Siebzehntes Kapitel.

[255] Wie Panurg Ablaß kauft' und die alten Weiber verheyrathet', und was für Prozeß' er in Paris hätt.


Eines Tages traf ich Panurgen ein wenig still und kammhängig an, dacht also wohl: er hat kein Geld mehr, und sprach zu ihm: Panurg, ihr seyd krank, euer Ansehen giebts, und ich kenn auch das Uebel; es ist der Durchlauf in euerm Beutel: aber grämt euch nur weiter nicht; ich hab noch sechs Gröschel und einen halben, da Vater und Mutter nix von weiß, die werden euch in der Noth nicht fehlen, so wenig als der fränkische Grind. – Darauf gab er mir aber zur Antwort: Ey schad aufs Geld! ich werd bald nicht mehr wissen wohin mit; denn ich hab einen Stein der Weisen, der zieht mir das Geld aus den Beuteln wie der Magnet das Eisen herbey. Aber, sprach er, wollen wir zween zusamen gehen und Ablaß kaufen? – Nun, sag ich drauf, ich bin sonst eben nicht hitzig darnach in dieser Welt; weiß nit wie's in der andern seyn wird; doch lasst uns gehen in Gottes Namen; um einen Pfennig, nicht mehr noch minder. – Aber, sprach er, leiht mir dazu einen Pfennig auf Zinsen. – Nix, nix, sag ich, ich schenk ihn euch aus gutem Herzen. – Grates vobis dominos, antwortet' er. So gingen wir denn zusamen aus, und fingen bey Sanct Gervasen an; da nahm ich mir mein Ablaßbrieflein am ersten Schrein und weiter nicht, weil ich hierinn mit wenig fürlieb nehm: und murmelt' darauf mein Stoßgebetel und Sanct Brigitten-Horas her. Er aber kauft' an allen Schreinen und zahlt einem jeden Ablaßmann überall Geld hin. Von da weiter begaben wir uns zu Unser Frauen, zu Sanct Anton, Sanct Johann und in die andern Kirchen mehr, wo Ablaß feil war; ich meines Orts kauft weiter nichts, er aber, wo er nur hinkam an allen Schreinen küsst' er die Reliquien und gab Jedem. Zuletzt, auf dem Heimweg[256] führt' er mich zu Wein ins Wirthshaus zum Schloß, und wies mir zehn bis zwölf seiner Täschel ganz mit Geld gespickt. So kreuz und segn' ich mich und frag ihn: Woher habt ihr dieß viele Geld in der kurzen Zeit? Da gab er mir zur Antwort drauf, er hätts aus den Ablaßbecken genommen: denn, sprach er, immer den ersten Pfennig den ich ihnen gab, den steckt ich so sänftlich drein, daß er ein schwerer Albus zu seyn schien, nahm darauf mit der einen Hand zwölf Pfennig, oder auch wohl zwölf Dreyer oder Zweyer zum wenigsten, und mit der andern drey bis vier Groschen, und immer so in allen Kirchen, wo wir gewesen sind. – Nun, sprach ich, so fahrt ihr kopfüber zur Höll wie ein Teufel, und seyd ein Dieb und ein Kirchenräuber. – Ja doch, sprach er, wie ihr meint, aber ich mein es anders: die Ablaßhöker schenken mirs ja, wenn sie mir die Reliquien zum Küssen reichen und dabey sagen: Centuplum accipies, für einen Pfennig nimm dir hundert. Denn accipies ist zu verstehen nach der Hebräer Redensart, die das Futurum statt Imperativi gebrauchen, wie ihr in dem Gebot habt Diliges dominum, id est, dilige. Wenn also der Ablaßmann zu mir sagt, centuplum accipies, so meint er, centuplum accipe; und so erklärens auch Rabbi Kimi, Rabbi Aben Ezra, alle Massoreten, et ibi Bartolus. Zudem hat mir ohnhin Papst Sixtus einst fünfzehnhundert Liver Renten auf sein Domainen und Kirchenschatz verschrieben; denn ich curirt ihn damals von einem bösen Chanker-Schlier, der ihm so zusetzt' daß er daran Zeit seines Lebens zu hinken meinte. Ich mach mich also auf eigne Hand aus seinem Kirchenschatz bezahlt, denn's giebt doch keinen.

Hui, fuhr er fort, Freund! wenn du wüßtest wie ich mein Pfeifel bey dem Kreuzzug geschnitten hab, du würdest erstaunen. Der hat mir mehr denn sechstausend Gülden[257] eingebracht. – Wo Teufel, sag ich, sind die aber? du hast ja nicht einen Deut mehr davon. – Da wo sie hergekommen waren, antwortet' er, sie haben blos die Herren verwechselt. Doch hab ich wohl dreytausend davon mit Heyrathsstiften und Ausstattungen verthan, nicht etwa junger Dirnen, denn es fehlt ihnen so nicht an Männern, sondern alter unsterblicher Vetteln, die keinen Zahn mehr im Schnabel hatten. Ich dacht bey mir: die guten Weiblein haben doch ihre Zeit in der Jugend sehr wohl genutzt, des Bürzelspiels mit männiglich in offenen Schranken steißaufwärts gepflogen bis keiner mehr mocht; bey Gott ich will sie vor ihrem End noch Einmal getrumpft sehn. Und damit gab ich ihnen, der Einen hundert Gülden, der Andern zwey Schock, der Dritten dreyhundert, je nachdem sie recht gräulich, grausig und scheußlich waren: denn je furchtbarer und gräßlicher, je mehr man ihnen geben mußt; sonst hätt sie der Teufel nicht kacheln mögen. Flugs also hol ich mir von der Gaß einen derben stämmigen Ballenbinder und schließ die Eh gleich selbst mit ihm; doch eh ich ihm noch die Alten zeig, halt ich das Geld ihm hin und sprech: komm her mein Bruder, schau dieß ist dein, wenn du mal hackepetern willt daß die Federn stieben. – Von Stund an fingen die armen Gäuch zu rossen an wie alte Maulhengst. Ich setzt ihnen brav zu essen für, zu trinken vom besten, stark gewürzt, damit die Alten in Brunst geriethen und hitzig würden. Das End vom Lied war, sie schackten wie alle gute Geister: und nur den aller erschrecklichsten und schauderhaftesten Fratzen darunter henkt ich einen Sack vors Gesicht.

Ausserdem hab ich auch mit Prozessen viel sitzen lassen. – Was für Prozeß konntest du haben? frug ich ihn, hast du doch weder Haus noch Hof. – Mein Freund, sprach er, es hatten die Jungfern hie in der Stadt auf Eingebung des höllischen Feinds eine Art von Mieder oder steifer Krägen erfunden von hohem Schnitt, die ihnen die Häls so gar versteckten, daß man auch nicht eine Hand mehr mocht drunter bringen; den der Schlitz war hinten dran, und vorn alles zu; womit die armen, traurigen, contemplativischen Amanten[258] gar übel zufrieden waren. An einem schönen Dienstag nun geb ich ein Schreiben zu Gericht ein, ich werf mich gegen ernannte Jungfern zum Kläger auf und remonstrir wie ich dabey viel Abbruch litt, betheuernd daß ich mir ebenfalls mit gleichem Recht meinen Hosenlatz wollt hinten an den Arß nähen lassen, wenn nicht das Gericht ein Einsehen hätt. Mit einem Wort, die Jungfern stellten Syndicat aus, produzirten Fundament' und gaben Blankett zu Führung ihrer Sach: aber ich setzt ihnen so scharf zu, daß von Rechtswegen die hohen Mieder ihnen zu tragen verboten wurden, wofern sie nicht vorn etwas weniges geschlitzert wären. Es kostet' mich aber ein schön Stuck Geld. Dann hätt ich auch einen fast schmutzigen säuischen Handel wider Herrn Stinkwitz und Consorten, daß sie nicht mehr heimlich des Nachts weder das Tönnel, Oxhost noch Quart der Sentenzen sollten lesen dürfen, sondern am hellen lichten Tag, und zwar in den Schulen der Futtergaß, vor den Augen aller Artemagistri und Sophisten; dabey ward ich wegen einer Förmlichkeit im Schergen-Bericht, zu den Kosten verurtheilt. Ein andermal stellt ich beim Parlament eine Klag an wider die Maulthier derer Präsidenten, Räth und Andrer; des Innhalts, daß wenn man sie unten im Schloßhof müssig stehen und ihren Kappzaum nagen ließ, die Räthinnen ihnen schöne Geiferlätzlein machen sollten, daß sie mit ihrem Geifer nicht das Pflaster beschmutzten; es könnten sonst die Pagen nicht mehr nach Herzenslust und ihrer Hosen unbeschadet, drauf knieen wenn sie knöchelten oder Totstrafmir zusamen spielten. Da ward mir ein schönes Urthel zu Theil, aber es kam mich etwas hoch. Itzt überschlag auch noch dazu, was mich die kleinen Schmäuslein kosten, die ich den Schloß-Buben immerfort aus meiner Taschen geb. – Und wofür? frug ich. – Mein Freund, antwortet' er, du hast auch keinen Spaß auf der Welt; ich aber hab dessen mehr als der König: und wenn du dich mit mir verbünden wolltest, wir gäben Teufel an. – Nein, nein, sag ich, Sanct Luft schütz mich dafür, denn du wirst eines Tags gehangen. – Und du, sprach er, wirst eines Tags beerdigt. Was ist ehrlicher, Luft oder Erd?[259] O armes Schaaf! Hing nicht der Herr Christus selbst in der Luft?

Aber zur Sach. Derweil die Buben nun schmausen, halt ich ihnen die Maulthier, und schneid unmerklich dem einen und andern die Steigriemen auf der Schrittseit entzwey, dergestalt daß sie nur noch an einem dünnen Fäslein hangen. Itzt, wenn der dicke Wanst von Rath oder was er ist, im vollen Schwung aufsitzen will, so fallen sie euch vor allen Leuten, wie die Schwein, der Läng lang hin, und geben uns für mehr denn hundert Franken zu lachen. Ich aber lach noch einmal so gut, denn wenn sie erst nach Hause kommen, dann lassen sie den Monsieur Buben auspauken wie grünes Sommerkorn. Da schmerzt mich dann die Zech nicht groß, die ich für sie hab aufgehen lassen. In Summ, er hätt, wie schon gedacht, dreyundsechzig Mittel und Weg ihm Geld zu machen, aber deren zweyhundert und vierzehn es zu verthun, die Gurgelwäsch nicht mit gerechnet.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 255-260.
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