Ein und zwanzigstes Kapitel.

[272] Wie Panurg in eine hohe Pariser Dam verliebt war.


Panurg kam nachgerad zu Ansehn in Paris durch diesen Sieg über den Engelländer, und trug von Stund an seinen Hosenlatz höher, ließ ihn oben mit Flunkern sticken nach der Romanischen Hosen-Mod, und das Volk lobpries ihn öffentlich und macht' ihn auf einen Gassenhauer, den Kind und Katz im Kapploch sang. Auch war er in allen Damen- und Fräuleinsocietäten sehr gern gesehen. Da schwoll ihm bald der Kamm so hoch, daß er sich an eine der ersten Damen der Stadt zu machen wagte.

Flugs also mit Beyseitesetzung eines langen Schwalls von Präambuln und Schwüren, wie unsre Jammer-Amanten und contemplativischen Fastnachtsritter – denn sie kommen dem Fleisch nicht zu nah – gemeinlich brauchen, sagt' er einst zu ihr: Madam, gemeinem Wesen wär es ersprießlich, Euch ergötzlich, euerm Stammbaum zur Ehre gereichend, und mir notwendig, daß ihr euch mit meiner Rass belegen liesset. Und glaubet mirs, denn die Erfahrung wird es euch lehren. – Bey diesem Wort stieß ihn die Dam auf hundert Meilen weit von sich, und sprach: Verhaßter Narr, geziemt euch diese Sprach zu mir? Wen meint ihr daß ihr für euch habt? Nun packt euch fort, und kommt mir nur nie mehr vor Augen! Denn wenig fehlt, so lass ich euch Arm und Bein zerschlagen.[272]

Hum, sprach er, mich sichts wenig an, ob man mir Arm und Bein zerschlägt, wenn ihr und ich nur unser Späßlein einmal zusamen haben könnten; ich mein das Sägemännelspiel im Tiefenborn: denn sehet hier! (und wies auf seinen langen Latz) hier wohnt Hans Heydi, der sollt euch traun einen Hopser spielen, daß ihr ihn bis in das Mark der Gebein verspürtet. Er ist gar wacker, findet euch die kleinen Allotria und Kernschlier im Ratzenwinkel so trefflich aus, es braucht ihm niemand nach zu fegen.

Die Dam antwortet': Fort, ihr Unflath! nur fort! wo ihr mir noch ein Wort sagt, ruf ich die Leut herbey und lass euch hie bläuen daß ihr zu Boden stürzet. – Ho, sprach er, ihr seyd doch nicht so schlimm als ihr euch stellt: nicht doch! da müßt ich mich sehr in euerm Gesicht betrügen. Denn eher führ ja die Erd gen Himmel, und fiel der höchste Himmel zum Abgrund, ja alle Ordnung der Natur müßt umgekehrt seyn, wenn in einer so hohen und zarten Schönheit wie ihr, auch nur ein Tröpflein Gall oder Bosheit wohnen sollte. Zwar spricht man wohl, das Weib das schön ist, lebt nicht mehr, die nicht auch widerspenstig wär; aber dieß gilt nur von den niedern plebejischen Schönen. Eure Schönheit ist so ausbündig, einzig, himmlisch, daß ich glaub, es hat die Natur euch als ein Muster damit geziert, uns sehen zu lassen, wieviel sie thun kann, wenn sie all ihre Macht und Weisheit gebrauchen will. Es ist eitel Honig, eitel Zucker und himmlisch Manna was an euch ist. Den güldenen Apfel hätt Paris Euch, und nicht der Venus, noch Juno noch Minerven sollen zuerkennen; denn nimmermehr war so viel Herrlichkeit in Juno, so viele Weisheit in Minerven, soviel Holdseligkeit in Venus, als in Euch. O ihr himmlischen Götter und Göttinnen, wie seelig wird Der seyn, dem ihr in Gnaden gönnet, Diese zu halsen, Diese zu küssen, an Dieser seinen Speck zu reiben! Ha bey Gott! und der bin Ich, das seh ich klar, denn schon liebt sie mich inniglich. Ich erkenn's, ich bin dazu von den Feen prädestiniret. Frisch also, keine Zeit verloren, drauf und dran und aufgebockt!

Und damit wollt er sie umfangen, aber sie stellt sich als wenn sie die Nachbarn aus dem Fenster zu Hülf wollt rufen: also entwich Panurg sofort und sprach noch auf der[273] Flucht zu ihr: Wartet Madam, ich komm gleich wieder, ich hol sie selbst, bemühet euch nicht. – Ging damit weg, grämt' sich nicht groß um den erhaltnen Abschied, ließ sich auch das Essen nicht schlechter drauf schmecken.

Tages darauf begab er sich um die Stund da sie zur Messen ging, an die Kirch und reicht' ihr in der Thür mit einer tiefen Verneinung den Weihbrunn. Darauf kniet' er traulich neben ihr nieder und sprach: Madam, wißt, ich bin so verliebt in euch, es läßt mich weder brunzen noch ferchen. Ich weiß nicht was euch dazu dünket; wenn ich ein Unglück davon hätt, was sollt draus werden? – Geht, geht! sprach sie, mich kümmerts nicht, und laßt mich hier mein Gebet verrichten. – Aber, sprach er, anagrammatisiret einmal: »Schwarz Hänsel roch Lauch.« – Ich weiß nicht, sprach sie. – Es heißt, antwortet' er, »Rauch Loch, harts Schwänzel,« und damit bittet Gott, daß er mir allzeit geben woll was euer edles Herz begehrt: und habt die Gnad, reicht mir doch mal dieß Rosenkränzel. – Da nehmt, sprach sie, und plagt mich nicht weiter.

Mit diesen Worten wollt sie ihm ihren Rosenkranz, der von Cedernholz mit grossen güldnen Marken war, langen; aber Panurg zog hurtig eins von seinen Messern und schnitt ihn glatt ab, trug ihn dann auf den Trödelmarkt, und frug sie: wollt ihr etwann mein Messer? – Nein, nein, sprach sie. – Es steht euch aber doch gern zu Dienst, mit Sack und Pack, mit Darm und Dung. – Der Dam inzwischen ward nicht gar wohl um ihren Rosenkranz zu Muth, denn er war ihr in der Kirch mit eine von ihren Herzstärkungen, und dacht bey sich: dieß Großmaul da ist irgend ein hergelaufner Schwindler aus der Fremd, ich werd sobald meinen Rosenkranz nicht wieder sehen. Was wird mein Mann dazu sagen? er wird mir zürnen: aber ich werd ihm sagen, es hätt ihn in der Kirch ein Dieb mir abgeschnitten: das glaubt er leicht, wenn er das Band noch am Gürtel siehet.

Nach dem Essen ging Panurg mit einem grossen Beutel[274] voll Palais-Ducaten und Rechenpfennig im Ärmel, wieder hin zu ihr, und fing an: welches von uns Beyden hat wohl das andre lieber, ihr mich, oder ich euch? – Da antwort sie: Was mich betrifft, hass ich euch nicht, denn ich hab alle Menschen lieb, wie Gott befiehlt. – Ja aber, sprach er, ich mein ob ihr nicht in mich verliebt seyd? – Hab ich euch nicht schon so vielmal gesagt, antwortet' sie, daß ihr mir nicht mehr solche Reden führen sollt? Sprecht ihr mir nur noch Ein Wort davon, werd ich euch zeigen ob Ich es bin, der ihr von Unzucht schwatzen dürfet. Hinweg! und meinen Rosenkranz gebt mir zurück, daß nicht mein Mann mich darnach frägt.

Wie dann, Madam? antwortet' er, euern Rosenkranz? Das lass ich bleiben, bey meinem Veit; aber ich schenk euch wohl einen andern. Wie hättet ihrs lieber? von Gold mit Schmelzwerk, in Form grosser Kugeln, oder mit artigen Liebesknoten? ganz massiv, wie starke Barren? oder wollt ihrs von Ebenholz, oder von grossen Yacinthen, grossen geschnittnen Granaten mit Marken von feinen Türkisen? oder von edeln Topasen mit feinen Saphiren markirt? oder etwann von schönen Balasen mit grossen Marken von Diamanten achtundzwanzigfach brillantirt? Nein, nein, es ist noch viel zu wenig. Ich weiß ein schön Kränzel von feinen Smaragden, mit Marken von grauem geflecktem Ambra, am Schloß hats eine persische Perl pommeranzengroß, es kostet nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Ducaten. Ich will euch ein Präsent damit machen, denn Baarschaft hab ich; und dazu klirrt' er mit seinen Rechenpfennigen drein, als wenn es Sonnenthaler wären. Oder wollt ihr ein Stück Sammet, scharlach, karmesinviolett? Ein Stück broschirten Atlaß oder auch karmesinroth? Wollt ihr Ketten, Ring, Flunkern, Gold-Schmuck? Sagt nur Ja: bis fünfzigtausend Ducaten ist mirs ein[275] Kinderspiel. – Mit solchen Reden macht' er ihr nun den Mund zwar wässrig, doch sprach sie: nein, ich dank euch, ich will nichts von euch. – Nun, so mir Gott: antwortet' er, ich aber will von euch was, und es kostet euch nichts, macht euch nicht ärmer. Schauet her! (hier wies er auf seinen langen Latz) hier ist Hans Hupfel, der sucht Quartier, und damit wollt er sie umhalsen. Aber sie fing zu schreyen an, wiewohl jedoch nicht überlaut. Jetzt kehrt' Panurg sein falsch Gesicht herfür und sprach: So wollt ihr denn in gutem mich nicht ein wenig machen lassen? Ey Schad für euch, ihr seyd der Ehr und des hohen Glückes gar nicht werth. Aber bey Gott, itzt will ich die Hund über euch schicken daß sie euch reiten! Und damit floh er im scharfen Trott auf und davon, aus Furcht vor Schlägen, denn er war stockscheu von Natur.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 272-276.
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