Elfter Auftritt


[225] Die beiden liegenden Statuen verschwinden, und statt ihnen liegen die Zauberschwestern in der nämlichen Stellung auf den Postamenten, springen erzürnt auf und gehen auf und ab.


VIPRIA. Nein, das ist zu viel. Einen Hirten liebt sie. Das hat die Sonne nicht erlebt. Ist er denn wirklich schön? ich hab ihn nicht genau betrachtet.

ARROGANTIA. Er hat ein glänzend Aug.

VIPRIA. Im Ernst?

ARROGANTIA. Und Lippen wie Rubin.

VIPRIA. Da hätt er sich in uns verlieben sollen, nicht in sie.

ARROGANTIA. Der Meinung bin ich auch.

VIPRIA. Sie darf Ihn nicht besitzen. Wie verhindre ichs?

ARROGANTIA. Ach, sinne, Schwesterchen, ich bitte dich.

VIPRIA. Geduld. Durch ein Gedicht soll ihre Hand ihm werden? Ist es nicht so? Das Dichten muß man ihm verleiden. Doch wie? Ich frag dich, Zauberstern. Zieht den Stern heraus und sieht hinein, fährt auf. Holla, was spiegelt sich in dir? Was schwebt da in des Himmels Blau? Blick auf!

ARROGANTIA blickt in die Luft. Ein Adler ists.

VIPRIA. Du irrst, es ist die Phantasie, sie kömmt zu Amphio, sie hat ihm Hermiones Hand gelobt.

ARROGANTIA. So sagte er.

VIPRIA. Jetzt lebt es auf in mir, mein Plan ist reif. Wir fangen sie und sperren sie dann ein. Dann will ich sehen, wer ein Gedicht hier schreibt.

ARROGANTIA. Ich habe viel Verstand, doch dich versteh ich nicht.

VIPRIA. Begreifs! Wer dichtet denn? Die Phantasie ists, die poetische Gedanken schafft. Wir halten sie gefangen, dann fällt keinem Dichter etwas ein.

ARROGANTIA. Also wird auch kein Preisgedicht gemacht?

VIPRIA. Es wird gemacht, heut abend noch. Doch zwingen werde ich die Phantasie, den zu begeistern, den ich für Hermione zum Gemahl bestimmt, und wie der aussehen wird, das kannst du dir wohl denken, und nehmen muß[226] sie ihn, wenn er das Beste liefert, sie schwörts in diesem Augenblick im Tempel des Apoll.

ARROGANTIA. Ein schöner Plan. Verbergen wir uns jetzt.

VIPRIA. Flieg nur, mein Vögelchen, du fliegst in unser Netz.


Beide verbergen sich, die Statuen erscheinen wieder an ihrer vorigen Stelle.

Das Ritornell der Arie beginnt.


Die Phantasie schwebt mit ausgespreiteten irisfarbigen Flügeln auf rosigem Nebel nieder.


DIE PHANTASIE.

Ich bin ein Wesen leichter Art,

Ein Kind mit tausend Launen,

Das Niedres mit dem Höchsten paart,

's ist wirklich zum Erstaunen.

Kurzum, ich bin ein Kraftgenie,

Sie sehn in mir die Phantasie.


Ans Publikum.


Wenn rauhe Wirklichkeit auch gleich

Verwundet Ihre Herzen,

So flüchten Sie sich in mein Reich,

Ich lindre Ihre Schmerzen.

Denn alles Glück, man glaubt es nie,

Am End ists doch nur Phantasie.

In dichterischem Übermut

Durchschweb ich weite Fernen.

Ich steck die Sonne auf den Hut

Und würfle mit den Sternen,

Doch vor des Beifalls Melodie

Verbeugt sich tief die Phantasie.


Sich tief verneigend.


Es ist doch wahrlich eine Schande, daß die Phantasie, die von oben kommt, als Unterhändlerin in einem Liebesroman erscheint. Apollo selbst will dieses Pärchen einen, denn unter uns gesagt, er ist ein eitler Mann, wie viele Dichter sind, und Hermiones Schwur, nur einen Dichter zu erwählen, hat ihn so entzückt, daß er mir befahl, ihr[227] Amphio zum Dichter und artigen Gemahl zu bilden, zu bilden! – wohlgemerkt, weil gewöhnlich die gebildetsten Dichter die ungebildetsten Ehmänner sind. Hier kömmt mein Kandidat, Ich will ihn doch ein wenig aufziehen.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 225-228.
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Raimundalmanach / Die gefesselte Phantasie

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