Dreyssigstes Kapitel.

[303] Wie der verkurzköpfte Epistemon geschickt von Panurgen curiret ward. Nebst Nachricht von den Verdammten und Teufeln.


Nach so vollbrachtem Gigantensturm zog sich Pantagruel an den Ort wo die Flaschen stunden zurück, und rief Panurgen und die Uebrigen die sich auch sämmtlich frisch und gesund einfanden, bis auf Eusthenes, dem einer der Riesen, als er ihn abfing, ein wenig das Gesicht zerkrellt hätt, und Epistemon, der gar vermißt ward. Darob sich Pantagruel so betrübt', daß er sich selbst entleiben wollte. Aber Panurg sprach zu ihm: Nicht doch, gnädigster Herr! verziehet nur[303] noch ein kleines wenig, so wolln wir ihn suchen unter den Todten, und alsbald sehn wie's mit ihm stehet.

Und wie sie nun so nach ihm suchten, fanden sie ihn stocksteif dort liegen, und seinen Kopf hielt er ganz blutig zwischen den Armen. Da schrie Eusthenes laut: Ha Tod, du arger Tod! so raubst du uns den vollkommensten Menschen? Auf diese Wort erhub sich Pantagruel so voll Grams als man nur je einen Menschen gesehn hat, und sprach zu Panurgen: Ha, mein Freund: die Prophezeyung eurer Gläser und Lanzenschaftes ist nur allzu betrüglich gewesen! – Panurg aber sprach: Nur ruhig, Kinder! weinet nicht, auch nicht ein Tröpflein: Er ist noch ganz warm, ich mach ihn euch wieder so heil wie zuvor. Damit nahm er den Kopf und hielt ihn dicht gegen seinen Hosenlatz damit er sich nicht in der Luft verkühlte. Eusthenes aber und Karpalim trugen den Leichnam an den Ort wo sie zuvor gebechert hätten, nicht in Hoffnung ihn jemals wieder aufzuwecken, sondern daß ihn Pantagruel nur sehen sollte. Aber Panurg vertröstet' sie in einemfort und sprach: Wo Ich ihn nicht curir will ich meinen eignen Kopf verlieren: (so wetten aber die Narren!) laßt dieß Jammern und helfet mir.

Darauf wusch er den Hals rein ab mit gutem weissen Wein, und dann den Kopf deßgleichen, und sinapistet' ein metaschißmerdisches Pulver darüber, das er in seiner Ficken einer stets bey ihm trug, bestrich es dann, ich weiß selbst nicht mehr mit was für Salb, uns fügt' es beydes genau auf einander, Ader auf Ader, Nerv auf Nerven, Wirbel auf Wirbel, daß er nicht etwann ein Kopfhänger würd, (denn solche Leut haßt' er in den Tod:) verheftet's ihm darauf noch rings mit funfzehn bis sechzehn Nadelstich, daß er nicht wieder vom Rumpfe fiel, und legt' ein wenig Pflaster drum, er nannt es sein Auferstehungspflaster.

Alsbald fing Epistemon an zu athmen, dann schlug er die Augen auf, dann jähnt' er, dann niest' er, endlich ließ er einen gewaltigen Hausmannsfurz. Jetzt, sprach Panurg, ist er gewißlich hergestellt! und gab ihm ein Glas voll weissen leidigen Bauernkrätzers zu trinken, nebst einem bezuckerten Rostschnitt. Solchergestalt ward Epistemon geschickt curirt;[304] nur blieb er euch über drey Wochen lang heiser darnach, und behielt einen trockenen Husten, den er sich nicht erwehren konnt außer mit Trinken. Und fing nun an zu discurriren, erzählet' ihnen wie er die Teufel gesehen hätt, auch mit dem Lucifer ganz vertraulich Zwiesprach geflogen, und in der Höll und in den Elysäischen Feldern ein kreuzgut Leben geführet hätt. Und gab den Teufeln vor allen Leuten das Zeugniß, es wären gute Gesellen. Und was die Verdammten anbeträf, meint' er, es wär ihm fast Leid gewesen daß ihn Panurg so bald erweckt hätt; denn, sprach er, die zu betrachten fand ich ein sonderliches Wohlgefallen. – Wie so dann? frug Pantagruel. – Man hält sie, antwort Epistemon, gar nicht so schlimm als ihr wohl glaubt, aber ihr Stand ist wunderseltsam verändert. So sah ich Alexandern den Großen, der flickt' alte Hosen, und verdient damit sein elend Brod.

Xerxes schrie Senf aus.

Romulus war Salzsieder.

Numa, Nagelschmidt.

Tarquin, Harlekin.

Piso, Post-Voigt.

Sylla, Fährmann.

Cyrus war Kühhirt.

Themistokles, Glaser.

Epaminondas, Spiegelgiesser.

Brutus und Cassius, Feldmesser.

Demosthenes, Winzer.

Cicero, Brandschürer.

Fabius, Flöhhüter.

Artaxerxes, Seiler.

Aeneas, Müller.

Achilles, Grindkopf.

Agamemnon, Tellerlecker.

Ulysses, Schnitter.

Nestor, Schnapphahn.

Darius, Privet-Feger.

Ancus Martius, Pechsalber.[305]

Camillus, Schlarrenpletzer.

Marcellus, Bohnen-Schäler.

Drusus, Trinkaus.

Scipio Africanus dutet' auf einem Holzschuh: Hefen wer kauft!

Hasdrubal war Laternenputzer.

Hannibal, Kachler.

Priamus handelt' mit alten Fähnlein.

Lanzelot vom See zog todte Karrn-Gäul ab.

Sämmtliche Ritter der Tafelrund waren armselige Tagelöhner, schwitzen am Ruder und fahren über, wenn sich die Herren Teufel einmal auf dem Cocytus, Phlegethon, Styx, Lethe, oder Acheron, ein Wasser-Vergnügen machen wollen, just wie die Fährleut in Lyon und die Gondelirer zu Venedig; verdienen aber hinüber und 'rüber nicht mehr als einen Nasenstüber, und Abends ein Stück schwarz Kleyenbrod.

Auch die zwölf Pair von Frankreich sind da, hab aber nicht g'sehen daß sie was thäten: ihr ganz Gewerb davon sie leben ist, daß sie sich grosse Backenstreich, Horbeln, Rettig und schwere Faustpüff gutwillig in die Zähn lassen geben.

Trajan war Froschfischer.

Antonin, Lakay.

Commodus, Stadtpfeiffer.

Pertinax, Nußschwinger.

Lucullus, Vogelschellner.

Justinianus, Spielsachkrämer.

Hektor war Brühschlecker.

Paris, ein armer Lotterbub.

Achilles, Heubinder.

Cambyses, Maulthiertreiber.

Nero war Leyermann, und Fierabras sein Famulus; aber er thät ihm tausend Kreuz an, gab ihm schwarz Brod zu essen und sauern Wein zu trinken: er selber aß und trank vom Besten.[306]

Julius Cäsar und Pompejus waren Schiffspicher.

Valentin und Orson thäten Dienst in den höllischen Baadstuben, und waren Butzenkratzer.

Ziliant und Gauvain waren arme Sauhirten.

Gottfried vom großen Zahn war Zundelmann.

Gottfried von Billion, Kuttenschneider.

Balduin, Meßner.

Don Pedro von Kastilien, Bettelbriefträger.

Morgan, Bierbrauer.

Hüon von Bourdeaulx war Faßbinder.

Pyrrhus, Küchenbrödel.

Antiochus, Schlotfeger.

Romulus, Nagelschuhflicker.

Octavianus, Papierkratzer.

Nerva, Rußpartel.

Papst Julius schrie Pastetlein aus: aber seinen großen Buker-Bart trug er nicht mehr.

Johann von Paris war Stiefelschmierer.

Artus von Bretanien wusch alte Mützen aus.

Perceforest trug eine Huck, ich weiß nicht ob er Reisholz feil hätt.

Papst Bonifacius der Achte war Topf-Abschäumer.

Papst Niklas der Dritt war bey der Glashütt.

Papst Alexander war Ratzenfänger.

Papst Sixtus schmiert' die Venerischen ein.

Wie? frug Pantagruel, hats auch dort unten venerische Leut? – Ey wohl, antwortet Epistemon, ich hab ihrer nirgend so viel gesehn: sind über hundert Millionen allda. Denn glaubt nur, wer in dieser Welt das fränkische Uebel nicht gehabt hat, kriegts in der andern. – Wetter! fiel ihm Panurg ins Wort, so bin Ich quitt. Denn da bin ich hinein spaziert bis an das Loch von Gilbathar, und hab des Herkuls Sparren vertreten, ja von den reifsten mir abgepfluckt. –[307]

Oger der Dän war Kürißputzer.

Der König Tigranes, Ziegeldecker.

Galienus Restauratus, Maulwurfsgräber.

Die vier Haymonskinder, Zahnbrecher.

Der Papst Calixtus, Müff-Baader.

Papst Urban, Speckschnäppel.

Melusin war Küchenstrunz.

Matabrun', Waschweib.

Kleopatra, Zwiebelhökerinn.

Helena, Mägde-Mäklerinn.

Semiramis, Bettler-Lauserinn.

Dido ging mit Pilzen hausiren.

Penthesilea war Kreßnerinn.

Lucretia, Spittelmeisterinn.

Hortensia, Wollen-Spinnerinn.

Livia, Grünspahn-Schraperinn.

Solchergestalt erwarben die auf Erden grosse Herren gewesen, dort unten ihr elend und kümmerlich Brod: und im Gegentheil die Philosophen und die auf Erden Hunger gelitten, waren dort wiederum große Herren. Ich sahe den Diogenes prächtig im weiten Purpurmantel mit einem Scepter in seiner Rechten, wie einen Prälaten einherstolzieren, daß Alexander der Grosse Blut hätt schwitzen mögen wenn er ihm seine Hosen nicht aufs Best geflickt hätt, denn er zählt' ihm dann die Stockschläg faustdick auf. Epikteten sah ich in einer schönen Lauben galant a la Françoyse geputzt, mit einem Haufen schmucker Dirnlein sich tummeln, zechen, tanzen, schmausen; in alle Weg gings lustig her, und Sonnenthaler neben ihm die Hüll und Füll; wie auch sein Wahlspruch oben über dem Rebengitter in diesen Reimen zu lesen stund:


Springen, Tanzen, Saus und Braus

Beym rothen und beym weissen Wein,

Und gespielt Jahr ein Jahr aus

Mit blanken Sonnenthälerlein.
[308]

Wie er mich sahe, lud er mich höflich mit ihm zu trinken ein; das thät ich ganz gern, da schöppelten wir zusammen theologaliter. Mittlerweil kam Cyrus und bat ihn um einen Heller, um Mercurii Willen, weil er sich zum Abendbrod ein Paar Zwiebeln kaufen wollte. Nix, nix da, sprach Epiktet, ich spiel's nicht mit Hellern; da ist ein Thaler, Schelm, sey ehrlich! Cyrus war heilfroh daß er dießmal einen so guten Fang gethan hätt, aber das andre Diebsgelichter von Königen da drunten, als Darius, Alexander etcetera, mausten's ihm wieder über Nacht.

Ich sah den Pathelin, (er war des Rhadamanthus Seckelmeister) wie er um kleine Pastetlein feilscht', die Papst Julius ausschrie, und frug ihn: Wie theuer das Dutzend? Drey Blanken, sprach der Papst. Drey Schmachthieb, antwort Pathelin; gieb her, Schurk, immer her damit, lauf und schaff andre. – Der arme Papst lief heulend fort nach seinem Herrn dem Pastetenbäcker und zeigt's ihm an, man hätte ihm seine Pasteten genommen. Da zerdrasch ihm der Bäcker das Fell mit dem Kantschuh dergestalt, daß man schwerlich hätt Dudelsäck draus machen mögen.

Ich sah den Herrn Jean Le Maire, der spielet' Papsts; da mußten ihm all diese armen König und Päpst von dieser Welt, den Pantoffel küssen, er aber spreitzt' sich groß und breit, gab ihnen seinen Segen und schrie: Kauft Ablaß, ihr Lumpen, kauft! ist nicht theuer; ich absolvir euch von Mehl und Brod, und dispensir euch Zeit eures Lebens nichts werth zu seyn. Damit rief er dem Triboulet und Cailette und sprach zu ihnen: Ihr meine Herren Cardinäl, stellt ihnen ihre Bullen aus, dem Mann einen Pfahlstoß in die Nieren! Wie auch alsbald vollzogen ward.

Meister Franz Villon sah ich da, der frug den Xerxes wie hoch der Pfennwerth Mustrig zu stehn käm. Einen Pfennig, antwortet' Xerxes. – Ey daß dich doch Gotts Marter schänd, du Schelm, sprach Villon, das Blanken-Maas[309] gilt nicht mehr denn ein Büsel: willt du uns hie den Markt verderben? Da brunzt er ihm in seinen Krug, wie die Mustrigschenken zu Paris thun.

Ich sah den Freyschütz von Baignolet, der war Groß-Ketzerinquisitor. Er ertappt' den Perceforest wie er an eine Mauer harnt', daran das Sanct Tönigsfeuer gemalt stund: erklärt' ihn stracks für einen Ketzer, und hätt ihn lebendig braten lassen, wenn Morgan nicht dazugethan und ihm für sein Proficiat und andre kleine Nebengefäll neun Kannen Bier verehret hätte.

Wohl, sprach Pantagruel, itzo spar uns diese artigen Mährlein auf ein andermal, und erzähl uns nur noch, wie man die Wucherer dorten hält? – Ich sah sie, antwort Epistemon, eifrig bemüht aus den Strassen-Gossen die rostigen Nadeln und alten Nägel herauszulesen, wie ihr auch in dieser Welt die Tagdieb thun seht. Aber der Zentner von diesem Krimskrams gilt nicht mehr als einen Puff Brot, und ist auch nur schlechter Vertrieb damit, also daß diese armen Tropfen zuweilen über drey Wochen lang weder zu brocken noch beissen haben; arbeiten aber doch Tag und Nacht in Hoffnung auf den nächsten Markt, und sind so verwünscht erpicht darauf, daß sie der Plag und Arbeit nicht denken, wenn sie am End des Jahres nur einen lumpigen Heller damit verdienen.

Auf! sprach Pantagruel, laßt uns nun einen Bissen gute Küch versuchen, und trinkt eins, Kinder, ich bitt euch drum; ist diesen ganzen Monat gut trinken! – Da zog man die Flaschen vom Leder stoßweis, und ward vom Mundvorrath des Lagers ein stattlich Tractament gehalten. Nur aber der arme König Anarchos konnt dabey nimmer fröhlig seyn. Da frug Panurg: was für ein Handwerk wolln wir hie unsern Herrn König lehren? damit, wenn er zu seiner Zeit dort unten zu allen Teufeln kommt, er schon der Kunst erfahren sey? – Führwahr, das hast du wohl erwogen, versetzt' Pantagruel: thue nun mit ihm nach deinem Wohlgefallen: ich schenk ihn dir, – Ey großen Dank, Herr! sprach Panurg, die Gab ist traun nicht zu verachten, ich nehm's zum schönsten an von euch.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 303-310.
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