Zwölftes Kapitel.

[373] Wie Pantagruel durch Vergilianische Loos Panurgens Ehestandsglück erforschet.


Wie nun Panurg das Buch aufschlug, fand er auf Zeile Sechzehn den Vers:


Nec deus hunc mensa, dea nec dignata cubili est.

Diesen verwarf der Gott am Tisch sein Gast zu sein,

Noch ließ die Göttin ihn zu ihrem Lager ein.


Dieser ist nicht zu euerm Vortheil, sprach Pantagruel; er zeigt an, daß euer Weib eine Hur seyn wird, und mithin ihr ein Hahnrey. Die Göttinn die euch nicht wohl will, ist Minerva, eine gar sehr zu fürchtende Jungfrau und allgewaltige Donnergöttinn, der Hahnrey, Buhler und Ehebrecher ein Gräuel sind, deßgleichen die schlüpfrigen Weiber die ihren Männern ihr Wort nicht halten, und sich an Andre verschenken. Der Gott ist Jupiter, der vom Himmel donnert und blitzt. Denn merket wohl: daß, nach der alten Hetruscier Lehr, die Manubiä (so hiessen sie die vulkanischen Blitz) nur Ihr allein (wie euch das Beyspiel von Verbrennung der Schiff des Ajax Oileus zeigt) und dem Jupiter ihrem häuptlichen Vater zustehn. Den andern Olympischen Göttern ist zu donnern nicht erlaubt: drum sind sie bey Menschen auch nicht so geachtet. Ich kann euch hierüber noch mehr erzählen, das ich, wie ihr wohl glauben könnt, aus der verborgensten Mythologi hab. Als nämlich die Riesen den Krieg erhuben wider die Götter, da spotteten anfangs die Götter solcher Feind, und meinten es wär für ihre Pagen noch nicht satt Arbeit. Als sie aber nun den Berg Pelion durch der[373] Riesen Kraft auf den Ossa gesetzt, ja den Olympus erschüttert sahen um auf die beyden zu oberst aufgestülpt zu werden, erschracken sie All, und Jupiter hielt General-Kapitul, darinn von allen Göttern beschlossen ward daß sie sich tapfer wehren wollten. Und weil sie öfters die Bataillen durch Hindrung der Weibsleut in den Lägern verlieren gesehen, ward decretiert daß man zur Zeit dieß ganze Geschlepp von Göttinnen aus dem Himmel wollt nach Aegypten und in den Nil-Gau schicken, in Wiesel, Marder, Kahlmäus, Spitzmäus und andere Metamorphosen verwandelt. Minerva allein ward dabehalten mit Jove zu donnern als Göttinn der Künst und Krieges, Rathes und der That; als eine in Waffen geborene Göttinn, als Göttinn die Erd, Meer, Luft und Himmel fürchten. – Ey Potz Bauch auf Bauch! versetzt' Panurg, würd ich etwann gar noch Vulkan, von dem der Poet schreibt? Aber nein! denn ich bin nicht lahm, nicht Kipper und Wipper, nicht Schmidt, wie er. Kann sich wohl fügen daß mein Weiblein so schön und gätlich wie seine Venus seyn wird, aber kein Hur wie Sie, noch ich ein Hahnrey, wie Er. Ließ sich das alte Hinkbein nicht in figura öffentlich durch aller Götter Mund und Urthel zum Hahnrey schlagen? Darum also verstehet es nur umgekehrt. Dieß Loos zeigt an, mein Weib wird treu, keusch, züchtig seyn, und keineswegs geharnischt, stetisch, mockisch, hirnschellig, noch aus dem Hirn geschält wie Pallas. Der feine Jüpel soll mir auch nicht ins G'häg gehn, soll in meine Brüh sein Brod nicht trunken wenn wir etwann an Einen Tisch zu sitzen kämen. Bedenkt nur seine saubern Streich und Fahrten. Es war der ärgste Ruffianer, der unverschämteste Benedicti ... ich wollt sagen Penisdiener, und Hurenhengst, der je gelebt hat. Stets schäumt' er wie ein Eberschwein; auch ist er auf der Candischen Dikte von einer Sau erzogen worden, wenn Agathokles von Babylon nicht lügt: viel geiler denn ein Bock: auch sagen Andre daß eine Geiß Amalthea ihn groß gesäugt hab. Höll und Acheron! hat er nicht auf Einen Tag ein Drittel der Welt mit Vieh und Menschen, Berg und Flüssen zusamen gerammelt? das war Europa. Für welchen Rammel ihn die Hammonier auch in Gestalt eines[374] rammelnden Rambocks und krummgehörnten Widders malten. Aber ich will mich vor dem Bockshorn wohl hüthen. Glaubt, er hat an mir keinen dummen Amphitryo, keinen dämlichen Argus funden mit hundert Brillen, keinen Hasen Acrisius, keinen Luley Lykus von Theben, keinen Träumer Agenor, keine Schlafmütz Asopus, keinen Esau Lykaon, keinen Stombax Corythus von Toskana, keinen Atlas-Lümmel mit grossem Rückgrat. Und wenn er sich auch hundert und aberhundertmal zum Schwan, Stier, Satyr, Gold verändert' oder zum Gukuk, wie er thät als er sein Schwester Juno entjungfert', zum Adler, Widder, Tauber, wie als er in das Mägdlein Pythia verliebt war, die in Aegien wohnt'; in Feuer, Drachen, ja Flöh, in Epikurs-Atomen, oder magistronostraliter meinethalben in intentiones secundas; ich kniet' ihm aufs Fell. Und wißt ihr was ich dann thu mit ihm? Potz Blitz, was Saturn mit seinem Vater Cölo thät, – Seneca hats von mir geweissagt, Laktanz bekräftigts, – was Rhea dem Athys: die Geilen scheer ich ihm glatt vom Arß, daß auch kein Stümplein überbleibt. So ist er auf immer zum Papst verdorben, quia testiculos non habet. – Sacht, sacht! mein Söhnlein, sprach Pantagruel: nur fein gelassen! schlaget auf zum andern Mal, Da fand er den Vers:


