Neuntes Kapitel.

[57] Wie Pantagruel auf das Eiland Plattnasien kam, und von sonderbaren Verwandtschaften in diesem Land.


Zephyr mit einem kleinen Beysatz von Südwest blieb uns getreu, und waren einen Tag gefahren ohn Land zu sehn. Am dritten Tag, um die Mucken-Fruh erblickten wir ein dreyeckigt Eiland, das seiner Gestalt und Lag nach fast Sicilien glich; man nannt' es das Verwandschafts-Eiland. Die Männer und Weiber gleichen den rothen Poitevinern, nur daß die Nasen insgesamt bey Männern und Weibern und kleinen Kindern wie ein Treff-Aß gestaltet sind. Aus dieser Ursach war des Eilands alter Nam, Plattnasien; und waren all, wie sie sich rühmten, untereinander versippt und verwandt. Und sagt' der Platzmajor daselbst uns frey heraus: euch andern Herrn von der andern Welt scheint es ein Großes, daß aus einem Römischen Haus (es waren die Fabier) eines Tages (es war der Dreyzehnte des Hornung) aus einem Thor (es war die Porta Carmentalis, weiland belegen am Fuß des Capitolii zwischen dem Tiber und Fels Tarpejus, nachmals Scelerata genannt) gegen gewisse Feind der Römer (er waren die Hetruszischen Vejenter) dreyhundert sechs Reissige lauter Blutsfreund, nebst fünftausend andern Söldnern, lauter Vasallen von ihnen, ausgezogen und all erschlagen worden; (es war beym Flüßlein Cremera, das aus dem See von Baccano entspringt.) Aus diesem Land hie können wenns Noth thut ihrer mehr denn dreymalhunderttausend ausziehn, lauter Blutsfreund aus Einem Haus.

Ihre Freundschaft und Verwandtniß war aber von ganz besondrer Art. Denn ob sie schon all miteinander also verwandt und befreundet waren, sah'n wir bey ihnen doch gleichwohl weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester, Vetter noch Neffen, Ohm noch Bas, Schnur noch Eydam,[58] Pathen noch Path. Ausgenommen einen alten baumhohen Plattnas, den ich wirklich ein klein Dirnlein von drey, vier Jahren Papa hört' nennen, und das Dirnlein nannt ihn mein Tochter.

Die Sipp- und Verwandtschaft unter ihnen war, daß Einer zu einem Weib sprach: Mein Magerfisch: das Weibsbild nannt ihn: mein Kabliau. – Wenn diese zween, sprach Bruder Jahn, erst ihren Speck aneinander scheuern, sollt man den Pickel von weitem wohl riechen. – Einer rief eine dralle Jungfer mit lachendem Mund an: Guten Tag, mein Fuchsschwanz! Sie grüßt' ihn wieder und sprach: Schön Dank, mein Striegel. – He he he, rief Panurg, seht da eine Striegel, einen Fuchs und einen Schwanz! Heißt dieß nicht den Fuchsschwanz streichen? Dieß Fuchsschwänzlein mit dem schwarzen Streifen mag mir wohl fleissig gestrichen werden. – Ein Andrer grüßt' seinen Schatz und sprach: Behüth dich Gott o mein Canzley! Sie antwort ihm: Dich auch, mein Prozeß. – Nun, bey Sanct Trinian, sprach Gymnastes, dieser Prozeß liegt auch wohl oft auf dieser Canzley. – Einer nannt eine Andre mein Kalb, sie ihn ihr Fell. – Die laufen brav dem Kalbsfell nach, sprach Epistemon. – Ein Andrer grüßt' seine Anverwandte und sprach: Bonsdis, mein Beil! Sie antwort: Glück zu, mein Stiel. – Potz Puff! schrie Karpalim, wie doch dieß Beil so schön verstielt, wie dieser Stiel so wohl verbeilt ist! Oder wär's gar der Curialstil von den Römischen Courtisanen, oder der weite Aermel-Stilus der Franziskaner?

Ich kam weiter und sah einen Haverlinger, der grüßt' seine Anverwandtinn und hieß sie seine Matraz; sie ihn ihren Leilach. Auch hätt er in der That ein wenig die Mien von einem groben Leilach. Ein Andrer nannt eine Andre mein Fischel, sie ihn mein Grätel. Einer Eine mein Besen, sie ihn ihren Borstwisch. Einer Eine meine Papusch, sie ihn Pantoffel. Einer Eine mein Sock, sie ihn ihren Stiefel.[59] Einer Eine sein liebes Müfflein, sie ihn ihren Handschuh. Einer Eine seine Schwart, sie ihn ihren Magen; und unter ihnen beyden war eine Schwert- und Schwartenmagenverwandtschaft.

In gleichem Grad der Parentel nannt Einer die Seine, mein Eyerkuchen, sie ihn ihr Ey, und waren versippt wie ein Eyerkuchen mit Eyern. Item ein Andrer Seine, mein' Ruth, sie ihn ihr Reisbund, und nimmer hab ich erfahren können was zwischen ihnen für eine Sipp, Nexus, Verschwägrung oder Blutsfreundschaft nach unsrer Art zu rechnen wär, als daß man uns sagt' sie wär die Ruth in dieß Reißbund. Ein Andrer grüßt' die Seine und sprach: Gott helf Dir, meine Schaal! Sie antwort ihm: Dir auch, mein' Auster. – Der ist also die Auster in der Schaal, sprach Karpalim. – So grüßt' auch Einer die Sein' und sprach: Hoch lebe mein' Schot! Sie antwort, und lang Du, mein Erbs. – So ist er, sprach Gymnastes, also Herr Schotenerbs. – Ein andrer grosser Strolch und Zähnknapper kam auf hohen hölzeren Pumpen einher getrabt, begegnet' einer kurzen, dicken, derben Dirn, und sprach zu ihr: Gott tröst dich, mein Kreisel, mein Driesel, mein Dorl. Sie antwort ihm ganz schnippisch: Trost um Trost, mein Peitsch. – Potz Grün und Grau! rief Xenomanes, ist er auch die Peitsch darnach den Kreisel zu treiben?

Ein wohl frisirter gestrählter Doctor Legens hätt eine gute Weil mit einem hohen Fräulein parlirt; und als er sich von ihr beurlaubt', sprach er zu ihr: grossen Dank, gute Mien! Und sie dagegen: sehr obligirt, schlimm Spiel! – Die Freundschaft, sprach Pantagruel, paßt gar nicht übel, wenn schlimmes Spiel und gute Mien zusamenhalten. – Ein Baccalar vom Bakel sprach im Vorbeygehen zu einer jungen Maid: Ey, ey wie lang ists her, daß ich euch nicht gesehn hab, mein' Pfeif! – Ich seh euch auch ganz gern, mein Sack; antwortet' sie. – Thut die zusamen, sprach Panurg, und blaset ihnen ins Loch, so giebts 'ne Sackpfeif. – Ein Andrer nannt' die Seinige, mein Korb; sie ihn ihren Hahn. Da fiel mir bey, daß dieser Hahn wohl auch gern Hahn in diesem Korb wär. Nicht weit von uns sah ich einen kleinen bucklichen Schmal-Galan, der seine Sippin[60] grüssend sprach: Adé, mein Loch! Sie grüßt' ihn wieder, und sprach: Gott helf dir, mein Pflock. – Die ist, vermuth ich wohl, sprach Bruder Jahn, am ganzen Leib halt lauter Loch, und er deßgleichen lauter Pflock. Bleibt nur die Frag, ob dieser Pflock dieß Loch auch gründlich verkeilen mag.

Ein Andrer grüßt' die Sein' und sprach: Adé, mein Käfig, und sie zu ihm: guten Tag, mein Gänslein. – Ich glaub schon, sprach Ponokrates, daß dieses Gänslein oft im Käfig ist. – Ein Haverlinger, im Gespräch mit einer jungen Marzipill, ermahnet' sie und sagt': o Fist, gedenk daran! – Schon gut, o Furz, antwortet' sie. – Heißt ihr die Zween, Verwandte? frug Pantagruel den Platzmajor. Ich mein sie sind mehr Feind als Freund zusamen, den er hat sie Fist genannt. Bey uns könnt ihr ein Weib nicht ärger schimpfen, als wenn ihr sie so heißet. – Ey, sprach der Platzmajor, ihr lieben guten Herrn von der andern Welt habt wenige so nahe Vettern und Anverwandten als dieser Furz und dieser Fist sind. Sie sind unsichtbar alle Beyd aus Einem Loch zur Welt gekommen, und in dem nämlichen Augenblick. – So hat der Föhn-Wind, sprach Panurg, ihre Mutter gefenstert. – Welche Mutter meint ihr? frug der Platzmajor. Das ist Verwandtschaft von eurer Welt: sie haben weder Vater noch Mutter. So haltens nur die Leut da drüben überm Wasser, die Leut die Heu in den Stiefeln haben. – Der redliche Pantagruel sah und hört es alles mit an. Allein bey diesen Reden hätt er denn doch schier Contenanz verloren.

Nachdem wir des Eilands Lag', und der Plattnäser Sitten fleissig betrachtet, traten wir in ein Wirtshaus ein, um uns ein wenig zu restauriren. Da hielt man just Hochzeit nach Landesart, wo eben nicht sehr gedurstet ward. Und copulirten in unserm Beyseyn gar lustig eine Birn, ein stattlich Frauenzimmer unsers Bedünkens, (wiewohl die von ihr gekostet hatten, meinten daß sie schon etwas teig wär) mit einem jungen milchbärtigen Käs: sein Haar fiel etwas ins Röthlichte. Die Mähr hievon war mir schon sonst zu Ohren kommen, und solcher Ehen schliesset man auch[61] wohl anderwärts. Zu Haus auf meinem Ochsenstand, da sagen die Leut bis diese Stund: daß man kein Brautpaar so gerecht wie Birn und Käs zusamenbrächt. In einem andern Zimmer sah ich eine alte Pumphos mit einem jungen und geschmeidigen Stieflein trauen. Und sagten dem Pantagruel, der junge Stiefel nähm die alte Pumphos weils eine gute Haut wär, wohl auf dem Strumpf, fein derb und gut fürs Haus, ja zum Matrosen-Dienst. In einer andern Unterstub sah ich einen jungen Pantoffel eine alte Latsch heyrathen, und ward uns gesagt er thät es nicht um ihrer Schönheit noch Anmuth willen, sondern aus Geiz und Lüsternheit nach ihren Batzen, als womit sie über und über contrapunktirt wär.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 57-62.
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