Zwölfter Auftritt


[228] Amphio. Die Phantasie.


PHANTASIE. Nun mein dichterischer Freund, wie haben wir uns aufgeführt? Hat unser gestriges Sonett Cytherens Bande fester geknüpft?

AMPHIO. Auf ewig sie zu binden, steht in deiner Macht.

PHANTASIE weint kindisch. Ich armes Kind soll andere vermählen, und für mich selbst wird Hymens Fackel niemals leuchten. Verbirgt das Gesicht.

AMPHIO besorgt. Wer würde deine Hand verschmähen?

PHANTASIE lacht laut auf. Meinst du, ich sprech im Ernste so? Was kümmern mich die Männer dieser irdschen Welt, was gilt mir selbst ein menschlicher Apoll! Ich bin die Phantasie, der höchsten Schönheit Bild kann ich durch eigne Macht erschaffen, denn nach Adonis reizender Gestalt form ich aus rosgem Äther mir den Bräutigam, in sein Gehirn leg ich Minervens Weisheit ihm, der Zunge schenk ich die Beredsamkeit der Polyhymnia, in seine Brust gieß ich Latonas Sanftmut aus. So bild aus Götterkräften ich mein Ideal und flieh mit ihm nach einer Himmelswelt in unbekannte Sphären. Dort bau ich Amors Tempel auf von glänzendem Rubin und laß von tausend Sonnen ihn bestrahlen. Dann raub ich dem Saturn die Sichel seiner Zeit und breche sie ob unserer Lieb entzwei, damit mir jeder Kuß zur ewgen Wonne wird.

AMPHIO. Ach, du scherzest noch, du weißt nicht, wie poetisch wichtig diese Stunde ist.

PHANTASIE. Beleidige mich nicht, ich selbst habe heute Hermione zu dem Entschluß begeistert, ein Preisgedicht zu fordern, damit nur einmal dieser langweilige Liebeshandel sein Ende erreicht.[228]

AMPHIO. Oh, dann wirst du mir auch deine Hülfe nicht versagen. Der heutge Tag entscheidet.

PHANTASIE. Du bist doch noch bescheiden, du nimmst meine Hilfe nur bei Tage in Anspruch, aber manche Dichter sind so wahnsinnig, die ganze Nacht zu schreiben, und wenn die Phantasie nicht gleich auf dem Tintenfaß sitzt, so beschwören sie mich durch Punsch und Champagner, daß ich erscheinen soll, und wer kann der Einladung eines so artigen Franzosen, wie der Champagner ist, widerstehen? Ich nicht.

AMPHIO. In jenem Tempel schwört die Herrscherin, ich eile, um dir zu berichten, was wir zu besingen haben. Wie freu ich mich, wie bebe ich, ach, wie quälend ist dieser Wechsel von Freude und Furcht.

PHANTASIE. Ach, wie quält dich dieser kleine Wechsel, und wie gerne würde mancher mit dir tauschen, der heute einen recht großen auszuzahlen hat. Die Freude ist ein Wechselhaus, sie muß wechseln, denn im Wechsel liegt Freude. Doch um dich zu beruhigen, will ich dir einen Wechsel ausstellen an das große Wechselhaus Amor et Compagnie. Nun, der wird dir doch sicher sein, denn wenn die Liebe zu zahlen aufhört, dann macht die Welt Bankerott. So geh denn hin und hole den Stoff. Die Phantasie bleibt hier zurück, und wenn du wiederkehrst, umschling ich deinen Geist, und fertig ist das kindische Gedicht.

AMPHIO. Und wird es Hermiones Hand erringen?

PHANTASIE. Ich schwör es dir bei Schillers Haupt, in dem ich stolz gethront.

AMPHIO. Ich trau auf diesen Schwur. Sinkt ihr zu Füßen.

PHANTASIE hebt ihn auf. Komm bald, ich harre dein. Amphio ab. Phantasie allein. Heute habe ich einen fröhlichen Tag. Wie wohl ist der Phantasie, wenn sie vom Versemachen ruhn und in ungezwungner Prosa sprechen kann. Sie singt eine lustige Rossinische Melodie. Die Phantasie kann alles. Hüpft herum. Sie ist ein mutwilliges Geschöpf.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 228-229.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die gefesselte Phantasie
Die gefesselte Phantasie. Original- Zauberspiel in zwei Aufzügen.
Raimundalmanach / Die gefesselte Phantasie