Sechster Auftritt

[170] Sechs Pagen und sechs Mädchen weiß gekleidet mit rosenroten Spensern, welche samt den Hüten mit blühenden Rosen verziert sind, tanzen herein und gruppieren sich auf beiden Seiten der Tür. Dann hüpft die Jugend herein, eine weiß kasimirne kurze Hose, weiß atlaßne Weste mit silbernen Knöpfchen, am Kragen mit Rosen garniert. Rosenrotes Fräckchen. Weiß atlaßnen runden Hut mit einem Rosenband. Das Beinkleid am Knie mit silbernen Knöpfen und rosenroten Bändern gebunden. Sie spricht im hochdeutschen Dialekte mit einem Anklange des preußischen.

Vorige.


JUGEND. Grüß dich der Himmel, Brüderchen! Du nimmst es doch nicht übel, daß ich dir meine persönliche Aufwartung mache?

WURZEL. Das ist ein prächtiger Mensch! hundsjung und geißnarrisch! Hat mich noch nie gsehen, und gleich Brüderl.

JUGEND. Ja Bruder, ich komme in einer besonderen Angelegenheit!

WURZEL. Nun Bruder, mit was kann ich dienen? Für sich. Der braucht gwiß ein Geld.

JUGEND. Ja – nimm es nicht übel, Brüderchen, aber mit uns ists aus. Ich bin hier, um dir meine Freundschaft aufzukünden.

WURZEL. Nun, das wär nicht übel, Bruder, jetzt lernen wir uns erst kennen, Bruder, und sollen schon wieder bös aufeinander sein, Bruder, das wär gfehlt.

JUGEND. Haha! Was fällt dir ein, Brüderchen? Fehlgeschossen,[170] das endigt ja eben unsere Freundschaft, weil wir schon gar zu lange miteinander bekannt sind. Wir sind ja schon zusammen auf die Welt gekommen, weißt du denn das nicht mehr?

WURZEL. Ja, ja, ich erinnere mich schon, nachmittag wars, und gregnet hats auch.

JUGEND. Wir sind auch miteinander in die Schule gegangen. Weißt du denn das auch nicht, wir sind ja auf einer Bank gesessen.

WURZEL. Ist richtig! Auf der Schandbank sind wir gesessen. Für sich. Ich kenn ihn gar nicht.

JUGEND. Ja freilich! Sie haben uns ja dadurch zwingen wollen, daß wir etwas lernen sollen.

WURZEL. Nun ja, was das für Sachen waren, aber wir haben nichts dergleichen getan. Oh, wir waren ein Paar feine Kerls! Für sich. Ich hab ihn mein Leben nicht gsehen noch.

JUGEND. Und wie wir beide zwanzig Jahr alt waren, haben wir die ganze Gemeinde geprügelt. Oh, das war ja prächtig, Brüderchen!

WURZEL. Oh, das war ein Hauptjux! Für sich. Ich weiß kein Wort davon.

JUGEND. Und getrunken haben wir, Bruder, das war mörderisch.

WURZEL. Oh, das war schändlich, Bruder!

JUGEND. Ja, und was wir alles getrunken haben!

WURZEL. Nu, einmal haben wir, glaub ich, gar einen Wein getrunken, das Verbrechen!

JUGEND. Ja, und was für einen!

WURZEL. Einen Luttenberger.

JUGEND. Und einen Grinzinger!

WURZEL für sich. Ist alles nicht wahr.

JUGEND. Du hast mich ja in alle Wirtshäuser herumgeschleppt, wir waren ja alle Tage sternhagelvoll besoffen. Kurz, wir waren ein Paar wahre Lumpen.

WURZEL beiseite. Er muß doch eine Spur von mir haben, er kennt mich doch. Laut. Bruder, wir wollens noch sein! schlag ein, Bruderherz![171]

JUGEND. Bruder, nein! Jetzt ists gar. Du mußt jetzt solid werden, du mußt dich um sieben Uhr zu Bette legen, darfst dir keinen Rausch mehr trinken, – kurz, was du zu tun hast, das wirst du von einem anderen hören, der dir alles pünktlich auseinandersetzen wird.

WURZEL. Bruder, was wär denn das? – Ich keinen Rausch – und das ist das Edelste an mir. Ich bin so gsund, daß ich mit einer Armee raufen könnt.

JUGEND. Ja Brüderchen, jetzt solang ich noch bei dir bin. Stark. Doch den ersten Schritt, den ich aus diesem Saal mache, wird dich die Lust verlassen, auf eine so unedle Weise dein Schicksal ferner zu versuchen.

WURZEL. Ich fang mich völlig zum fürchten an. Auf die Letzt kann der Kerl hexen! Das wär eine hantige Bruderschaft.

JUGEND. Also adieu, lieber Bruder! Verzeihe mir, was ich dir Leids getan hab, du lieber guter Kerl du! Ich bin gewiß ein fideler Junge, habs lang genug mit dir ausgehalten, du warst mein intimster Freund, aber du bist gar ein lüderliches Tuch, darum leb wohl, Brüderchen! sei nicht böse auf mich und sage mir nichts Schlechtes nach.


Duett.


JUGEND.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Mußt mir ja nicht böse sein!

Scheint die Sonne noch so schön,

Einmal muß sie untergehn.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Mußt nicht böse sein.

WURZEL.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Wirst doch nicht so kindisch sein!

Gib zehntausend Taler dir

Alle Jahr, bleibst du bei mir.

JUGEND.

Nein, nein, nein, nein!

Brüderlein fein, Brüderlein fein,[172]

Sag mir nur, was fällt dir ein?

Geld kann vieles in der Welt,

Jugend kauft man nicht ums Geld.

Drum, Brüderlein fein, Brüderlein fein,

's muß geschieden sein.


Beide.


JUGEND.

Brüderlein, bald, Brüderlein, bald

Flieh ich fort von dir.

WURZEL.

Brüderlein, halt, Brüderlein, halt,

Geh nur nicht von mir.


Unter dem Ritornell tanzt die Jugend und ihr Gefolge.


JUGEND.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Wirst mir wohl recht gram jetzt sein?

Hast für mich wohl keinen Sinn,

Wenn ich nicht mehr bei dir bin?

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Mußt nicht gram mir sein!

WURZEL.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Du wirst doch ein Spitzbub sein!

Willst du nicht mit mir bestehn,

Nun, so kannst zum Teuxel gehn!

JUGEND.

Nein, nein, nein, nein,

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Zärtlich muß geschieden sein.

Denk manchmal an mich zurück,

Schimpf nicht auf der Jugend Glück!

Drum, Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Schlag zum Abschied ein!

BEIDE.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,

Schlag zum Abschied ein!


Umarmen sich. Die Jugend tanzt ab, ihr Gefolge nach.[173]


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 170-174.
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