Des Authors neuer Prologus.

Meister Franz Rabelais

[18] den günstigen Lesern des vierten Buches heroischer Thaten und Rathen des Pantagruel.


Gott segn und behüth euch brave Leut. – Wo seyns? Kann euch nit sehen. Wart bis ich mein Brill aufsetz.

A ha! schon recht, die Fasten gehen gut. Itzt seh ich euch. Na, wie hälts? Ich hör, ihr habt einen guten Herbst gethan. Da bin ich wahrlich nit bös darüber. Denn ihr habt ein untrüglich Mittel wider alles Verdursten funden. Das heiss ich gute Werk vollbracht. Ihr, eure Weiber, Kinder, Blutsfreund und Hausgenossen seyd nach Wunsch gesund und frisch? So stehets fein, so ist es recht, so lob ichs. Gott, dem guten Gott sey Dank dafür in Ewigkeit; und wenn es anders Sein heiliger Will ist, mögt ihrs auch noch lang geniessen.

Was mich belangt, bin Ichs, mit Seiner höchsten Hülf, in soweit auch, und recommandir mich. Bin mittelst ein wenig Pantagruelismus (welches, wie ihr wohl wissen werdet, eine besondere Fröhligkeit des Geistes ist, bestehend in Geringschätzung zufälliger Ding) gesund und munter; fertig zum Trinken, wann ihr wollt. Fragt ihr warum, ihr braven Leut? Unumstößlich darum: weil es des grossen grundgütigen Gottes Will ist, in welchem ich verharr, dem ich gehorch, deß hochgelobtes Wort voll guter Mähr ich anbet. Das ist das Evangelium, wo Lucä am Vierten mit blutigem Spott und schauderhaftem Sarkasmus zum Arzt, der seines eignen Heils vergißt, gesagt ist: Arzt, o hilf dir selber.[19]

Claudius Galenus erhielt sich zwar aus solcher Ehrfurcht nicht gesund, wenn schon er von der heiligen Schrift einen Fürschmack, und die frommen Christen seiner Zeit gar wohl gekannt und frequentirt hätt, wie erhellet lib. 11. de usu partium, lib. 2. de differentiis pulsuum, cap. 3. et ibidem lib. 3. cap. 2. et lib. de rerum affectibus (wenns von Galen ist), sondern aus Scheu vor dem gemeinen satyrischen Schimpfwort:


Ἰατρος ἄλλων, αυτος ελκεσι βρύων.

(Jatros allôn, autos elkesi bryôn.)

Ein Arzt der Andern ist er wohl, allein

Voll Grind und Schwären pflegt er selbst zu seyn.


Also, daß er sehr keck sich rühmt, und gar für keinen Arzt will gelten, wo er seit seinem achtundzwanzigsten Jahr bis in sein hohes Alter nicht bey vollkommner Gesundheit verblieben, etliche ephemerische Fieber von kurzer Dauer ausgenommen. Wiewohl er von Haus aus just keiner der Stärksten und offenbar dyskratischen Magens gewesen. Denn, sagt er lib. 5. de sanit. tuenda: schwer würd man dem Arzt zutraun daß er für andrer Leut Gesundheit Sorg trüg, wenn er nicht seiner eignen wahrnähm.

Noch kecker rühmt sich ein andrer Arzt, Asklepiades, wie er mit Fortunen den Pakt geschlossen hätt, daß er für keinen Arzt wollt passiren, wo er seit seiner ersten Praxis in der Kunst, bis ins späteste Alter wär unpaß gewesen; dahin er auch frisch und an allen Gliedern stark und rüstig, als Ueberwinder Fortunens gelangt, bis er, ohn alle vorläufige Krankheit endlich das Zeitliche gesegnet' als er einmal aus Unbedacht von einer übelzusamen gefugten und morschen Stiegen herunterfiel.

Wär aber die Gesundheit etwann durch Unstern Euern Edeln entlaufen, o möchtet ihr dieselbige doch, wo sie auch hin wär, oben, unten, hinten, vorn, rechts, links, drinn, draussen, fern oder nah bey euern vier Pfählen, mit unsers himmlischen Heilands Beystand flugs wieder finden! Habt ihr sie zur guten Stund gefunden, stracks ergreift sie, packt sie, vindizirt sie, legt Beschlag auf sie! Die Recht erlaubens[20] euch, der König will's, Ich rath es euch. Nicht mehr noch minder, als auch die alten Legislatoren den Herren, seinen flüchtigen Knecht aufzugreifen ermächtiget haben, aller Orten wo er ihn anträf. Ey du mein Herr Gott, stehts nicht etwann ausdrücklich in den alten Bräuchen dieses so edeln, alten, schönen, blühenden, reichen, sieggewohnten Königthums Frankreich? ist es nicht von jeher so gehalten worden, daß der Tote den Lebenden greifet? Seht nach, was neuerlich hierüber Andreas Tiraqueau geschrieben, dieser gute, gelahrte, weise, so freundliche, leutseelige, gerechte Rath des großen, unüberwindlichen glorreichen Königs Heinrich des Zweiten dieses Namens, bey seinem gestrengen Parlament zu Paris. Gesundheit ist unser Leben, wie Ariphron von Sicyon gar bündig darthut. Ohn Gesundheit ist Leben kein Leben, ist Leben nicht leblich, ἈΒΙΟΣ ΒΙΟΣ, ΒΙΟΣ ἈΒΙΩΤΟΣ, (abios bios, bios abiôtos.) Ohn Gesundheit ist Leben nur ein Schmachten, ist Leben nur ein Bild des Todes. Drum, wenn ihr der Gesundheit beraubt, das ist todt seyd, ergreifet das Lebende, ergreift das Leben, das ist die Gesundheit.

Ich leb der Hoffnung zu Gott, Er werd unsre Bitt erhören, in Betracht des festen Glaubens in dem wir sie thun, und diesen unsern Wunsch erfüllen, dieweil er mittelmässig ist. Mittelmässigkeit heisset gülden bey den Weisen des Alterthums, das ist köstlich, und allerwegen lieblich. Forscht in der heiligen Schrift, so werd ihr finden daß Derer Bitten nie unerhört geblieben sind, die Mittelmässigs gebeten haben.

Das Beispiel habt ihr am kleinen Zachäus, dessen Leichnam und Reliquien sich die Musaphis zu Sanct Ayl bey Orleans zu haben rühmen, und ihn Sankt Sylvan heissen. Er wünscht' sich nichts mehr als unsern Herrn und Heiland vor Jerusalem zu sehen. Dieß war ein Mässigs, stund jedem frei. Aber er war zu klein und konnt ihn unter dem[21] Volk nicht sehen. Er trippelt, er zappelt, er zehkelt, er reckt und streckt sich, er steigt auf einen Maulbeerbaum. Der gnadenreiche Gott erkannt sein ehrlich mässiges Verlangen, trat ihm vor Augen und ließ sich nicht nur von ihm sehen, sondern sprach auch mit ihm, ging in sein Haus und segnet' die Seinigen.

Einem Propheten-Sohn in Israel entfuhr einmal, als er am Ufer des Jordan Holz hieb, das Eisen von seinem Beil (es stehet im vierten Buch der König am Sechsten) und fiel ins Wasser. Da bat er Gott, daß er's ihm wieder geben wollt; – dieß war ein Mässigs – und warf voll starken Glaubens und fester Zuversicht, nicht etwann das Beil nach dem Stiel, wie die Censor-Teufel zum Scandal solöcistisch krächzen, sondern den Stiel nach dem Beil, wie Ihr ganz richtig sprecht. Alsbald erschienen nun zwei Wunder. Das Eisen taucht' aus dem Grund des Wassers, und steckt' sich selber an den Stiel. Wenn er auf einem feurigen Wagen gen Himmel zu fahren gebeten hätt, wie Elia, oder um ein Geschlecht wie Abrahams, um Hiobs Reichtum, Simsons Stärk, um Absalons Schönheit; hätt er's erhalten? Ist die Frag.

Hinsichtlich mässiger Wünsch in Beil-Sachen (aber vergesset auch nicht zu trinken wenns Zeit ist!) will ich euch hie erzählen was unter den Apologen des weisen Franzosen Aesopus geschrieben stehet.

Ich mein des Phrygiers und Trojaners, wie Maxim. Planudes behauptet, von welchem Volk nach den zuverlässigsten Chronicis die edeln Franzen stammen. Aelianus schreibt daß er ein Thrazier gewesen, Agathias nach Herodot, ein Samier; ist mir all eins.

Zu seiner Zeit war ein armer Bauer, von Gravot bürtig, namens Hoderich, Holzhauer und Baumschläger seines Zeichens, und bracht in diesem niedern Stand sein elend Leben kümmerlich hin. Begab sich daß er sein Beil verlor. Itzt, wer ein armer geschlagner Mann war, das[22] war der Hoderich. Denn an dem Beil hing all sein Leben und zeitlich Glück, durch sein Beil stand er bey allen reichen Schrötern in Ehr und Ansehn, ohn sein Beil mußt er Hungers sterben. Wenn ihn der Tod sechs Tag darauf ohn Beil fand, mäht' und senst' er ihn mit seiner Hipp gar aus der Welt weg. In dieser Klemm hub er zu schreyn, zu flehn, zu beten, zu barmen an; in den beredtesten Stoßgebetlein wandt er sich an den Jupiter (wie ihr denn wohl wißt, daß die Noth die Mutter der Beredtsamkeit ist), die Augen gen Himmel, Knie im Staub, Haupt baar, Aerm hoch in Luft erhaben, die Finger der Händ weit ausgespreizt, und unablässig zu jeder Stroph seines Klagelieds rief er mit lauter Stimm: Mein Beil, o Jupiter! Mein Beil! Mein Beil! Nur dieß, o Jupiter! Gieb mir mein Beil nur, oder Geld ein neues zu kaufen. Ach! mein Beil, mein armes Beil!

Gott Jupiter hielt eben in pressanten Sachen Concilium; votiret' just die alte Mutter Cybele, oder auch, wenn ihr lieber wollt, der heitre Junkherr Phöbus. Aber so laut war Hoderichs Geschrey, daß es mit Schrecken im vollen Rath und Consistori der Götter gehört ward. – Wer Teufel ist, frug Jupiter, da drunten, der so erschrecklich brüllt? Potz Styx! han wir etwann zeithero, und bis itzunder nicht alle Händ voll mit Entscheidung der wichtigsten Welthändel und Streitigkeiten zu thun? Wir han den Zwist des Perserkönigs Presthan mit Sultan Solyman dem Kaiser von Konstantinopel erledigt, wir han den Tartern und Muscoviten den Paß verrannt, wir han dem Scherif Bescheid auf sein Gesuch ertheilt, nicht minder auch[23] dem frommen Guolgotz Rays sein Supplik gewähret. Die Sach von Parma ist abgethan, desgleichen die von Maydenburg, Mirandola und Afrika. Also heissen die Sterblichen was wir am mittelländischen Meer Aphrodisium nennen. Tripoli hat unvorsichtig den Herrn verändert; sein Tag war kommen.

Hier stehn und fluchen die Gaskonier Stein und Bein, wolln ihre Glocken wieder haben.

Dort in der andern Eck die Sachsen, Osterlinger, Ostgothen und Deutschen, weiland ein unbezwinglich Volk, itzt aber Scheiß' und unterjocht von einem kleinen lahmen Männlein. Sie fordern Rach, Hülf und Ersatz ihres vorigen guten Geistes und ihrer alten Freyheit von uns. Was thun wir aber mit diesem Rameau und diesem Gualland, die verprotzt in ihre Küchenjungen, Troßknecht und Maulnachbeter die ganze Pariser Akademie zu unterst kehren? Dieß bringt mich schier aus dem Conzept, und hab mich noch nicht resolvirt auf welche Seit ich mich neigen soll.[24]

Sonst scheinens mir beydes gute Gesellen und wackre Gäuch zu seyn.

Der Eine hat Sonnenthaler, und das stolze, gewichtige: der Andre möcht gern welche haben.

Der Ein' hat was gelernt; der Andr' ist auch nicht dumm.

Der Ein' liebt brave Leut; der Andre ist bey braven Leuten beliebt.

Der Ein' ist ein feiner, schlauer Fuchs; der Andre schmäht, schmiert, brummt und billt auf die alten Philosophen und Redner wie ein Hund. Sag an, Priap, du grosser Fisel, was dünket dir dazu? Ich hab dein Urtheil und Rath manchmal ganz billig und triftig funden,


... Et habet tua mentula mentem.


König Jupiter, sprach Priap, indem er sein Kapuz zurückschlug, mit hocherhabenem, flammenrothem und strackem Haupt: weil ihr den Einen mit einem bellendem Hund vergleicht, den Andern mit einem durchtriebenen Fuchs, wär ich der Meinung, daß ihr, ohn euch weiter zu ärgern noch zu erbosen, mit ihnen thätet wie ihr schon einmal mit einem Hund und Fuchs gethan habt. – Wie? wann? frug Jupiter, wo war das? Wer seyn die gewesen?

O wackres Gedächtniß! antwortete Priap. Der würdige Bruder Bacchus hie mit der Scharlach-Schnut wie er vor euch sitzt, hätt einstmals, um sich an den Thebanern zu rächen, einen Fuchs gefeyet, also daß ihn kein Thier auf Erden soviel er auch Schaden und Unheil thät, beschädigen noch fangen durfte.

Hier dieser edle Vulkan hätt aus Monesischem Erz einen Hund verfertigt, und ihm durch Blasen Seel und Leben mitgetheilt. Er gab ihn euch; ihr gabt ihn eurer Liebsten Europa; diese gab ihn dem Minos; Minos der Prokris; Prokris endlich verehrt ihn dem Cephalus. Er war deßgleichen so gefeyet, daß er, nach Art der heutigen Anwäld, iglich Thier fing so ihm aufstieß, ihm nichts entwischt'.[25] Begab sich nun, daß einer auf den andern stieß. Was thäten sie? Der Hund nach seinem fatalischen Schicksal mußt den Fuchs sahn, der Fuchs nach seinem Schicksal durft nicht gefangen werden.

Der Casus ward vor euern hohen Rath gebracht. Ihr schwurt daß ihr dem Schicksal nicht vorgreifen wolltet. Das Schicksal war im Widerstreit. Zweck, Wirkung, Wahrheit zweyer Widersprüch zusamen, ward natürlicherweis unmöglich befunden. Ihr schwitztet vor Angst. Als euer Schweiß zur Erd fiel, wurden die Kohlköpf draus. Dieß ganze edle Consistorium befiel ein schauderhafter Durst in Mangel kategorischer Entschliessung, und wurden im selbigen Rath über achtundsiebzig Faß Nektars getrunken. Auf mein Votum verwandeltet ihr sie in Stein': gleich war't ihr aus aller Not, gleich war Durst-Stillstand ausgerufen im ganzen weiten Qlymp umher. Es war im Jahr der weichen Geilen unweit Theumessus zwischen Theben und Chalcis.

Nach diesem Beyspiel nun bin ich der Meinung daß ihr diesen Hund und Fuchs petrifiziret. Die Metamorphos ist nicht unpassend. Sie heissen Beyd mit Namen Peter: und weil nach dem Limogischen Sprichwort, zu einem Ofenloch drey Stein (oder Peter) von nöthen, dürft ihr sie nur zum Herren Peter von Coingnet setzen, den ihr aus gleicher[26] Ursach weiland petrifizirtet; und werden diese drey todten Peter, wenn sie in Form eines gleichschenkligen Triangels im grossen Tempel zu Paris, oder auch in der Vorhall stehen, dazu dienen mit ihren Nasen die brennenden Lichter, Kerzen, Fackeln, Torschen und Wachsstöck auszuthun, wie beym Flackerspiel; weil sie so kuttnerisch im Leben das Feuer der Parteyung, Misgunst, Kuttner-Sekten und Rotten-Zwietracht unter den müssigen Schülern entzündet. Zu unvergänglichem Gedächtniß daß solch kleines philautisches Knurren und Kutten-Gebelfer mehr von euch verachtet denn geächtet worden. Dixi.

Ihr helft ihnen über, merk ich, mein werther Herr Priap, sprach Jupiter! So hold seyd ihr nicht allen Leuten. Denn weil sie doch so lüstern sind ihres Namens Gedächtniß fortzupflanzen, würd es weit mehr ihr Vortheil seyn also nach ihrem Tod in harten Marmelstein verkehrt zu werden, als wenn sie in Asch und Staub zerfielen.

Hie hinten am Tyrrhener-Meer in den Gau'n um den Apenninus, seht ihr wohl was für Tragödien gewisse Pastophoren erheben? Dieser Wahnwitz wird seine Zeit, wie die Limogischen Oefen währen, dann auch zur Neig gehn, doch nicht so bald. Wir werden noch Kurzweil genug dran haben. Eins kümmert mich nur: daß wir mit Blitzen fast schlecht versehn sind, seit der Zeit da ihr andern Herrn Nebengötter, mit meinem Spezial-Urlaub, so schonungslos zum Zeitvertreib auf Neu-Antiochien damit schosset. Wie späterhin, nach euerm Beyspiel die hochgeschorenen Eisenfresser, die ihre Festung Truthahnsburg wider männiglich behaupten wollten, ihr ganz Geschütz mit Spatzenschiessen[27] vergeudeten; darnach zur Zeit der Noth kein Wehr noch Waffen hätten, und ritterlich die Festung räumten, dem Feind sich ergaben, der schon halb toll und desperat die Belagrung aufhub, und den nichts sehnlicher verlangt', als mit kurzer Schmach davon zu kommen. Dafür schafft Rath, mein Sohn Vulkan! Weckt eure schläfrigen Cyklopen Asteropas, Arges, Steropes, Pyrakmon, Brontes, Polyphemus; stellt sie zum Amboß, laßts brav netzen. Den Feuerarbeitern muß man den Wein nicht sparen. Jetzo fort mit dem Schreyer da drunten! Seht zu, Merkur, wer's ist, fragt was er haben will.

Merkur schaut durch das himmlische Kapploch, wodurch sie alles hören was hie unten auf Erden gesprochen wird, (es sieht just aus wie eine Schiffs-Luck: Ikaromenippus meint, es glich einem Brunnen-Hals) und sieht, daß es der arme Hoderich ist, der sein verloren Beil begehrt. Er zeigts dem Rath an. Wahrlich! spricht Jupiter, da sind wir gut dran: haben wir zu dieser Frist nicht mehr zu thun als verlorene Beil zurückzugeben? Muß ihm doch gleichwohl erstattet werden. So stehets geschrieben im Schicksalsbuch; versteht ihr wohl? so gut als wenn es ein Herzogthum von Mailand werth wär. Gewiß! sein Beil ist ihm so lieb und theuer als einem König sein Reich. Sa sa, man geb ihm dieß Beil zurück, und weiter kein Wort hievon. Laßt uns jetzo den Streit des Clerus und Duckmausthums im Roth-Gau schlichten. Wo blieben wir?

Priapus stund noch aufrecht dort im Winkel beym Kamin. Nachdem er Merkurs Rapport vernommen, sprach er mit jovialischem Freymuth bescheidentlich: König Jupiter, zur Zeit als ich auf euern Befehl und besondre Gunst noch Gartenwächter auf Erden war, hab ich bemerkt daß man, wenn man von Beilen sprach, oft mehr als Ein Ding doppelsinnig darunter verstund; denn es bedeutet ein sichres[28] Werkzeug, mittelst dessen Holz aller Art gehauen und zerspalten wird, bedeutet gleichfalls (zum wenigsten ehedem) den Actus der aus dem Grund und wiederholt vollzognen Garambolibunzulatur des Weibsen. Und sah, daß jeder gute Gesell sein trautes Lustdirnlein sein Beil nannt. Denn mit diesem Rüstzeug (und dabey exhibiret' er seinen dodrantalischen Beiler) verbeilen sie ihnen ihre Stiel-Oehr' so unerschrocken tapferlich, daß sie von einer beym Frauenvolk schier epidemischen Furcht genesen; der Furcht: sie möchten ihnen einmal in Mangel solcher Heftzeug gar vom Unterleib vor die Schuh hinfallen. Und entsinn mich noch ganz wohl, denn ich hab gar ein stattlich Membrum, (wollt sagen Memoriam) es ging kaum in einen Buttertopf – wie ich einmal an einem Feyertag unsers lieben Vulkanus hie, im Wonnemond, am Tubilustro auf einer schönen Blumen-Flur den Jost des Prez, Ockeghem, Hobrecht, Agricola, Brumel, Camelin, Vigoris, De la Fage, Bruyor, Prioris, Seguin, De la Rue, Midy, Moulu, Mouton, Guascogne, Loyset, Compere, Penet, Fevin, Rouzee, Richardfort, Rousseau, Consilion, Constantio Festi, Jacquet Bercan melodisch zusamen hab singen hören:


Als sich zu seiner jungen Frau

Der lange Michel thäte,

Versteckt' er insgeheim und schlau[29]

Einen Schlägel hinterm Bette.

Ey Schatz, war ihre Rede,

Was thust du mit der Keulen?

Er sprach: Ich will dich beilen.

Spricht sie: Laß dies Geschmeisse!

Da lob ich Hans den Geilen,

Wenn er mich beilen will, beilt er mich mit dem Steisse.


Neun Qlympiaden und ein Schaltjahr darauf (o unvergleichlichs Membrum! – nicht doch, Memori! ich pudl' auch immer im Copulieren und Symbolisiren dieser zwey Wort –) hört' ich den Adrian Villart, Gombert, Janequin, Arcadelt, Claudin, Certon, Manchicourt, Auxerre, Villiers, Sandrin, Sohier, Hesdin, Morales, Passereau, Maille, Maillart, Jacotin, Heurteur, Verdelot, Carpentras, L'heritier, Cadeac, Doublet, Vermont, Bouteiller, Lupi, Pagnier, Millet, Du Moulin, Alaire, Marault, Morpain, Gendre, und andre fröhlige Musici in einem geheimen Lustgärtlein unter grünen Lauben, vor einem Wall von Flaschen, Schunken, Pasteten und diversen schmucken Schopflerchlein anmuthiglich im Chorus singen:


Wenn man kein Beil kann brauchen sonder Stiele,

Kein Werkzeug sonder Schaft ein Holz zertheilet,

So sey du, daß sich eins ins andre stiele,

Der Stiel, und alsobald bist du gebeilet.


Fragt sich itzt, was für'n Art von Beil der Schreyhals Hoderich haben will.

Bey diesen Worten schlugen alle gestrenge Götter und Göttinnen ein sumsendes Gelächter auf, wie ein Fliegen-Mikrokosmus. Vulkan mit seinem Quer-Bein thät für Freuden drey bis vier kleine Bockssprüng seinem Schatz zu Lieb auf gleicher Erd. Pah pah, sprach Jupiter zum Merkur, spring gleich hinunter, und wirf dem Hoderich drey Beil hin; seines, eins von Gold, und eins von Silber, alle massiv, und von einem Kaliber. Ihr laßt ihm die Wahl. Nimmt er das sein' und begnügt sich daran, so schenkt ihr[30] ihm auch die beyden andern. Nimmt er ein andres als das seine, haut ihr mit seinem eignen Beil ihm den Kopf ab. Und so haltet ihrs auch ferner mit diesen Beil-Verlieren.

Nachdem er diese Wort gesprochen, verdrehet' Jupiter den Hals wie ein Aff, wenn er Pillen schluckt, und schnitt ein so erschrecklichs Gesicht, daß der ganze grosse Qlymp erzittert'.

Merkur mit seinem Spitzhut, Mäntlein, Caduceo und Flügelschuhen, schießt aus dem himmlischen Kapploch, theilt die öde Luft, kommt leicht zur Erden, und wirft dem Hoderich die drey Beil vor die Füß hin, darauf spricht er zu ihm: Du hast für'n Durst genug geschrie'n. Jupiter hat deine Bitt erhört. Schau zu, welchs von den dreyen hie dein Beil ist, und nimm dirs. – Hoderich erhebt das güldne Beil, beschauts, spürt das es fast gewichtig ist, spricht darauf zum Mercurio: Potz Zäpel! dieß ist meins nit, dieß laß ich wohl lee'n. Deßgleichen thät er auch mit dem silbernen, und spricht: dieß auch nit: behalts. Drauf nimmt er sein hölzern Beil zur Hand, betrachtets unten am Stiel, und sieht sein Zeichen dran. Da hupft er vor Freuden wie ein Füchslein auf, wenn es verirrte Hühner ergattert, und schmunzelt um die Nasenspitz, und spricht: Ey Wärzel! dieß ist mein Beil. Wenn ihr mirs lassen wollt, will ich euch auch einen grossen Hafen guter Milch gehauft voll schöner Erdbeeren opfern auf Mayen-Idus. (Ist der fünfzehnt.)

Guter Mann, spricht Mercurius, ich laß dirs, nimm es. Und weil du dir in Beil-Anliegen ein Mässiges gewünscht und auserkohren hast, schenk ich dir, nach des Jupiters Willen, auch die zwey andern. Jetzo kannst du ein reicher Mann seyn; halt dich brav.

Hoderich dankt höflich dem Merkur, verehrt den grossen Jupiter. Sein altes Beil hängt er in seinen ledernen Gurt, und schürzt sich damit bis übern Arß, wie Märten von Cambray. Die beyden andern schweren nimmt er auf die[31] Schulter, stolzirt also kühn wie ein Prälat durchs Land, trägt den Kopf hoch vor seinen Nachbarn und Kirchfahrtleuten, und frug sie blos das kleine Wörtlein Patelins: Hab ich? Des andern Tags zieht er einen weissen Kittel an, sackt die zwo edeln Beil auf den Rücken, verfügt sich nach Chinon, der trefflichen Stadt, der edeln Stadt, der alten Stadt, ja der ersten Stadt der Welt nach Urtheil und Ausspruch der gelahrtesten Masoreten. In Chinon setzt er sein silbern Beil in schöne Gülden und Scheidmünz um, sein gülden Beil in schöne Salus, schöne Ritter, schöne Langwollen-Hammel, schöne Realen, schöne Sonnenthaler; kauft dafür brav Meyerhöf, brav Scheunen, Erbpächt, brav Hufen, Koten, Wunnen, Weiler, brav Wiesen, Weinberg, Forsten, Triften, Ackerland, Teich, Mühlen, Gärten, Weidicht, Ochsen, Küh, Schaaf, Hammel, Ziegen, Säuen, Häksch, Pferd, Esel, Hühner, Hähn, Kappauner, Küchlein, Gäns, Gänsert, Enten, Erpel, und kleines Federvieh, und war in kurzem der reichste Mann, im ganzen Gau, ja reicher selbst als Maulevrier der Hinkende.

Die Waldleut und Bauern-Wenzel der Nachbarschaft, als sie den Glücksfall des Hoderich sahen, erstaunten baß, und ward in ihren Herzen das Mitleid und das Erbarmen so sie zuvor mit dem armen Hoderich gehabt, in Neid verkehrt um seines so grossen und unvermutheten Reichthums willen. Jetzo gings an ein Rennen, ein Zusammenlaufen, Fragen, Spüren und Spioniren, durch welch Mittel, an welchem Tag, zu welcher Stund, wie und woher ihm solch ein Schatz zu Theil wär worden. Und wie sie hörten daß es von seinem verlorenen Beil käm, da sprachen sie: Hem, hem! bedarf es, um reich zu werden, nichts weiter als daß man ein Beil verliert? dies Mittel ist leicht; es kommt nit hoch. Dieß also ist zu dieser Frist der Sphären Stand, Planeten-Aspekt und Constellation der Stern, daß jeder flugs reich wird der sein Beil verliert? Hem, hem, hem, ha! bey Gott, mein Beil! du sollt mir bald verloren seyn,[32] und nimms nit übel. Da verloren sie samt und sonders ihre Beil. Zum Geyer wer noch ein Beil behielt. Der war keiner braven Mutter Sohn, der nicht sein Beil verlor. Es ward im ganzen Land bald kein Baum mehr geschlagen noch klein gemacht, aus Mangel an Beilen.

Ferner erzählt das Aesopische Mährlein, wie etliche kleine Rekelleut von der halben Schur, die dem Hoderich schon das Wieslein und das Mühli verkauft, um desto flotter auf der Parad einher zu stolzieren, als sie hörten wie er lediglich durch dieß Mittel zu solchen Schätzen kommen wär, auch ihre Degen verschachert hätten, Beil dafür einzukaufen, daß sie sie wie die Bauern verlieren möchten, und durch Verlust derselbigen, güldne und silberne Berg erheben. Ihr hättet sie gar eigentlich für kleine Römerfahrer gehalten, die ihr Hab und Gut verkaufen, fremdes borgen, sich Ablaßzettel von einem neu creirten Papst zu ganzen Stössen dafür zu kaufen. Und geschrieen und lamentiert und zum Jupiter gefleht und gebeten: Mein Beil, mein Beil, o Jupiter! Mein Beil! hin und Mein Beil! her; Mein Beil! ho ho ho Jupiter! Mein Beil! Rings in der Rund umher erthrönt die Luft von dem Geschrey und Heulen dieser Beilverlierer.

Merkur, nicht faul, bracht ihnen Beil in einem fort! jedwedem sein verlorenes, und ein güldnes, und ein silbernes. Sie wählten all das güldne, rafftens auf, und dankten dem grossen Geber Jupiter. Aber im selbigen Augenblick da sies vom Boden erheben wollten, sich darnach bückten und niederduckten, hieb ihnen Merkur, nach dem Gebot des Jupiter, die Köpf herunter. Und ward die Anzahl der abgehauenen Köpf mit den verlorenen Beilen ganz gleich und überein befunden.

Hie seht ihr nun wie gut die fahren, die sich in Einfalt mässige Ding erwählen und wünschen. Nehmet All' ein Beispiel dran, ihr andern Schlucker vom platten Land! ihr, die ihr prahlt daß ihr für keine zehntausend Franken Rent eure Wünsch wollt fahren lassen; und redet nicht mehr so unverschämt hinfüro, wie ich euch zu Zeiten hab wünschen gehört: »Wollt Gott ich hätt itzt gleich hundertsechzig und achtzehn Tonnen Goldes! Hui, wie ich jubeln wollt!« Daß euch die schwere Mauck! was wollt denn ein König, ein Kaiser, ein Papst mehr wünschen?[33]

Auch wißt ihr aus Erfahrung, wenn ihr so übermässige Wünsch gethan, daß ihr nichts weiter davon hättet als Räud und Schaarbock, und im Säckel nicht einen Deut: wie die zwei Tagdieb von Wünschern nach dem Pariser Fuß, davon der ein sich wünscht' in blanken Sonnenthalern so viel zu haben als in Paris verthan, gekauft und verkauft worden seit man zu dessen Erbauung den ersten Grundstein gelegt hätt, bis diese Stund: alles nach Währung, Tax und Marktpreis des theuersten Jahres abgeschätzt, das im Verlauf der ganzen Zeit gewesen wär. Was dünkt euch? war Dem etwann kotzerlich zu Muth? Hätt er saure Pflaumen mit der Schaal gegessen, und sich daran die Zähn verstumpft? Der Andre wünscht' sich den Tempel Unser lieben Frauen voll eitel stählerner Nadeln gepfropft, vom Pflaster bis in den obersten Dachstuhl, und soviel Sonnenthaler zu haben, als in so viele Geldsäck gingen, als man mit diesen sämmtlichen Nadeln deren näh'n könnt bis sie all ganz ausgesprungen und abgenutzt wären. Dieß heiß ich 'mal gewunschen! Was meint ihr? was geschah? Am Abend hatten sie alle beyd die Mauck in Hacken, den kleinen Krebs an Kinn und Nacken, auf der Brust thät der Keuch sie zwacken, der Fluß kriegt' sie beym Schlund zu packen, die Blutschwär an den Hinterbacken und zum Geyer das kleinste Brösel auch nur die Zähn damit auszustochern.

Wünscht also Mässigs; es wird euch werden, und mehr, wenn ihr nur selbst dabey fein arbeitsam und thätig seyd. – All gut, sprecht ihr, Gott hätt mir aber eben sobald achtundsiebzigtausend als das Dreyzehntel eines Halben geben können, denn Er ist allmächtig. Eine Tonn Goldes wiegt Ihm so leicht als ein Obolus. – Ey, ey, ey, ey! und wer hat euch denn also von der Allmacht Gottes und Seinem Rathschluß discurriren und schwätzen gelehrt, ihr armen Leut? Still! pst, pst, pst! beugt euch vor Seinem heiligen Antlitz, und erkennet doch eure Schwachheit.

Dieß, ihr Gichtbrücher, ists worauf ich mein Hoffen setz, und glaub festiglich daß, wenn's dem guten Gott geliebt, ihr auch Gesundheit erlangen werdet, hinsichtlich ihr für itzt nichts weiter als Gesundheit von Ihm erfleht. Harret[34] nur noch ein kleines Wenig und nehmt ein halbes Gränleiu Geduld.

So machens die Genueser nicht: wann sie des Morgens in ihren Comptors und Schreibstüblein sich überlegt, bedacht und ausgedinkelt haben von welchen Leuten sie deß Tages Geld schneiden wollen, wen sie etwann mit ihrer List beluchsen, prellen, rupfen und hinters Licht führen wollen, so gehen sie an den Markt herfür und sprechen statt Gotthelfs zu einander: Sanità et guadain, messere! Gesundheit ist ihnen nicht genug, sie wünschen sich noch Gewinnst dazu, ja wohl die Thaler des Guadaigne selber, wenn's seyn könnt: wofür ihnen dann auch öfters weder das eine noch das andre zu Theil wird. Nun wohlan! Zu gutem Wohlseyn thut mir itzt einen derben Huster, trinket drey Schluck, schüttelt die Ohren freudiglich, und ihr sollt Wunder sagen hören vom edeln und guten Pantagruel.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 18-35.
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