Siebentes Kapitel.

[242] Wie Panurg dem Aedituo die Fabel vom Roß und vom Esel erzählt'.


Nachdem wir gut getrunken und gut gefuttert hatten, führt' uns der Aedituus in ein gut meublirtes, gut tapezirtes, um und um verguldetes Zimmer, setzt' uns da Myrobalanen, Balsamstenglein, verzuckerten grünen Ingwer vor, auch Hippokras vollauf und edeln Firnewein, und ermahnt' uns, vermittelst dieser Antidota, wie durch ein Tränklein aus dem Lethe, alle zur See bestandenen Mühn in Vergessenheit und in Wind zu schlagen. Auch auf unsre Schiff im Hafen ließ er Zehrung im Ueberfluß bringen. So ruheten wir dann selbige Nacht; aber schlafen konnt ich nicht, wegen des ewigen Glocken-Gepümpels.

Um Mitternacht weckt' uns Aedituus zum Trinken auf, trank selbst voran, und sprach: Ihr Leut der andern Welt sprecht, aller Uebel Mutter wäre Unwissenheit, und sprecht ganz recht: allein gleichwohl vertreibt ihr sie euch nimmer aus den Köpfen, sondern lebt ewig in ihr, mit ihr, durch sie. Darum neisen euch dann auch tagtäglich soviel Uebel, immer beschweret und beklagt ihr euch; kommt nie zur Ruh. Itzt[242] seh ichs klärlich: denn hie hält die Unwissenheit euch an die Betten angeschmiedet wie des Vulkanus Kunst den Kriegsgott, und seht nicht ein daß eure Pflicht war, wohl euern Schlaf, doch nicht die Vorräth dieses berühmten Eilands zu schonen. Drey Mahlzeiten solltet ihr nun schon im Leib han; denn dieß merkt euch! wer die Lebensmittel des Läut-Eilands aufzehren will, muß fruh aufstehn. Sie mehren sich durch Essen, und das Sparen eben vermindert sie.

Mäht ihr die Wies zur rechten Zeit, so wächst das Gras nur desto fetter und frischer nach: laßt ihrs drauf stehn, so wird sie bald mit nichts als Moos gepflastert seyn. Trinkt, meine Freund'! Trinkt rund herum. Die magersten von unsern Vögeln singen uns jetzt eins; wir aber wolln ihnen eins trinken, wenn's euch beliebt. Sa sa getrunken ein, zwey, drey, neun Mal; non zelus, sed charitas!

Mit grauendem Morgen weckt' er uns wieder zur Prim-Supp. Von da ab war alles nur Eine Mahlzeit, und die währt' den ganzen Tag; wir wußten nicht, obs Imbiß, Vesper-, Nachtbrod oder Schlafzech war. Erholungshalber spazierten wir blos dann und wann ein wenig auf dem Eiland umher, um diese glücklichen Vögel zu sehn und ihren muntern Sang zu hören.

Abends sprach Panurg zum Herrn Aedituo: wenns Euer Edeln nichts verschlüg, möcht ich euch wohl ein artigs Histörlein erzählen, das bey Castelleraud vor dreyundzwanzig Monden passirt ist.

Der Reitknecht eines Edelmanns ritt eines Morgens im Monat April seine grossen Pferd aufs Feld aus. Dort fand er eine junge muntere Schäferinn, »die ihre Lämmlein weidet' in einem grünen Busch,« nebst einem Esel und etlichen Geissen. Er discurrirt' mit ihr und, wie dann ein Wort das ander giebt, beschwatzt' sie mit hintenauf zu steigen und einen Ritt in seinen Stall zu machen; wollten sich dort mal auch ein[243] wenig auf bäurisch was zu Gute thun. Derweil sie nun so sassen und zusamen plauderten, macht' sich das Pferd sacht an den Esel und raunt' ihm ins Ohr (denn ihr müßt wissen daß die Thier dieß ganze Jahr an mehren Orten sprechen konnten): O du arm elendes Grauchen, dauerst mich; ich hab Mitleid mit dir: du arbeitst täglich schwer, das seh ich an deinem abgeriebenen Schwanzriem: ist auch recht brav von dir, da Gott dich zum Dienst der Menschen erschaffen hat: bist ein gut Grauchen. Aber dennoch, daß du nicht besser geputzt, gestriegelt, bewaldrappt und gefuttert bist als ich dich find, dieß scheinet mir ein wenig tyrannisch und über'n Spahn der Billigkeit. Du bist ganz struppig, ganz klapperdürr und lendenlahm und hast hie weiter nix zu fressen als Binsen, Dornen und harte Disteln. Darum, mein Grauchen, rath ich dir: komm deinen stillen Schritt mit mir, und sieh wie man uns Andre, die die Natur zum Krieg erschuf, tractirt und futtert. Es soll auch dein Schad nicht seyn, sollt meinen Tisch einmal probiren. – Wahrlich, mein Herr Pferd, antwort der Esel, da geh ich ganz gern mit Euch. – Es ziemt dir, Grauchen, sprach das Roß, wohl: mein Herr Roß zu mir zu sagen. – Ach verzeiht mir, mein Herr Roß, versetzt der Esel, wir armen Dörfer und einfältigen Bauersleut pecciren freilich allzuleicht in unsrer groben Tölpelsprach. Nun dann, ich bin euch gern zu Dienst, und will euch ganz von weitem folgen aus Furcht der Schläg, von denen mir ohnhin das Fell schon ganz zerstippt ist, weil ihr mir doch so hohe Ehr und Gunst einmal erzeigen wollt.

Sobald die Schäferinn aufgestiegen, kam er dem Pferd nach, fest gewillet an Ort und Stell brav einzuhaun. Der Reitknecht sah ihn nicht sobald, als er dem Stallgesind befahl ihm das Frühstück mit Futtergabeln und Knütteln zu gesegnen. Als der Esel dieses Wort vernahm, befahl er sich dem Gott Neptun und fing mit starken Schritten an das Feld zu räumen: denn, dacht und schloß er bey ihm selbst: er sagt ganz recht; es ist auch meines Amtes nicht mich an grosser Herren Höf zu wagen; bin von Natur nur armen Leuten zum Trost erschaffen. Aesop hat michs in seinem Mährlein längst gelehrt. Es war zu dreist von mir: hie ist[244] kein Mittel als auszukratzen, und das noch eh ein Spargel gar kocht. Und damit Grauchen, hopp, hopp, hopp, hallo, im Kurz- und Furz-Galopp über alle Berg.

Die Schäferinn, als sie den Esel traben sah, sagt' zum Reitknecht er wär ihre, und bat ihn ja wohl zu verpflegen, sonst wollt sie ohn weiters gleich wieder fort. Da befahl der Reitknecht daß die Pferd eher in acht Tagen kein Körnlein Haber zu sehen kriegten, bis nicht der Esel vollauf hätt. Die Noth war nur, wie ihn wieder kriegen. Die Buben mochten ihm noch so schön thun, ho ho! Hans, Hänsel! komm Hans rufen, der Esel sprach: Ich geh nit hin, ich schäm mich. Je freundlicher sie ihm riefen, je wilder schlug er hinten aus und bockt und farzt'. Sie trieben's noch bis diese Stund, wenn ihnen nicht die Schäferinn gerathen hätt, hoch in der Luft vor ihm Haber zu sieben. Dieß geschah; und hurtig dreht' der Esel den Kopf um und wiehret': Haber! habeam! nur nicht die Gabel! hie heißt nicht bei mir: kommst nicht, schmiert man dir's Maul nicht. Und kam so munter auf sie zu, mit sehr melodischem Gesang, wie ihr dann dieser Arkadischen Thierlein Stimm und Musika wohl kennt, daß sie gar lieblich zu hören ist.

So wie er kam, ward er zum grossen Leibroß in den Stall geführt, geputzt, gestriegelt, abgerieben, ihm frische Streu bis an den Bauch, die Rauff voll Heu, die Kripp voll Haber aufgeschüttet: wiewohl er sehr bescheidentlich, als ihm die Buben den Haber siebten, die Ohren vor ihnen hing, zum Zeichen daß ers auch ungesiebt fressen wollt, und solcher Ehren gar nicht werth wär.

Nachdem sie nun sich satt gefressen, sprach das Pferd zum Esel und frug ihn: Nu wie hälts, armes Grauchen? Was dünkt dir zu diesem Futter? und mochtest erst nicht einmal dran: Was sagst du nun? – Ey, spricht der Esel, bey der Feigen die einst in meines Vorfahren Maul, dem Philemon das Leben gekostet! purer Honigseim, Herr Roß! Allein wie nun? Dieß ist doch erst die Hälfte der Mahlzeit. Rammelt ihr nicht auch hie ein wenig, ihr andern Herrn Pferd'? – Was Rammeln, Grauchen? frug das Pferd, von[245] welchem Rammeln sprichst du? daß dich der Feifel! Grauchen; siehst du mich für 'nen Esel an? – Aha! antwort der Esel, ich merk; ich hab für eure Pferd-Hofsprach ein wenig einen zu harten Kopf. Nu nu, ich mein: roßt ihr nicht auch hie mitunter, ihr Herren Roß? – Sprich leise, Grauchen, sprach das Pferd; denn wenns die Knecht hören, schmierens dir das Fell mit schweren Gabel-Püffen so aus, daß dir das Rammeln vergeht. Wir hie getraun uns nicht einmal den Zipfel zu spitzen, und wenns auch nur zum Stallen wär, aus Furcht der Schläg: im übrigen froh wie die König'. – Nun, bey dem Sattel der mich druckt! rief der Esel, so sag ich mich hie los von dir, und sage Pfui auf deine Streu! Pfui auf dein Heu! und Pfui auf deinen Haber! Vivat die Disteln des Feldes, weil man dabey doch nach Belieben rammeln darf. Lieber, sag ich, halb satt gegessen, nur immer deinen Stiefel gerammelt! Das ist mein Wahlspruch, das ist unser Heu, Brod und Haber. O Herr Roß, mein Freund, wenn du uns erst einmal auf unsern Provinzialkapiteln, den Messen und Märkten sehen solltest, wie wir da rammeln daß es raucht, derweil die Herrschaft ihre Hühner und Gäns verkauft! – So schieden sie. Ich hab gesprochen.

Damit schwieg Panurg und thät kein Müxlein weiter. Pantagruel bat dem Gespräch ein End zu machen. Der Aedituus antwort aber: Wer Ohren hat zu hören, darf nicht vieler Wort. Ich merk ganz wohl was ihr mit diesem Mährlein von Pferd und Esel meint und sagen wollt; ihr schämt euch nur. So wißt dann: hie hats nix für euch, und damit holla; sprecht davon nicht weiter. – Und doch, sprach Panurg, sah ich vorhin hie ein weißfedriges Aebtinlein, die ich weit lieber reiten als an der Halfter führen möcht: und wenn die Andern brave Hähn sind, acht ich sie für eine brave Sie, für ein recht liebes holdes Mäuslein, das wohl ein Paar Sünden verlohnen sollt. Doch Gott verzeih mirs, denn ich denk dabey nichts Böses; das Böse komm gleich über mich, daran ich dächt!

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 242-246.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gargantua und Pantagruel
Gargantua. Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, 2 Bände
Gargantua und Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, in 2 Bdn.
Gargantua und Pantagruel

Buchempfehlung

Prévost d'Exiles, Antoine-François

Manon Lescaut

Manon Lescaut

Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon