Zehnter Auftritt

[592] Verwandlung.

Die Ruine des alten Schlosses Flottwell. Zerfallne Gemächer und Türme, auf Felsen gebaut, zeigen sich rechts. Links die Aussicht, gleichsam von der Höhe des Schloßberges, auf entferntere gegenüberstehende Berge, hinter welchen die Sonne untergeht.

Flottwell in Verzweiflung. Klettert über einen der Felsen, als käme er aus dem Tal.


FLOTTWELL.

Ich bin herauf! Ich habe sie erreicht,

Die letzte Höhe, die in dieser Welt[592]

Für mich noch zu erklimmen war.

Ich steh auf meiner Ahnen Wieg und Sarg,

Auf Flottwells altem edlen Herrenschloß.

Wir sind zugleich verhängnisvoll gestürzt.

Hätt ich dich nicht verlassen, stündest du

Und ich. Zu spät!


Wirft den Hut und Bettelstab von sich.


Verfaule, Bettelstab!

Mein Elend braucht nun keine Stütze mehr.

Ich kehre nie zu eurer Welt zurück,

Denn mein Verbrechen schließt mich aus dem Reich

Des Eigennutzes aus. Ich habe mich

Versündigt an der Majestät des Goldes.

Ich habe nicht bedacht, daß dies Metall

Sich eine Herrschaft angemaßt, vor der

Ich hätt erbeben sollen, weil es auch

Mit Schlauheit, die bewundrungswürdig ist,

Das Edle selbst in seinen Kreis gezogen.

Wer fühlt sich glücklich, der durch Wohltun einst

Ein Arzt der Menschheit war, und dem es nun

Versagt, weil ihm die güldene Arznei

Gebricht, wodurch die kranke Welt genest.

Ich stand auf dieser segensvollen Höh,

Ich konnte mich erfreun an anderer Glück,

Wenn freudenleer mein eigner Busen war.

Ich hab mich selbst von diesem heilgen Thron

Gestürzt. Dies Einzge ists, was ich mit Recht

Beweinen darf, sonst nichts. Zum Kinderspott,

Zum Hohngelächter des gemeinen Pöbels

Darf nie ein Edler werden, drum fahr hin

Mein Leben, dessen Pulsschlag Ehre war.

Ich könnte mich in jenen Abgrund stürzen,

Doch nein! des letzten Flottwells Haupt, es beug

Sich nicht so tief. Mein Leben ist ja noch

Das einzge Gut, das mir Verschwendung ließ,

Mit dem allein will ich nun sparsam sein,

Der Hunger soll mich langsam töten hier.[593]

Aus Straf, weil ich die undankbare Welt

Zu viel gemästet hab. O Tod, du bist

Mein einzger Trost. Ich hab ja keinen Freund –


Ein Stein weicht zurück, und der Bettler ohne Hut und Stab steht vor ihm, spricht.


BETTLER.

Als mich!

FLOTTWELL erschrickt.

Als wen? Ha! schreckliche Gestalt,

Die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen

Und die ich nun für meine erst erkenn,

Weil mich die Zeit auf gleiche Stufe stellt

Und ich wie du in jeder Hinsicht nun

Bejammernswert und elend bin.

Weh mir! Nun wird mirs klar, du solltest mir

Ein schauervolles Bild der Warnung sein.

BETTLER.

Dies war mein Zweck. Du hast mich nicht erkannt,

Weil Leidenschaft nie ihre Fehler sieht.

Erkenne mich nun ganz, ich bin ein Jahr

Aus deinem viel zu rasch verzehrten Leben,

Und zwar dein fünfzigstes, das heute noch

Beginnen wird, wenn jene Sonne sinkt.

Du hast an Cheristanen einst ein Jahr

Verschenkt, und diese edle Fee, die sich

Für dich geopfert hat, sah in dem Buch

Der Zukunft, daß, wenn du zurück nicht kehrst

Von der Verschwendung Bahn, das fünfzigste

Jahr deines Lebens dir den Bettelstab

Als Lohn für deinen Reichtum reichen wird.

Glaub nicht, daß du geendet hättest hier.

Wer so wie du gestanden einst und auf

So niedre Stufe steigt, sinkt tiefer noch

Als einer, der im Schlamm geboren ist.

Zu warnen warst du nicht, drum konnte ich

Dich nur von deinem tiefsten Sturz erretten.

Bis jetzt hat niemand noch dir eine Gab[594]

Gereicht: Ich hab für dich bei dir gebettelt.

Ein Jahr lang hab ich den Tribut durch List

Und schaudervolle Angst von dir erpreßt.

Die letzte Stunde hab ich aufbewahrt,

Sie schlief in diesem Stein und spricht zu dir:


Ein Stein teilt sich, und ein Haufen Gold und der Schmuck zeigt sich in einem silbernen Kästchen.


Nimm hier dein Eigentum, das du mir gabst,

Zurück: Du wirst es besser schätzen nun,

Weil du die Welt an seinem Schicksal hast

Erkannt. Was du dem Armen gabst, du hasts

Im vollen Sinne selber dir gegeben.

Leb wohl! Ich hab vollendet meine Sendung.


Versinkt.


FLOTTWELL allein.

Ists Traum, ists Wahrheit, was ich sah und hörte?

Woher die überirdische Erscheinung?


Sanfte Musik.

Die Ruinen verwandeln sich in eine Wolkengruppe mit vielen Genien.

Cheristane in reizender Feenkleidung in der Mitte auf einem Blumenthron.


CHERISTANE sanft.

Mein Julius! Es war Azur, der Geist

Der letzten Perle, die ich einst für dich

So freudig hingeopfert hab, als ich

Die süße Lieb zu dir mit bitterer

Verbannung büßen mußte. Ach! Mir wars ja

Vom Schicksal nicht gegönnt, dich zu erretten,

Er hat für mich erfüllt, was meine Treu

Dir einst gelobt.

FLOTTWELL kniet.

O Cheristane! Dich

Erblicke ich auf dieser Erde wieder?

Du Himmelsbild aus meiner Rosenzeit!

Kaum wagt mein welkes Aug den Blick zu heben

Zur Morgenröte deiner ewgen Jugend.

Oh, zieh nicht fort, verweile noch! Sieh, wie

Die Wehmut um vergangne Zeit mich tötet.[595]

CHERISTANE.

Verzweifle nicht, mein teurer Julius,

Und dulde noch dein kurzes Erdenlos.

Wir werden uns gewiß einst wiedersehen

Dort! in der Liebe grenzenlosem Reich,

Wo alle Geister sich begegnen dürfen.


Sie fliegt unter klagender Musik ab. Die Ruinen zeigen sich wieder. Flottwell sieht Cheristane nach.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 592-596.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Verschwender
Der Verschwender
Der Verschwender
Raimundalmanach / Der Verschwender

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Vögel. (Orinthes)

Die Vögel. (Orinthes)

Zwei weise Athener sind die Streitsucht in ihrer Stadt leid und wollen sich von einem Wiedehopf den Weg in die Emigration zu einem friedlichen Ort weisen lassen, doch keiner der Vorschläge findet ihr Gefallen. So entsteht die Idee eines Vogelstaates zwischen der Menschenwelt und dem Reich der Götter. Uraufgeführt während der Dionysien des Jahres 414 v. Chr. gelten »Die Vögel« aufgrund ihrer Geschlossenheit und der konsequenten Konzentration auf das Motiv der Suche nach einer besseren als dieser Welt als das kompositorisch herausragende Werk des attischen Komikers. »Eulen nach Athen tragen« und »Wolkenkuckucksheim« sind heute noch geläufige Redewendungen aus Aristophanes' Vögeln.

78 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon