Neunter Auftritt

[587] Vorige. Valentin.


VALENTIN. So! Jetzt ist die Tür auch wieder in der Ordnung. Ah, bist schon zu Haus, liebes Weib? Das ist gscheid.

ROSA. Ja zum Glück bin ich noch zur rechten Zeit zu Haus gekommen, um deine voreiligen Streiche wieder gut zu machen.

VALENTIN. Was denn für Streich? Wo ist denn der gnädige Herr?

ROSA. Wo wird er sein? Wo es ihm beliebt.

VALENTIN. Was? Was hast gesagt? Ist er nicht in der Kammer drin?

ROSA. Such ihn!

VALENTIN schaut hinein. Wo ist er denn? Heftiger. Wo ist er denn?

ROSA. Was gehts denn mich an? Was kümmern mich denn fremde Leut?[587]

VALENTIN. Fremde Leut? Hast denn nicht gesprochen mit ihm?

ROSA unwillig. Ah was!

VALENTIN. Was ist denn da vorgegangen? Kinder! Kommt alle her.


Liese. Hans. Hiesel. Michael, der den Pepi führt.


VALENTIN. Wo ist der gnädige Herr?

LIESE verlegen. Ja ich –

ROSA keck. Nun was stockst? Fort ist er. Was ists weiter?

VALENTIN. Fort ist er? Wegen was ist er fort? Wann ist er fort? Wie ist er fort? Um wie viel Uhr ist er fort?

LIESE. Ja die Mutter –

VALENTIN. Heraus damit!

ROSA. Nu sags nur! Was fürchtest dich denn?

LIESE. Die Mutter hat zu ihm gsagt: Sie behalt ihn nicht im Haus.

HANSEL weinend. Und der Vater machet lauter so dumme Sachen.

VALENTIN. Das hast du gesagt?

HIESEL. Drauf ist er fortgelaufen und hat geweint.

VALENTIN bricht in ein ironisches Lachen aus. Ha, ha! Klatscht in die Hände.

ROSA. Nu was sein das für Sachen?

VALENTIN. Still sei! Kinder, gehts hinaus.

ROSA. Warum nicht gar –

VALENTIN. Still sei – da setz dich nieder!

ROSA. Du! –

VALENTIN drängt sie auf den Stuhl. Nieder setz dich! Kinder, gehts hinaus.


Die Kinder gehen ab.


HANSEL im Abgehen. Nein, wies in unserm Haus zugeht, das ist schrecklich.


Ab.


ROSA springt auf. Jetzt was solls sein?

VALENTIN. Nur Geduld! Ich hab dich nicht vor den Kindern beschämen wollen, wie du mich! Was ist dir jetzt lieber? Willst du meinen gnädigen Herrn im Haus behalten, oder ich geh auch fort.[588]

ROSA. Was? Was willst du für Geschichten anfangen, wegen einem fremden Menschen?

VALENTIN. Ist er dir fremd? Mir nicht! Einen Menschen, den ich Dank schuldig bin, der kann mir gar nicht fremd werden.

ROSA. Du bist Vater. Du mußt auf deine Kinder schauen.

VALENTIN. Er ist auch mein Kind, ich hab ihn angenommen.

ROSA. Nu das ist ein junges Kind.

VALENTIN. Ja, so jung als du ist er freilich nicht, denn du betragst dich, als ob du vier Jahr alt wärst.

ROSA. Kurz und gut: Ich leid ihn einmal nicht im Haus.

VALENTIN. Du leidest ihn nicht? Kinder! kommts herein.


Alle Kinder.


ALLE KINDER. Was befiehlt der Vater?

VALENTIN. Ziehts euch an, ihr geht mit mir!

HIESEL. Wohin denn, Vater?

VALENTIN. Das werds schon sehen. Auf die Schleifen gehn wir nicht. Nehmt alles mit. Eure Studien. Das Namenbüchel. Die ganze Bibliothek. Den Hobel. Das ganze Arbeitszeug. Alles!

ROSA. Ah, das ist mir ja noch gar nicht vorgekommen!

VALENTIN. Gelt? Oh, es gibt Sachen, wovon sich unsere Philosophie nichts träumen läßt.

HANSEL. Aber heut nimmt sich der Vater zusammen, das ist gscheidt.

ROSA stemmt die Hände in die Seite. Du willst die Kinder aus dem Haus nehmen?

VALENTIN. Ich bin die Ursach, daß sie ins Haus gekommen sind, folglich kann ich s' auch aus dem Haus nehmen.

LIESE. Aber Vater, was soll denn das werden? Das wär ja ganz entsetzlich.

VALENTIN zu Liese. Willst du bei deiner Mutter bleiben?

LIESE. Ja, das ist meine Schuldigkeit.

VALENTIN. So geh zu ihr! Liese geht hin. Buben, gehts her zu mir! Die Buben treten auf seine Seite. Das sind die Stützen meines Reiches. Die gehören mir zu. Machts euch fertig!


Die Buben nehmen alles.[589]


HIESEL. Was soll denn ich noch nehmen?

VALENTIN. Den Zirkel, runder Kerl.

ROSA. Er macht wirklich Ernst. Das hätt ich meinen Leben nicht geglaubt.

LIESE. Liebe Mutter, gib die Mutter nach.

VALENTIN. So, jetzt ist der Auszug fertig. Jetzt gebts acht. Jetzt werd ich kommandieren: Rechtsum, kehrt euch, marsch!


Will fort.


ROSA ruft ihm reumütig nach. Du Mann! Halt!

VALENTIN. Was gibts?

ROSA. Ich muß dir noch was sagen!

VALENTIN für sich. Aha! Jetzt fangen die Unterhandlungen an. Laut. Nur kurz! das sag ich gleich.

ROSA leise. Laß die Kinder hinausgehn.

VALENTIN. Kinder, gehts hinaus!

LIESE für sich. Nu Gott sei Dank!

HANSEL. Mir scheint, die Mutter gibt doch nach. Ja, wann wir Männer einmal anfangen, da muß es brechen oder gehn.


Die Kinder ab.


VALENTIN. Also was willst du jetzt?

ROSA gutmütig. Schau, überleg dirs doch, du wirst dich überzeugen, ich hab recht.

VALENTIN. Still sei, sag ich. Oder ich ruf die Kinder herein.

ROSA. So laß doch drauß. Sie zerreißen ja zu viel Schuh, wenn sie immer hin und wieder laufen.

VALENTIN. Das nutzt dir alles nichts. Aut Aut. Oder, entweder –

ROSA. Gut, ich will mirs überlegen.

VALENTIN. Nichts überlegen. Heut muß er noch ins Haus, und eine Mahlzeit muß hergerichtet werden, daß die ganze Menschheit die Händ über den Kopf zusammenschlagen soll.

ROSA. Nu mir ists recht! Aber er verdients um uns nicht.

VALENTIN. Was sagst? Er verdients nicht? Wer ist denn schuld, daß wir so friedlich miteinander leben? Daß ich hab Meister werden können und das Häusel da gebaut[590] hab, als die zweihundert Dukaten, die ich so nach und nach von ihm zu schenken gekriegt hab. Wem haben wir also unser bissel zu verdanken?

ROSA. Mich hat er aber nie mögen.

VALENTIN. Ist nicht wahr! Der Kammerdiener hat dich nur verschwärzt bei ihm. Sonst wären wir noch in seinem Haus.

ROSA. Ja wenn er eines hätte.

VALENTIN. Ja so. Da hab ich ganz vergessen drauf.

ROSA. Er hat mich bei jeder Gelegenheit heruntergesetzt. Einmal hat er sogar vor einer ganzen Gesellschaft gesagt –

VALENTIN. Was hat er denn gesagt?

ROSA. Das sag ich nicht.

VALENTIN. Geh, sag mirs, liebe Alte. Geh! Wer weiß, ists wahr?

ROSA. Ja es ist auch nicht wahr. Er hat gesagt: ich bin ausgewachsen.

VALENTIN. Das hat er gsagt? Und das hast du dir seit zwanzig Jahren noch gemerkt.

ROSA. Oh, so etwas vergißt ein Frauenzimmer nie.

VALENTIN. Nu, das mußt ihm halt verzeihen. Mein Himmel! Ein junger Mensch. Er hat halt damals lauter so schiefe Ansichten gehabt. Dann ists ja auch nicht wahr. Du bist ja gebaut wie eine ägyptische Pyramiden. Wer könnt denn dir in deiner Gestalt etwas nachsagen? Das wär ja wirklich eine Verleumdung erster Gattung.

ROSA. Nu, der Meinung bin ich auch.

VALENTIN. Gelt, Alte, ja, wir behalten ihn da im Haus. Du wirst es sehen, ich werd recht fleißig arbeiten. Es schadt uns nichts. Im Gegenteil, 's geht mir alles besser von der Hand.

ROSA nach einem kurzen Kampf. Nu meinetwegen. So solls denn sein.

VALENTIN springt vor Freude. Bravo Rosel! das hab ich auch von dir erwartet. Ich hätt dich nicht verlassen, wenn ich auch heut fortgegangen wär. Oh! morgen auf die Nacht wär ich schon wieder nach Haus gekommen. Jetzt[591] ist aber alles in der Ordnung. Kinder! kommts herein zum letzten Mal. Alle Kinder. Kinder, legt alles wieder hin. Wir ziehen nicht aus. Ich hab mit der Hausfrau da einen neuen Kontrakt abgeschlossen. Vater und Mutter sind versöhnt. Der gnädige Herr kommt ins Haus.

KINDER alle freudig. Das ist gscheid! das ist gscheid!

VALENTIN. Drum lauft, was ihr könnt. Kein Mensch darf zu Haus bleiben. Ich nehm den kleinen Buben mit. Er nimmt Pepi auf den Arm. Geht zu alle Nachbarn. Fragt, ob sie ihn nicht gesehen haben. Sie sollen euch suchen helfen. Und wenn ihr ihn findet, so bringt ihn her.

ROSA. Der Mann wird närrisch vor lauter Freuden.

KINDER. Bravo! jetzt gehts lustig zu.


Ab.


HANSEL. Vater, verlaß sich der Vater auf mich. Wenn ich ihn pack, mir kommt er nimmer aus.


Geht stolz ab.


VALENTIN. Der Bub kann einmal ein großer Mann werden, wenn er so fortwachst. Weib, jetzt komm! Du hast mir viel Verdruß heut gmacht, aber jetzt ist dir alles wieder verziehen. Kein Mensch ist ohne Fehler, wenn einem nur zur rechten Zeit der Knopf aufgeht. Wer weiß, wers noch vergilt, und ich denk mir halt, wenn ich einmal recht alt werd, so möcht ich doch auch andere Erinnerungen aufzuweisen haben, als daß ich einen Stuhlfuß geleimt hab und einen Schubladkasten gemacht. Jetzt komm!


Beide ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 587-592.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Verschwender
Der Verschwender
Der Verschwender
Raimundalmanach / Der Verschwender

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Klein Zaches

Klein Zaches

Nachdem im Reich die Aufklärung eingeführt wurde ist die Poesie verboten und die Feen sind des Landes verwiesen. Darum versteckt sich die Fee Rosabelverde in einem Damenstift. Als sie dem häßlichen, mißgestalteten Bauernkind Zaches über das Haar streicht verleiht sie ihm damit die Eigenschaft, stets für einen hübschen und klugen Menschen gehalten zu werden, dem die Taten, die seine Zeitgenossen in seiner Gegenwart vollbringen, als seine eigenen angerechnet werden.

88 Seiten, 4.20 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon