Zehntes Kapitel.

[39] Was die Farben Weiß und Blau bedeuten.


Weiß also bedeutet Freud, Behagen, Wonn, und bedeutets nicht mit Unrecht, sondern mit vollem Recht und Würden; was ihr auch werdet billigen wenn ihr mit Hintansetzung eurer Affecten hören wollt was ich euch itzt erörtern werde.

Aristoteles spricht, wenn man ein Paar in ihrer Art entgegengesetzte Dinge annähm, als gut und bös, Tugend und Laster, kalt und warm, weiß und schwarz, Lust und Schmerz, Freud und Leid, und andre dergleichen mehr, und sie also zusammenstellt' daß ein Gegentheil Einer Art vernünftigerweis mit einem Gegentheil einer andern übereinkäm, so folgt' nothwendig daß auch das andre Gegentheil dem andern überbleibenden entsprechen müß. Zum Beyspiel Tugend und Laster sind in einer Art Gegentheil; deßgleichen auch gut und bös: wenn nun das eine Gegentheil der ersten Art mit dem einen der zweyten übereinkommt, als Tugend und gut (denn es ist sicher daß Tugend gut ist) so werden es auch die beyden überbleibenden, bös und Laster; denn Laster ist bös.

Diese logikalische Regel wohl verstanden nehmet nun die zwey Gegentheil Freud und Trauer, dann auch die Beyden Weiß und Schwarz; denn sie stehen sich physikalisch entgegen. Wenn demnach Schwarz Leid anzeigt, wird mit vollem Recht Weiß Freude bedeuten.

Und ist diese Deutung nicht etwann erst durch menschliche Satzung eingeführet, vielmehr auf Uebereinstimmung der ganzen Welt, was die Philosophen jus gentium, allgemeines Recht, durch alle Lande gültigs nennen, angenommen. Wie ihr denn zur Genüge wißt daß alle Völker, alle Nationen, (ich nehm die alten Syrakusaner und etliche Argiver aus, denen die Seel überzwerch gelegen) alle Zungen, äusserlich ihr Leid zu offenbaren schwarze Kleidung tragen und jedermann schwarz trauert. Welche einhällige Uebereinkunft nicht wäre, wenn nicht die Natur dazu einen Grund und Antrieb gäbe, den jeder bald von selbst verstehn kann ohn anderweitige Belehrung, welches wir das natürliche Recht zu nennen pflegen. Und aus gleichem Naturbeweggrund[40] hat unter Weiß die ganze Welt Freud, Lust, Ergötzen, Wonn, Entzücken, Plaisir und Fröhligkeit verstanden.

Vor Alters bezeichneten die Kreter und Thrazier die glückseligen und frohen Tage mit weissen Steinen, die traurigen und unglücklichen mit schwarzen. Die Nacht, ist sie nicht traurig, melancholisch und leichenhaft? Sie ist schwarz und finster durch Entbehrung. Die Klarheit, erfreuet sie nicht die ganze Natur? Sie ist weisser als kein Ding auf Erden: zu Bewährung wessen ich euch auf das Buch des Laurenz Valla wider Bartolum verweisen könnt, aber das evangelische Zeugniß wird euch schon gnug thun. Matthäi 17 stehet geschrieben daß bei der Verklärung unsres Herrn vestimenta ejus facta sunt alba sicut lux: seine Kleider wurden weiß als ein Licht. Durch welche lichthelle Weiße er seinen drey Jüngern die Idee und Figur der ewigen Freuden zu verstehen gab. Denn Klarheit erheitert alle Menschen. Wie ihr das Wort der alten Frau habt, die ob sie schon keinen Zahn mehr im Hals hätt, dennoch sagte: Bona lux! Und Tobias am fünften, der Augen beraubt, antwortet' auf des Raphaels Gruß: Was soll ich für Freud haben, der ich das Licht des Himmels nicht sehn kann? In solcher Farbe gaben die Engel die Freud des ganzen Weltalls bey der Auferstehung des Heilands kund, Johannis 20, und bey seiner Himmelfahrt Ap. Gesch. 1. In gleichen Schmuck gekleidet sah auch Sanct Johann der Evangelist in der Offenbarung 4 und 7 die Gläubigen in himmlischen gebenedeyten Jerusalem.

