Des Authors Prologus.

[222] Unermüdliche Zecher, und ihr meine kostbaren Venusseuchling'! Unterweilen ihr eben müssig, und ich auch weiter nichts dringenders zu schaffen hab, so frag ich euch auf euern Eyd: Wie kommts daß wir itzt in gemeinem Sprichwort sagen: Die Welt ist nicht mehr fade? Fade, das ist ein Languedokisch Wort, es bedeutet ungesalzen, ohn Salz, unschmackhaft: metaphorisch bedeutet fade thörigt, albern, im Kopf vernagelt, hirnverbrannt. Wollt ihr behaupten, (wie man logisch wohl allerdings draus folgern möcht) die Welt sey vordem fad gewesen, itzt aber klug geworden? Aus wieviel und was für Gründen war sie fade? Wieviel und was für Gründ waren nöthig sie klug zu machen? Warum war sie fade? Warum sollt sie nun klug seyn? Woran saht ihr die alte Thorheit? Woran seht ihr die jetzige Klugheit? Durch Wen ward sie fad? Durch Wen ist sie klug geworden? Welcher Zahl ist grösser, Derer die sie fad wollten, oder Derer die sie klug wollen? Wie lang war sie fade? Wie lang war sie klug? Woher kam die vorige Thorheit? Woher kommt die folgende Klugheit? Warum nahm eben zu dieser Frist die alte Thorheit ein End, und nicht später? Warum fing eben zu dieser Frist die jetzige Klugheit an, und nicht früher? Was thät uns dir vorige Thorheit zu Leid? Was thut uns die folgende Klugheit zu Lieb? Wie half man der alten Thorheit ab? Wie kam die jetzige Klugheit auf?

Antwortet, wenn's gefällig ist: anderer Beschwörungen will ich mich gegen Eure Lieben nicht brauchen; der Schreck könnt Euern Würden sonst zur Gurgel schlagen. Schämt euch nicht, und trutzt de helsche Duivel, Kinder, dem Paradies-Feind,[222] dem Feind der Wahrheit. Herz gefaßt! Wenn ihr von mir seyd, trinkt erst drey bis fünf Schluck auf der Predigt ersten Theil, dann gebt Bescheid auf meine Frag. Seyd ihr aber vom Andern, apage Satanas! Denn das schwör ich euch bey meinem grossen Hurlyburly: wenn ihr mir dieß Problema nicht wollt lösen helfen, so bereu ichs von Stund und nun an daß ichs euch hie aufgegeben. Denn ich steck in einer Klemm als wenn ich wahrlich den Isegrim bey'n Ohren hätt, und weit und breit kein Beystand.

Na? Beliebts? Ich merk schon, antwortlustig seyd ihr heut nicht. Nun dann, ich auch nicht, bey meinem Bart: Will Euch also blos allegieren was hierüber ein würdiger Doctor und Verfasser des werthen Büchleins der Prälaten Dudelsack, prophetischen Geists geweissagt hat. Was sagt der Schäker? Horcht auf, Hundsfiesli, nun horchet auf:


Das Jubeljahr, da alle Welt die Haare

Sich fadlich scheeren ließ, ist über dreyssig baare

Vollzählig schon. O unehrfürcht'ger Hohn!

Fad schien sie; doch im langen Breven-Frohn

Wird sie nicht fad mehr noch gefrässig seyn;

Wird aus der Schoten ziehn das süsse Kernelein,

Vor dessen Blüth ihr so gegraut im frühen Jahre.


Ihr habts gehört. Habt ihrs capirt? Der Doctor ist steinalt, die Wort sind lakonisch, der Sinn skotin und dunkel, wiewohl die Sach da er von handelt, schon an sich tief und schwierig war. Die besten Ausleger unsers frommen Vaters verstehn unterm Jubeljahr voll über dreyssig, die in diese jetzt Anno Funfzehnhundert funfzig laufende Zeit beschlossenen Jahr'. Wann Frühjahr kommt, wird man die Welt nicht fad mehr schelten. Die Narren, deren Zahl unendlich, wie Salomo zeugt, werden Kollers sterben, und all Art Narrheit wird ein End han, die ebenfalls unzählig ist, wie Avicenna spricht, maniae infinitae sunt species. Welche, während des strengen Winters zuvor ins Centrum[223] eingetrieben, nun an der Oberfläch erscheint und, wie die Bäum, in Saft tritt. Die Erfahrung lehret dieß, ihr wißts, ihr sehets; auch Hippokrates der grosse Ehrenmann hat es vorlängst erhärtet, Aphorism. Verae etenim maniae etc.

Es graut also der Welt die klug wird, nun nicht weiter im Frühjahr vor der Bohnenblüth; das ist: wie ihr, das Glas am Mund, mit weinenden Augen in der Fastnacht weinläufig schaun und glauben könnt.

Ein Haufen Bücher, dem Anschein nach bunt, blühend, blumig, blinkig, blitzig wie galante Schmetterling, aber in Wahrheit überdrussig, langweilig, eklich, schädlich, dornig und finster wie Herakliti Schriften, dunkel wie des Pythagoras Zahlen, (der Bohnenkönig, laut Horaz, war) die werden untergehn, nicht mehr am Tag erscheinen, unsichtbar, verschollen und verstoben seyn. So war ihr Schicksal und Bestimmung, dieß End war ihnen fürbestimmt.

An deren Statt nun sind getreten die Bohnen in der Schot, das sind diese fröhligen, fruchtigen Pantagruelsbücher so itzunder guten Ruf und Absatz haben, einstweilen bis zur neuen Zeit des Jubeljahrs; auf deren Lesung sich alle Welt beflissen hat, dafür sie dann auch klug heißt. Sehet, hiemit wär euer Problema erledigt und aufgelöst! So werdet mir nun auch demnächst rechtschaffne Leut. Hie räuspert euch ein bis zweymal, und trinkt neunmal ohn Umsehn: 's Weinl steht heuer gut und die Wucher-Geyer henken sich schon von selber auf. Werden mir noch ein gut Stuck Strick-Geld kosten wenns so wohlfeil bleibt: denn ich hab ihnen Strick vollauf und unentgeldlich jeder Zeit[224] verheissen so oft sie sich henken wollten. So zahlen sie dem Schinder nix.

Damit ihr also dieser neuen Klugheit theilhaft, und der alten Thorheit los und ledig werdet, so löscht mir gleich von euern Tafeln das Symbolum des alten güldenbeinigen Weisen, worinn er euch den Genuß und Brauch der Bohnen verbeut, und nehmt für wahr und unter allen guten Kunden erwiesen an, daß er sie euch aus keinem andern Grund verboten als der Herr Doctor hilfts nix schadts nix, Amer Seel'ger, des Anwalts Neff, der Herr von Camelotiere, der seinen Kranken die Rebhuhnflügel, Hennenbürzel und Taubenärß mit Weidsprüchlein verbot und sprach: Ala mala, Burzelium dubium, Collum bonum pelle remota, dann alles in sein eigen Maul steckt', und den Kranken nichts als die Knöchlein zu benagen übrig ließ.

Ihm sind dann etliche Nebelkäppler nachgetreten, die uns die Bohnen (diese Pantagruelischen Bücher) verbieten wollen, und nach dem Beyspiel derer Gnatho und Philoxenus von Sicilien, ihrer Mönchs- und Bauch-Wollüst uralten Bauherrn, die mitten über Tisch, wenn man die leckern Bißlein auftrug, ins Essen spieen, damit kein Mensch als sie aus Abscheu davon äß. Alfo verschreyt auch dieß garstige, rotzdrusige, lausige Gleisner-Gesindel so öffentlich als in geheim diese leckern Bücher, und speyt darauf nach seiner Frechheit niederträchtig.

Und wenn wir schon zu dieser Frist in unser Gallischen Sprach, sowohl in Versen als entbundner Red gar manche treffliche Schriften lesen, auch von Gothischem Kuttenthum und Säculum fast wenig Spur mehr zu finden ist: hab ich doch, wie das Sprichwort sagt, als Gänslein lieber unter Schwänen auch mit piepsen und zwitschern mögen, als unter einer so grossen Schaar edler Poeten und fertiger Redner allein für stumm erfunden seyn.

Lieber auch eine Bauern-Roll unter so vielen beredten Spielern dieses stattlichen Actus mit agiren helfen als zu[225] denen gerechnet seyn, die nur als Zahl und Schaal mitlaufen, nach Mucken gapsen, Gähnaffen ziehn, wie ein Arkadischer Esel zur Laut die Ohren spitzen, und nur mit stummen Zeichen deuten daß sie den Rummel genehmigen.

Nach so gefaßtem Schluß und Fürsatz hab ich dann nichts unziemliches zu thun vermeinet wenn ich auch mein Diogenisch Tönnlein rollt', damit ihr mir nicht sprecht ich leb so hin, und wüßt mir kein Beyspiel zu nehmen.

Ich betracht einen ganzen Haufen Colinets, Marots, Herouets, Saingelais, Salels, Masuels, und eine lange Centuri andrer Kallischer Dichter und Redner mehr.

Und seh wie sie, nachdem sie lang auf dem Parnaß in Apollo's Schulen gewandelt und in vollen Zügen aus dem Caballinischen Brunnen mit holden Musen getrunken haben, nun nichts als eitel Parischen Marmel, Alabaster, Porphyr, und feinen Cement-Regal zum Tempelbau unsrer ewigen Muttersprach anfahren, von nichts als Heldenthaten, grossen Dingen, steilen, schweren, hochwichtigen Materien handeln; und das im schönsten Reim-Carmin, in Carmesin-Carminibus; nichts als himmlischen Nektar, holden, goldnen, köstlichen Firnewein und süssen Muskateller-Ausbruch in ihren Schriften zeitigten.

Ja dieser Ruhm gebühret nicht allein den Männern, sondern selbst die Damen haben Theil daran; worunter Eine, vom Geblüt der Franken-Könige entsprossen, (wieviel ohn merkliche Entweihung ihrer Würden hie nicht nennbar) dieß ganze Säculum sowohl durch Ihrer Schriften wunderbare Erfindung als auch durch den Schmuck der Red und Ueberschwenglichkeit der Schreibart in Erstaunen setzet.

Thuts ihnen gleich, dafern ihr könnt. Ich für mein Theil treibs nit so weit. Es kommt nicht jeder nach Korinth. Zum Bau des Salomonischen Tempels bracht Jeder nur ein Seckel Goldes, mit vollen Fäusten gings nicht. Also,[226] weil wir nach unsern schwachen Kräften, der Baukunst nicht so mächtig sind wie sie, bin ich zu thun gesonnen wie Herr Reynald von Montalban. Ich will den Maurern zu Handen gehn, will kochen für die Mauer-Leut, und solln an mir, weil ich doch ihr Cumpan nicht seyn kann, einen Hörer, und zwar den unermüdlichsten, ihrer göttlichen Schriften haben.

Des Todes werd ihr seyn vor Angst, ihr Zoïli, ihr Nebenbuhler und Neidharts. Geht nur, henket euch, und sucht euch selbst die Galgen-Bäum; an Strängen solls nicht fehlen. Hie schwör ich vor meinem Helikon, in aller hohen Musen Ohr: wenn ich noch eines Hunds und dreyer Krähen Alter zu leben hab, Notabene so frisch und g'sund als wie der heilige Jüden-Feldherr, Xenophilus der Leyermann, und wie der weise Demonax, daß ich durch unverwerfliche Gründ, durch umumstößliche Argument allen Flicklappfegern hundert und aberhundertmal durchkrebster Materien, allen Fetzenpletzern alter lateinischer Schwärtlein, allen Käshökern längst verschimmelter unsichrer Vocabeln in ihre Bärt beweisen will, daß unsre Landessprach mit nichten so elend, schaal, arm und verächtlich ist als sie wähnen.

Der ich dann in aller Unterthänigkeit zugleich um die besondre Gunst gebeten haben möcht, daß sie, gleichwie Aesopus dazumal, als Phöbus schon all seine Güter den grossen Poeten vergeben hätt, doch noch das Amt und Nebendienstlein der Fabel fand: auch, in Betracht ich keinen höhern Rang erstreb, itzt mich nun nicht verschmähen möchten zum kleinen Rhyparographus und Pyreicus-Jünger aufzunehmen. Sie werdens thun, o dessen halt ich mich gewiß. Sie sind ja all so gut, so lieb, leutselig, gnädig, glimpflich, daß nichts drüber geht. Dadurch dann Zecher, dadurch dann Schmecker, als die allein hievon den vollen[227] Nießbrauch haben, wenn sie's auf ihren Geläglein lesen und die darinn enthaltnen hohen Mysterien feyern, allererst zu auserlesenstem Besitz und Reputation gelangen. Wie Alexander Magnus gleichfalls mit des Aristoteles Büchern von erster Weltweisheit gethan.

Potz Bauch auf Bauch! das schlampt, das picht!

Darum, ihr Zecher, rath ich euch bey rechter Zeit und Stund hievon einen guten Vorrath einzulegen, sobald ihr in den Drucker-Schoppen sie finden werd. Und bälget sie mir nicht nur aus den Schoten, sondern verschlingt sie wie ein Magensäftlein, verleibt sie euch in Saft und Blut. Dann werd ihr spüren welch ein Heil allen artigen Bohnenbälgern in ihnen zubereitet ist. Bring euch dermal einen schönen schmucken Korbvoll aus demselben Garten, darinn die vorigen gepfluckt, und bitt euch in der Ehrfurcht Namen: laßt euch die Gab gefallen bis ich mit nächsten Schwalben ein Bessers bring.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 222-228.
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