Membra quatit, gelidusque coit formidine sanguis.

Die Glieder mürbe bläut und das Gebein zerstampft,

Daß alles Blut die Furcht im Leib zu Eis erkrampft.


Das heißt, sie wird euch Arm und Bein zerschlagen, sprach Pantagruel. – Im Gegentheil, antwort Panurg, von mir[375] gilt dieß Prognosticon, und heißt: Ich werd sie bläun wie ein Tiger, wenn sie mich wild macht. Dafür wird Hans Bakel schon sorgen: und thät ers nicht, der Teufel eß mich wo Ich nicht sie lebendig äß, wie König Kambles in Lydien die Seinige. – Ihr seyd sehr muthig, sprach Pantagruel. In dieser Wuth käm Herkules selber nicht aus mit euch. Das macht, der Wenzel gilt, wie man spricht, für zwey: an zwey hat sich auch Herkul nicht gewagt. – Ich bin der Wenzel! rief Panurg. – Nix, nix, antwort Pantagruel, ich dacht ans Lortsch – und Triktrakspiel. – Zum dritten traf er diesen Vers:


Faemineo praedae et spoliorum ardebat amore.

Entbrennete in weiblich wilder Wuth

Zu plündern und zu rauben Hab und Gut.


Das heißt, sie wird euch bestehlen, sprach Pantagruel: ich seh euch schon ganz wohl geborgen. Nach den drey Loosen werd ihr ein Hahnrey, ein geschlagner, und ein bestohlener Ehemann seyn. – Im Gegentheil, versetzt Panurg: der Vers zeigt an daß sie mich brünstig lieben wird. Der Satyrikus hat nie ein wahrer Wort geredt als da er sprach: ein Weib, die's gut meint, ein Weib von höchster Lieb entbrannt, find manchmal ein Vergnügen daran, ihrem Freund etwas zu stehlen; und wißt ihr was? einen Handschuh, ein Nestel, daß ers dann suchen muß, ein Nichts, eine Kleinigkeit. So sind auch diese kleinen Spän und Händel wie man zu Zeiten bey Verliebten findt, nur frische Liebesreiz und Sporen: wie wir den Messerschmidt zum Beyspiel oft seinen Wetzstein hämmern sehn, damit er das Eisen besser schärfe. Derhalb leg ich mir die drey Loos zu allerschönsten Gunsten aus: wo nicht, so appellir ich dawider. – Was appelliren! spricht Pantagruel. Es gilt nicht wider Schicksals Ausspruch und was durch Loos entschieden ist. So lehrens unsre alten Legisten und sagts Baldus l. ult C. de leg. Der Grund ist, weil das Glück von keinem Obern weiß, bey dem man sein Loos und Urthel möcht schelten; und kann in solchem Fall selbst nicht ein Minor in Integrum wieder eingesetzt werden. wie er in l. ait praetor § ult. ff. de minor. deutlich sagt.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 373-376.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gargantua und Pantagruel
Gargantua. Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, 2 Bände
Gargantua und Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, in 2 Bdn.
Gargantua und Pantagruel

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon