Zweiter Auftritt


[240] Die Torflügel springen auf. Arrogantia tritt hervor. Vorige.


ARROGANTIA. Wer wagt es, anzupochen hier?

NACHTIGALL. So ists recht. Eine war nicht gnug zu meiner Qual, die Fortsetzung kommt auch heraus.

ARROGANTIA. Was willst du, Übergang vom Affen zu den Menschen?

NACHTIGALL. Da haben wirs, ich habs ja gwußt, der zweite Teil ist immer schlechter als der erste.

VIPRIA. Wie kannst du den beschimpfen, den mein Blick aus Millionen sich zum Werkzeug hat erkoren?

NACHTIGALL. Just mich hat s' erwischt, das ist ein solches Glück, als wenn der zehnte Mann erschossen wird.

VIPRIA. Hier stell ich dir den Helden dieses Tags, den künft'gen Schach der Insel vor.

ARROGANTIA. Welch eine herrliche Karikatur! Hahaha, Freund, du bist die schönste Mißgestalt, die ich erblickt noch hab.

NACHTIGALL. Ich bitt recht sehr, meine schöne Bella-Donna, Sie sind zu gütig. Nein, was die für eine Beschreibung von mir herausgibt, das ist schandvoll.

VIPRIA. Was macht die Phantasie, hat sie den Käfig nicht zertrümmert?

ARROGANTIA. Verzweiflung hat in ihr gewütet, doch blickt sie ruhig jetzt um sich, und bald erglänzt ihr Aug, bald spiegelt eine Träne sich in ihm.

VIPRIA. Sie dauert mich, die arme Nachtigall.

NACHTIGALL. Also da drinn haben s' auch eine Nachtigall? Auf die Letzt gehn die herum und fangen die Nachtigallen zusamm. O ich unglücklicher Nachtigall, auf die Letzt komm ich in ein Vogelhaus und muß aus einen Nirschel saufen, und mir ist ein Maßziment zu klein.[240]

VIPRIA. Wie stehts mit unserem Dichterschwarm, wirkt ihre Gefangenschaft auf ihn?

ARROGANTIA. Herrlich. Alle Dichter dieser Insel rennen in geistloser Verwirrung durcheinander, auch nicht ein Vers steht ihren hohlen Köpfen zu Gebot, seit sich die Phantasie daraus entfernt.

VIPRIA. So komm, ich will der Phantasie verkünden, wodurch sie ihre Freiheit kann erringen. Unterdessen wird sich dieser im Palaste Hermionens zeigen. Berühre ihn mit deinem Pfeil.

ARROGANTIA. Erglänze, Kies, und werd zum Edelstein, von außen wenigstens.


Sie berührt Nachtigall, er hat ein goldgesticktes Staatskleid an, zu gleicher Zeit erscheint auf der

Rasenbank unterm Baum der Hut mit Federn geschmückt, den ihm Arrogantia gibt. Vipria berührt einen Baum, es hängt augenblicklich eine goldne Harfe daran.


VIPRIA.

Und ich schenk diese Harfe dir,

Geh hin und lasse sie erklingen.

Durch Harfenton erfreutest du so manches trübe Herz.

Doch heute bring ein fröhliches durch ihren Klang zum Schmerz.

Erring durch sie das Preisgedicht, du Sänger froher Lust,

Und bohr dadurch den Rachepfeil in Hermiones Brust.


Beide in den Palast ab.


NACHTIGALL allein. Jetzt laufen s' alle zwei davon und lassen mich dastehn. Wenn ich nur ein Wort verstanden hab von der ganzen Schnatterei, so bin ich ein schlechter Mann. Ich weiß gar nicht, was mit mir da wollen, wann ich lieber in meinen Bierhaus wär, mir wird mein Lungenbratel kalt, was ich mir angschafft hab. Und tu ich nicht, was sie schaffen, so bringen s' mich am End gar um, die zwei Bisgurn. Anzogen hätten s' mich schön, es könnt was herausschauen. Aber, ich kenn mich nicht aus. Mir bleibt der Verstand aus, und ich soll ein Preisgedicht machen. Um keinen Preis, das kann ich nicht. Lieder hab ich genug gemacht, ich war sehr liederlich, will ich sagen,[241] liederreich. Aber trauervolle Vers, gerührte, die hab ich noch nie versucht. Ah was, ich verlasse mich auf meine zwei Rabenschwestern, ich geh jetzt einmal in den Palast und hol mir entweder einen tüchtigen Respekt oder tüchtige Schläg ab. Der Zufall ist ein kurioser Patron, der hat schon manchen herausgeholfen.


Arie

Der Zufall, der sendet viel Vögelchen um

Von zweierlei Gattung per se,

Die flattern der Welt um die Nase herum

Und bringen ihr Wohl oder Weh.

Die Glücklichen habn eine rote Montur,

Die Schlimmen sind schwarz wie ein Rab,

Doch streifen die roten auf blumigter Flur,

Die schwarzen, die fliegen talab.


Drum send mir, o Zufall, ich bitte dich fein,

Ein rosiges Vögelchen heut,

Das flieg in den Saal meiner Zuhörer 'nein

Und stimm sie zur Nachsicht und Freud.

Dann schwing ich die Harfe, erobre die Braut

Und führ sie im Jubel nach Haus.

Doch ist sie mein Weibchen, dann rufe ich laut,

Freund Zufall, jetzt pack dich hinaus.


Die Treue darf nie bloß durch Zufall bestehn,

Der Zufall bringt oft ein Chapeau,

Und Zufälle, die wir mit Eifersucht sehn,

Die machen fürwahr uns nicht froh.

Doch stürbe mein Weibchen, fatale Geschicht,

Mein Wunsch wird es niemals zwar sein,

Dann, glücklicher Zufall, vergesse mich nicht,

Find mit einer andern dich ein.


Ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 240-242.
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