Vierzehntes Kapitel.

[382] Panurgens Traum, und Deutung desselben.


Um die siebente Stund des andern Morgens erschien Panurg vor Pantagruelen; und waren im Zimmer noch gegenwärtig Epistemon, Bruder Jahn von Klopfleisch, Ponokrates, Eudämon, Karpalim nebst Andern mehr. Zu denen sagt' Pantagruel, als er Panurgen kommen sah, Sehet da kommt unser Träumer! – Dieß Wort, sprach Epistemon, kam einst den Söhnen Jakobs theuer zu stehn, und habens schwer bezahlen müssen. – Nun, sprach Panurg, ich hab geträumt trotz Wilm dem Träumer, Zeugs die Meng, weiß aber nit was heissen soll. Ausgenommen daß ich im Traum ein jung, schmuck, bildschön Weib hätt die mich aufs zärtlichst pflegt' und hielt wie ihr klein Herzblatt; nimmermehr ists einem so kreuzwohl ergangen. Die hätschelt', tätschelt', zwickt' und zwackt' mich, herzt' mich und küßt' mich, und macht mir zum Spaß zwo artige Hörnlein an die Stirn. Da rieth ich ihr scherzweis sie sollt mirs doch nur lieber unter die Augen setzen, damit ich sehn könnt wo ich zustieß, und Momus nicht etwann auch daran zu bessern und zu mäkeln fände, wie weiland am Stand der Ochsenhörner. Aber der Schelm, trotz meiner Warnung, ruckt' mirs nur immer besser vor; wobey mir doch gleich wohl im mindesten kein Leid geschah, das sehr zu wundern. Nicht[382] lang darauf schien mir als wär ich, weiß selbst nicht wie, zur Pauken worden, und sie zur Eul. Da ging mein Schlaf zu End, und ich fuhr mit einem Satz ganz mürrisch, fuchswild und verdutzt in die Höh. Itzt hab ich euch meine Traum-Huck rein ausgeschüttelt: da labt euch dran, und legts euch aus wie ihrs versteht. Marsch fort zum Imbiß, Karpalim, Herr Kammerherr!

Ich seh wohl, sprach Pantagruel, wenn ich mich irgend auf Traumschau und Bedeutung versteh, daß euer Wieb euch nicht wirkliche Hörner die man mit Händen greifen kann, aufsetzen wird, wie die Satyrn tragen: aber sie wird euch die ehliche Treu und Pflicht nicht halten, nach Andern gehn, und euch zum Hahnrey machen. Dieß hat Artemidorus klärlich erwiesen wie ichs euch sag. Auch werdet ihr just nicht zu Pauken verwandelt werden, wohl aber schlagen wird sie euch wie eine Heerpauk. Noch wird sie zur Eulen werden, aber bestehlen wird sie euch, wie der Eulen Art ist. Ihr sehet also daß eure Träum den Vergilianischen Loosen gleichlauten: ihr werdet Hahnrey seyn, man wird euch schlagen, man wird euch bestehlen. – Da rief der Bruder Jahn und sprach: Er hat bey Gott! Recht, braver Knab, du wirst zum Hahnrey, verlaß dich drauf! Dein Horn steht fest. Hei hei Gott helf dir mein Bruder Cornibus! o mach uns nur zween Wörtlein Predigt, ich lauf und sammel auch die Collect im Dorf für Dich.

Im Gegenteil versetzt' Panurg, mein Traum wahrsagt: in meiner Eh werd alles Guten die Hüll und Füll seyn, das Horn des Ueberflusses! Ihr sprecht von Satyrshörnern! Amen, Amen! fiat, fiatur, ad differentiam Papae. So ist in Ewigkeit mein Sterz aufm Zeug und unermüdlich, wie bey den Satyrn, was jeder ihm wünscht, aber der Himmel nicht Vielen giebt. Und mithin Hahnrey nun und nimmer.[383] Denn Mangel deß Dings ist eben Ursach sine qua non und alleiniger Grund warum die Männer zu Hahnreys werden. Was treibt die Tagediebe zum betteln? daß sie zu Haus nicht Futter satt fürs Ränzel haben. Was treibt den Wolf aus dem Wald? der Mangel an Aas. Was macht die Leiber läufisch? Ihr versteht mich zur Genüg, und provozir derhalb auf die Herren Gelahrten, die Präsidenten, Räth, Advocaten, Procuratoren und Glossatoren des theuern Tituls de frigidis et maleficiatis.

Ihr scheinet mir, (verzeiht wenn ich fehlschieß,) darinn handgreiflich zu pecciren, daß ihr aus Hörnern auf Hahnreyschaft schließet. Diana trägt sie am Haupt in Form eines schönen Halbmonds. Ist sie darum Hahnrey? Wie Teufel wär sie Hahnrey, die nie vermählt war? Ich bitt euch, redet säuberlich, daß sie euch nicht thu wie dem Aktäon. Der gute Bacchus trägt gleichfalls Hörner, Pan, Jupiter, Ammon, so viele Andre; sind sie Hahnreys? Juno, wär sie darum eine Hur? Denn nach Figur der Metalepsis müßts draus folgen; wie wer ein Kind in seiner Eltern Beyseyn Kegel und Bankert heißt, damit stillschweigend und höflicherweis den Vater Hahnrey, sein Weib 'ne Hur schilt. Bessere Wot! die Hörner die mir mein Weib fürstieß, sind Ueberfluß- und alles Guten Füllhörner, da bin ich gut dafür. Im Uebrigen werd ich fröhlich seyn wie ein Hochzeitpauker, stets musizieren, stets duten, sumsen, pupen, pumpsen. Glaubt mir, es ist mein zeitlich Glück. Mein Weib wird hold und niedlich seyn wie ein schön Käuzlein; und wers nicht glaubt, sich an den höllischen Galgen scheer; das ist die gute neue Mähr.

Ich, sprach Pantagruel, erweg den letzten Umstand den ihr meldet, und halt ihn zusamen mit dem ersten. Im Anfang eures Traumes schwammt ihr in eitel Seligkeit: zuletzt fuhrt ihr mit einem Satz ganz mürrisch, fuchswild und verdutzt in die Höh. – Freylich, fiel ihm Panurg ins Wort, denn ich war hungrig zu Bett gegangen. – Alles wird schief gehn, ich seh's zum voraus, denn glaubt nur sicher:[384] jeder Schlaf der jählings endigt mit einem Satz, und den Menschen fuchswild und mürrisch nachläßt, bedeutet Böses oder verkündigts.

Bedeutet Böses, nämlich Krankheit, heimtückisch kakoëthische Seuch und Pestilenz die in dem Centro des Leibs latirt und verborgen schleicht und durch den Schlaf, der nach Erfahrung der Aerzt die Daukraft stets verstärket, zum Ausbruch und nach der oberen Fläch hin zu streben anfängt: also stört dieß traurige Bestreben den Schlaf, und wird das oberste Sensorium dadurch zur Theilnahm und zum Vorbaun erinnert. Wie man im Sprichwort sagt: ins Wespen-Nest stören, die Camarina umrühren, den schlafenden Kaz erwecken.

Verkündiget Böses, das ist: belehrt uns hinsichtlich der Seel und deren Traumschau, daß ihr vom Schicksal irgend ein Unheil beschieden und zubereitet sey, welches in kurzem werd über sie kommen. Nehmt euch ein Beispiel am schrecklichen Traum und Erwachen der Hekuba, am Traum Eurydice's, des Orpheus Frauen, davon sie, wie uns Ennius meldet, verstört mit einem Satz erwachten. Auch sah drauf Hekuba ihren Gemahl den Priamus, Kinder und Vaterland vor ihren Augen untergehn. Eurydice starb bald darnach elendiglich. An dem Aeneas, der mit dem todten Hektor im Traum zu sprechen wähnt', und darauf plötzlich mit einem Satz erwacht': auch ward in selbiger Nacht noch Troja erstürmt und mit Feuer verbrennet. Ein ander Mal, als ihm im Traum seine Hausgötter und Penaten erschienen und er mit Schauder erwacht war, litt er Tags darauf einen erschrecklichen Meeressturm. Am Turnus, der durch phantastisch Blendwerk der höllischen Furi mit dem Aeneas zum Krieg erhitzt, aus seinem Traum fuchswild mit einem Satz erwacht', dann hinterdrein nach langer Trübsal vom selben Aeneas erschlagen ward. Nebst tausend Andern. Und weil ich euch von dem Aeneas rede, merket daß Fabius Pictor von ihm zeugt wie er niemalen nichts gethan noch unternommen hab, ihm niemals etwas begegnet sey, das er durch Traumschau nicht vorläufig erkannt und zuvor gewußt hätt. Ist auch wohl ein Sinn in den Exemplen;[385] denn wenn Schlaf und Ruh besondre Gnaden und Gaben von den Göttern sind, wie die Weisen lehren und der Poet zeugt wo er sagt:


Es war die Stund da Himmels Wohlthat Schlaf

Den Menschen liebreich naht nach saurer Müh und Plag,


so kann ein solch Geschenk nicht ohn Absicht schweren Unglücks, mit mürrischem Wesen und fuchswild endigen. Sonst wär Ruh nicht Ruh, Wohlthat nicht Wohlthat, käm nicht von freundlichen Göttern, sondern von feindlichen Teufeln her, nach dem gemeinen Sprichwort:

(Echthronadora dora: des Feindes Gab ist keine Gab). Wie wer den Hausherrn zu Anfang der Mahlzeit, im besten Hunger von seinem reichbesetzten Tisch mit einem Satz erschreckt säh aufstehn, wenn er den Grund nicht wüßt, auch wohl sich wundern möchte. Allein was mehr? Er hat seine Knecht von weitem Feuer! die Mägd Dieb! die Kinder Mord! schreyn hören; da mußt er daß Essen wohl stehen lassen, und ihnen zu Hülf und Beystand eilen. Ist mir auch wohl erinnerlich daß die Kabbalisten und Massoreten in Auslegung der heiligen Schrift, da wo sie lehren: woran man die Wahrheit der Englischen Erscheinungen klüglich erkennen soll (weil öfters Satan sich in den Engel des Lichts verstellt) der beyden Unterscheid darein setzen, daß der gute Geist der Engel des Tostes, wenn er dem sterblichen Menschen erscheint, ihn anfangs schreckt, zuletzt beruhigt, froh und zufrieden macht: hingegen der böse, Verführergeist ihn anfangs labt, doch hinterdrein bestürzt, verdutzt und mürrisch nachläßt.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 382-386.
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