Vierzehnter Auftritt


[352] Voriger. Habakuk tritt zur Eingangtür herein, ein Kuchelmesser in der Hand.


HABAKUK. Jetzt wollen wirs probieren. Sieht Rappelkopf, erschrickt. Sapperment, da steht er just vor der Gartentür! Wie komm ich denn jetzt hinaus? Ich trau mich nicht vorbei. Er fahret auf mich los als wie ein Kettenhund. Ach, was kann denn mir geschehen! Ich war zwei Jahr in Paris. Euer Gnaden erlauben, daß ich –


Rappelkopf kehrt sich schnell um und erschrickt.

Habakuk erschrickt ebenfalls.


RAPPELKOPF. Was ists –? Was will Er?

HABAKUK für sich. Bellt mich schon an. Versteckt das Messer unwillkürlich.

RAPPELKOPF packt ihn an der Brust. Was willst du da herin, warum erschrickst?

HABAKUK für sich. Hat mich schon. Laut. Euer Gnaden verzeihen, ich hab –

RAPPELKOPF. Was hast? Ein schlechtes Gewissen hast. Was versteckst denn da? Ans Licht damit!

HABAKUK zeigt es vor. Ich versteck gar nichts, Euer Gnaden. Es ist ein Kuchelmesser –

RAPPELKOPF prallt entsetzt zurück. Himmel und Hölle! Der Kerl hat mich umbringen wollen.

HABAKUK. Warum nicht gar –

RAPPELKOPF. Den Augenblick gesteh! Packt ihn und entreißt ihm das Messer. Ist dieses Messer für mich geschliffen?

HABAKUK. Ah, das wär ja rasend, wenn Euer Gnaden so was glauben könnten – Ich hab ja Euer Gnaden nur fragen wollen –

RAPPELKOPF. Ob du mich umbringen darfst?

HABAKUK. Warum nicht gar, da würd man ja Euer Gnaden lang fragen –[352]

RAPPELKOPF. O du schändlicher Verräter!

HABAKUK. So lassen sich Euer Gnaden nur berichten –

RAPPELKOPF. Keine Entschuldigung, hinaus mit dir!

HABAKUK beiseite. Er laßt einem nicht zu Wort kommen. Laut. Euer Gnaden müssen mich hören.


Will auf ihn zu.


RAPPELKOPF hält einen Stuhl vor. Untersteh dich und komm mir auf den Leib. Ich glaub, er hat noch ein paar Messer bei sich. Der Kerl ist ein völliger Messerschmied.

HABAKUK. So untersuchen mich Euer Gnaden ins Teuxelsnamen –

RAPPELKOPF packt ihn wieder. Das will ich auch. Gesteh, Bandit von Treviso, wer hat dich gedungen?

HABAKUK. Ich versteh Euer Gnaden gar nicht.

RAPPELKOPF. Ich will wissen, wer diese Schreckenstat veranlaßt hat.

HABAKUK. Mein Himmel, die gnädige Frau hat gschafft –

RAPPELKOPF. Genug, ich brauch nicht mehr zu wissen. Entsetzlich! Habakuk will reden. Rappelkopf schreit. Nichts mehr! Mein Weib will mich ermorden lassen! Sinkt in einen Stuhl und verhüllt sein Gesicht.

HABAKUK für sich. Ah, das ist schrecklich! ich hätt sollen einen Zichori ausstechen, Ringt die Hände. und er glaubt, ich will ihn umbringen. Ah, das ist schrecklich, das ist schrecklich!

RAPPELKOPF. Ja, es ist schrecklich – es ist entsetzlich, es ist das Unmenschlichste, was die Weltgeschichte aufzuweisen hat. Nimmt den Stuhl. Hinaus, du Mörder! du Abällino! du Ungeheuer in der Livree!

HABAKUK. Aber Euer Gnaden –

RAPPELKOPF. Hinaus mit dir –

HABAKUK. Nein, ich war –

RAPPELKOPF wütend. Hinaus, sag ich, oder – Jagt ihn hinaus.

HABAKUK schon vor der Tür, schreit. Ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich noch nicht erlebt,


Ab.


RAPPELKOPF allein. Es ist vorbei, ich bin unter meinem eignen Dache nicht mehr sicher.


Drum hinaus, nur hinaus

Aus dem mörderischen Haus![353]

Doch vorher will ich mich rächen,

Alle Möbel hier zerbrechen.

Gleich zuerst nehm ich beim Schößel

Diesen vierzigjährgen Sessel,

Auf dem meine Weiber saßen,

Die mein Lebensglück mir fraßen.

Ha! Dich tret ich ganz zuschanden.


Zertritt den Stuhl.


So – der hat es überstanden.

Auch den Tisch, an dem ich Briefe,

Voll Gemüt und treuer Tiefe,

Einst an falsche Freunde schrieb,

Spalte ich auf einen Hieb.


Schlägt in den Tisch.


Und der weltverführnde Spiegel,

Der Verderbtheit blankes Siegel,

Dieser Abgott aller Schönen,

Dem die eitlen Narren frönen,

Wo sie stehen, wo sie gaffen

Und sich putzen wie die Affen,

Gsichter schneiden, Buckerl machen,

Weißer Zähne willen lachen:

O du truggeschliffner Räuber!

Du Verführer eitler Weiber!

O du niedrige Lappalie!

Wart, dir liefr ich jetzt Bataille.


Erblickt sich in dem Spiegel.


Pfui! das häßliche Gesicht,

Ich ertrag es länger nicht.


Zerschlägt den Spiegel mit geballter Faust.


So! da liegt er jetzt, der Held,

Und sein Harnisch ist zerschellt.


Besieht die Hand.


Ha! der glänzende Betrüger

Hat verwundet seinen Sieger,

Doch ich mach mir nichts daraus,

Flöß ein Eimer Blut heraus.


[354] Öffnet den Schreibtisch und nimmt Briefe aus demselben.


Auch die Briefe voll von Lieb,

Die im Wahnsinn ich einst schrieb,

Die zerreiß ich alle hier.

's ist nur schad um das Papier.


Zerreißt sie und streut sie auf den Boden. Nimmt Geldrollen und Geldbeutel aus einer Schatulle.


Nur das tiefgehaßte Geld,

Die Mätresse dieser Welt,

Das bewahr ich mir allein,

Das muß mit, das steck ich ein.


Steckt es schnell in die Taschen.


Nun? Ihr Esel, ihr vier Wände,

Die ich hasse ohne Ende,

Warum schaut ihr mich so an?

Bin ich nicht ein ganzer Mann?

Euch kann ich zwar nicht zerschlagen,

Doch ich will euch etwas sagen:

Ich geh jetzt in Wald hinaus

Und komm nimmermehr nach Haus.


Läuft wütend ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 352-355.
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