Leset die alten Geschichten nach, Griechen und Römer, so werd ihr sehen daß die Stadt Alba (erstes Muster Roms) erbaut und benamset war nach Findung einer weissen Sauen. Ihr werdet sehen daß wenn Einem nach einem Siege über die Feind, triumphirend in Rom vergönnt ward einzuziehen, er seinen Einzug auf einem von weissen Pferden gezogenen Wagen hielt. Deßgleichen auch wer mit Ovation da einzog: denn mit keiner Farb noch Zeichen konnten sie die[41] Freud über ihre Ankunft deutlicher ausdrucken als durch Weiß. Ihr werdet sehen daß der Athener Herzog Perikles denjenigen Theil seines Kriegsvolkes welchem durchs Loos die weissen Bohnen zugefallen, den ganzen Tag in Freud, Erholung und Ruh hinbringen ließ, während der andre streiten mußt. Tausend andre Exempel und Stellen könnt ich euch noch zu diesem Behuf anführen, ist aber hie der Ort nicht.

Mittelst dieser Erkenntniß könnt ihr auch ein Problema lösen, das Alexander Aphrodisäus für unauflöslich erachtet hat: warum der Leu, der durch sein bloses Geschrei und Brüllen alle Tiere schreckt, den weissen Hahn allein scheut und verehret? denn (wie Proclus, libro de sacrificio et magia schreibt) geschieht dieß, weil die gegenwärtige Kraft der Sonnen, die alles irdischen und siderischen Lichtes Organ und Urquell ist, mit dem weissen Hahnen, theils um dieser Farben willen, theils wegen seiner besondern Natur und Eigenschaft, mehr simbolisiret und übereinkommt als mit dem Leuen. Und ferner sagt er daß öfters Teufel in Leuengestalt gesehen worden, welche bey Ankunft eines weissen Hahnen plötzlich verschwunden sind.

Aus dieser Ursach tragen auch Galli (das sind die Franzosen, so benannt weil von Natur sie weisser als Milch sind, welche die Griechen Gala nennen) gern weisse Federn auf ihren Mützen. Denn von Haus aus sind sie fröhlig, aufrichtig, lauter, angenehm und wohlgesinnt und haben zu ihrem Symbolum und Wappen die Blum die weisser ist als alle andern, nämlich die Lilie.

Wenn ihr fragt, wie unter weisser Farb uns die Natur Freud und Ergötzen verstehen heisse: antworte ich euch, daß die Analogie und der Zusammenhang dieser ist. Denn wie das Weisse äusserlich das Gesicht zerstreut und zertheilet indem es die Sehgeister offenbar entbindet, nach Aristoteles Meinung in seinen Problemen und von der Perspectiv, und ihr es auch aus der Erfahrung abnehmen könnt wenn ihr beschneyte Berg bereiset, da ihr nicht wohl sehn zu können euch beschwert (wie uns Xenophon meldet, daß seinen Leuten[42] ergangen sey und Galen ausführlich libro X de usu partium darthut): ebenso so wird das Herz durch ausnehmende Freude innerlich zerstreut, und erleidet offenbare Entbindung seiner Lebensgeister, die also mächtig wachsen kann daß das Herz seines Unterhaltes beraubt werden und das Leben folglich durch diese Pericharia gar erlöschen möcht, wie Galenus sagt: lib. XII. Method. libro V. de locis affectis, et libro II. de Symptomaton causis, und wie in der Vorzeit Marcus Tullius libro I. quaestion. Tuscul., Verrius, Aristoteles, Titus Livius, nach der Schlacht bey Cannen, Plinius lib. VII. cap. XXXII. und LIII; A. Gellius lib. III. XV. und Andre, mit dem Diagoras von Rhodus, mit Chilon, Sophokles, Dyonisius dem Tyrannen von Sizilien, mit Philippides, Philemon, Polykrates, Philistion, M. Inventius und mehrern die vor Freud gestorben sind, geschehen zu seyn bezeugen: und wie Avicenna in 2 canone, et libro de viribus cordis vom Saffran schreibt, der das Herz so sehr erfreuet, daß er es, wenn man ihn in zu starker Dosis einnimmt, durch übermässige Auflösung und Erweitrung, des Lebens beraubt. Hie sehet nach, den Alexander Aphrodisäus libro primo problematum, cap. XIX, und von Rechtswegen. – Allein was solls! Ich vertief mich in diese Materie weiter als ich zu Anfang gerechnet hätt. Werd also hie mein Segel einziehn und das weitere bis auf das hievon eigens verfertigte Buch aufsparen. Ich sag mit einem Wort nur dieß noch: Blau bedeutet gewißlich den Himmel und die himmlischen Ding, nach eben demselbigen Symbolo, wie Weiß Freud und Vergnügen bedeutet.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 39-43.
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