Zweiter Auftritt.

[604] Aricia. Ismene. Hippolyt.


HIPPOLYT.

Eh ich von dannen gehe, Königin,

Künd ich das Los dir an, das dich erwartet.

Mein Vater starb. Ach nur zu wahr erklärte sich

Mein ahnend Herz sein langes Außenbleiben.

Den edeln Kämpfer konnte nur der Tod

So lange Zeit dem Aug der Welt verbergen.

Die Götter endlich haben über ihn

Entschieden, den Gefährten und den Freund,

Den Waffenfreund des herrlichen Alcid.

Dein Haß, ich darf es hoffen, Königin,

Auch gegen Feindes Tugenden gerecht,

Gönnt ihm den Nachruhm gern, den er verdient.

Eins tröstet mich in meinem tiefen Leid,

Ich kann dich einem harten Joch entreißen,

Den schweren Bann, der auf dir lag, vernicht ich,

Du kannst fortan frei schalten mit dir selbst,

Und in Trözen, das mir zum Los gefallen,

Auf mich ererbt von Pittheus, meinem Ahn,

Das mich bereits als König anerkannt,[604]

Laß ich dich frei – und freier noch als mich.

ARICIA.

Herr, mäßge diesen Edelmut, der mich

Beschämt. Mehr, als du denkst, erschwerst du mir

Die Fesseln, die du von mir nimmst, wenn du

So große Gunst an der Gefangnen übst.

HIPPOLYT.

Athen ist noch im Streit, wer herrschen soll,

Es spricht von dir, nennt mich, und Phädras Sohn.

ARICIA.

Von mir?

HIPPOLYT.

Ich weiß und will mirs nicht verbergen,

Daß mir ein stolz Gesetz entgegensteht,

Die fremde Mutter wird mir vorgeworfen;

Doch hätt ich meinen Bruder nur zum Gegner,

Nicht wehren sollte mirs ein grillenhaft

Gesetz, mein gutes Anrecht zu behaupten.

Ein höheres Recht erkenn ich über mir;

Dir tret ich ab, vielmehr ich geb dir wieder

Den Thron, den deine Väter von Erechteus,

Der Erde Sohn, dem Mächtigen, ererbt.

Er kam auf Aegeus durch der Kindschaft Recht,

Athen, durch meinen Vater groß gemacht,

Erkannte freudig diesen Held zum König,

Und in Vergessenheit sank dein Geschlecht.

Athen ruft dich in seine Mauern wieder,

Genug erlitt es von dem langen Streit,

Genug hinabgetrunken hat die Erde

Des edeln Blutes, das aus ihr entsprang.

Mein Anteil ist Trözene, Kreta bietet

Dem Sohn der Phädra reichlichen Ersatz,

Dir bleibt Athen! Ich geh jetzt, um für dich

Die noch geteilten Stimmen zu vereinen.

ARICIA.

Erstaunt, beschämt von allem, was ich höre,

Befürcht ich fast, ich fürchte, daß ich träume.

Wach ich, und ist dies alles Wirklichkeit?

Herr, welche Gottheit gab dirs in die Seele?

Wie wahr rühmt dich der Ruf durch alle Welt!

Wie weit noch überflügelt ihn die Wahrheit![605]

Zu meiner Gunst willst du dich selbst berauben?

War es nicht schon genug, mich nicht zu hassen?

HIPPOLYT.

Ich, Königin, dich hassen! Was man auch

Von meinem Stolz verbreitet, glaubt man denn,

Daß eine Tigermutter mich geboren?

Und welche Wildheit wärs, welch eingewurzelt

Verstockter Haß, den nicht dein Anblick zähmte!

Konnt ich dem holden Zauber widerstehn?

ARICIA unterbricht ihn.

Was sagst du, Herr?

HIPPOLYT.

Ich bin zu weit gegangen.

Zu mächtig wird es mir – Und weil ich denn

Mein langes Schweigen brach, so will ich enden –

So magst du ein Geheimnis denn vernehmen,

Das diese Brust nicht mehr verschließen kann.

– Ja, Königin, du siehst mich vor dir stehen,

Ein warnend Beispiel tief gefallnen Stolzes.

Ich, der der Liebe trotzig widerstand,

Der ihren Opfern grausam Hohn gesprochen

Und, wenn die andern kämpften mit dem Sturm,

Stets von dem Ufer hoffte zuzusehn,

Durch eine stärkre Macht mir selbst entrissen,

Erfahr auch ich nun das gemeine Los.

Ein Augenblick bezwang mein kühnes Herz,

Die freie stolze Seele, sie empfindet.

Sechs Monde trag ich schon, gequält, zerrissen

Von Scham und Schmerz, den Pfeil in meinem Herzen.

Umsonst bekämpf ich dich, bekämpf ich mich,

Dich flieh ich, wo du bist, dich find ich, wo du fehlst,

Dein Bild folgt mir ins Innerste der Wälder;

Das Licht des Tages und die stille Nacht

Muß mir die Reize deines Bildes malen.

Ach alles unterwirft mich dir, wie auch

Das stolze Herz dir widerstand – Ich suche

Mich selbst, und finde mich nicht mehr. Zur Last

Ist mir mein Pfeil, mein Wurfspieß und mein Wagen,[606]

Vergessen ganz hab ich die Kunst Neptuns;

Mit meinen Seufzern nur erfüll ich jetzt

Der Wälder Stille; meine müßgen Rosse

Vergessen ihres Führers Ruf.


Nach einer Pause.


Vielleicht

Schämst du dich deines Werks, da du mich hörst,

Und dich beleidigt meine wilde Liebe?

In welcher rauhen Sprache biet ich auch

Mein Herz dir an! Wie wenig würdig ist

Der rohe Sklave solcher schönen Bande!

Doch eben darum nimm ihn gütig auf,

Ein neu Gefühl, ein fremdes sprech ich aus,

Und sprech ichs übel, denke, Königin,

Daß du die erste bist, die michs gelehrt.


Quelle:
Schiller, Friedrich: Phädra. Trauerspiel von Racine, in: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Dritter Band: Übersetzungen, München 1960, S. 587–645, S. 604-607.
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