Zwanzigster Auftritt


[52] Großer indianischer Garten. Auf der einen Seite ein Blumenthron für Zoraide, auf der andern der praktikable Eingang in ein schön verziertes chinesisches Lusthaus.

Großer Einzug. Tänzer und Tänzerinnen voraus. Dann Gefolge. Dann Tutu und Zoraide, Hassar, zwei Diener tragen einen großen Armsessel für Tutu, welcher dem Throne gegenüber gesetzt wird. Dann wieder Gefolge. Die Zaubergaben werden von drei Knaben auf Polstern vor Zoraiden getragen. Zoraide besteigt den Thron. Tutu setzt sich in den Sessel und fängt zu schlummern an.


Chor


Lange herrsche Zoraide

Durch des Geistes Strahlenkranz!

Unser Jubel wird nicht müde,

Zu verkünden ihren Glanz!

ZORAIDE stolz. Ich danke euch! Obwohl es mir durchaus keine Neuigkeit mehr ist, daß mein Witz und meine Schönheit sich mit allen weiblichen Vorzügen auf dieser Erde messen können, so will ich doch nicht so unbescheiden sein, es heute nicht noch einmal aus eurem jauchzenden Munde anzuhören.

ALLE. Heil Zoraide!

ZORAIDE. Pappa! Hm! Pappa –

TUTU zu sich kommend. Ja, ja –

ZORAIDE. Nehmen Sie jetzt das Wort.

TUTU. Werds gleich haben. – Still! – Ich nehm jetzt das Wort. – Alle meine Herren und Frauen, laßt euch sagen: Wir sind hier versammelt, um ein Fest zu feiern, welches wir veranstaltet haben, weil meine Tochter durch die außerordentlichen Gaben ihres Verstandes, welcher sogar den meinigen noch übertrifft, den übermütigen Fremdling, der auf unsere Insel gekommen ist, drei Zaubergaben von hohem Wert abgenommen hat. Weil dieser Fremdling nun – nicht wahr, meine Tochter? – weil dieser Fremdling nun – so – so undankbar an uns gehandelt hat, – so – so – weiß ich vor Zorn gar nicht mehr, was ich reden soll! Auf Zoraiden zeigend. Die Fortsetzung folgt. Setzt sich wieder nieder.[52]

ZORAIDE halblaut. Wann man Ihnen schon was reden laßt. – Laut. Hier sind die Zaubergaben. Durch dieses Horn ist unsere Insel vor jedem Überfalle gesichert. Dieser Stab birgt eine goldene Welt, und diese Binde trägt mit Blitzesschnelle den, der sie trägt, an den entferntesten Ort. Alle diese Gaben werde ich vorzüglich zu eurem Glück anwenden.

ALLE. Heil Tutu! Heil Zoraide!

HASSAR. Nehmen Sie, gnädigste Gebieterin, hier die Früchte unserer Muse, welche in den größten indianischen Köpfen erst heute morgens reif geworden sind.

ZORAIDE. Wo sind sie?


Vier Sklaven bringen einen sehr großen goldenen Korb, worinnen eine große Menge von Gedichten, zusammengerollt und von verschiedenen Farben, aufgehäuft sind.


HASSAR. Hier ist dieser poetische Ragout. Präsentiert Zoraiden einige.

ZORAIDE nimmt sie, jedoch ohne sie anzusehen. Was enthalten sie?

HASSAR. Die ungeheursten Lobsprüche auf Ihre Liebenswürdigkeit und Ihren Verstand.

ZORAIDE mit selbstgefälligem Lächeln. Sie gefallen mir, – eine schöne Schreibart! Ich bin ganz zufrieden damit.


Hassar ladet durch Pantomime Tutu ein, auch einige zu nehmen.


TUTU. Ja so – Steht auf und nimmt einige. Ah ja! Sie sind gut, recht gut – Wiegt selbe in der Hand. Sein mitunter recht frische dabei, wie man jetzt sagt, mit humoristischer Frische –


Setzt sich wieder.


HASSAR. Und nun erlaube auch, daß meine Schönheit es wagt, dir auch eine Poesie zu übergeben.

ZORAIDE. Was ist es denn?

HASSAR. Es ist eine Eleschie auf deine Liebenswürdigkeit.

TUTU. Das hat Er gewiß wo abgeschrieben, das trau ich Ihm nicht zu, daß er eine Negligée machen kann, oder wie das heißt.

HASSAR. Herr! bei meiner Schönheit, ich hab es selbst verfaßt.[53]

ZORAIDE. Genug! Ich werde Ihm hernach schon was schenken. Tragt die Gedichte auf mein Gemach. Es geschieht. Die Gaben hier hinein, ich werde sie bewachen.


Ein Sklave kömmt.


SKLAVE. Herr, die Tafel ist bereitet.

TUTU. Ah! Du hast ein schönes Wort gesprochen! Steht auf, laut zu allen. Die Tafel ist bereitet!

ALLE. Ah!

TUTU. Komm, meine Tochter. Der Geist hat seine Mahlzeit eingenommen, jetzt wollen wir den Magen auch eine kleine Vorlesung halten. – Ruft alle: Es lebe Zoraide, es lebe Tutu!

ALLE. Es lebe Zoraide! Es lebe Tutu!

TUTU gerührt. Ihr habt mich überrascht.


Alles bis auf Hassar und die Tänzer ab.


HASSAR zu den Tänzern. Erst, wenn ich klatsche, wird der Tanz beginnen.


Tänzer verneigen sich und gehen ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 52-54.
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