Beweis, daß die Begierde, Übeles von andern zu reden, weder vom Stolze noch von der Bosheit des Herzens, sondern von einer wahren Menschenliebe herrühre.

[68] Eine Abhandlung, welche den von der Königlichen Akademie zu Pau in Bearn (Frankreich) ausgesetzten Preis gewiß erhalten wird.

1754.


Es ist gemeiniglich eine Folge unserer hypochrondrischen Philosophie, wenn wir diejenigen Handlungen der Menschen, die wir selbst zu begehen nicht im stande oder nicht geneigt sind, dadurch verdächtig zu machen suchen, daß, wir ihre Quellen vergiften und ihnen einen thörichten oder lasterhaften Ursprung andichten. Wir empfinden bei dergleichen Entdeckungen der Fehler anderer Menschen eine gewisse schmeichelhafte Beruhigung, die der Theolog ein zufriedenes Gewissen, der Philosoph das innere Bewußtsein eigener Vollkommenheiten und ein Unparteiischer einen menschenfeindlichen Stolz nennt. Es würde mir leicht sein, dasjenige, was ich hier behaupte, weitläufiger zu beweisen; aber ich muß befürchten, daß ich eben dadurch den Vorwurf, den ich andern machen will, zuerst verdiene. Ich würde vielleicht einen sehr gelehrten Beweis führen, daß der Theolog aus einem frommen Stolze verdamme und der Philosoph seinen eigenen Hochmut demonstriere. Aber was würde ich Ihnen, meine Herren, antworten können, wenn Sie mich fragten, ob ich diesen gelehrten Beweis aus Demut führte? Ob ich nicht in dem Augenblick, da ich andere richte, über mich selbst ein Urteil spräche? Ob ich[68] nicht dadurch doppelt strafbar wäre, da ich eben den Fehler, den ich an andern so mühsam tadelte, aus Hochmut und Eigenliebe selbst beginge? – ein Vorwurf, bei dem nur ein Moralist nicht erröten darf!

Ich ersuche Sie also, meine Herren, daß Sie dasjenige, was ich hier gesagt habe, für nichts anderes, als für eine gelehrte Aufgabe und für eine von den problematischen Wahrheiten ansehen, welche ebenso leicht nicht sein können, als sie sind. Wenigstens wünsche ich dieses.

Da ich mich überwunden habe, diese Ehrenerklärung zu thun, so werde ich es wagen dürfen, öffentlich zu gestehen, daß ich bei mir selbst überzeugt bin, daß alle Handlungen der Menschen, auch diejenigen unter ihnen, die den Sittenrichtern am meisten verdächtig sind, aus einer guten Quelle und aus guten, doch übelverstandenen Absichten herkommen.

Wie viel Ehre macht diese patriotische Entdeckung dem ganzen menschlichen Geschlecht! Wie tugendhaft werden die Menschen, wie sehr werden sie wenigstens zu entschuldigen sein! ... Die Welt, über welche der Fromme seufzet und die der Weise verachtet: diese mache ich jetzt dem Frommen und dem Weisen zur »besten Welt.«

Da ich gegenwärtig die Rolle eines Autors übernommen habe, so ist man schuldig, mir einen gewissen Hochmut zu verzeihen, der den Autoren so wohl ansteht. Ich glaube, daß ich jetzt an meinem Pulte in einer Minute eben die Thaten ruhig verrichte, welche zu verrichten Herkules so viele Jahre lang den größten Teil der Welt durchirren mußte. Er reinigte die Welt von Ungeheuern ... Aber ich glaube, daß man die Fabel ganz unrecht versteht. Hätte Herkules wirklich gethan, was die Poeten von ihm erzählen, so würde er mehr ein gewalttätiger Räuber oder wenigstens mehr ein Don Quixote des Altertums, als ein Held gewesen sein ... Die Weisheit der Fabel hat unter diesen Erzählungen etwas viel Wichtigeres verborgen: Herkules war ein Weltweiser, der seine Schüler lehrte, daß die Handlungen der Menschen im Grunde tugendhaft und wenigstens durch die guten Absichten zu entschuldigen sind. Dieser Satz fand allgemeinen Beifall ... Bitterer Haß, Verketzerungen (denn auch die Priester des Saturnus verketzerten schon), ungerechte Lästerungen – alle diese Ungeheuer des menschlichen Geschlechts rottete der Philosoph aus ... Das Altertum machte (was das billigste war) ihn endlich zum Gott.

So weit geht mein Ehrgeiz nicht ... Ich werde mich[69] für völlig belohnt halten, wenn Sie, meine Herren, meiner neuen Wahrheit Ihren Beifall nicht entziehen, und wenn mein Beispiel andere aufmuntert, die Handlungen ihrer Mitbürger als billig und gerecht zu verteidigen oder (wo sie das nicht thun dürfen) sie doch zu entschuldigen. Wie sehr wird dieses der Menschheit zur Ehre gereichen! Unsere Vorfahren, wenn sie zurückkommen und die Vollkommenheiten ihrer tugendhaften Kinder sehen sollten – sie würden keine Geizige mehr finden, sondern Patrioten, welche mitten unter ihren Schätzen liebreich verhungern, um ihren Kindern oder ganz Fremden Reichtümer zu hinterlassen, daß sie solche in Vergnügen und Überfluß zerstören können. Der Mann, den sie einen ungerechten Richter heißen, ist dieses nicht mehr, sondern ein teuer erkauftes Werkzeug der Gerechtigkeit, welche durch ihn den streitenden Parteien die feindselige Thorheit kostbar machen will, um sie zu einem friedfertigen Betragen zu zwingen, und welche (nämlich die Gerechtigkeit) zugleich durch die ungeschickten Aussprüche dieses Richters den Stolz der Gesetzgeber demütigt, deren wohlüberlegte und weitaussehende Vorsicht oft durch ein geringes Geschenk vereitelt wird ... Hier habe ich zwei Proben gegeben [R. giebt noch ein drittes Beispiel, das wir nicht wiedergeben], welche die Wahrheit meines Satzes deutlich genug unterstützen werden ... Dieses mag genügen, mein Vorhaben zu rechtfertigen, da ich beweisen will, daß die Begierde, Übles von andern zu reden – aus einer wahren Menschenliebe herrühre.

Dieses darzuthun, brauche ich weiter nichts, als Sie, m.H., von dem großen Einfluß zu überführen, den diese Begierde, Übles zu reden, auf das Beste des allgemeinen Wesens und auf die Glückseligkeit eines jeden einzelnen Bürgers hat – ein Beweis, welchen man sich von demjenigen gewiß in Erfolg versprechen kann, der Mut und Menschenliebe genug hat, den Geizigen zum Patrioten und den ungerechten Richter zum nützlichen Mitgliede des Staats zu machen.

Ich verzeihe es den angeerbten Vorurteilen unserer Welt, welche von dieser Begierde sich die fürchterlichsten Begriffe macht. Unsre Ammen, die uns Gespenster bereden, machen uns auch vor dieser Begierde fürchten; und in demselben Augenblicke, da sie dieses thun, reden sie immer von ihren Nachbarinnen am meisten Böses – ein Beweis, daß die Triebe der Natur (nämlich Böses zu reden) sich niemals ganz unterdrücken lassen![70]

Unsere deutsche Sprache, so reich sie ist, ist doch zu arm, diese Pflicht, Böses zu reden, mit einem anständigen, wenigstens gelinden Worte auszudrücken. Schmähen, Lästern, Verunglimpfen, Splitterrichten, Verleumden – das sind etwa die gewöhnlichsten Ausdrücke, die man braucht, wenn man darüber sich erklären will. Lauter verhaßte Namen! Aber ich halte dieses mehr für einen Fehler der Grammatik [Sprache], als des Herzens. Wir sind von der Notwendigkeit dieser Pflicht allzuwohl überzeugt, als daß wir im Ernste so verhaßte Begriffe damit verknüpfen sollten ... Denn zum Ruhme meiner Deutschen muß ich hier bekennen, daß wir in der Kunst, Böses zu reden, es beinahe unsern Nachbar gleich thun. Der Aberglaube der Maler hat diese mütterlichen Vorurteile noch mehr gestärkt. Diese Herren ... schmeicheln den Leidenschaften der Menschen oder kopieren denen nach, die vor ihnen gemalt haben, und daher kommt es, daß sie alle Prinzen weise und großmütig, alle Richter ehrwürdig und ernst, alle Bräute mit einer reizenden Unschuld, alle Geistliche fromm und heilig, alle Teufel mit Hörnern und Schwänzen – und die Begierde, Böses zu reden, mit Schlangen und spitzigen Zungen malen. Lauter Fehler gegen die Wahrscheinlichkeit!

Und würden wir wohl im stande sein, dergleichen übereilte Fehler zu begehen, wenn wir bedenken wollten, daß die Begierde, Übeles zu reden, nichts anderes sei, als ein von der Natur uns vernünftigen Geschöpfen eingepflanzter Trieb, die wirklichen oder auch die eingebildeten Fehler einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften und Völker gemeiniglich auf eine lustige, oft auch ernsthafte Weise andern bekannt zu machen, um sich und andere dadurch zu ergötzen – denen, die dergleichen Fehler wirklich haben, einen Abscheu davor beizubringen – andere, die sie nicht haben, davor zu warnen – einen jeden aber tugendhaft oder vorsichtig – mit einem Wort, die ganze Welt zu guten Mitbürgern zu machen!

Ich empfinde in mir selbst einen heiligen Schauer, wenn ich an diese große Pflicht denke ... Ein patriotisches Mitleiden empfinde ich, wenn ich die unglückliche Blindheit derer erwäge, welche diese große Pflicht nicht bloß selbst nicht beobachten, sondern auch anderen davor einen Abscheu beizubringen suchen. Ein Werk der Natur, das sie nur vernünftigen Wesen vorzüglich gegönnt hat, wollten wir den Menschen entreißen? So stoßen wir ihn herab zu den nicht denkenden Geschöpfen ... so reißen wir die vornehmste Stütze über den Haufen, auf[71] welcher das Vergnügen, die Sitten und das Wohl der Menschen sich gründen.

Ich hoffe es gewiß, daß diese unerwarteten und doch unumstößlichen Wahrheiten bei Ihnen, meine Herren, einen besonderen Eindruck machen werden. Noch scheinen sie zweifelhaft. Überwinden Sie sich! ... Ein Weiser schämt sich niemals, seine Vorurteile zu erkennen.

... Sie empfinden nunmehr das Unrecht, das Sie der ganzen menschlichen Gesellschaft angethan, da Sie den Trieb, von andern Übles zu reden, in einem eitlen Hochmut und in der Bosheit des menschlichen Herzens gesucht haben. Aber ich will Ihnen aufrichtig gestehen, was ich zu Ihrer Rechtfertigung von Ihnen glaube ... Vermutlich war es nur Ihre Absicht, den witzigen Köpfen unvermerkt Gelegenheit zu geben, von der ganzen Welt Übeles zu reden, da sie eine Handlung, die allen vernünftigen Geschöpfen so eigen ist, vom Hochmut und der Bosheit des Herzens ableiten sollten ... Ich bewundere diese Vorsicht und sehe auch unter dieser angenommenen Maske den rechtschaffenen Patrioten.

Nunmehr, da ich Ihre wahre Absicht entdeckt habe, kann ich mit Ihnen schon ein wenig vertrauter reden. Was ich hiervon noch sagen werde, das sage ich nur in der Absicht, mich gegen Sie deutlicher zu erklären, nicht aber in der Meinung, Ihnen eine Wahrheit begreiflich zu machen, von der Sie lange vorher überzeugt waren, noch ehe Sie mir die Gelegenheit wiesen, ihr selbst nachzudenken.

Diese neue Vertraulichkeit verbindet mich, Ihnen aufrichtig zu bekennen, was die Zweifel, die ich hier anführe, bei mir zuerst veranlaßt habe. Ich las in der Utrechter Zeitung die Stelle von Ihrer Aufgabe mit eben der gleichgültigen Unachtsamkeit, mit der ich die Nachricht von den Aktien der Ostindischen Kompagnie lese. In dem Augenblick kam meiner Frau Bruder ins Zimmer gestolpert, stürzte auf mich los, umarmte mich, fluchte sein Cadédis und fragte mich mit gebrochenem Deutsch: wo hat der Donner deine Frau? ... Es war ein junger Deutscher, der den Augenblick aus Paris kam, wo er sich sechs Wochen lang aufgehalten hatte. Meine Frau empfing ihn schwesterlich. Aber das erste, was er ihr sagte, waren ein paar Unflätereien. In diesem Tone fuhr er fort, rühmte seine Ausschweifungen, die er in Paris begangen und auch wohl nicht begangen hatte ... Was halten Sie. m.H., von diesem deutschen Franzosen und von seiner Begierde, Böses zu reden, von welchem gewiß die Hälfte erdichtet war? Das[72] meiste Böse redete er von sich selbst ... Aus Hochmut konnte es nicht sein, denn alles, was er erzählte, war zu seiner Schande. Aus Bosheit gegen sich selbst konnte es noch viel weniger sein, denn das Zeugnis kann ich ihm geben, daß er nichts in der Welt so sehr liebt als seine Person. Also mußte wohl noch eine andre Ursache übrig sein ...

Wenn ich beweisen will, daß diese Begierde, Böses zu reden, lediglich von einer wahren Menschenliebe herrührt, so habe ich nicht nötig, etwas weiter zu thun, als daß ich den unentbehrlichen Nutzen zeige, den sie in der menschlichen Gesellschaft hat. Und beinahe ist auch das überflüssig, da der gemeinste Mann solches aus der täglichen Erfahrung lernt.

Das Band der bürgerlichen Gesellschaft, worauf sich die ganze Republik gründet, ist das Vergnügen, welches die Einwohner einer Stadt in dem Umgang mit einander empfinden. Der Satz ist klar, und wer daran noch zweifelt, der stelle sich eine Stadt vor, wo alle Thüren verschlossen bleiben, wo die Fenster verhangen sind, wo niemand auch nicht den Nachbar kennt – diese traurige Stadt stelle er sich vor. Würde Leipzig anders sein, wenn seine Bürger nicht mit Vergnügen einer des andern Gesellschaft suchten? Und würden sie dieses Vergnügen., genießen, wenn sie nicht eben dadurch Gelegenheit fänden, Übles von andern zu reden? Nur dieser Unterschied ist dabei, daß eine jede Gesellschaft ihre eigene Art hat, Böses zu reden.

Der Greis seufzt über die schlimmen Zeiten, die Jugend über dessen Eigensinn und Geiz. Ehrwürdige alte Jungfern reden Böses von flatterhaften Mädchen, und diese lachen über die fromme Buhlerei der alten Heiligen. Die Bürger reden Böses von den Pressungen und der Parteilichkeit des Magistrats, und dieser noch mehr Böses von dem Ungehorsam des Bürgers ... Die ganze Stadt redet Übeles, und die ganze Stadt eilt mit Vergnügen in die Gesellschaften, wo sie es reden kann. Man nehme ihnen die Erlaubnis, Böses zu reden, so nimmt man der Welt ihre Sonne ...

Die Begierde und die Gelegenheit, Böses zu reden, ist ein bewährtes Mittel, unzählige Thorheiten zu vermeiden. Zu der Zeit, wenn die Gesellschaft Böses redet, entfernt sie sich von der Seuche, zu spielen ... Der Richter versäumt es, ungerecht zu sein, wenn er Böses von andern redet. Der Advokat merkt es nicht, daß zwei Nachbarn in Einigkeit leben und läßt ihnen daher dieses Glück ungestört. Der Arzt, wenn[73] er Übles von andern spricht, vergißt sein Amt, und die Menschen bleiben leben.

Die erste Regel, die uns der Moralist einprägt, ist diese, daß man alle Mühe anwenden soll, sich und die Welt kennen zu lernen. Ist wohl eine bequemere Art, dieses zu lernen, als wenn man die Gesellschaften fleißig besucht, wo am meisten Böses geredet wird ... Philen ist mildthätig. Er ernährt mit seinem eigenen Brote die Kinder, einer Witwe, welche der Mann in äußerster Armut hinterließ, weil er zu ehrlich war. »Philen hat wohl Ursache, mildthätig zu sein, denn drei von diesen Kindern sind sein.« ... Aber Suffen, der Patriot, welcher mit Thränen die Not der Unterthanen sieht und der Regierung flucht, wird doch ohne Tadel sein? »Suffen ist ein Mißvergnügter, den der Hof beleidigt hat, weil er ihm das Amt nicht geben wollte, das er suchte, um die Unterthanen selbst zu drücken.« Wie lehrreich ist die Schule derer, die von andern Böses reden! ...

Aber werde ich auch Gelegenheit haben, mich selbst kennen zu lernen? ... Sind Sie allein so tugendhaft oder so ehrwürdig, daß man von Ihnen nichts Böses reden wird? Ich möchte es Ihnen wohl im Vertrauen sagen, was man von Ihnen sagt; aber verdrießlich müssen Sie nicht, werden. – – – Verzeihen Sie, mein Herr, warum sehen Sie so wütend aus? Sie verstehen mich unrecht ... Nur aus Freundschaft gab ich mir die Mühe, Ihnen das Böse wieder zu erzählen, das man in allen Gesellschaften von Ihnen spricht. Sie sollten das Glück haben, Sich kennen zu lernen, und nur in dieser Absicht redete ich so viel Übles von Ihnen.

Und wenn die Begierde, Böses zu reden, weiter gar keinen Nutzen hätte als diesen, daß sie uns gegen andre und gegen uns selbst aufmerksam und vorsichtig machte, so verdiente sie schon – auch dieses einzigen Nutzens wegen – alle Hochachtung. Sogar diejenigen, die am meisten eigensinnig und von dem Vorurteil nicht abzubringen sind, daß jene Begierde ein Laster sei – auch diese würden sie wenigstens für ein ganz unentbehrliches Laster halten, wenn sie diesen Nutzen gelassen überdenken wollten ... O, machten doch diese Worte einen Eindruck in die Herzen unserer Eltern! O, könnten sie sich doch entschließen, ihre Kinder, die ihnen die Natur anvertraut hat, in Zeiten an die wichtige Kunst, Übles, zu reden, zu gewöhnen! ... Dieser Teil der Erziehung ist vornehmlich ein Werk der Mütter ... Sollte wohl die[74] Natur, die nichts umsonst thut, den Müttern die Triebe, Böses von andern zu reden, umsonst so verschwenderisch mitgeteilt haben?!

Es giebt wenige Fehler, die der menschlichen Gesellschaft so beschwerlich sind als der Hochmut. Der Hochmütige selbst leidet dabei; aber derjenige noch mehr, der seinen Umgang nicht vermeiden kann. Der Theolog und der Philosoph arbeiten gemeinschaftlich daran, das Herz des Menschen demütig zu machen. Jener beweist es ihm aus Staub und Erde, und dieser noch gründlicher daraus, daß unmöglich ein Ding zugleich sein und auch nicht sein könne. Für beide Beweise habe ich alle Ehrfurcht, und dem unerachtet bin ich verstockt genug, zu glauben, daß man einen Hochmütigen dadurch, daß man alles von ihm spricht, in einer Viertelstunde weit zahmer und menschlicher machen kann als durch eine lange traurige Predigt und eine Reihe von finstern Schlüssen ...

Da das Vergnügen, welches wir empfinden, wenn wir Übles reden, so groß ist, so ist wohl nichts geschickter, uns in den traurigen Stunden unsers Lebens aufzuheitern. Wir vergessen unsere eigene Thorheit, da wir uns mit der Thorheit anderer belustigen.

Durch eine beständige Übung, Böses von andern zu reden, machen wir den Witz lebhaft. Kann wohl bei unsern Zeiten etwas wichtiger sein als dieses, da ein lebhafter Witz mehr gilt, als ein scharfer Verstand?

Auch diejenigen werde ich auf meiner Seite haben, die den Wert einer Sache finanzmäßig beurteilen ... Holland ist nie reicher gewesen, als eben zu der Zeit, da alle Pressen beschäftigt waren, über die Schwachheiten eines alten Königs zu spotten, dessen Jugend ihm so schrecklich gewesen war. Holland zog durch diese Schatzung die Reichtümer ganzer Länder an sich und gab uns dafür seinen Witz ...

Müssen Sie nunmehr nicht gestehen, daß eine Handlung, welche der Grund der menschlichen Gesellschaft ist, welche das Vergnügen über alle Familien ausbreitet, welche uns Gelegenheit verschafft, andere und uns selbst kennen zu lernen, welche uns aufmerksam und vorsichtig macht, welche den Stolz des menschlichen Herzens so sehr demütigt, welche macht, daß wir das Bittere dieses kümmerlichen Lebens vergessen, welche ganze Länder berreichert und die Seele eines Staats belebt – daß eine solche Handlung keinen geringern Ursprung als die Menschenliebe haben kann, und daß der jenige wohl verdient, als ein wahrer Patriot verehrt zu werden,[75] der sich angelegen sein läßt, diese Handlung allgemein zu machen?!

Ich ersuche Sie, meine Herren, noch um eine kleine Aufmerksamkeit und bitte mir die Erlaubnis aus, gelehrt zu sein ... Die Götter würden ohne den Momus einen sehr unvollkommenen Himmel gehabt haben; es war jemand unter ihnen nötig, vor dessen Begierde, Böses zu reden, sie sich scheuen mußten; ihr Umgang würde endlich zu schläfrig geworden sein ... Ohne Silen würde auch Bacchus, der Gott der Freuden, schläfrig geworden sein ... Die Fabel vom Prometheus hat man bisher ganz unrecht verstanden. Die Begierde, Böses zu reden, war damals nur ein Vorzug der Götter. Prometheus lernte es unter ihnen und brachte dieses Geheimnis unter die Menschen. Dadurch machte er sie gesellschaftlich, vorsichtig, witzig – menschlich. Dieses war das Feuer, das er vom Himmel entwendete, und wodurch er die kalten und schläfrigen Menschen belebte. Für diese Verräterei sollte Prometheus büßen ... Können Sie es verantworten, mein Herr, wenn Sie ein Geschenk des Prometheus verdächtig machen wollen, welches die Götter nur für sich allein zu besitzen wünschten, welches Sie den Sterblichen mißgönnten und worüber der großmütige Prometheus zum Märtyrer werden mußte?

Bei den weisen Griechen war die Kunst, Übles zu reden, ein Teil des öffentlichen Gottesdienstes. Männer und Weiber standen bei den Eleusinischen Festen zu beiden Seiten der Brücke und sagten denen, die in Prozession über diese Brücke gingen, die bittersten Vorwürfe. Gleiche Freiheit hatte das Volk bei den Ithyphallischen Festen. Den Ephesiern war zu dergleichen feierlichem Mutwillen ein Tag im Januar heilig ...

Auch bei den Römern hatte die Gewohnheit, Böses zu reden, einen heiligen Ursprung. Man suchte die erzürnten Götter durch Spiele zu versöhnen, welche der Grund zu den Fescenninischen Bitterkeiten und vielen feierlichen Gelegenheiten waren, von andern Übles zu reden ...

Der König der Briten wird von den witzigen Köpfen und Bootsknechten in London alle Tage daran erinnert, daß er ein Mensch sei. Nirgends ist Seine Majestät kleiner als an der Themse.

War bei Ihnen in Frankreich das berühmte Narrenfest etwas anderes, als eine Schule der Demut für die Geistlichen Ihres Landes? ...

Ich wundere mich, daß die Engländer und auch Ihre[76] Landsleute uns Deutschen die Hofnarren vorwerfen, welche bei uns so einen großen Teil der fürstlichen Belustigungen ausmachen. Ich sehe sie an als einen Beweis der deutschen Freiheit, die uns billig sehr am Herzen liegt. Ich könnte zum Ruhm unserer autorisierten Narren sehr vieles sagen; aber das ist schon Ruhm genug, daß sie den Beifall unserer Fürsten mit Lachen erlangen, um welchen sich so viele Hofleute zeitlebens ängstlich und umsonst bemühen. Wegen ihrer privilegierten Freiheit, Übels zu reden, scheinen sie einem Hofstaate ganz unentbehrlich zu sein. Der Hofmann muß sich scheuen, Thorheiten zu begehen, um ihren öffentlichen Vorwurf zu vermeiden; und der Prinz lernt durch dieses Mittel seine Hofleute kennen, die sich sonst so wohl vor ihm zu verstellen wissen. Ja, sich selbst lernt der Prinz durch dieses Mittel kennen. Mit einem Wort, der weise Spruch: »Wenn man die Wahrheit nirgends fände, so muß man sie doch bei den Prinzen finden« – dieser Spruch redet nur von unsern deutschen Hofnarren. – –

... Vielleicht wollen Sie, m.H., noch etwa sagen: ich hätte einen deutlicheren Unterschied festsetzen sollen zwischen der notwendigen Verbindlichkeit, andern ihre Fehler liebreich vorzuhalten und zwischen der boshaften Neigung, die Übereilung anderer auszubreiten oder gar denen, die unschuldig sind, Fehler anzudichten; ich hätte das Heilige einer vernünftigen und bessernden Satire mit dem niederträchtigen Splitterrichten und den Pasquillen des Pöbels nicht vermengen sollen .....

Gut, meine Herren! ich verstehe alles, was Sie sagen wollen. Ich könnte Sie widerlegen, aber ich sehe an meiner Uhr, daß ich schon eine Minute länger geredet habe, als es die Gesetze der Akademie erlauben. Ich würde noch eine halbe Stunde Zeit nötig haben, Ihnen Ihren Irrtum zu benehmen; aber darüber würde ich den ausgesetzten Preis verlieren. Glauben Sie denn, daß ein Philosoph um deswillen schreibt, damit er Wahrheiten ausfindig mache? Er schreibt, um bezahlt zu werden. Und ich, meine Herren, ich bin ein Philosoph.

Quelle:
Rabeners Werke. Halle a.d.S. [1888], S. 68-77.
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