Acht und Zwanzigstes Kapitel.

[293] Wie Pantagruel seltsamer Weis den Dipsoden und Riesen obsiegt'.


Nach allen diesen Gesprächen rief Pantagruel ihren Gefangenen, entließ ihn und sprach: Geh hin zu deinem König[293] in sein Lager, und sag ihm an was du gesehen hast; und er soll sich auf morgen Mittag fertig halten mich zu gastiren: denn augenblicklich, sobald nur meine Galeeren da sind, (wird seyn bis fruh aufs spätest) werd ich mit achtzehnhunderttausend Kriegsvolk und siebentausend Riesen, sämmtlich weit grösser als du mich hie siehest, ihm darthun daß er unvernünftig und albern daran gehandelt hat, also mein Land zu überziehen. – Womit Pantagruel sich stellet' als ob er ein grosses Heer zur See hätt.

Der Gefangene antwort aber, daß er sich ihm zum Sklaven ergäb und er zu seinen Leuten niemals wieder heimzukehren begehret', vielmehr mit dem Pantagruel wider sie streiten wollt, und möcht ers ihm nur gewähren um Gottes Willen. Welches jedoch Pantagruel nicht zugab, und ihn ungesäumt dahin gehn hieß wohin er ihm befohlen hätt. Zu gleicher Zeit behändigt' er ihm ein Schächtlein voll Euphorbium und Grana Coccodnidii in Branntwein zur Latwerg gekocht, und hieß es ihm seinem König bringen und sagen daß, wo er davon einer Unzen groß ohn drauf zu trinken, essen könnt, er ihm getrost möcht Widerstand leisten. Hierauf flehet' ihn der Gefangene mit gefaltenen Händen an, daß er zur Stund des Treffens ihm wollt gnädig und barmherzig seyn. Und Pantagruel sprach zu ihm: Wenn du deinem König alles wirst angezeigt und gemeldet haben, dann sag ich nicht mit den Kutten-Gleisnern, hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen, denn dieß heißt im Gegentheil: hilf dir selbst, so wird der Teufel dir den Hals umdrehen: sondern ich sag dir: setz all dein Hoffen auf Gott, so wird Er dich nicht verlassen. Denn auch ich, obschon gewaltig, wie du sehn kannst, und ob ich gleich ein unzählig Volk in Waffen hab, getröst mich doch gleichwohl nicht meiner Macht noch Geschicklichkeit, sondern mein ganz Vertrauen stehet auf Gott meinen Schirm und Hort, welcher niemals verlässet die ihr Sinnen und Hoffen auf Ihn setzen. – Demnach ersucht' ihn der Gefangene, sein Lösegeld ihm fein billig zu machen. Darauf antwort' Pantagruel: sein Sach wär nicht die Leut zu plündern noch ihnen Lösung abzuplacken, sondern vielmehr sie reich zu machen und gänzlich frey. So gehe, sprach er, im Frieden des lebendigen Gottes, und hüth dich[294] allzeit vor böser Gesellschaft, daß dir nichts Uebels widerfahre. – Nachdem er weg war, sprach Pantagruel zu den Uebrigen: Kinder, ich hab dem Gefangenen zu verstehn gegeben, daß wir zur See ein Kriegsheer hätten, auch keinen Sturm vor morgen Mittags auf sie thun wollten, zu dem End, daß sie in Furcht des vielen Volkes, die Nacht mit Rüstung und Schanzen verbringen. Derweil ist meine Absicht aber, sie um die Stund des ersten Schlafs zu überfallen.

Hie lassen wir itzt Pantagruel sammt seinen Jüngern, und reden von dem König Anarchos und seinem Heer.

Als der Gefangene ankam, ging er sofort zum König und meldet' ihm wie ein grosser Ries namens Pantagruel eingetroffen, der die sechshundertneunundfunfzig Ritter all erwürgt und grausam hätt braten lassen, und wie Er allein entronnen wär die Zeitung zu bringen; auch von dem Riesen Auftrag hätt ihm anzusagen daß er ihm auf morgen Mittag den Imbiß sollt rüsten, denn um die Zeit gedächt er ihm das Treffen zu bieten.

Gab ihm darauf das Schächtlein mit der Latwerg. Allein, kaum hätt er einen Löffel voll davon verschluckt, so spürt' er im Schlund ein solches Brennen und Schwulst des Zapfens, daß ihm die Haut von der Zungen schwor, und half alles nichts, was man ihm auch für Mittel dawider eingeben mocht, nichts schafft ihm Lindrung als zu saufen ohn Unterlaß: denn so wie er den Becher vom Mund bracht, wollt ihm die Zung im Gaumen verbrennen. Derhalb man dann in einemfort ihm immer nur unabläßlich Wein durch einen Trichter in den Hals goß. Seine Hauptleut, Baschen und Leib-Trabanten, als sie das sahen, kosteten auch die Arzeney, ob sie so dursterwecklich wär; es ging ihnen aber wie ihrem König, und fingen All' an so hitzig zu bechern, daß alsbald durch das ganze Lager das Gerücht lief von dem Gefangnen der wieder da wär, und von der Schlacht die morgen seyn sollt, und wie der König nebst seinen Obersten und der Leibwacht sich auch darauf schon präparirten, und zwar mit Saufen was ihnen nur zu Hälsen wollt. Da legt sich dann deßgleichen Jeder im Heer aufs demmen, schöppeln und zechen: Summa, sie tranken so oft und hundsoft, bis sie voll Schlafs wie die Schwein im Lager ohn Ordnung über einander fielen.[295]

Jetzo kommen wir aber wieder zum guten Pantagruel, und melden wie er in diesem Strauß sich hielt. Beym Abzug von dem Ort wo das Trophäum stund, nahm er den Mastbaum von ihrem Schiff statt Pilgersteckens in seine Hand, packt' in den Mastkorb zweyhundertsiebenunddreyssig Stückfaß weissen Weins von Anjou, auch ein Theil von Rouen, lud das Boot ganz voller Salz, und hings so leicht an seinen Gurt wie die Landsknechtsweiber ihre Körblein zu tragen pflegen. Also macht' er mit seinen Gesellen sich auf den Weg, und als er nicht weit mehr vom Lager der Feind war, rief Panurg ihn an, und sprach: Gestrenger Herr, wollt ihr ein gutes Werk thun? laßt uns doch diesen weissen Wein von Anjou aus euerm Mastkorb zu Thal, so wolln wir hie saufen a la Bretesca.

Dessen gewährt ihn Pantagruel gern und räumten die zweyhundertsiebenunddreyssig Stückfaß so gründlich auf, daß auch kein Tröpflein überblieb, bis auf ein Gutter von Tourischem gummirten Leder, das Panurg für sich füllt', (denn er hieß es nur sein Vademecum) und etwas leidigen Trusen zum Essig. Nachdem sie nun des Zickelzielens weidlich gepflogen, gab Panurg dem Pantagruel ein Teufels-Medicament zu essen, bestehend aus Lithontripon, Nephrokatartikon, Canthariden in Quitten-Marmelad und andern diuretischen Speciebus. Nach diesem sprach Pantagruel zum Karpalim: Geh in die Stadt, klimm auf die Mauer wie ein Ratz, denn du verstehst dich wohl darauf, und sag dem Volk drinn daß sie itzund auf der Stell aus aller Macht einen Ausfall auf den Feind thun sollen. Wenn du's gesagt hast, spring zurück, nimm eine brennende Fackel und steck mir alle Zelt und Baraquen im Lager in Brand damit, dann schrey so laut du kannst mit deiner starken Stimm, (denn sie ist schrecklicher als des Stentor, die man durch allen Waffen-Lärm des Trojanischen Kriegs vernehmen konnt) und eil aus dem Lager. – Wär auch wohl gut, frug Karpalim, ihr ganz Geschütz ihnen zu vernageln? – Nicht doch, nicht doch, sprach Pantagruel, aber zünd nur ihr Pulver an. – Alsbald dazu bereit schoß Karpalim fort und thät wie ihm Pantagruel[296] geboten. Und alles wehrhafte Volk in der Stadt, soviel drinn war, fiel aus: er aber, nachdem er das Feuer in die Zelt und Baraquen geworfen, rann über sie leicht dahin und spürten nichts davon, so gar fest schliefen und schnarchten sie. Itzt kam er hin wo das Geschütz stund und steckt' die Munition in Brand: es ging ihm aber nah am Hals weg, denn das Feuer war so jählings, daß es den armen Karpalim bey einem Haar mit aufgezehrt hätt; und war er nicht so erstaunlich flink, er wär wie ein Ferken geröstet worden. Aber er griff so haarscharf aus, daß ihn kein Armbrustbolzen erreicht hätt.

Als er nun aus den Transcheen war, schrie er so mörlich als wären alle Teufel der Höllen los, und von dem Schrey erwacht' der Feind. Aber wißt ihr auch wie? so hasendämlich wie früh ums erste Metten-Läuten das man um Lusson die Sack-Krau nennt.

Mittlerweil fing Pantagruel an, das Salz das er in seinem Boot hätt, auszusäen, und weil im Schlaf ihnen die Mäuler weit offen stunden, so versalzt' er ihnen die Häls bis oben herauf: da keisterten die armen Wicht wie die Füchs und schrieen: Ach Pantagruel! Pantagruel! machst du uns die Durst-Höll so heiß? Und plötzlich kam Pantagruelen das Brunzen an auf die Medizin, die ihm Panurg gegeben hätt, und brunzt' in ihr Lager so überschwenglich, daß er sie alle zusammen schwemmt' und auf neun Meilen in die Rund eine partialische Sündfluth ward; und die Geschicht sagt: wenn auch noch seines Vaters große Mär dort mit gewesen wär und mit gebrunzt' hätt, so wär es eine enormere Sündfluth als zu Deukalions Zeiten geworden; denn sie brunzt' niemals daß es nicht auf jedes Mal einen größeren Strom als Rhon' und Donau gegeben hätt. Welches als die aus der Stadt gefallne Besatzung inne ward, sprachen sie: schauet man hat sie all elend erschlagen, da lauft das Blut! Es trog sie aber, denn sie hielten Pantagruels Harn für Feindesblut, weil sie nicht weiter sehen konnten als bei dem Schein der brennenden Zelt und etwas wenigem Mondenlicht. Nachdem die Feind sich nun ermuntert und einerseits ihr Lager in Flammen und das Diluvium und Harn-Meer[297] sahen, wußten sie weder was sie rathen noch denken sollten. Etliche meinten daß der Welt End und jüngstes Gericht, welches durch Feuer vollzogen soll werden, erschienen wär: die andern glaubten, des Meeres Götter verfolgten sie, Neptunus, Proteus, die Tritonen und ihres Gleichen, zumal das Wasser in Wahrheit einen fast scharfen Schmack wie See-Salz hätt. – O wer wird itzo erzählen können, wie Pantagruel mit den dreyhundert Riesen turnirt'? O meine Musa! meine Thalia! meine Kalliope! gieb mirs ein, zu dieser Frist! Nun restaurir mir die Lebensgeister! Hie ist der Hoppaß, hie ist der Logik Ochsenberg, hie ist die grosse Schwierigkeit den schauderhaften Mordkampf zu schildern der nun geschah. Itzt stünd mein Sinn nach einem Pokal vom besten Wein so je die Lippen derer genetzet, die diese so veritable Geschicht einst lesen und betrachten werden.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 293-298.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gargantua und Pantagruel
Gargantua. Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, 2 Bände
Gargantua und Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, in 2 Bdn.
Gargantua und Pantagruel

Buchempfehlung

Anonym

Schi-King. Das kanonische Liederbuch der Chinesen

Schi-King. Das kanonische Liederbuch der Chinesen

Das kanonische Liederbuch der Chinesen entstand in seiner heutigen Textfassung in der Zeit zwischen dem 10. und dem 7. Jahrhundert v. Chr. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Victor von Strauß.

298 Seiten, 15.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon