nichts davon versteht, für einen recht schönen Tag; aber, aber, ich sage nichts, wie ich die Gegend hier herum und die Wetteraussichten kenne. Mir wölkt es sich trotz allem gegenwärtigen Sonnenschein dahinten und von so ganz herum, aber grade aus unserer Wetterecke hinter Maiholzen, doch ein bißchen zu verdächtig auf. Willst du lieber noch umkehren, Eduard, so tust du vielleicht deinen lieben Eltern und deinem Anzug einen großen Gefallen. Ich will nichts sagen, aber es könnte doch eine Stunde kommen, wo sie dich am liebsten zu Hause wüßten.«

[445] Es ist nicht immer dieselbe Stimme. Es fällt noch eine andere ein, und das ist die meinige, die sich aber noch lange nicht »gesetzt« hat und sich erst in einigen Jahren »setzen« wird.

»In Südamerika ist ein großes Erdbeben gewesen, Störzer. Mein Vater hat es heute früh beim Kaffee aus der Zeitung vorgelesen. Das hat viele Ortschaften übereinandergeschmissen und darunter eine Stadt so groß wie unsere. Donnerwetter, wer da hätte beisein können, Störzer!«

»Hm, Eduard, das sagten Anno fünfzig auch viele von uns bei der großen Mobilmachung, wenn alte Leute, die dabeigewesen waren, von der Schlacht bei Leipzig oder der Schlacht bei Waterloo und den Drangsalen auf den Märschen erzählten. Nachher war's uns allen aber doch recht lieb, daß es diesmal zu nichts Rechtem kam. Das größte Großmaul von uns hatte die Geschichte bloß nur auf dem Exerzierplatz bald satt. Und selbst Karl Drönemann, den sie zu einem reitenden Postillion bei der Kriegspost gemacht hatten, meinte: zu Hause davon nachher zu erzählen, wiege es doch nicht auf, es vorher mit seinem eigenen menschlichen Leben selber durchgemacht zu haben. Das ist wie mit den Reisebeschreibungen. Nimm da nur unsern Levalljang, wie hübsch sich das liest, weil er es so hübsch zu Hause beschrieben hat... Also in Südamerika ist das große Erdbeben diesmal gewesen? Jaja, die Geographie ist doch die allerhöchste Wissenschaft für uns alle von der Post! Wie viele sind wohl umgekommen, Eduard?«

»Na, so an die Hunderttausend. Auf das genaueste kann man das wohl nicht ausrechnen.«

»Hm, ein paar tausend mehr oder weniger! Einer mehr oder weniger! Ja, einer mehr oder weniger – weniger. Eduard, unser Herrgott muß es doch wohl verantworten können. Ist das nicht auch deine Meinung?«

»Das weiß ich nicht; aber ihre dortige Brief- und Paketbestellung muß das höllisch in Unordnung bringen, sagt mein Vater, und da kommt doch sicherlich vieles als unbestellbar zurück. Meinst du nicht auch, Störzer?«

»Einer mehr oder weniger in der Welt.«

[446] »Kaufmann Katerfeld, der da einen reichen Bruder hat, wie meine Mutter sagte, ist auch schon heute beim Kaffee beim Vater gewesen und hat danach angefragt.«

»I, sieh mal, Eduard! Auch einer mehr oder weniger! Ja, diesen auswärtigen Katerfeld, er heißt mit Vornamen Sekkel, kenne ich noch ganz gut aus meinen Jungensjahren. Das muß also in Chile gewesen sein, dein Erdbeben; denn dahin ist der ausgewandert und hat's zum Millionär gebracht. Und das sollten wir alle tun. Er ist unverheiratet geblieben, weil ihn hier eine gewisse nicht gewollt hat. Das kannst du halten, wie du willst, Eduard, denn das ist doch die Nebensache. Sieh, sieh, also der ist mit in das Erdbeben hineingeraten! Ja, da hätte ich in Herrn Samuel Katerfelds Stelle mich auch gleich bei deinem Herrn Vater, dem Herrn Postmeister, nach dem Nähern erkundigt. Aber – das verstehst du noch nicht, Eduard. Also du willst auf gut und schlecht Wetter heute morgen wieder mit. Nun, denn nimm den Weg unter die Füße und laß uns von dem Levalljang sprechen. Das ist doch unser Buch! Und der Welt- und Reisebeschreiber treibt einem die trüben Grillen aus dem Kopf. Und so ein Leben wie der sollten wir alle führen unter den wilden und zahmen Hottentotten. Ich habe wieder die halbe Nacht in dem Buche studiert.«

»Du hast heute eine schwere Tasche.«

»Eine schwere Tasche! ... Ja, was schreiben die Leute! Allein die Rote Schanze, der Bauer von der Roten Schanze! Wer mir im Amte von der Roten Schanze und ihren Poststücken hülfe, Eduard, dem wollte ich auf den Knien für die Erlösung danken. Es ist freilich heute bloß nur die Zeitung. Die trägst du mir wohl wieder einmal über den Graben nach der Schanze hinüber. Nicht wahr, du tust mir den Gefallen? Ich sortiere mir derweilen die übrigen Briefe und ›Gartenlauben‹ und Modenzeitungen an die Herren Ökonomen und Pastöre und Fabrikinspektoren ein bißchen handgerechter diesseits des Grabens.«

Was hätte ich damals nicht dem Landpostboten Störzer zu Gefallen getan?

»Natürlich bringe ich deine Sachen zu Quakatz, Fritze, und [447] wenn er auch noch so sehr sein Sauerampfergesicht mir schneidet und seine wilde Katze mir am liebsten in mein Gesicht springen möchte. Setze du dich dreist untern Baum vor dem Graben und sortiere deine Geschichten. Ich springe schon hinüber zur Roten Schanze und nehme sie mit Sturm, wie Stopfkuchen sie nehmen will. Damit werden wir noch fertig, ehe dein Gewitter heraufkommt, Störzer!«

»Je, so rasch kommt's hoffentlich nicht, Eduard.«

Wir steigen nun, trotz aller schlimmen Wetterzeichen rundum am Horizont, in der Morgensonne wacker zu.

»Eine schwere Tasche!« hörte ich in meinem Absteigequartier zu den Heiligen Drei Königen meinen harmlosen Jugendbekannten Störzer noch einmal stöhnen oder vielmehr seufzen; aber wenn ich auch noch so sehr ein Herz und eine Seele mit ihm war: was kümmerte mich die Korrespondenz der Bauern, der Gutsherrschaften, der Fabrikleute, die er in der Tasche über Land trug? Dafür kroch, flog, lief, schwirrte, leuchtete, flimmerte und glänzte doch allzuviel Wichtigeres sowohl an der Landstraße wie an den Beiwegen. Ja, wenn sich der Kuckuck, die Grasmücke, der Igel, der Hase und diese übrige Gesellschaft, eingeschlossen die Sonne, der Schatten, der Wind, der Regen, der Blitz und der Donner, auch auf schriftlichen Verkehr untereinander durch Störzers Vermittelung eingelassen haben würden, dann hätte es vielleicht noch wundervoller sein können. Aber es war auch so ganz gut, wo der Roggen und der Weizen, die Kornblume und die Klatschrose rundum ohne Dinte, Feder und Papier auskamen und sich ohne fortgeschrittene Bildung innerhalb ihrer Isotheren und Isothermen freundschaftlich und geschäftlich beieinanderzuhalten wußten.

Isotheren! Isothermen! Wie diese gelehrten Worte zu den lieben Namen, den Heimatsnamen von allem, was »auf dem Felde« (»Sehet die Lilien« und so weiter) wächst, paßten, so paßten sie auch zu unserer – übrigen Erdkunde (Geographie) damals. Und doch, was für wundervolle Geographen, Erdkundige, Erdbeschreiber wir damals waren, Störzer und ich! Wir wären die rechten Leute damals für den alten freundlichen und gelehrten [448] Karl Ritter gewesen, wenn er seine Landschaftsbilder auf die große schwarze Tafel hinter seinem Katheder in Berlin malte.

Und wie weit man um diese Lebenszeit auf den paar Stunden Weges von einem Dorf, Pastorhaus und Gutshof zum andern in die weite unermeßliche Welt hinauskam!

Zu Hause, in Neuteutoburg, weiß ich nur zu gut, daß die Welt oder in diesem Falle der Erdball durchaus nicht unabmeßlich ist, sondern daß dieser im Äther schwimmende Kloß gar nicht so dick ist, wie er sich einbildet. Aber wenn ich wenigstens bis zu den Kaffern und Buren und zu einem anständigen Vermögen gekommen bin: wem anders verdanke ich das als dem Landbriefträger Friedrich Störzer und seinem Lieblingsbuch, Levaillants »Reisen in das Innere von Afrika«, aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen von Johann Reinhold Forster?

Wie deutlich ich in den Heiligen Drei Königen die Stimme höre: »Die Geographie, die Geographie, Eduard! Und so ein Mann wie dieser Levalljang! Was wäre und wo bliebe unsereiner ohne die Geographie und solch ein Muster von Menschen und Reisenden? Nimm nur mal an, so Tag für Tag, jahrein, jahraus die nämlichen Wege. Jedes Dorf wie deine Tasche. In jedem Hause, von der ältesten Großmutter bis zum eben ausgebrochenen jüngsten Wurm, alles wie deine eigenen Leute in deinem eigenen Hause! Und aus jedwedem Hause der Ruf: Da kommt Störzer! Und in jedem Hause: Störzer hat die Zeitung gebracht, Störzer bringt 'n Brief! – Könntest du das auf Lebenszeit und immer auf denselben Wegen aushalten, Eduard, ohne deine Gedanken und Einbildungskraft und Phantasien und Lektüre, Eduard? Müßte dir das nicht auch auf die Länge langweilig werden ohne die Geographie?«

»Ne, Störzer! Denn wir haben sie auf dem Gymnasium, und da haben sie mich gestern erst ihretwegen eine Stunde länger in der Schule behalten. Bithynien, Paphlagonien und Pontus wußte ich: aber ich sollte alle alten Staaten von Kleinasien wissen.«

[449] »Das tut mir deinetwegen ja sehr leid, Eduard, aber mir hättest du doch einen Gefallen getan, wenn du sie beim Nachsitzen noch auswendig gelernt hättest, wenn auch bloß für mich.«

»Für dich, Fritze? Nun denn: Mysia, Lydia, Karia, Lycia, Pisidia, Phrygia, Galatia, Lykaonia, Cilicia, Kappadocia, Armenia minor, das sind sie alle; denn Bithynien, Paphlagonien und Pontus habe ich dir schon genannt.«

»Donnerwetter, Eduard, das ist ja grade, als ob du uns Deutsche in allen unsern Unterabteilungen aufzähltest! Es klingt bloß 'n bißchen hübscher und ausländischer. Nun sieh mal, was für ein Vergnügen muß das für dich sein, daß du dieses alles so an der Schnur hersagen kannst und dir dabei was denken kannst, hier auf der Landstraße mit der ganzen altbekannten Umgebung rundherum und da – hier – der Roten Schanze vor der Nase.«

»Campes Reisebeschreibungen sind mir lieber. Und du bist mir auch lieber, Störzer. Mysien, Lydien, Karien, bringe du das da unten in dem dumpfigen Schulstall mal in deinen Kopf und sehne dich mal nicht nach dem Levaillant seinem Afrika und seinen Hottentotten, Giraffen, Löwen und Elefanten. Stopfkuchen haben sie auch mit mir eine Stunde über den Unsinn dabehalten. Der frägt aber nichts nach Afrika. Dem seine tägliche Sehnsucht ist dort die Rote Schanze; na, das weißt du ja.«

»Das weiß ich freilich, und es ist närrisch genug von dem Dicken – deinem närrischen Kameraden. Weißt du, Eduard, wenn ich mir aus der Weltkunde ein Faultier vorstelle, so muß ich mir dabei immer diesen deinen Freund und Schulkameraden mit vorstellen. Der und die Rote Schanze!«


Die Rote Schanze! Ich hatte doch allmählich ein wenig in all diese Erinnerungen, in diesen Wechsel von Stimmen und Gestalten hineingegähnt und das Bedürfnis gefühlt, nun auch Störzern seiner ewigen Ruhe zu überlassen und selber für diese Nacht [450] zur Ruhe zu gehen, als mich dieser Name doch noch eine Weile wach und bei meinem Jugendleben lebendigst festhielt. Die Rote Schanze!

Es überkam mich ein lachendes Behagen über die Rote Schanze in ihrer Verbindung mit dem Dicksten, dem Faulsten, dem Gefräßigsten unter uns von damals.

»Im Bette habe ich sie am festesten am Wickel, Eduard«, pflegte Stopfkuchen zu sagen. »Wenn ich mal träume, dann träume ich von ihr, und wer dann Herr auf ihr ist und keinen Schulrat, Oberlehrer und Kollaborator über den Graben läßt, das ist nicht der Bauer Quakatz, sondern das bin ich. Ich, sage ich dir, Eduard.«

Und in den Traum nahm auch ich sie, die Rote Schanze, mit hinein in dieser Nacht in den Heiligen Drei Königen der Heimatstadt. In diesem Traume sah ich ihn noch einmal in meinem Leben so traumhaft aller Wunder voll, wie ich ihn von der Oberquarta und Untertertia aus gesehen hatte, diesen Bauerhof – diese Rote Schanze, diesen alten, herrlichen Kriegs-und Belagerungs- Aufwurf des Prinzen Xaverius von Sachsen, den Hof des Bauern Andreas Quakatz, aus welchem der kursächsische Herr Prinz in den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts nicht nur die Stadt da unten, sondern auch die hohe Schule, unser Gymnasium, darin so gründlich beschossen hatte, daß sie beide sich ihm sofort übergeben mußten, obgleich er wahrlich nicht der erste und größte Held des Siebenjährigen Krieges war. Der Siebenjährige Krieg war ein paar Jahre länger vorüber als meine und Stopfkuchens Kindheit; aber die Rote Schanze war noch immer vorhanden in diesem Traume, wie sie unser Jungensideal gewesen war.

Da stieg sie auf im wohlerhaltenen Viereck. Nur durch einen Dammweg über den tiefen Graben mit der übrigen Welt in Verbindung! Mit allem, was sie der Knabenphantasie zu einem Entzücken und Geheimnis gemacht hatte: mit den Kanonen und Mörsern des Prinzen Xaver und mit der undurchdringlichen Dornenhecke, die der böse Bauer Andreas Quakatz auf ihrer Höhe um sich, sein Tinchen, sein Haus, seine Ställe und [451] Scheunen und alles, was sonst sein war, zum Abschluß gegen die schlimme Welt gezogen hatte!

Ich höre ein dumpfes Rollen und Krachen in meinen Traum von der Roten Schanze hinein; aber es ist nicht der kursächsische Kanonendonner gegen den König Fritz von Preußen: es ist das Gewitter, bei dem Störzer sagt:

»Es kommt doch noch rascher über uns, als ich mir dachte. Da, Eduard, nun tu mir den Gefallen und lauf zu dem Adressaten Quakatz mit seinen Sachen hinüber. Da, seine Zeitung; – hier auch ein, zwei, drei Briefe. Was der Mann eine Schreiberei um sich hat! Ach, Eduard, und immer ein paar mit den Gerichtssiegeln! Da – das Kind, sein Tinchen kuckt schon um den Torpfeiler! Gib sie ihm ab, die Sachen; ich sortiere hier unter der Hainbuche derweil das übrige, ehe das Unwetter ganz da ist.«

»Was willst du von uns, dummer Junge?« höre ich nun ein feines Stimmchen, das gar böse tut, und zwar inmitten des Gekläffs von einem halben Dutzend vor Wut und Gift außer sich geratener Haus- und Hofköter aller Sorten und Gattungen. Und sie lassen es nicht bei dem Blaffen und Zähnegefletsch. Sie fahren mir nach der Hose und springen mir gegen die Kehle: man hätte das vollste Recht, dabei aus jedem Traume selbst als älterer Herr und südafrikanischer Buer mit einem hellen Schrei zu erwachen.

Ich bleibe aber doch darin, auf dem Damm, vor den beiden Torpfeilern vom Quakatzenhof auf der Roten Schanze, und die Kinderstimme kreischt lachend und höhnisch: »Laßt ihn! Wollt ihr herein! Das ganze Gerichte! Präsendent, Akzesser, Reffrendar! Kusch alle, kusch Geschworener Vahldiek, kusch Meier, kusch Braunsberg, kusch das ganze Geschworenengerichte!«

»Da sind eure Postsachen, eure Schreibsachen und die Zeitung, du Giftkatze!« rufe ich, der rotköpfigen Krabbe des Bauern von der Roten Schanze die Korrespondenz des Bauern in die aufgehaltene Schürze werfend und von dem ungastlichen Anwesen über den Fahrdamm auf das freie Feld und zu der Hainbuche und zu Störzer zurückweichend.

[452] »Komm, Eduard«, sagt Störzer, »wir wollen den Weg zwischen die Beine nehmen, daß wir wenigstens Maiholzen noch trocken abreichen. Da, sieh mal hin, wie es dahinten schon gießt. Das ist nun so 'n schöner Sommertag. Na, gottlob, daß wir wenigstens die Rote Schanze und Quakatz hinter uns haben.«


Nun war es seltsam, wie sich in dieser Nacht in den Heiligen Drei Königen Vergangenheit und Gegenwart im Bett, Schlaf, Traum und Halbtraum vermischten. Es rauschte und rollte wie großer Platzregen und schwerer Donner: ich lag im Bett in den Heiligen Drei Königen als Gatte, Vater, Grundbesitzer und großer Schafzüchter am Oranjefluß und lief zu gleicher Zeit mit dem Landbriefträger Störzer als zwölfjähriger Schuljunge im strömenden Gewitterschauer, unter Blitz und Donner über das freie Feld, um Maiholzen, das gute Dorf hinter der Roten Schanze, zu erreichen – wenn nicht mit trockenen Kleidern, so doch wenigstens bei lebendigem Leibe.

Erst als der Kellner mit dem Rasierwasser kam, erfuhr ich, daß es wirklich gegen Morgen noch ein heftiges Gewitter gegeben habe, und es war wirklich nichts dagegen zu sagen, daß der junge Mann den höflichen Wunsch äußerte, ich möge »die Sache angenehm verschlafen haben«.

Das wirkliche Gewitter der Nacht hatte ich angenehm verschlafen, oder sein Getöse hatte sich doch so sehr mit dem Rollen und Rauschen der Vergangenheit vermischt, daß ein Unterscheiden von Traum und Wahrheit nicht möglich war. Nun aber hatte ich, ehe der Kellner anklopfte, längere Zeit auf etwas anderes horchen müssen, was ebenfalls in Traumbeschreibungen häufig literarisch vorkommt: die Turmglocken der Heimatstadt. Ich hatte es sechs schlagen hören und halb sieben und sieben. Und dabei, grade bei diesem angenehmsten wachen Liegen und Dehnen und Strecken im Bette und dem Glockenklang dieser Stunden, war mir ein anderes von neuem lebendig in der Seele geworden – süß und schauerig lebendig! Die Stunde nämlich, in welcher man in der Schule zu sein hatte – im Sommer [453] um sieben, im Winter um acht und, von mir ganz abgesehen, Stopfkuchen schändlicherweise auch! Stopfkuchen! Er, den »der ganze Quark gar nichts anging, wenigstens ein beträchtliches weniger als den ganzen übrigen Cötus zusammen«.

Er fragte wahrhaftig gar nichts danach, was »die Leute« (er meinte die Herren Lehrer) wußten und lächerlicherweise ihm mitzuteilen wünschten. Er war ganz gut so, wie er war, und kurz und gut, es war eine Niederträchtigkeit, im Sommer um sieben und im Winter um acht »dasein« zu müssen, um sich doch nur mit völliger Verachtung strafen zu lassen, da »alles andere doch nichts half«.

Stopfkuchen! Wahrlich nicht der Kirchenglocken wegen (obgleich er auch den Versuch gemacht hatte, Theologie zu studieren), sondern einzig und allein der Turmuhr halber stieg er mir nun so hell wie Störzer in der Seele empor, mein Freund Stopfkuchen, mein anderer Kindheits-, Feld-, Wald- und Wiesenfreund Stopfkuchen, den ich nur dann seinen Schritt etwas beschleunigen sah, wenn ihn der alte Konrektor mit der Haselnußgerte im Kreise nicht um die Welt, sondern um die schwarze Schultafel und die ungelöste mathematische Aufgabe jagte.

Ja, zu unserer Zeit kriegte man noch die Prügel, die einem gebührten... Gott sei Dank! – »Stopfkuchen« nannten wir ihn auf der Schule. Eigentlich hieß er Heinrich Schaumann und war das einzige Kind so dürrer, eingeschrumpfelter, zaunkönighaft-nervös-lebendiger Eltern, daß die in der Stadt nicht unrecht zu haben schienen, die da behaupteten, er habe in einem Kuckucksei gelegen und sei schändlich doloser Weise dem Herrn Registrator und der Frau Registratorin Schaumann ins Nest geschoben worden. Wie dem auch sein mochte: sie hatten ihn herangefüttert und ihm zu-und in den Schnabel getragen, was sie vermochten; und es war ihm gediehen.

Und wie ein Zaunkönigspaar seine Freude und seinen Stolz an seinem dicken Nestling hat, so hatten auch Vater und Mutter Schaumann ihren Stolz und ihre Freude an ihrem »Dicken« und wollten selbstverständlich auch noch nach einer andern Dimension hin etwas aus ihm machen, nämlich etwas Großes. [454] Natürlich einen Pastor, Regierungsrat, Sanitätsrat oder dergleichen.

»Die Sache könnte mir schon passen, Eduard«, sagte Heinrich damals häufig zu mir. »Wenn nur nicht die verdammten Vorstrapazen wären, das schauderhafte Latein und gar Griechisch und nachher, um einen verrückt zu machen, das Hebräische!« seufzte er dazu und rieb sich nicht selten die Schultern dabei.

»Und die Rote Schanze, Heinrich.«

»Die auch, Eduard, obgleich das nur eine Dummheit von euch andern ist. Na, mir ist's übrigens eins, was ihr Esel von mir sagt und denkt! Und dann läßt sich das auch gar nicht in einem Atem nennen, das Gymnasium und Quakatzen seine Rote Schanze. Herr du mein Gott, wenn mich einer zum Bauer auf der Roten Schanze machen wollte, ich hinge jedes Pastorhaus in der Welt drum an den Nagel und schlüge Kienbaum mit Vergnügen dreimal tot!«

»Aber Stopfkuchen?«

»Jawohl, Stopfkuchen! Nennt mich nur so; ich mache mir auch daraus nichts. Wenn ich Kuchen kriege, so stopfe ich; darauf könnt ihr euch verlassen. Und nochmals, was Quakatzen anbetrifft, so mache ich mir gar nichts draus, was die ganze Welt über ihn spricht. Meinswegen kann er Kienbaum sechsmal totgeschlagen haben; darum bleibt er doch der Bauer auf der Roten Schanze und hat's am besten in der ganzen Welt. Und übrigens, bewiesen ist ihm ja von keinem Gerichte was, und wenn jetzt die ganze Welt auf ihn hetzt, beweist das gar nichts gegen ihn. Auf mich hetzt auch die ganze Welt, und wenn ihr morgen Blechhammern, euern Herrn Oberlehrer Doktor Blechhammer, irgendwo am Wege abgegurgelt fändet, dann könntet ihr dreist auch mir die Geschichte in die Schuh schieben und behaupten, ich sei's gewesen und habe mir endlich das Vergnügen gegönnt und meine Rache ausgeübt. Quakatz auf der Roten Schanze hat ganz recht, wenn er am liebsten seinen Wall vom Prinzen Xaver her auch lieber mit Kanonen als bloß mit seinen Dornbüschen bespicken möchte gegen die ganze Welt, die ganze Menschheit. Hu, wenn ich mal von der Roten Schanze aus drunterpfeffern [455] dürfte – unter die ganze Menschheit nämlich, und nachher noch die Hunde loslassen! Du weißt es, Eduard, und kannst es bezeugen, wie reif ich diesmal wenigstens war. Und sie haben mich doch wieder sitzenlassen und nicht mitgenommen in die Obertertia! Da komme du mal nach Hause und habe Freude an deinen Eltern und sonst am Leben. Ne, da soll man wohl zum Eremiten werden und sich hinter seine Kanonen zurückziehen. Da hilft mir nichts als wie die Rote Schanze und die Idee, daß ich ihr Herr wäre! Du läufst mit Störzern, Eduard, und ich liege vor der Roten Schanze – jeder nach seinem Geschmack –, und ich denke mich, mit der ganzen Welt und Schule hinter mir, in sie hinein, und wie mir da das Rindvieh Blechhammer kommen könnte. Hier – sieh mal her, Eduard! Daß mich Tinchen Quakatz gestern hier in die Hand gebissen hat, die bissige Katze, das paßt mir ganz. Da soll wohl einer nicht beißen, wenn ihm keiner seine Ruhe lassen will? Übrigens hat die Kröte die Maulschelle, die ich ihr darauf versetzt habe, auch gespürt; und als der Alte dazugekommen ist, hat er jedem von uns recht geben müssen. ›Spuckt euer Gift aus‹, hat er gesagt. ›Es ist besser, als es in sich hin einzufressen‹, hat er gesagt. Und wenn einer weiß, wie recht er da gehabt hat, so bin ich das. Auf der untersten Bank zu sitzen und zu all Blechhammers Redensarten keinen Muck sagen zu dürfen, das ist zehntausendmal schlimmer, als Kienbaum nicht totgeschlagen zu haben und doch dafür angesehen zu werden. Ja, sieh mich nur so drauf an, Eduard. Du bist auch so einer von denen, die sich stündlich gratulieren, daß sie nicht der Mörderbauer von der Roten Schanze oder Heinrich Schaumann sind.«

»Da verkennst du mich aber riesig, Heinrich.«

»Gar nicht, Eduard; ich kenne euch nur. – Alle kenne ich euch, in- und auswendig.«


Ich hatte mich rasiert. Nämlich ich rasiere mich selber: da drunten oder da hinten im Kaffernlande könnte man lange auf den Barbier warten, und wenn er einen Vogel Strauß bestiege, [456] um mit seinem Handwerkszeug eiligst von einem Kral zum andern, von einem Bauernhof zum andern zu reiten und die Kundschaft zu bedienen. Die Sonne stand hell am Himmel und schien mir auf den Kaffeetisch. Ich durfte meinem Wirtshausbett in den Heiligen Drei Königen das Kompliment machen, daß ich trotz allem einen ausgezeichnet guten Schlaf in ihm getan hatte, einerlei, wie es zehntausend andern vor mir darin ergangen sein mochte.

Es war ein schöner Morgen heraufgekommen mit Hülfe des Nachtgewitters. So frisch und licht und leicht in seinem Anfang, daß man die Aussicht auf einen neuen heißen Tag wohl mit in den Kauf nehmen konnte.

»Also der alte Störzer ist tot?« seufzte ich behaglich-wehmütig über dem Kaffeetisch und der neuesten Zeitung, die mir der Kellner mit den Worten gebracht hatte: »Unser Herr schickt sie dem Herrn zuerst, weil er meint, sie interessiere ihn wohl zuerst im Hause, da – Sie so weit aus der Fremde nach Hause kämen. Es hätte diesmal Zeit damit, bis sie in das Gastzimmer zu den übrigen Herren herunterkäme.«

In diesem Worte des jungen höflichen Menschen kam auch wieder ein Stück Bekanntschaft aus alter Zeit zum Vorschein. Es war sehr freundlich von mine host in den Heiligen Drei Königen; aber diesmal verlangte mich nicht grade allzusehr danach, das Neueste vom Weltgericht, nämlich von der Weltgeschichte vor die Nase zu bekommen. Ich schob das Tageblatt sehr bald zurück und dachte nochmals:

›Der alte Störzer tot! Schade! Den hast du nun also schon durch eigene Schuld versäumt, Eduard. Also nun heute unter allen Umständen nach der Roten Schanze zu – Stopfkuchen! ... Wie dies alles doch so wieder aufwacht und auflebt, ohne daß man für seine Person weiter etwas dazu tut, als daß man hinhorcht und hinsieht! Stopfkuchen! Was war mir vor vierzehn Tagen noch viel übriggeblieben von Stopfkuchen – meinem alten närrischen Freunde Heinrich Schaumann, dem guten, dem lieben, dem faulen, dem dicken, dem braven Freunde Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen?‹

[457] Und nun hatte ich ihn plötzlich wieder ganz! Gerade, wie ich den eben gestorbenen Störzer wieder ganz hatte. Und es wäre sehr unrecht von mir gewesen, wenn ich dem erstern nicht sofort einen Besuch gemacht hätte – jetzt, da es noch Zeit war. Ich hatte es doch eben wieder an dem letztern erfahren, wie bald man so einen letzten günstigen Augenblick versäumen kann.

Ja freilich, als wir von Schulen liefen, hätte er, Heinrich, zehntausendmal leben und sterben können, ohne daß ich, eigenen Lebens und Sterbens wegen, einen kürzesten Augenblick Zeit für ihn übrig gehabt hätte.

Wir kamen eben voneinander um die Zeit, wo man am allerwenigsten Zeit füreinander hat. Die heutige Leichtigkeit der Korrespondenz tut da gar nichts zu; denn – wer schreibt heute in der Postkartenperiode noch Briefe?

Ich sehe die ganze zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts und ein gut Drittel des neunzehnten den Kopf schütteln und denke an meinem Frühstückstische im Gasthause der Heimatstadt. ›Wenigstens einmal hättet ihr euch doch schreiben können – du und dein Freund Heinrich.‹

Na, alles in allem genommen und dazu ehrlich gesprochen: was man so nennt, zärtlich hatten wir uns auch im persönlichen Verkehr gegeneinander nicht gehalten. Aber was man, und vorzüglich in jener Lebensepoche, gute Schulkameraden nennt, das waren wir doch gewesen, Stopfkuchen und ich. Wer von uns beiden dem andern dann und wann die meisten Haare ausgerauft, die blauesten Beulen und dickgeschwollensten Augen beigebracht hatte, das mochte heute dahingestellt bleiben. Es kam jetzt darauf an, was die Zeit aus dem dicken, guten Jungen gemacht hatte, ob er sich sehr verändert hatte und ob er infolge dieser Veränderung imstande war, jetzt ebenfalls wie seinerzeit der Bauer Quakatz der ganzen Welt und also auch mir die Pforte der Roten Schanze vor der Nase zuzuschlagen, oder ob er nach der gewöhnlichen, verlegen-ratlosen Frage: »Mit wem habe ich die Ehre?« mir beide Hände entgegenstrecken und mit halbwegs dem alten Schulton sagen werde: »Hurrjeses, du bist's, [458] Eduard? Nu, das ist aber schön, daß du dich meiner noch erinnerst!«

In Anbetracht, daß er »weit draußen im Felde« wohnte, hielt ich es nicht für notwendig, die durch Sitte und Gewohnheit festgesetzten groß-, mittel- und kleinstädtischen Besuchsstunden innezuhalten, und war gegen neun Uhr morgens auf dem Wege zu ihm.


Ein wirklich feiner Morgen. In der Stadt hatte die Polizei sich löblichst dafür an die Laden gelegt, daß die Gassen sauber gekehrt worden waren, und draußen im Freien, im »Felde«, hatte Mutter Natur dafür gesorgt, daß sich alles hübsch gewaschen hatte. Ja sie hatte es selber besorgt mit Seife und Schwamm, mit Donner und Blitz; und wie frischgewaschenen Kindern hingen Baum, Busch, Gras und Blume noch die Tränen ob der Operation an den Wimpern, und manchem sah man es auch recht gut an, wie es sich mit Strampeln und Zappeln gewehrt hatte. Aber einerlei, überstanden war's noch mal, und hübsch war's doch jetzt so. Die Welt glänzte, und daß ein frisch wohlig Wehen darüber hinfuhr, machte den Morgen auch nicht verdrießlicher; – drunten im jungfräulichen Kaffernlande bei den Betschuanen und Buren konnte nach einem Nachtgewitter die Landschaft nicht jugendlicher aussehen als wie hier im alten, durch das Bedürfnis ungezählter Jahrtausende abgebrauchten, ausgenutzten Europa.

»Und alles noch ganz so wie zu deiner Zeit, Eduard!« seufzte ich mit wehmütiger Befriedigung. – Dem war aber doch nicht vollständig so.

Da war zum Beispiel bei näherer Betrachtung früher rechts vom Wege, der nach der Roten Schanze führt, ein ungefähr vier bis fünf Ar großer Teich oder eigentlich Sumpf; – der war nicht mehr da.

Früher aller geheimnisvoll wimmelnden Wunder voll, hatte man ihn jetzt zu einem Stücke mehr oder weniger fruchtbaren Kartoffellandes gemacht, und so nützlich das auch sein mochte, [459] schöner war's doch früher gewesen und »erziehlicher« auch. Der Lurkenteich hatte das volle Recht dazu, zu verlangen, daß ich mich mit Verwunderung nach ihm umsehe und nachher schmerzlich ihn vermisse. Solch ein guter Bekannter, ja vertrauter Freund, so voll von Kalmus, Schilfrohr, Kolben, Fröschen, Schnecken, Wasserkäfern, so überschwirrt von Wasserjungfern, so überflattert von Schmetterlingen, so weidenumkränzt und so – wohlriechend. Ja, wohlriechend, ja süß anheimelnd übelduftend, vorzüglich an heißen Sommertagen und wenn man uns in der nachmittäglichen Naturgeschichtsstunde gesagt hatte:

»Im Lurkenteich findet man alles, was zur heutigen Lektion gehört, in seltener Vollständigkeit.«

»Weiß Gott, sie hätten ihn lassen können, wo er war. Sie hätten ihn lassen sollen, wie er war«, murrte ich auf meinem diesmaligen Wege zur Roten Schanze. »Auf die paar Säcke voll Feldfrüchte für ihr Vieh oder sich selber brauchte es ihnen doch nicht anzukommen!«

Es war ihnen aber doch darauf angekommen, und so war heute denn nichts mehr dagegen zu machen, und ich hatte mich einfach in den Verlust zu fügen. Da ich es nicht wußte, was ging es mich an, daß die »Melioration« einen langjährigen, durch alle Instanzen ausgefochtenen Prozeß bedeutete und das irdische Behagen von drei oder vier städtischen Gemüsegärtnerfamilien gekostet hatte?

Da war ein anderer Prozeß, der schon von meinen frühern Jugenderinnerungen her eine ganz andere Bedeutung hatte: der böse Fall Quakatz in Sachen Kienbaum.

Je weiter ich auf dem engen, hübschen Feldwege zwischen den wogenden, morgensonnebeglänzten, feuchtfrischen, der Ernte zureifenden Kornfeldern der Roten Schanze zu wanderte, desto deutlicher kam mir die jetzt so völlig verhallte Aufregung von Stadt und Land meiner Jugendzeit über den Mord an Kienbaum in das Gedächtnis zurück. Mit immer neuen Einzelheiten eine immer interessanter als die andere!

Dreimal hatten sie den damaligen Herrn der Roten Schanze, den Bauer Andreas Quakatz, gefänglich eingezogen, weil sich [460] neue »Indizien« in Sachen Kienbaum ergehen hatten. Und dreimal hatten sie ihn wieder ungeköpft loslassen müssen, den Bauer Quakatz, weil diese neuen Anzeichen und Vermutungsgründe sich doch abermals als das auswiesen, was sie waren, nämlich mehr oder weniger leichtfertige und einige Male auch heimtückisch und boshaft aufgebrachte Verdachtserregungen.

»Ja, Eduard, wer erschlug den Hahn Gockel?« fragte Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, trübselig, kopfschüttelnd und sich hinter den etwas sehr abstehenden Ohren kratzend, als ich mit ihm zum letztenmal nach unserm Abgang von der Schule auf der Höhe des Weges stand, von wo aus man das Kriegswerk des Comte de Lusace, des Prinzen Xaver von Sachsen zuerst – auch heute noch – vollständig in seiner ganzen Wohlerhaltenheit vor Augen hat. Es ist dieselbe Höhe, auf welcher ich im nächtlichen Halb-und Ganztraum anhielt zum Briefsortieren unter der alten Hainbuche gegenüber dem Dammwege, der – heute auch noch – über den Graben zu dem Eingangstore von Quakatzenhof führt.

Die Hainbuche hatte ich nun zu vermissen. Auch sie war wie der Lurkenteich der Melioration, der Feldverbesserung, zum Opfer gefallen. Sie hatte wahrscheinlich für das Bedürfnis der hungerigen Gegenwart zuviel Schatten über das Ackerland geworfen oder zu sehr ihre Wurzeln im Grund und Boden ausgebreitet. Doch, gottlob, die Rote Schanze war noch vorhanden wie sie, freilich wahrhaftig damals nicht zur Melioration der Gegend, im Jahre siebenzehnhunderteinundsechzig aus dem Grund und Boden vom alten grimmigen Maulwurf Krieg aufgeworfen worden war. Und ich stand ihr nun wieder gegenüber und dachte zurück an uns zwei: Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, und mich, und an das, was Stopfkuchen damals aus dem frischesten Miterleben heraus über den Fall Kienbaum contra Quakatz oder Quakatz contra Kienbaum und, was mehr oder weniger damit zusammenhing, über Tinchen Quakatz zu bemerken hatte.

Wie ein angehender Beflissener der Gottesgelahrtheit sah er nicht aus; denn bei den jungen Herren pflegt die Wohlbeleibtheit, [461] die er, Stopfkuchen, schon damals aufzuweisen hatte, erst später zu kommen, wenn sie auf nahrhafter Pfarre am eigenen Tische nachholen, was sie am Freitische seinerzeit versäumt haben. Aber er war gut, herzensgut. Er versuchte es wenigstens, seinen Eltern zuliebe sich in das gedeihlichste Amt der Erde hineinzu-hungern. »Was tut man nicht einer nicht nur verbohrten, sondern auch verweinten Mama und einem wahrhaft wütend auf das nächstliegende beste Brotstudium für den Herrn Sohn erpichten Alten gegenüber? Man will doch dem Greisenpaar nicht die schönsten Hoffnungen knicken. Und etwas wünschen die beiden guten Leute doch auch dafür zu haben, daß sie einen in diese Welt voll abgenagter Knochen, trockner Brotrinden und höchst gesunden, klaren, erquickenden und vor allem billigen Brunnenwassers hineingesetzt haben, Eduard!«

Eben von mir niedergeschriebene und von einem treuen, herzlichen, kindlichen Gemüte zeugende Eräußerungen sind selbstverständlich auch eine Erinnerung. Er tröstete sich nur Von der Sekunda bis zum Abiturientenexamen recht häufig damit. Aber damals – an jenem Tage des Abschiednehmens, wenn nicht von der Jugendzeit, so doch von der Kinderzeit, an jenem Tage, wo wir beiden, ich und er, für lange, lange Zeit zum letzten Male unter Störzers Hainbuche vor der Roten Schanze standen, sagte er ganz was anderes; er sagte:

»Da ist sie! Mitten unter ihrem Kriegsvolk. Nun höre und sieh nur die Hunde, wie sie hier herüberblaffen und uns die Zähne zeigen! Famose Köter! Wenn ich an irgend etwas im Leben meine Freude habe, so sind sie es. Nu guck nur, wie gut sie die Parole gefaßt haben und wie sie es verstehen, alles unnötige Pack vom Tinchen Quakatz und von der Roten Schanze abzuwehren. Sag selber: hätte der lächerliche Musjeh in französischen Diensten, der Herr Graf von der Lausitz, der Herr Prinz Xaver von Kursachsen, den Wall da drüben besser spicken können als der Bauer Quakatz?«

»Nu ja, Heinrich, es paßt eins zum andern: Haus, Hof und Graben – Vater, Tochter und Wachtmannschaft.«

»Das tut's. Gottlob! Und nun will ich dir noch etwas sagen, [462] Eduard, wenn du es mir nicht übelnehmen willst. Nämlich jetzt wär's mir doch lieber, wenn du dich auf dem Wege hierher mir nicht aufgehängt hättest. Den Damon und Pythias, den David und Jonathan, und wie die Musterfreunde sonst noch heißen mögen, hätten wir bei anderer Gelegenheit, auf einem andern Spazierpfade in entgegengesetzter Richtung von der Stadt und der Roten Schanze vor unserer demnächstigen Trennung spielen können. Aber da du ein guter Kerl und wirklich mein Freund bist, so bleib meinswegen, da ich es nicht ändern kann. Aber die Liebe tust du mir und lösest dich möglichst in Luft und unverbrüchliches Schweigen auf, und nachher, drunten in der Stadt, machst du mich in der übrigen Bekanntschaft nicht lächerlicher, als es unbedingt nötig ist. Die Rote Schanze hat es mir nun einmal angetan, und das arme Mädchen darüber unter seiner Hundebande kann auch nichts dafür, wenn es mich gleichfalls zu einem Narren gemacht hat. Es ist eben so geschrieben, und ich habe einfach das Schicksal in mich hineinzufressen. Guten Tag, Fräulein Valentine!«

»Guten Tag, Herr Schaumann.«

Sie sah, wie sie mit untergeschlagenen Armen am Torpfeiler lehnte, nicht danach aus, als ob es in Wahrheit ihr Ernst damit sei, jemandem in der Welt einen guten Tag zu bieten. Man blickte unwillkürlich danach um, ob nicht eine geladene Büchsflinte neben ihr am Eingang der Schanze lehne oder ob sie nicht ein scharfes spitzes Messer in der rechten Faust unter der linken Achsel verborgen und zum schnellen Gebrauch bereithalte. Auch so was wie von einer wilden Katze hatte sie an sich, die im Notfall keiner künstlichen Waffe bedurfte, sondern nur jedem mit den echtgewachsenen Krallen ins Gesicht zu fahren brauchte und sich mit den Zähnen festzubeißen, um in jedem Kampfe für sich und um ihres Vaters Haus, Hof und Herd die Oberhand zu behalten.

Nicht groß und nicht klein, nicht mager und nicht fett, nicht hübsch und nicht häßlich, nicht städtisch und nicht dörfisch, nicht Kind und nicht Jungfrau stand sie, Valentine Quakatz, des Mordbauern Andreas Quakatzen einzige Tochter, und bewachte [463] ihres blutig berüchtigten Vaters Anwesen, die Rote Schanze, in der friedlichen, sonnebeglänzten, laubgrünen und ährenblonden Landschaft.

Ich rufe nicht mehr: »Da sind eure Postsachen, eure Schreibsachen, eure Zeitung, du rote Giftkatze«, Störzers Amtsgeschäfte am Eingangstor der Roten Schanze ausrichtend. Sie aber, Fräulein Quakatz, duckt die Hunde wie damals und fast mit den nämlichen wunderlichen Zurufen wie damals. Die Köter beruhigen sich langsam und widerwillig und behalten uns, leise fortknurrend, fest und mißtrauisch im Auge.

»Der Vater ist nicht zu Hause«, sagte Valentine. »Und die Leute sind im Felde«, fügt sie hinzu.

»Schön!« sagt Stopfkuchen. »Da sind wir ja wieder einmal unter uns beiden, Tinchen; denn dem da habe ich es eben schon klar genug auseinandergesetzt, daß er sich gegenwärtig vollständig als Luft zu betrachten habe. Natürlich, wenn er nicht mein bester Freund wäre, würde ich ihm meine Meinung in Hinsicht auf seine heutige völlige Überflüssigkeit hier noch deutlicher zum Bewußtsein gebracht haben. Aber er ist mein Freund und also auch, natürlich soweit das mir paßt, der deinige, Tinchen; und so dumm bist du nicht, Mädchen, daß du nicht Bescheid wüßtest, daß er über euch, die Rote Schanze, so gut Bescheid weiß wie die übrige edle, christliche Menschheit auf fünf Meilen im Umkreis. Herrgott, darum allein könnte man schon mit Wonne Theologie studieren, um einmal so recht von der Kanzel aus unter sie fahren zu dürfen, die edle Menschheit nämlich! Und nun kommt endlich ins Haus. Die letzte Nase voll des übeln Geruches der Roten Schanze zum Mitnehmen in die reinere, die bessere Luft da draußen, jenseits der eben erwähnten fünf Meilen!«

Zum »Sich äußern« – zum »Worte machen« – zum »Reden halten«, kurz zum »Predigen« war er immer sofort da, der dicke Heinrich. Wenn es darauf angekommen wäre, müßte er unbedingt heute, wenn nicht cismontaner Papst, so doch Kardinal oder zum mindesten Archiepiscopus, aber wahrhaftig nicht der jetzige Bauer auf der Roten Schanze sein.

[464] »Wo ist denn der alte Mann?« fragt er fürs erste noch.

»Wieder vorm Gericht in der Stadt«, spricht grimmig die Tochter und Erbin der Roten Schanze. »Er hat's ja wieder mit dem Schulzen von Maiholzen da gehabt und ihm die Faust vors dumme Gesicht gehalten und ihn in der alten Sache wegen Kienbaum von neuem einen Verleumder geheißen. Da ist er denn von neuem verklagt worden.«

Und Stopfkuchen zeigt, daß er ungemein melodisch zu flöten versteht. Er läßt seine Gefühle in einer langgezogenen Kadenz verklingen und nimmt sie tätlich wieder auf, indem er den Arm dem Mädchen um die Hüften legt und, zu mir gewandt, sagt:

»Schöner konnten wir's ja wieder mal nicht treffen.«

Da aber begibt sich etwas, was vor allem diesen längst vergangenen Jugendtag mir wieder in vollster Lebendigkeit vor die Seele stellt: Valentine Quakatz gibt ihre Wacht am Eingangstor der Roten Schanze auf – vollständig! Der bösverkniffene Mund wird zu einem weinerlichen verzogen – das Mädchen kämpft, kämpft mit seinen Tränen, aber sie sind mächtiger als es. Tinchen schluchzt, weint laut hinaus und springt Stopfkuchen nicht mit den Fingernägeln ins Gesicht, sondern legt sich ihm um den Hals, hängt ihm am Halse und jammert:

»Heinrich, du bist zu schlecht!«

»Na, na!«

»Du bist so schlecht wie die ganze andere Welt.«

»Na, so hetze mir doch deine Köter an den Hals, verrücktes Frauenzimmer! Was sagst du dazu, Eduard? Ich so schlecht wie die ganze übrige Welt?«

Ich sage gar nichts. Ich stehe nur wie ein dummer Junge mit offenem Munde und sehe, wie der dicke Freund das Mädchen ein Mädchen, wie als was ganz Selbstverständliches, ebenfalls im Arme hält, ihm auf den Rücken klopft, ihm über die Haare streichelt, ihm das Kinn aufhebt und ihm einen Kuß gibt. Ich sehe, wie er mühsam hinten in der Rocktasche nach seinem Taschentuch angelt, wie es ihm gelingt, dasselbe hervorzuholen, und wie er mit demselben dem Mädchen – einem Mädchen, [465] einem fremden, erwachsenen Mädchen die Tränen aus den Augen wischt, und ich sehe Stopfkuchen mit einem Male mit ganz andern Augen an, als mit welchen ich ihn bis zu dieser verblüffenden Stunde gesehen habe. Blutübergossen wünsche ich mich bis in die fernsten Fernen weg und möchte zugleich den mal sehen, dem ich folgte, wenn er mich beim Ellbogen nähme und sagte: »Komm, Eduard, du hast doch hier gar nichts zu suchen!«

Glücklicherweise hat Stopfkuchen aber viel zuviel mit dem Mädchen zu tun und widmet mir nur dann und wann beiläufig eine höfliche Bemerkung.

»Herze von 'ner Gans, kann ich denn was dafür? Gehe ich etwa aus freien Stücken? Muß ich nicht? Habe ich nicht die Verpflichtung, wenigstens einmal durchs Examen zu fallen meinen guten Eltern zuliebe? Wie gerne ich dir zuliebe hierbliebe, Tinchen, das weißt du, also sei ein gutes Mädchen und laß das dumme Gewimmer. Guck nur, wie der Taps, der Eduard, guckt und sich überlegt, was er zu Hause alles erzählen kann! Da – hast du noch mal mein Taschentuch, und nun blamiere uns nicht länger in freier Luft. Glaubst du, daß darum der Herr Graf von der Lausitz diesen Wall aufgeworfen habe, daß Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, von ihm herab sich dem Nest drunten von seiner weichsten Seite zeige? Bilde dir das nicht ein. Bombardieren werde ich noch mal von ihm aus das Philistertum da unten, daß der kursächsische Staberl-Xaverl sich heute noch als balsamiertes Leder- und Knochenbündel in seiner Fürstengruft darüber freuen soll. Komm mit, Eduard, da du da bist. Wir wollen endlich hinein ins Haus; denn nämlich, Eduard, nicht immer holt man draußen in der freien Luft am freiesten Atem, welche Erfahrung ich dir, mein Junge, zu möglichem Gebrauche gerne gratis überlasse. Dumme Witze verbitte ich mir natürlich, jetzt hier und nachher drunten in der Stadt im Kreise deiner lieben Verwandten und nähern und weitern Bekannten. Wir drei sind also ganz allein auf der Roten Schanze? Wundervoll! Sag's deinen Kötern so eindringlich als möglich, was sie zu tun haben, Tinchen.« Fräulein Valentine wendet sich zu ihrer vierbeinigen Wachtmannschaft, das heißt, sie hebt die Faust gegen sie und [466] schüttelt dieselbe dann gegen die lachende, freundliche Sommerlandschaft jenseits des Grabens. Das bedeutet, daß das Vieh noch weniger als sonst jemandem ungestraft den Eintritt in das Bollwerk des Grafen von der Lausitz gewähren soll. Und es versteht das und antwortet mit einem dumpfen, giftigen Gewinsel und Geknurr: wir drei aber haben jetzt wahrhaftig wundervoll den Nachmittag allein auf der Roten Schanze. –

Erfreulich war der Anblick grade nicht, wenn man die Hunde und das Tor hinter sich hatte. Verwildert und verwahrlost erschien alles umher, jede Arbeit nur halb und nachlässig und widerwillig getan. Es war keine rechte Ordnung im Garten, im Hofe, im Hause, und in der Scheune wahrscheinlich auch nicht. Alles Geräte lag und stand umher, wie man es eben aus der Hand hatte fallen lassen oder beiseite gestellt hatte. Das Gebüsch und Unkraut wuchs ungehindert. Die Jauche konnte sich keine bessern Tage wünschen als wie auf der Roten Schanze, und sie suchte sich denn auch ihre Rinnsale, wo es ihr beliebte. Die Hühner scharrten, wo sie wollten im Garten. Enten und Gänse watschelten ebenso, wo sie wollten im Hofe und im Hause. Dem Stallvieh sah man es an, daß der Herr häufig nicht zu Hause war und auch dann nicht sein Auge, wie es sein sollte, bei ihm hatte. Daß das Kind vom Hause nicht alles allein besorgen konnte und daß das Gesinde es deshalb sehr »sachte angehen ließ«, das war nur zu augenscheinlich. Was aber den letztern Punkt, das Gesinde, anbetraf, so hatte das mit dessen Nichtsnützigkeit seine besten Gründe. Der Bauer auf der Roten Schanze hatte sich, was Knechte, Mägde und Jungen anging, eben mit dem zu begnügen, was niemand sonst mochte – mit dem Abhub und dem Bodensatz der Gegend.

Es tat für einen rechtlichen Menschen, für ein ordentlich Mädchen nicht gut, auf der Roten Schanze zu dienen und da ehrlich nach der Ordnung zu sehen. Hoher Lohn und gute Behandlung kamen da gar nicht in Betracht. Jeder Groschen, den der Bauer Quakatz hergab, hatte ja einen Blutgeruch an sich. Wer von der Roten Schanze kam und einen andern Dienst suchte, der brachte denselben Geruch in den Kleidern mit, und man ließ es mit verzogner [467] Nase ihm merken und schickte ihn um ein Haus weiter. Bis der Bauer Andreas Quakatz endlich eingestand, daß er Kienbaum totgeschlagen habe, oder bis der Hof auf der Roten Schanze im ganzen unter den Hammer gebracht oder noch besser für Maiholzen im einzelnen ausgeschlachtet worden war, konnte sich hieran nichts, gar nichts ändern. Und die Erbtochter der Roten Schanze, Valentine Quakatz, änderte auch nichts, gar nichts daran; sie hatte nur ihr bitter Teil an der bösen Verfemung mitzutragen. Es ist Stopfkuchen, der, wie die langen Wogen des Weltmeeres mich wieder auf dem »Hagebucher« der neuen Heimat zutragen, fragt:

»Was meinst du, Eduard? Sieht das hier nicht niedlich aus?«

Knecht und Magd haben, da der Herr wieder mal in »Beleidigungs- und Ehrensachen-Kränkungsgeschäften« von Hause ist, sich ihre Arbeit nach Gutdünken draußen gesucht, liegen vielleicht auch irgendwo unter einem Busch und lassen unsern Herrgott den besten Meister sein. Kein Laut ringsumher als das Schrillen der Grillen und das Gekreisch zankender Spatzen auf den Dächern oder in den Hecken! Auch Tinchen schluchzt nicht mehr zornig aus sich heraus oder erbittert-giftig in sich hinein. Sie ist uns voran in die Stube gegangen, ohne sich danach umgesehen zu haben, ob wir ihr auch gefolgt sind. Wir sind ihr, doch ein wenig scheu und befangen, gefolgt, und nun sitzt sie am Tische, mit dem Rücken an der Wand, und hat beide Arme, die Hände flach ausgebreitet, auf die altersschwarze Eichenplatte gelegt, und Stopfkuchen und ich stehen vor ihr und sehen, in der dunkeln, niedern Bauernstube vom Lichte da draußen geblendet, auf sie hin; – man kann eine Meile weit jede Fliege summen hören. Ja, die Fliegen der Roten Schanze! Sie haben das Schanzwerk des Prinzen Xaver von Sachsen auch nicht aufgegeben. Sie sind noch vorhanden in der Stube des Bauern Quakatz, einerlei, ob er Kienbaum totgeschlagen hat oder nicht. Es gibt nichts innerhalb der vier Wände, was sie nicht beschmitzt haben, vor allem die Bilder an den Wänden: die Zehn Gebote, des Jägers Begräbnis, den unter die Räuber gefallenen Mann im Evangelio. An des Jägers Begräbnis haben sie mit allen übrigen Tieren sehr teilgenommen [468] und dem Sarge alle Ehren erwiesen. Ebenso dem Wort: Du sollst nicht töten. Es hängt übrigens kein neues Bild zu ihrer Begutachtung an der Wand. An der Schanze des Siebenjährigen Krieges ist selbst die neueste Weltgeschichte vorbeigezogen, ohne ein Zeichen hinterlassen zu haben. Kein Schlachtenbild aus Neu-Ruppin vom Düppelsturm, keins von Sechsundsechzig, keins von Siebenzig! Nicht Kaiser Wilhelm, Fürst Bismarck und Graf Moltke! Was ging die Weltgeschichte den Bauer von der Roten Schanze an? Er hatte seinen Kienbaum; er hatte viel zu schwer an seinem eigenen Dasein auf dieser Erde zu tragen, um sich viel um das anderer Leute kümmern zu können, und wenn es die Ersten dieser Welt waren! Ihm hatte diese Welt überall in seinem Hause, wo er auf eine Wand sah, Kienbaumen drangehängt, und er brauchte dazu nicht Malerkunst und Glas und Rahmen: er sah den Mann jederzeit, und selbst bei geschlossenen Augen, so genau und deutlich vor sich, wie kein Maler, und wenn es der allerbeste gewesen wäre, ihn ihm hätte malen können.

Ich gaffe von dem bunten Bilderbogen der Zehn Gebote verlegen und unruhig auf das uns anstarrende Mädchen, da sagt Heinrich:

»Nun, Tinchen, laß das dumme Zeug und stiere nicht die beiden besten Lateiner und firmsten Griechen des diesmaligen Oster- Abgangs-Schwindels – grinse nicht, Eduard! – aus ihrer guten Meinung von sich selber heraus. Ja, armes Wurm, die süße Kinderzeit liegt nun unwiderruflich hinter uns, der Ernst des Lebens – weine nicht, Eduard! – beginnt, und lebten wir noch in vernünftigeren Zeiten, so würde ich dir vorschlagen, Herze: steig hinter deinem Ritter auf den Gaul, fasse mich um die Taille und halte dich feste. Komm kurz und gut mit mir. Aber es geht nicht, Eduard. Was können wir dafür, daß wir wenigstens dies eine Mal nicht von den Eseln aufs Pferd kommen? Daß wir einfach morgen mit der Eisenbahn fortmüssen? Tinchen, mein Herzenstinchen, sich mich nicht so dumm an; was ich meinen Herren Eltern aus dem ersten Semester mitbringen werde, weiß ich nicht; aber dir bringe ich den alten Stopfkuchen wieder. So wahr jetzt der Himmel blau über uns ist und die Erde grün wird und immer [469] grüner: ich will nicht umsonst meine täglichen Prügel der Roten Schanze wegen gekriegt haben! Ich will nicht umsonst meine einzigen guten Stunden in diesem Jammertal auf dem Anstand dem alten Quakatz und seinem kleinen Tinchen gegenüber verlebt haben. Wenn Sie es verlangen, Fräulein Valentine, so hinterlasse ich Ihnen das auch schriftlich!«

Es fuhr wie ein Schauder durch den ganzen Körper der Tochter des alten Quakatz; dann aber sagt Valentine:

»Ich will nichts Schriftliches. Was von Schriftlichem hierher kommt, das nimmt auch mein Vater am liebsten nur, wenn es ihm auf die Mistgabel gelegt und zugereicht wird. Nachher faßt er es an wie eine glühe Kohle. Und du, du – noch besser wär's, wenn gar kein Mensch eine Zunge hätte zum Sprechen, zum Lügen, zum Sticheln – du auch!«

»Ich auch?« fragt Stopfkuchen, aber ohne jeden Ausdruck der Überraschung, des Gekränktseins oder gar der Entrüstung. Indem er sich halb zu mir wendet, sagt er:

»Ein bißchen mehr könntest du selbst bei den heutigen tragischen Umständen bei dir selber bleiben, Tinchen; und du, Eduard, jetzt kannst du wirklich mal für die Lebenspraxis was lernen. Du auch! Dies Wort ist großartig, und dann sieh dir mal das Gesicht an, was sie mir zu der Sottise schneidet. Das hat man nun davon, daß man einem Frauenzimmer von Kindesbeinen an seine schönsten freien Sommer- und Winternachmittage und die Ferien ganz gewidmet hat. Hat die Person wohl eine Ahnung davon, wie viele Prügel et cetera man ihretwegen von Erzeugern und Lehrern hingenommen hat, ohne einen Muck zu sagen? – Du auch! Mädchen, Mädchen, wenn das Schaf, dieser Eduard hier, nicht bei uns stände, ich würde dir und deinem verrückten Alten und der Roten Schanze meine Zuneigung noch einmal in einer Weise deutlich machen, die sich wahrhaftig nicht gewaschen haben sollte.«

Nun läuft wieder ein Zucken über die Schultern unter dem buntbäuerlichen Brusttuch. Die Erbtochter der Roten Schanze schielt wie ein nur halb gebändigtes und zum Bessern überredetes oder vielmehr verschüchtertes Tier zu dem angehenden Kandidaten[470] aller denkbaren Brotstudien, Schaumann, auf; sie will mit beiden Fäusten auf den Tisch schlagen, aber es geht nicht. Sie läßt die Arme schlaff am Leibe heruntersinken und schluchzt:

»Ich habe keinen gerufen, um sich um mich zu bekümmern!«

»Ne«, sagt Stopfkuchen. »Ja, da hat sie recht, Eduard! Ich bin ganz von selber gekommen und habe mich ihrer angenommen. Du weißt es ja, Eduard.«

Ganz so genau, wie der Freund zu meinen schien, wußte ich es doch nicht. Nur das wußte ich, daß es während unserer ganzen »Jungenszeit« in dieser Hinsicht und nach der Anschauung sowohl des Hauses wie der Schule keinen verrücktern Bengel gegeben hatte als Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. Wie ich mit dem Landpostboten Friedrich Störzern gelaufen war, so hatte er sich vor der Roten Schanze festgelegt – »wie die Katze vor dem Mauseloch«, wie er sich selber ausdrückte. Um mit einem zu gehen oder gar zu laufen, dazu war der gemütliche Knabe viel zu faul; aber sich durch einen Reisbreiwall ins Schlaraffenland hineinzufressen, dazu war er imstande, und dieses war bis jetzt die Meinung der Welt und also auch die meinige über ihn gewesen. Das war es einzig und allein, was ich damals an jenem Abschiedstage über sein Verhältnis zu – dem Mädchen, zu Tinchen – Valentine Quakatz wußte. Meine Dumme-Jungens-Seele dachte nicht daran, daß die verschüchterte, verwilderte, rothaarige Krabbe des Bauern Quakatz etwas anderes als eine sehr beiläufige Rolle bei seiner Verliebtheit in die Rote Schanze des Prinzen Xaver von Sachsen spielen könne. Ich und die Welt von damals konnten es doch wahrhaftig nicht wissen, daß Stopfkuchen auch nach solcher Richtung hin romantischer Gefühle fähig sei.

Es war eine Luft in der niedern, schwarzen Bauernstube, die keinem gefallen konnte. Und der Bauer Andreas hatte einen deutlichen Gang auf ihrem schwarzen Fußboden ausgetreten vom Fenster bis nach dem Ofen.

»Da geht er, solange ich weiß«, sagt seine Tochter, »und ich sitze hier und höre ihn mit sich selber sprechen, die halbe Nacht durch, bis er mich zu Bette jagt. Du mußt es wissen, Heinrich, [471] weshalb du zu mir gekommen bist und dich an die Rote Schanze herangemacht hast; aber dein Herr Freund, der Herr Eduard, kann nichts davon wissen, wie es jetzt mir hier bei deinem Abschiede zu Sinnen sein muß. Aber wenn er so freundlich sein will, kann er später vielleicht einmal Zeuge sein, daß ich dir nach meinem Tode die Rote Schanze vermacht habe mit allem, was dazu gehört; denn mein Vater hat doch keinen andern, dem er sie in sein Testament setzen kann, als nur mich, außer den Hunden draußen am Torweg. Wollen Sie so gut sein, Herr Eduard, da Sie heute mitgekommen sind, daß Sie es später einmal vor dem Gerichte mit bezeugen, daß die Rote Schanze, wenn mein Vater und ich nichts mehr von der Welt brauchen, einzig und allein Herrn Schaumann gehört?«

Wie es für den Menschen, einen körperlich so angelegten Menschen, so rasch möglich zu machen gewesen war, weiß ich nicht; aber das Faktum war vorhanden: er, Stopfkuchen, sitzt hinter dem alten Eßtisch des Quakatzenhofes neben der Erbtochter desselben und hat seinen Arm ihr um die Schulter gelegt und ruft:

»Jetzt hört es aber auf! Dummheit läßt man sich wohl gefallen, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade, sagt Kollege Blechhammer da unten, Eduard. Sieh dir noch einmal die Quakatzenburg von inwendig an, alter Junge. Wer weiß, ob du sie so in deinem Leben wieder zu sehen kriegst? Hier mein Ideal meine Burg, mein Haus! Da draußen die holde Flur, wo wir als Knaben spielten. Morgen also die Universitas litterarum und das hohe Meer des Lebens! Verflucht poetisch und verlockend für zwei abgehende Pennäler. Wisch dir die Augen, du liebste, närrische Bauerngans, und tu mir den Gefallen und komm wieder mit ins Freie. Sowie man den ersten Atemzug hier innen tut, hat man genug davon und schnappt nach der Luft da draußen. Vivant omnes virgines – komm, virgo – kratze und spucke nicht, virago! Ja wehre dich nur, Fräulein! Sie sollen mich nicht umsonst da unten Stopfkuchen benamset haben, ich werde ihnen zeigen, was dem Herz und dem Magen bekommt.«

Er hatte das Mädchen um den Leib gefaßt, er hob es hinter [472] dem Bauerneßtisch hervor, er trug es weg, trug es aus dem Hause und setzte es wieder hin auf den Wall des Prinzen Xaver von Sachsen. Valentine ließ es sich ruhig gefallen, und ich – ich folgte verblüfft, betäubt, zweifelnd – kurz, Stopfkuchen hätte gesagt: »wie ein Schaf!« Wenn aber Stopfkuchen jetzt auch noch Flügel entfaltet hätte und mit der Erbtochter von der Roten Schanze, mit dem Kinde von Kienbaums Mörder langsam, aber immer höher, höher, höher in den blauen Frühlingshimmel aufgestiegen wäre, so hätte ich willenlos mir auch das gefallen lassen müssen und hätte höchstens fragen dürfen: »Ist es denn die Möglichkeit?« –

Wir standen wieder auf der grüngrasigen Waldhöhe des alten Kriegskunststücks des Herrn Grafen von der Lausitz – wir beiden angehenden Studenten und Valentine Quakatz, Heinrich und Tinchen Arm in Arm.

Plötzlich stieß der närrische Mensch, Stopfkuchen, einen jauchzenden Ruf aus, schlug mich auf die Schulter, daß ich in die Knie schoß, und sagte wie aus tiefstem Magen heraus:

»Und es ist, eines ins andere gerechnet, doch so ungemütlich nicht, daß der Sachse und der Franzos Anno siebenzehnhunderteinundsechzig das Nest da unten nicht gänzlich ausgerottet und also auch uns unmöglich gemacht haben. Wie nett es eigentlich, so im ganzen, da doch liegt und durch die Güte des Herrn dem Siebenjährigen Kriege zum Trotz liegengeblieben ist! Ja, Flur, wo wir als Knaben spielten – Eduard! Sieh sie dir noch mal an, alter Junge, und gehe hin und lerne was, auf daß du ihr einmal ebenfalls Ehre machst und ihren guten Ruf bei den Leuten aufrechterhältst. Du aber, Tinchen, kümmere dich gar nicht um sie. Was ich und du und dein Papa von ihr zu halten haben, das wissen wir, und von dem – unserm Standpunkt mach ich es vielleicht doch möglich, Prediger oder Staatsanwalt in ihr zu werden. Eine standfeste, haltbare Kanzel würde freilich zum erstern Lehr- und Straffach wohl gehören«, seufzte er, seine derbe, biedere Rechte erst betrachtend und sie dann zur Faust geballt der Heimatstadt drunten im Tal ebenfalls wie zu vorsichtiger, genauer Betrachtung hinhaltend.

[473] »Da sitzen sie nun auf ihren Bockstühlen, dein und mein Alter, Eduard, und haben keine Ahnung davon, von welcher Höhe aus Stopfkuchen sie betrachtet oder, nach eurer Ausdrucksweise, auf sie runterkuckt.«

»Goldne Abendsonne, wie bist du so schön!« summte ich, wie um die Rede auf was anderes zu bringen; aber Stopfkuchen ließ selten von einem einmal begonnenen Gedankengange leicht ab.

»Natürlich ist sie schön – vorzüglich, wie wir hier an des Herrn Prinzen von Sachsen Wallböschung der endlich gewonnenen Freiheit, wirklich Mensch sein zu dürfen, uns erfreuen. Sieh mal, da flammt sie grade in den Fenstern des Schulkarzers sowie in denen unseres Provinzialgefangenhauses. Der reine Märchenzauber! Hättest du wirklich nie das Bedürfnis gefühlt, Freund meiner Kindheit, o du mein Eduard, deinen greulichen Alten so wie ich den meinigen, und vorzüglich um die Zeit der Versetzung in eine höhere Klasse edelster deutscher Menschenbildung, dort hinter einem jener Gitter unschädlich gemacht, in Sicherheit sitzend zu wissen?«

Und diesen Menschen hatten wir nicht nur für den Dicksten, Faulsten und Gefräßigsten unter uns, sondern auch nicht nur für den Dummsten unter uns, sondern auch überhaupt für einen Dummkopf gehalten, o wir Esel!

Und wer ihn auch jetzt wieder, nicht etwa von seinem Gedankengange abbrachte, sondern ihm darin im bedachtsamen, ruhigen Schritt bestärkte, das war nicht der feine, wohlgesittete, mit dem besten Schul-Abgangszeugnis versehene Eduard aus dem Posthause, sondern das war Tinchen Quakatz von der Roten Schanze, deren Vater man es leider nur nicht hatte beweisen können, daß er Kienbaum totgeschlagen habe, und der darum im Bann, wenn nicht der Welt, so doch seiner nächsten Umgebung, was dasselbe ist, ging und sein Kind natürlich mit.

Valentine Quakatz hatte auch von der Schanze des Prinzen Xaver, von ihrem verfemten Wall aus, auf die Stadt und die in der Sonne blitzenden Fenster derselben hinabgesehen; nun wendete sie sich ab und wischte sich mit der Hand und dem Schürzenzipfel die Augen.

[474] »Mir ist ein Tier hineingekommen, oder der Glanz beißt mich, daß sie tränen; und ihr – du denkst wieder, ich heule.«

Und jetzt ballte sie die Hand und schüttelte sie gegen die glitzernden Fenster des Provinzialgefangenhauses:

»Aber ich heule nicht. Ich will nicht. Heinrich hat ganz recht, es ist dumm, nur zu weinen. Es beißt mich der Glanz auch nur in die Augen, weil ich so lange und so oft hier habe stehen müssen, wenn er dahinter saß, da unten hinter den Fenstern, in seinem Gefängnis, mein Vater, mein lieber, liebster Vater. Und weil ich keinen hatte –«

»Und weil sie keinen weiter hatte als mich, Eduard. Und weil ich auch nun wieder gehe, in Abwesenheit ihres Alten. Na ja, da siehst du mal wieder, lieber Eduard, was das Leben ist und wie das Vergnügen dran immer bloß als bloßer Schaum drobenauf schwimmt. Jetzt bitte ich dich, setze dich mal in meine Stelle und suche mit, euch dummen Jungen, seinen lieben Eltern und was sonst dazu gehört zum Trotz, aus so 'ner verschüchterten, zur Feldkatze verwilderten Dorfmieze wieder ein niedliches, nettes, reinliches, schnurrendes, gurrendes, liebes, liebstes kleines Mädchen zu machen. Na, nun tu noch mal die Schürze von den Augen und sich mich mit ihnen an; sonst beißt es mich in meinen Augen auch, und das möchte ich doch hier des klugen, gebildeten Eduards wegen lieber vermeiden. So ist's recht, und nun laß uns die Zähne aufeinanderbeißen. Ich kann wahrhaftig nichts dafür, daß andere Leute das Recht zu haben behaupten, etwas anderes aus mir zu machen, als was in mir steckt. Da hast du meine Hand darauf, Jungfer Quakatz: ich komme wieder und behalte mir bis dahin alle meine Rechte hier an dieser Erdstelle vor, und den seligen Kienbaum soll doch noch mal der Teufel holen. Sage es deinem Vater, wenn er nach Hause kommt, daß ich es gesagt habe, Tinchen! Und du, feiner Eduard, bitte, sieh gütigst noch mal hinein in die schöne Landschaft und auf die liebe Vaterstadt – schade, daß jetzt grade nicht die Glocken dazu läuten. So ist's recht, verlegener Jüngling – – – –«

Ich sehe mich wirklich um – verschüchtert, verstört, verlegen. Ich sehe hinaus in die Landschaft und auf die Stadt drunten im [475] Tale – kurz – ich sehe weg und vernehme im klingenden, summenden Ohre, hinter meinem Rücken, auf der alten Wallhöhe des Siebenjährigen Krieges, rasch hintereinanderfolgende Töne, die ich nur mit dem Namen Stopfkuchen ganz und gar in Einklang zu bringen weiß. Dazwischen ein unterdrücktes Geschluchz und Gekicher und dazu die Worte: »Ach Heinrich, Heinrich!«


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –


Als ich wieder aufsehe, ist weiter nichts vorgefallen, als daß die Jahre hingegangen sind und daß die langen Wogen des großen Meeres unter dem Schiffe weiterrollen und es gegenwärtig gutmütig, ohne zu arges Rollen, Schütteln und Schüttern weitertragen, dem Kap der Guten Hoffnung zu.


Zuerst sah das Ding noch gradeso aus, wie es vor Jahren ausgesehen hatte. Nur daß es heute in anderer Beleuchtung als an jenem Abschiedstage vor mir lag, nämlich im frischen, hellen Tagesschein, so um zehn Uhr morgens.

Noch immer derselbe alte Wall und Graben, wie er sich aus dem achtzehnten Jahrhundert in die zweite Hälfte des neunzehnten wohl erhalten hatte. Die alten Hecken im Viereck um das jetzige bäuerliche Anwesen, die alten Baumwipfel darüber. Nur das Ziegeldach des Haupthauses, das man sonst über das Gezweig weg und durch es hindurch noch von der Feldmark von Maiholzen aus gesehen hatte, erblickte man heute nicht mehr. Dieses brachte mich denn darauf, daß die Hecken doch wohl gewachsen und die Baumkronen noch mehr über der Quakatzenburg sich verdichtet haben müßten. Es mußte unbedingt im Sommer noch schattiger als sonst auf der Roten Schanze geworden sein, und um dieses würdigen zu können, mußte man eben wie ich die Linie gekreuzt haben, um noch einmal nach Hause zu kommen, und sonst auch überhaupt jetzt dort zu Hause sein, wo es durchschnittlich im Jahre recht heiß ist und wo der Schatten manchmal ganz bedenklich mangelt.

Ich sah hin, die Hände vor dem Leib übereinandergelegt; [476] und ich sah mir alles, da ich ja Zeit hatte und niemand auf der weiten Flur mich störte und die Lerchen in den Lüften nicht störten, sehr genau an, ehe ich den Graben des Grafen von der Lausitz überschritt.

Da fiel mir denn bald noch ein anderes auf. Wie es innerhalb der Roten Schanze aussehen mochte – außerhalb derselben, so weit ihr Reich ging, erschien mir das Ding verwahrloster denn je.

Sonst sah man es doch, trotz aller Verfemung, dem Dammweg sehr an, daß der kriegerische Aufwurf im fetten Ackerboden dieser Landschaft zu der Umwallung eines friedlichen Bauernhofes geworden war, daß Mensch und Vieh darüberhin ein und aus gingen, daß Mist- und Erntewagen darüber hinfuhren, daß der Mensch, trotzdem daß Kienbaum von hier aus totgeschlagen worden war, auch hier noch seiner Nahrung und seinem Behagen nachging.

Dem schien jetzt nicht mehr so zu sein. Eine Römerstraße, auf der vor, während und nach der Völkerwanderung Tausende totgeschlagen worden waren, konnte im laufenden Saeculo nicht mehr überwachsen und von Grasnarbe überzogen sein wie die alten Radgleise und Fußspuren, die über den Graben des Prinzen Xaverius von Sachsen auf dem Dammwege des Bauern zu der Roten Schanze führten. Es leitete jetzt nur noch ein ganz schmaler, schmaler Fußpfad, ohne Radgleisen, Huf- und Klauenspuren daneben, durch das hohe Gras. Quendel, blaue Glockenblume, Löwenzahn, Thymian, und was sonst im Grunde das meiste Recht hier hatte, brauchte sich nicht mehr scheu wegzuducken oder sich von Huf, Klaue und Schuhsohle alles gefallen zu lassen.

›Nun soll es mich doch wundern‹, dachte ich. ›Es ist doch wirklich, als ob das Gras auch hinter ihm wieder aufgestanden sei!‹ Und damit setzte ich den Fuß auf den Damm und in den engen Pfad, der zu Stopfkuchen hinüberführte, wie er vordem zum Bauer Andreas Quakatz hinübergeführt hatte, und – hielt noch einmal an. Es war noch ein Drittes jetzt hier am Eingange anders geworden als sonst: wo steckten die Hunde?

Ja, wo waren die Hunde der Roten Schanze? Die Wächter [477] der Quakatzenburg? Wo war die durch stille Winter- und Sommernächte, vorzüglich wenn in ihnen der Vollmond am Himmel stand, weithin ins Land ob ihrer guten, aber lauten Wacht bekannte und berüchtigte Wachtmannschaft?

Wir haben im Kaffernlande auf unsern Gehöften ihrer auch und haben sie nötig; aber nun war es mir wieder ganz deutlich: ich war nie in der Welt auf bösere Hunde getroffen als die der Roten Schanze, und ich hatte nie ein Gebell böser Hunde – selbst wo ich wieder an es zurückdachte – so vermißt als wie hier am Eingangstor dieses deutschen Bauernhofes.

Die nächsten Schritte gegen die Quakatzenburg belehrten mich, daß die Wache abgelöst, aber keineswegs aufgegeben worden sei. Eine andere Mannschaft hatte sie bezogen, und der Empfang durch dieselbe sprach wahrlich für friedlichere Zustände als die von vergangenen Zeiten.

Wir kennen alle die alten hübschen, behaglichen Bilder, auf welchen am Tor mittelalterlicher Städte der Stadtsoldat auf der Bank unter dem letzten Edikt seines Senatus populusque, die Brille auf der Nase, den Bierkrug zur Rechten, die feuer-, schloß- und steinlose Flinte zur Linken, in idyllischer Ruhe und Beschaulichkeit an seinem Strumpf strickt. Ich habe selber solch ein Bild, Spitzweg gezeichnet, draußen zu Hause, drunten in Afrika, an der Wand über dem Sofa und Sofatisch meiner Frau (es mutet mich dann und wann um so mehr an, weil unter dem letztern, dem Sofatisch meiner Frau nämlich, ein Löwenfell zum Fußteppich dient), und ich fand es nicht ohne Behagen wieder, hier zu Hause, am Tor der Roten Schanze. Nur wurde von dem jetzigen Wachtinhaber des weiland Prinzen Xaverius von Sachsen und Kienbaums Mörder, des Bauern Quakatz, nicht gestrickt.

Es wurde gesponnen.

Er saß nicht an, sondern auf dem rechten Torpfeiler, der jetzige Wachtmann der Roten Schanze. Er saß mit Würde da in der Morgensonne und sah ruhig, gelassen, zu mir hinüber – und er spann dabei. Sein Spinnen hinderte ihn aber nicht, auch den Schnurrbart zu streichen, ja er fuhr sich mit der wehrhaften Faust sogar über die Ohren (was beiläufig in seiner Kompanie [478] bedeutet, daß Besuch kommt) und strich sich die Nase und nieste dabei. Ich war ganz dicht bei ihm, als er einen Satz tat und langsam, stattlich und über die Schulter gleichmütig nach mir zurücksehend, mir voranging, hinein in Quakatzenhof: der »Kapitän Hinze«, der »weiße Mann«, der wirklich fleckenlos weiße Kater – der Hauskater der Schanze des Comte de Lusace.

Er blieb noch einmal stehen und schlenkerte erst die rechte, dann die linke Pfote ab; denn es hing da immer noch etwelcher Tau am Grase, wo der Lindenschatten noch auf letzterm lag. Er sah mich noch einmal an und ging langsam wieder weiter, als wolle er mir den Weg zeigen: er betrachtete mich unbedingt nicht als Feind und ging auch wahrlich nicht mehr, um die Hunde zu holen und Tinchen Quakatz mit einem Feldstein in der Kinderfaust und den Vater Quakatz mit dem ersten besten Prügel oder gar der Mistgabel oder der Holzaxt! Es gab wohl nichts Einladenderes als ihn, den Hauptmann Hinze; und das, wozu der neue Wachtkommandant der Roten Schanze einlud, winkte ebenfalls nicht ab und riet zu schleuniger Umkehr und eiligem Rückzug.

Ganz Stopfkuchen!

Stopfkuchen, wie er sich selber wohl tausendmal in seinen schönsten, elegischsten Jugendträumen als Ideal gesehen hatte.

O welch ein Frühstückstisch vor dem Binsenhüttchen, das heißt dem behaglichen, auch auf Winterschnee und Regensturm behaglich zugerichteten deutschen Bauernhause – vor dem Hause, am deutschen Sommermorgen, zwischen hochstämmigen Rosen, unter Holunderbüschen, im Baumschatten, mit der Sonne drüber und der Frau, der Katze, dem Hunde (jetzt ein ruhiger, verständiger, alter Spitz), den Hühnern, den Gänsen, Enten, Spatzen und so weiter und so weiter rundum! Und solch ein grauer, der Jahreszeit angemessener, jedem Recken und Dehnen gewachsener Schlaf- oder vielmehr Hausrock! Und solch eine offene Weste und solch eine würdige, lange Pastorenpfeife mit dem dazugehörigen angenehmen Pastorenknaster in blauen Ringeln in der stillen Luft!

»Stopfkuchen!«

[479] Es gab nur ein Wort, und dieses war es, was ich murmeln konnte, wie ich jetzt stand und, wie der Marquis von Carabas, dem Kapitän Hinze meine weitere Einführung in die Behaglichkeit überließ.

»Stopfkuchen!« murmelte ich, während ich stand und darauf wartete, daß man, just aus seinem Wohlsein heraus, noch einmal in meinem Leben Notiz von mir nehme auf der Roten Schanze.

Selbstverständlich war's die Frau, welche die Störung zuerst bemerkte, zu dem Fremden hastig aufsah und ihren Mann anstieß:

»Aber Heinrich! Ein Herr! Da ist ja wer!«

Ich habe es nicht gehört, aber ich bin nicht nur fest überzeugt, sondern ich weiß es gewiß, daß ihr Heinrich nichts weiter als »Na?!« gesagt hat, als er, wenig erfreut, die Zeitung sinken ließ und die Nase erst seinem Wachtkapitän zu, sodann nach seinem Toreingang hin und zuletzt dem Eindringling in seinen Morgenfrieden entgegenhob.

»Entschuldige den Störenfried, lieber Alter. Eduard nanntest du, freilich vor langen Jahren, einen Freund, wenn er auch kein junger Baron war, sondern nur aus dem Posthause da unten stammte, Schaumann«, sagte ich, wie vollständig aus dem heißen Afrika in seine wonnige Kühle hinein ihm näher tretend. Die Frau legte das Strickzeug auf den Kaffeetisch, der Mann legte beide fleischigen Hände auf beide Lehnen seines Gartenarmstuhls, wand sich langsam in die Höhe, in seiner gediegenen Breite nun noch mehr zur Erscheinung kommend, und – sprang vor. Er tat einen Sprung! Es war der Sprung eines überfetten Frosches, aber ein Sprung war es!

Das Wort nahm ihm jedoch noch einmal die kleine, zarte Frau vom Munde weg.

»Jesus, Heinrich«, rief Valentine Schaumann, geborene Quakatz, »es ist wirklich und wahrhaftig dein Freund Eduard!«

»Halte doch mal meine Pfeife, Tinchen«, sagte Stopfkuchen, und dann nahm er mich, wenn auch nicht in seine Arme, so doch an meinen beiden Oberarmen hielt mich so eine Weile fest, aber doch von sich, besah mich ganz genau und – fragte:

[480] »Bist du es? Bist du es wirklich doch noch einmal? Die Möglichkeit ist es ja!« setzte er hinzu.

»Es ist die Wirklichkeit, alter Heinz; und ich freue mich, dich – die Rote Schanze – nein, dich und deine Frau so wohl zu sehen! Du hast –«

»Dich gar nicht verändert. Bleibe mir, an jedem warmen Tage im Jahre wenigstens, mit der verruchten Redensart vom Wanste. Der andere Hohn: ›Mensch, aber wie dick bist du geworden!‹ kommt ja doch gleich hinterdrein. In der Beziehung könnt ihr alle –«

»Schaumann, ich freue mich so sehr, dich so, grade so, wiederzufinden!«

»Na, na, im Schatten geht es ja wohl noch an. Da zerfließt man seinem besten Jugendfreund nicht sofort als ein Schemen in den Armen. Er ist es wirklich, Tinchen! Er hat wahrhaftig die Freundlichkeit gehabt, sich auch unserer noch zu erinnern.«

»Stopfkuchen?!«

»Das Wort schmeckt wenigstens noch ein bißchen nach andern, jüngern Tagen und lebendigeren Gefühlen; aber die Tatsache bleibt dessenungeachtet bestehen: Geehrter, weshalb kommst du jetzt erst auch zu uns? Soweit lesen wir die Zeitungen hier oben auf Quakatzenburg noch, daß wir aus der Gasthofsliste wissen, wie lange du dich da unten bereits aufgehalten und natürlich einer Menge anderer das Vergnügen, dich wiederzusehen, geschenkt hast. Nu denn, das ist denn ja sehr freundlich von dir.«

Wie jeder, der mit Recht wegen einer Versäumnis am Ohr genommen wird, suchte ich nach einer Ausrede und fand diesmal folgende:

»Das Beste erspart sich der verständige Erdenbewohner stets bis zuletzt. Dieses war, wie ich mich ungemein deutlich erinnere, auch dein Grundsatz in den Tagen unserer Kindheit und Jugend, lieber Heinrich.«

»Davon bin ich völlig abgekommen«, erwiderte Stopfkuchen. »Seit einigen Jahren schon nehme ich das Beste zuerst, lieber Eduard, und verlasse mich nicht mehr darauf, daß man ja Zeit habe und das Butterbrot sicher und fest in beiden Fäusten halte. [481] Na, lassen wir die Komplimente! Das Glück ist dir diesmal wenigstens noch günstig gewesen: einen fetten Happen hast du dir an mir aufgehoben, was?«

»Nun, nun, bester Schaumann –«

»Und du – wie stehst du denn so dumm da, Mieze? Quakätzchen? Da der Mann sich als Mensch, Bruder und Freund wenigstens annäherungsweise legitimiert hat nach Menschenbrauch, so biete ihm wenigstens einen Stuhl und noch eine Tasse Kaffee an, wenn der noch warm ist. Setze dich wenigstens einen Augenblick, Eduard, wenn du Zeit hast; und dann – du, sieh sie dir einmal an! – Das ist sie! Tinchen; Tinchen Quakatz. Na, was meinst du, Eduard? Über mich hast du deine Meinung, dir unbewußt, durch Blick, Mundaufsperren, Hand- und Fußmimik bereits geäußert. Jetzt sage es mir dreist aufrichtig, wie du sie im Fleisch findest?«

Die Handbewegung, der Blick, und was sonst zu dieser Vorstellung der Frau Valentine Schaumann gehörte – nichts ist davon zu beschreiben. Auch von dem Ton nicht, mit dem das Wort »Mieze« gesprochen wurde.

Und Quakätzchen?!

Eine geborene Quakatz, die Tochter von Kienbaums Mörder, Andreas Quakatz, die sich bei ihrem Eheherrn zu einer »Mieze«, ja, wie ich nachher merkte, sogar zu einem »Müschen«, mit längster, zärtlichster Dehnung auf dem ü ausgewachsen hatte und jetzt mir Platz im Sommermorgen und am Frühstückstisch auf der Roten Schanze machte, die muß doch beschrieben werden!

Ich hatte sie als Kind nur hager gekannt – »klapperig« nannte es Stopfkuchen; aber sie hatte es nicht so wie Stopfkuchen gemacht, sie hatte nicht ihre Körperveranlagung im Laufe der Jahre zur höchsten Potenz ausgebildet. Sie war nicht in dem Grade dürr geworden, wie er dick; geworden war. Sie war nicht eingehutzelt unter seinem Regimente in dem Schatten, dem beträchtlichen Schatten, den er warf.

Sie war ein wohlgebautes, behagliches Persönchen geworden, mit einigem Grau im Haar, wie man es so gegen das vierzigste Jahr wohl gelten lassen muß. Ich sah sie mir natürlich zuerst [482] darauf an, ob sie wohl noch die Hunde über den Dammweg auf »uns Jungens« und die übrige Welt hetzen könne; ich sah sie mir sehr genau darauf an, und ich freute mich. Vollständig hatte sie den wilden, manchmal halb irren Blick ihrer Kindheit und »Jugendblüte«, der aus ihrer trostlosen Verfemung damals stammte, verloren. Und als sie lächelnd die ersten Worte auch an mich gerichtet hatte, wußte ich nach diesen ersten Worten, daß sie seit lange nicht mehr das verschüchterte, mit bösen Worten, Steinen und Erdklößen beworfene Bauernmädchen vom Quakatzenhof war. Es war durchaus nicht nötig, daß mein Freund Schaumann es für notwendig zu halten schien, meine Aufmerksamkeit noch reger zu machen, und zwar mit den abgeschmackten Worten:

»Jaja, Eduard, Bildung steckt an, und ich bin immer ein sehr gebildeter Mensch gewesen, wenn ihr da unten es auch nicht immer Wort haben wolltet. Und dann, Eduard, studiert man manchmal auch nicht ganz ohne Nutzen für die oder den Nebenmenschen – das Kochbuch.«

»Wer es nicht wüßte, daß wir seit lange recht gute, gute Bekannte sind, der müßte das hieraus doch sofort merken«, sagte freundlich zierlich Frau Valentine Schaumann, und weder im Salon der Madame Récamier noch dem der Madame de Staël noch dem der Frau Varnhagen von Ense, die ihrerzeit Rahel genannt wurde, konnte etwas Feineres und Besseres mit einem bessern und feinern Lächeln bemerkt werden.

Ich hatte es damit vollständig heraus, daß ich hier am Ort in der Heimat den Fuß zuerst auf einen verzauberten Boden gesetzt hatte, auf welchem die Enttäuschungen der Heimkehr doch vielleicht noch einem rechten, echten, wahrhaftigen, wirklichen Heimatsbehagen Raum geben konnten. Nach zehn Minuten einer Unterhaltung, die sich nur auf unser Wieder-aneinander-Herantreten bezog und gar nichts Bemerkenswertes an sich hatte, wollte uns die Frau verlassen und ins Haus gehen, dem Gatten verständnisvoll zunickend, nachdem Stopfkuchen gesagt hatte:

»Du, Mieze, natürlich rastet der Fremdling heute im gelobten [483] Lande. In der Abendkühle können wir ihn dann ja ein bißchen auf seinem Wege nach der Stadt und Afrika zurückbegleiten.«

Ich war wohl nicht mit der Absicht gekommen, so lange zu verweilen: aber ich bin doch wirklich gern den Tag über auf der Roten Schanze geblieben, nachdem ich meinerseits gerufen hatte:

»O Frau Valentine, wohin wollen Sie? Bleiben Sie sitzen. Man muß aus Südkaffraria und über die Tropen auf Besuch nach Hause gekommen sein, um wirklich zu erproben, wie wohlig es sich zu Hause an einem Morgen wie der heutige vor einem solchen Hause sitzen läßt!«

»Nicht wahr?« sagte Stopfkuchen. »Da hörst du's mal wieder, Tinchen Quakatz! Übrigens geh du nur ruhig hin; der fremde Herr erzählt uns nachher wohl das Genauere von seinem Hauswesen da unten, da hinten. Das macht man wahrhaftig am besten und gemütlichsten bei Tische ab. Laß du dich nicht von ihm jetzt abhalten; geh du ruhig an dein Geschäft, Müschen. Dieser abenteuernde Afrikaner wird seine richtige Desdemona wohl auch schon anderswo gefunden haben, und du kriegst doch nur die schönen Reste seiner Schnarren und Seelenstimmungen. Geh du ruhig in deine Küche – doch die Hauptsache. Auch ihm!«

Und der Gatte warf der Gattin einen schmunzelnd verständnisinnigen Blick zu und zog sich mit der Handkante vor der Gurgel her, den Gestus des Halsabschneidens aufs vollkommenste zur Darstellung bringend.

»Heinz hat wahrhaftig recht, Herr Eduard. Die Herren müssen mich wirklich für einige Augenblicke entschuldigen. Sei nur ruhig, Schaumann, ich weiß schon!«

Sie entschlüpfte, und ein Weib, das von einem alten Mörder, von Kienbaums Mörder abstammte und eben ebenfalls mit Mordgedanken umging, konnte wahrlich dabei nicht lieber und gutmütiger und behaglicher mir zunicken und mir ihre Freude darob zu erkennen geben, daß sie mich heute mittag bei Tisch haben werde. Aber es lag auch eine Welt voll Vertrauen in der Rauchwolke, die ihr der Gatte aus seiner Pfeife nachblies mit den Worten: [484] »Alte – Achtung! Das Afrika verwöhnt seine Leute. Ein in der Asche gebratener Elefantenfuß soll keine Kleinigkeit sein. Tinchen, das wäre doch endlich ein wahrer guter Ruf, wenn dieser fremde Herr daheim, zu Hause, bei sich von uns beiden mit Vergnügen erzählen – müßte!«

»Welch eine wirklich liebe Frau«, sagte ich.

»Nicht wahr?« fragte Stopfkuchen und fügte hinzu: »Was und wie gut konserviert?«

Und dann saßen wir einige Zeit in Nachdenken und die Behaglichkeit der Stunde versunken und bemerkten es währenddem erst allmählich, daß nach und nach um uns her eine Bewegung entstand. Es kam nämlich ein Aufhorchen, ein Umhersehen, ein Schnabelzusammenstecken in das Federviehvolk um den Frühstückstisch der Roten Schanze – alles infolge eines heftigen Gegackers und Gekreisches aus dem Hofraum hinter dem Hause. Und nicht ohne Grund, denn von dorther über das niedrige Gatter um den obbemeldeten Hof war ein einzeln Huhn mit gesträubten Flügeln und mit einigen Federn im Schwanze weniger gelaufen gekommen und hatte böse Mär gebracht.

»Was hat denn das Vieh? Wer hat denn jetzt wieder Kienbaum totgeschlagen?« fragte Stopfkuchen, seinen Tauben nachstarrend, die plötzlich von ihrem Schlage sich erhoben und in angstvollen Kreisen über unsern Häuptern und über den grünen Lindenwipfeln der Roten Schanze, allmählich zu silbernen Pünktchen im Himmelblau werdend, sich entsetzt um schwangen.

»Das Zeugs ist ja wie rein toll!« sagte er; ich aber tat natürlich, als ob ich nicht die geringste Ahnung davon habe, daß der ganze Aufruhr und Schrecken der Natur sich von mir herleite, daß meinetwegen Frau Valentine Stopfkuchen auf der Roten Schanze in der Küche gerufen habe: »Stine, wir haben heute einen Gast, und wenn mich nicht alles täuscht, einen aus fremden Ländern her sehr verwöhnten. Was fangen wir an? Mein Mann hat ihn zu Tische gebeten, und wir haben für so einen, der von so weit herkommt, eigentlich gar nichts Ordentliches im Hause.«

[485] »Na ja, so muß es uns immer zur unrechten Zeit über den Hals kommen«, hatte dann wahrscheinlich Stopfkuchens guter, zweitbester Küchengenius gerufen und – sicherlich hinzugesetzt: »Na, ganz so schlimm ist es wohl noch nicht mit ihm, dem fremden Herrn, und uns hier auf der Roten Schanze. Die Hühner und den Taubenschlag haben wir ja immer gottlob noch bei der Hand.«

Ich wußte es auch noch von meiner seligen Mutter her, was die Antwort und der Trost war. »Für eine gute Bouillon wollen wir jedenfalls sorgen, Stine. Die lassen sich auch die Verwöhntesten gefallen.«

Frau Tinchen Schaumann hat an dem Tage aber noch aus ihrer eigenen Speisekammer und, was noch besser, aus ihrer eigenen guten Seele »mit einem Stein vom Herzen« hinzugesetzt: »Und dann haben wir ja auch, Gott sei Dank, den Schinken in Burgunder liegen. Also denn, Stine, rasch in den Hühnerhof und auf den Taubenschlag! Der fremde Herr bleibt bis zum Abend, und es ist ein alter Freund von meinem Mann, und es ist auch mir eine große Freude, daß er nach so langen Jahren und von so weit her hier noch einmal auf der Schanze zu Besuch ist!«


Es möchten vielleicht manche auf dem Schiffe gern wissen, womit sich eigentlich der Herr aus der Burenrepublik so eifrig literarisch beschäftige, was er schreibe, worüber er jetzt knurre, jetzt seufze und jetzt lache. Es ist aber keiner unter der ganzen Reisegesellschaft, dem ich es vollständig klarmachen könnte, wie sich ein vernünftiger Mensch auf einer solchen Fahrt so mit einem längst gegessenen und verdaueten Schinken, und wenn auch in Burgunder, so eingehend noch einmal beschäftigen könne. Wir haben Deutsche, Niederländer, Engländer, Norweger, Dänen und Schweden, die ganze germanische Vetternschaft, an Bord des »Leonhard Hagebucher«; aber sie würden mich alle mehr für einen Narren als einen mit ein wenig Weltverschönerungssinn begabten Teutonen nehmen, wenn ich heute [486] abend im Rauchsalon ihnen einige Seiten aus meinem diesmaligen Logbuch und Reisemanuskript, aus der Kriminalgeschichte »Stopfkuchen« vorlesen würde. Ich lasse das wohl bleiben; aber ich bleibe auch bei meinem Manuskript, wenn das Wetter und der Wogengang es erlauben. Ich bin eben oft genug im Leben zu Schiffe gewesen, um zu wissen, was das Behaglichere ist auf einer längern Fahrt. Es ist eine große Täuschung, zu meinen, daß auf den großen Wassern alle Augenblicke etwas Merkwürdiges vorkomme und daß eine germanische Reiseverwandtschaft immer ungemein humoristisch, gemütvoll, feinfühlig und interessant sei...

Nämlich den frischen Schinken in Burgunder und die gute Hühnersuppe fanden wir auf dem Mittagstisch; aber so weit sind wir ja wohl noch nicht. Wir sitzen noch hinter Stopfkuchens zweitem Frühstück unter den alten Linden vor der Quakatzenburg auf der Roten Schanze, Freund Heinrich Schaumann und ich, und der Eßtisch drinnen im Hause wird eben erst in die Mitte der Stube gezogen, um von Frau Tinchen und einer zweiten Magd derselben für das Haupttreffen, die Hauptbefriedigung des täglichen Nahrungsbedürfnisses, »gedeckt« zu werden.

»Endlich doch einmal ein Mensch, der ein vorgesetztes Ziel erreicht hat, ohne daß es ihn nach dem Anlangen enttäuscht hat!« sagte und seufzte ich, in die nochmals dargereichte Zigarrenkiste greifend.

»Ein bißchen viel Übergewicht«, brummte Stopfkuchen. »An heißen Tagen etwas beschwerlich, lieber Eduard. Vorzüglich bei den doch immer notwendigen Geschäftsgängen.«

»Ja, hast du denn wirklich noch solche notwendige Gänge zu machen, lieber Heinrich? Hast du wahrhaftig noch nicht mit allem, was für unsereinen so draußen herumliegt und besorgt werden muß, abgeschlossen? Liegt nicht alles das draußen vor deinen wundervollen Wällen des Prinzen Xaver von Sachsen?«

»Was wohl soviel heißen soll als: bist du nur dazu da, auf der Roten Schanze nach dem Lebensunbehagen des Vaters Quakatz die Behaglichkeit des Daseins in deiner feisten Person zur Darstellung zu bringen? Jetzt leihe mir mal gütigst deinen Arm, [487] Eduard. Eine Weile dauert es wohl, ehe wir zu Tisch gerufen werden; also kann ich dir, wenn es dir gefällig ist, vorher noch Festung, Haus und Hof – my house and my castle –, wie das alles unter meiner und Tinchens Herrschaft geworden ist, etwas genauer zeigen. Uf – langsam! Nur nicht zu hastig. Weshalb sollen wir uns nicht Zeit nehmen? Was könnte ich Hinhocker einem Weltwanderer gleich dir Merkwürdiges zu weisen haben, was solche ein rasendes Drauflosstürzen erforderte? Nur mit aller Bequemlichkeit, Freund! Wandeln wir langsam, langsam, und zwar zuerst noch einmal um den Wall des Herrn Grafen von der Lausitz, segensreichen, wenn auch nicht gloriosen Angedenkens.«

»Segensreichen Angedenkens? Das sagte die Stadt da unten, sowie die Umgegend, im Jahre Christi siebenzehnhunderteinundsechzig grade nicht.«

»Aber ich sage es heute. Was geht mich die hiesige Gegend und Umgegend an? Die schöne Aussicht darauf von Quakatzenburg aus natürlich abgerechnet.«

Ich war jetzt so gespannt auf das, was er mir zu zeigen hatte, daß ich wirklich mit einiger Mühe meinen Schritt aus den Goldfeldern von Kaffraria nach seinem Schritt von der Roten Schanze mäßigte. Und zum erstenmal nun in meinem Leben umging ich auf dem Walle selbst das Schanzenviereck des Prinzen Xaver; als Junge und als junger Mensch hatte ich es mir ja nur von jenseits des Grabens, vom Felde, von dem »Glacis« dann und wann ansehen können. Und die Jahre zählten! Es ging freilich heute etwas langsam damit; denn der Jugendfreund hatte in Wahrheit meinen Arm nicht bloß der Zierde und Zärtlichkeit wegen genommen. Seine Pfeife nahm er natürlich auch mit, hielt sie im Brande und deutete mit ihrer Spitze hierhin und dorthin, wo er meine nach seiner Meinung durch allerlei Weltumsegelungen zerstreute Aufmerksamkeit hinzuwenden wünschte.

Wir wandelten oder watschelten wieder durch seinen Gartenweg, zwischen seinen Johannis- und Stachelbeerbüschen, seiner Brennenden Liebe, seinen Rosen und Lilien, seinem Rittersporn und Venuswagen empor zu der Brüstung seiner Festung. Als [488] Geschichtsforscher und als Philosoph der Roten Schanze erwies er sich von Augenblick zu Augenblick größer – bedeutender. Und dabei hatte er sich in seiner wohlgefütterten Einsamkeit und in den Armen seiner kleinen herzigen Frau zu einem Selbstredner sondergleichen ausgebildet. Er fragte, und er gab gewöhnlich die Antwort selber, was für den Gefragten stets seine große Bequemlichkeit hat.

»Woher stammen im Grunde des Menschen Schicksale, Eduard?« fragte er zuerst, und ehe ich antworten konnte (was hätte ich antworten können?), meinte er: »Gewöhnlich, wenn nicht immer, aus einem Punkte. Von meinem Kinderwagen her – du weißt, Eduard, ich war seit frühester Jugend etwas schwach auf den Beinen – erinnere ich mich noch ganz gut jener Sonntagsnachmittagsspazierfahrtstunde, wo mein Dämon mich zum erstenmal hierauf anwies, in welcher mein Vater sagte: ›Hinter der Roten Schanze, Frau, kommen wir gottlob bald in den Schatten. Der Bengel da könnte übrigens auch bald zu Fuße laufen! Meinst du nicht?‹ – ›Er ist so schwach auf den Füßen‹, seufzte meine selige Mutter, und dieses Wort vergesse ich ihr nimmer. Ja, Eduard, ich bin immer etwas schwach, nicht nur von Begriffen, sondern auch auf den Füßen gewesen, und das ist der besagte Punkt! Ich habe mich wahrhaftig nicht weiter in der Welt bringen können als bis in den Schatten der Roten Schanze. Ich kann wirklich nichts dafür. Hier war mein schwacher oder, wenn du willst, starker Punkt. Hier faßte mich das Schicksal. Ich habe mich gewehrt, aber ich habe mich fügen müssen, und ich habe mich seufzend gefügt. Dich, lieber Eduard, haben Störzer und M. Levaillant nach dem heißen Afrika gebracht, und mich haben meine schwachen Verstandeskräfte und noch schwächern Füße im kühlen Schatten von Quakatzenhof festgehalten. Eduard, das Schicksal benutzt meistens doch unsere schwachen Punkte, um uns auf das uns Dienliche aufmerksam zu machen.«

Dieser Mensch war so frech-undankbar, hier wahrhaftig einen Seufzer aus der Tiefe seines Wanstes hervorzuholen. Natürlich nur, um mir sein Behagen noch beneidenswerter vorzurücken. Ich ging aber nicht darauf ein. Den Gefallen, meinerseits jetzt [489] noch tiefer und mit besserer Berechtigung zu seufzen, tat ich ihm nicht.

›Ruhig, Eduard!‹ sagte ich mir. ›Sollst doch zu erfahren suchen, was er noch weiter mehr weiß als du.‹

Ich ließ ihn also am Worte, still von einer Ecke des alten, jetzt so friedlichen Kriegsbollwerkes aus dem Schatten heraus in die sonnige, weite Landschaft mit meiner Heimatstadt, ihren Dörfern, Wäldern, nahen Hügeln und fernem Gebirge hinausschauend.

»Ja, da hast du den ganzen Kriegsschauplatz von Schaumann contra Quakatz vor dir«, sprach Stopfkuchen. »Sieh dir die Landschaft ja noch einmal an, ehe du dich wieder nach deinem herrlichen Afrika verziehst. Es ist und bleibt doch eine nette Gegend, was?«

»Freilich, freilich! Man braucht grade nicht aus Libyen zu kommen oder wieder dorthin abreisen zu müssen, um das dreist behaupten zu können.«

»Und dann, was alles in ihr passiert ist, Eduard«, sagte Stopfkuchen, mich leicht mit dem Ellbogen in die Seite stoßend. »Von alten Historien will ich gar nicht anfangen; aber nimm nur bloß diesen himmlischen Siebenjährigen Krieg an!«

»Bester Freund –«

»Für diesen göttlichen Siebenjährigen Krieg und den wundervollen alten Streithahnen, den Alten Fritz, habe ich immer meine stillste, aber innigste Zuneigung gehabt.«

»Liebster Heinrich –«

»Jawohl, etwas von dieser herzlichen Neigung in mir dämmert dir vielleicht heute auch noch wohl aus unschuldigen Kinder- und nichtsnutzigsten Flegeljahren auf. Eduard, wäre ich heute nicht Stopfkuchen, so möchte ich nur Friedrich der Andere in Preußen – in der ganzen Weltgeschichte nur Fritz der Zweite gewesen sein. Ich weiß nicht, wie es mit deiner Bibliothek im Kaffernlande bestellt ist, aber, bitte, nenne mir einen andern aus der Welt Haupt und Staatsaktionen, der für unsereinen etwas Sympathischeres als der an sich haben kann! So dürr – ausgetrocknet, mit seinem vom Rheinwein seines Herrn Vaters her [490] angeerbten Podagra etwas schwach auf den Füßen, aber immer in den Stiefeln! Immer munter bei sich selber im Hallo, Geheul und Gebrüll der Furien und der Kanonen. Mit seinem Krückstock, seiner Nase voll Schnupftabak, seiner mit Siegellack eigenhändigst reparierten Degenscheide – scharfklingig, frech und spitzig, was man jetzt schnodderig nennt, gegen die allerhöchsten Damen, Frau Marie Therese, Frau Elisabeth, Frau Jeanne-Antoinette, was ich freilich meiner allerhöchsten Dame, meines Tinchens wegen, nicht ganz und gar billigen kann. Aber dagegen sein Appetit! Tadellos! Gut in seiner Kindheit, in seiner Jugend, aber über alles Lob erhaben bei zunehmendem Alter. Hätte ich wo ein Wort zu verlieren, so wäre es bei dieser Betrachtung, so wäre es hier. Der Mann verdaute alles! Verdruß, Provinzen, eigenes und fremdes Pech und vor allem seine jeden Tag eigenhändig geschriebene Speisekarte. Eduard, dieser Mensch wäre auch Herr der Roten Schanze geworden, wenn er ich gewesen wäre. Eduard, wenn ein Mensch was dazu getan hat, mich zum Herrn, Eigentümer und Besitzer von der Roten Schanze und somit auch von Tinchen Quakatz zu machen, so ist das immer der Alte Fritz von Preußen, selbstverständlich immer in Verbindung mit seinem herzigen, mir so unendlich wertvollen Gegner auf dieser Erdstelle, dem Prinzen Xaverius von Sachsen, Kurfürstlicher Hoheit.«

Der Mensch, Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, redete einen solchen Haufen von Gegensätzen zusammen, daß ich gar nicht mehr imstande war, zu seufzen: »Nun, das soll mich doch weiter wundern, worauf dieses hinauslaufen kann.«

»Setzen wir uns doch lieber«, meinte Heinrich. »Ich sehe es dir an, daß ich dir noch ein wenig konfus erscheine. Vielleicht kommt das noch besser; aber ich kann es nicht ändern. Diese Bank hier habe ich übrigens nur aufstellen lassen, um dann und wann nicht selber meinen historischen Boden unter den Füßen weg zu verlieren. Wenn ich dir aber langweilig werde, höre ich auf der Stelle auf, interessantester aller Afrikaner und bester aller alten Freunde.«

»Ich bitte dich, Stopf- bester Freund!«

[491] »Sage dreist Stopfkuchen, Eduard. Ich höre gern auch heute noch auf das alte liebe Wort; und von den alten Freunden, die es mir in schönern Jahren so sehr scherzhaft aufhingen, m