Elfter Auftritt

[156] Wurzel. Vorige.


WURZEL. Nun, was ist denn für ein Gejage über die Stiegen? Sieht Ajaxerle. Was ist das für eine Figur? Wer hat denn das Gsicht hereingelassen? Nu, was gibts? Sind wir was? Wollen Sie was? mit Ihrer dreieckigten Physiognomie?

AJAXERLE. Könnt ich nicht die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen?

WURZEL. Nun, die Ehr hat Er ja schon. Nur heraus mit der Katz aus dem Sack.

AJAXERLE. Sie werden mich wahrscheinlich schon kenne?

WURZEL. Ich? woher denn?

AJAXERLE. Ich bin der Martin Haugerle und bin Schneckenhändler aus dem Reich.

WURZEL. Und wegen den soll ich Ihn kennen? Vielleicht weil Er so schlampicht ist wie ein Schneck? Hinaus mit Ihm, oder Er wird mich kennen lernen.

AJAXERLE. Oh, ich habs schon ghört, Sie sind ein Tiger, mir hats mein Vetter gschrieben, der arme Fischerkarl, daß Sie so unbarmherzig mit ihm umgehen, und darum bin ich herabgereist.

WURZEL. Auf der Schneckenpost?

AJAXERLE. Und will für ihn um das Mädle anhalte. Sie haben ihm vor drei Jahren Ihr Ehrenwort gegeben, und das müssen Sie halten.

WURZEL. Was sind das für Keckheiten? Ich werd unsinnig. Erstlich untersteht Er sich, dem Taugenichts sein miserablicher Vetter zu sein, und zweitens wagt Ers und halt um meine Tochter an, für den liederlichen Fischer?

AJAXERLE. Schimpfe Sie nicht, er ist ein bravs Männle, und ein Bürschle wie die gute Stund.

LOTTCHEN. Ach ja Vater, er trübt kein Wasser.

WURZEL. Ein Fischer – und trübt kein Wasser? und pritschelt den ganzen Tag darin herum. Streng zu Lottchen. Du schweigst! und wenn du dich nicht in meinen Willen fügst und immer vom Wald phantasierst, du melancholische[156] Wildanten, und mir noch einmal dein Bauerngwand heimlich anziehst, was dadrin in einem Pünkel versteckt hast, und nichts als Fisch und Wasser im Kopf hast, so gib acht, wie ich dich durchwassern werde, einen Wolkenbruch laß ich auf deinen Buckel niedergehen, wannst nicht den alten Millioneur heuratst.

LOTTCHEN. Ach, was bin ich für eine arme Närrin!

WURZEL. Just, wenn man eine arme Närrin ist, muß man suchen, auch Millioneurin zu werden, so verzeihen einem doch die Leut die Narrheit leichter. Ein Fischer heiraten wollen – dieses unsichere Metier, bis er einen Fisch fangt, kommen ihm hundert aus. Da heirat lieber einen von den seinen Schnecken, so kriegst doch einen Hausherrn.

LOTTCHEN. Vater, bringen Sie mich nicht auf das äußerste. Hören Sie meinen Schwur: Ich verachte alle Reichtümer Ihrer Stadt und werde nie, nie von meinem armen Karl lassen.


Es donnert sehr stark.


AJAXERLE. Haben Sie ghört, den Pumperer?

WURZEL. War das ein Donner? desto besser, vielleicht schlagt der Donner drein, so darf ichs nicht tun. Zu Lottchen. Du willst also nicht von den Fischer lassen?

AJAXERLE. Nein, und recht hat s'! wissen Sie das? Und wenn Sie ihr den Burschen nicht geben, so wirds Ihnen reuen, so viel Haarle Haar Sie auf Ihren Strobelkopf haben, auf Ihren bockbeinigen.

WURZEL. Nun gut, so hören Sie denn auch meinen Schwur, Sie Vorsteher der würdigen Schneckenzunft. In diesem Augenblick kommt hinter Wurzel ein kleiner Satyr mit Pferdefüßen, auf einer abgebrochenen Säule sitzend, aus der Versenkung. Er hat eine schwarze Tafel und schreibt Wurzels Schwur darauf. Nicht eh darf diese Verbindung vollzogen werden, bis aus dem Blut, das wie geschmolznes Eisen glüht, ein Himbeergefrornes wird – bis diese kräftgen Zwillingsbrüder, meine Fäust, so kraftlos sind, daß ich nicht einmal einen Kapauner mehr transchieren kann – bis dieses kienrußschwarze Haupt sich in einen Gletscher verwandelt – kurz, bis ich so ausschau, daß ich auf den Aschenmarkt hinaus ghör! – Dann[157] fragen Sie sich wieder an, mein lieber Schneckensensal, dann halt ich Ihren Fischer mein Wort.

AJAXERLE rasch. Schlage Sie ein, es gilt! Hält die Hand hin.

WURZEL schlägt ein. So wahr ich auf der Welt bin, und jetzt – Stark. Punktum!

SATYR mit kräftiger Schadenfreude. Satis!


Er hat bei den Worten Wurzels: »So wahr ich auf der Welt bin« geendet. Schlägt bei dem Wort »Satis« mit der flachen Hand auf die Tafel, macht dann schnell eine drohende Bewegung hinter Wurzel und versinkt wieder.


AJAXERLE. So, und jetzt lebe Sie wohl, Sie Herr von Wurzle. Vergesse Sie nicht auf Ihren Schwur, malträtiere Sie nur das arme Mädle da, verachte Sie den ehrlichen Bauernstand, halte Sie sich an Ihre Saufbrüderle. Aber weh Ihnen, wenn Sie den Schneckenhändler aus den Reich wieder einmal zu Gesicht kriege werde. Verstehe Sie mich? Weh Ihne! das merke Sie sich wohl, Sie Hasenfuß.


Läuft ab.


WURZEL ergreift im Zorn einen Stuhl und eilt ihm nach. Wart, du schwäbische Krautstauden! Ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 156-158.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär
Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär (Komedia)
Raimundalmanach / Der Bauer als Millionär: Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär

Buchempfehlung

Anonym

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Die vorliegende Übersetzung gibt den wesentlichen Inhalt zweier chinesischer Sammelwerke aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert wieder, die Aufzeichnungen über die Sitten der beiden Vettern Dai De und Dai Schen. In diesen Sammlungen ist der Niederschlag der konfuzianischen Lehre in den Jahrhunderten nach des Meisters Tod enthalten.

278 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon