Zehnter Auftritt


[441] Vorige. Riegelsam, ein sehr dickbeleibter Mann von heftigem Temperament.


RIEGELSAM noch in der Tür. Aufmachen kann er nicht, aber Schulden machen kann er. Wart, du ver – Er tritt herein und steht erstarrt.

ZWEI GERICHTSDIENER halten an der Tür Wache. Was ist das für eine maliziöse Pracht! Ich erstaune. Wem gehört das Ameublement?

EWALD rasch aufspringend. Mir.

RIEGELSAM. Ihnen!? Ah, allen Respekt.

EWALD. Also schließen Sie Ihren Mund. Setzt sich wieder und schreibt fort.

RIEGELSAM. Was? Mundschließen? um fünfhundert Taler? Um fünfhundert Taler kann man den Mund gar nicht weit genug aufmachen.

SIMPLIZIUS. Wenn er nur die Mundsperre bekam, daß er ihn gar nicht mehr zubrächt![441]

RIEGELSAM. Nichts wird geschlossen als der – Auf Simplizius deutend. der wird geschlossen – kreuzweis. Wie stehts, liederlicher Patron? Wird gezahlt oder nicht?

SIMPLIZIUS. Ja! Es wird gezahlt.

RIEGELSAM. Wer zahlt?

SIMPLIZIUS. Ich nicht.

RIEGELSAM. Gerichtsdiener!


Sie treten vor.


EWALD. Halt. Springt auf. Ich bezahle. Setzt sich wieder und schreibt.

RIEGELSAM. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?

SIMPLIZIUS. Ein vazierender Lord.

RIEGELSAM. Und wohnt in dem miserablen Haus?

SIMPLIZIUS. Spleen.

RIEGELSAM. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten Tag?

SIMPLIZIUS. Spleen.

RIEGELSAM. Und was krieg ich denn für meine Schuld?

SIMPLIZIUS. Spleen.

RIEGELSAM. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. Wenn ich nur die schönen Möbel haben könnte, ich bin ganz verliebt in sie. Also was solls sein? Entweder meine fünfhundert Taler, oder ich laß das Zimmer ausräumen.

SIMPLIZIUS. Da kriegt er auch was Rechtes.

EWALD heftig. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentums zu bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet habe, und wenn Sie es nicht an der Stelle verlassen, so werd ich mein Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.

RIEGELSAM. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? Sieht Simplizius fragend an.

SIMPLIZIUS gleichgiltig. Spleen.

RIEGELSAM. Halt Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es. Ich bin bereit.

EWALD. Ich noch nicht. In einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten. Ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt, und kommen Sie in einer Stunde wieder.[442]

RIEGELSAM. Hat auch kein Geld. Nichts als Spleen.

SIMPLIZIUS. Ein spleenditer Mann.

RIEGELSAM. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich geh, aber die Wache bleibt hier.

SIMPLIZIUS. Ich seh mich schon im Loch.

EWALD. Impertinent. Den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.

RIEGELSAM. Nicht? So laß ich ihn einsperren Auf Simplizius geigend.

EWALD. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können.

SIMPLIZIUS erschrocken. So ists recht. Das war schon das beste bei ihm.

RIEGELSAM beiseite. Es ist ihm nicht beizukommen. Ich möchte rasend werden. Aber die schönen Möbel! diese Möbel allein könnten mich verführen.

SIMPLIZIUS. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden! Den sein Fackel blendt einem ja.

RIEGELSAM. Sind sie da noch schöner?

SIMPLIZIUS. Oh, da kann man sie gar nicht sehen vor lauter Schönheit.

RIEGELSAM. Gut, die Wache soll sich entfernen unter der Bedingung, daß Sie mir diese Möbel verschreiben.

SIMPLIZIUS heimlich erfreut. Beißt schon an.

RIEGELSAM. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte, gehören sie mir.

SIMPLIZIUS. Haben ihn schon.

EWALD. Mein Wort darauf.

RIEGELSAM. Nichts, das muß schriftlich sein. Nur aufsetzen. Alles schriftlich.

SIMPLIZIUS heimlich. G hört schon uns.

EWALD schreibt. Also alles, was sich in diesem Zimmer befindet.

SIMPLIZIUS. Bis auf uns. Denn er wär imstand, er nähmet uns auch dazu. Das ist gar ein Feiner.

RIEGELSAM. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht brauchen. Still! Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.[443]

EWALD tut es. Hier.

RIEGELSAM. Auch der Schneider!

SIMPLIZIUS tut es. Für sich. Du wirst dich schneiden.

RIEGELSAM frohlockend. Bravo! Jetzt bin ich in Ordnung.

SIMPLIZIUS. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang g macht.

RIEGELSAM zur Wache. Ihr könnt nach Hause gehen.


Wache ab.


SIMPLIZIUS. Ah! Weil nur die Garnierung von der Tür weg ist.

EWALD. Nun gehen Sie auch!

RIEGELSAM. Ich? Was fällt Ihnen ein? Ich bleibe hier, bis das Geld ankömmt.

EWALD. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen. Ich habe Eile.

SIMPLIZIUS. Freilich, bei uns gehts auf der Post. Für sich. Wir fahren ja ab.

RIEGELSAM. Das können Sie machen, wie Sie wollen. Setzt sich in einen Stuhl. Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort. Ich muß meine Möbel bewachen. Kein Stück darf mir davon wegkommen. Tausend Element!

EWALD zu Simplizius heimlich. Das ist eine schöne Geschichte. Was tun wir jetzt?

SIMPLIZIUS. So lassen Sie ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehen hinaus, sperren ihm ein. Und er soll seine Möbel bewachen.

EWALD. Ein delikater Einfall. Er nimmt die Fackel von der Kulisse. Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles.

SIMPLIZIUS. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst müssen Sies zahlen.


Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu. Wie die Fackel aus dem Zimmer ist, verwandelt sich die Dekoration im Nu in die arme Stube.


RIEGELSAM springt auf und sagt im höchsten Erstaunen. Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen?[444] Die schöne Uhr, die herrliche Gemälde, alles ist fort, Fetzen sind da. Zerreißt die Kleider. Nichts als Fetzen sind da, und die Lumpen sind fort. Ha! Ich muß ihnen nach. Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht hinaus. Ich ersticke vor Wut. Meine fünfhundert Taler! Sinkt in den Stuhl.

SIMPLIZIUS sieht zu dem kleinen Fenster herein. Freund, die sind verloren.

RIEGELSAM. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff mir meine Möbel her.

SIMPLIZIUS. Wollen Sie s' nochmal sehen? Da sind sie.


Er hält die Fackel zum Fenster herein. Das Zimmer wird wie vorher.


RIEGELSAM stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin. Halt! Jetzt laß ich sie nicht mehr aus.


Simplizius zieht die Fackel zurück, schnelle Verwandlung. Riegelsam fährt betroffen zurück.


SIMPLIZIUS. Halten Sie s' fest. So rächt sich Simplizius, der Verschuldete!

RIEGELSAM fährt wütend auf das Fenster, welches Simplizius ihm vor der Nase zuschlägt. Spitzbubengesind, Räuber, Mörder, Diebe! Schlägt die Fensterscheiben ein. Ich zerplatze vor Zorn. Ich muß ihnen nach. Er will zum Fenster hinaus und bleibt stecken. Ich kann nicht durch, ich bin zu dick, ich erstick. Was seh ich – o höllische Zauberei! sie fliegen auf einer Wolke davon. Die prächtigen Kleider! der Schneider strotzt von Silber, wenn ich ihms nur herabreißen könnt! Meine fünfhundert Taler! Ich werd unsinnig, ich spreng mich in die Luft. Nein, ich sprenge die Tür ein. Tut es. Hülfe, Hülfe! Räuber, Diebe, Wache!


Ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 441-445.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die unheilbringende Zauberkrone
Raimundalmanach / Die unheilbringende Zauberkrone: Oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend

Buchempfehlung

Suttner, Bertha von

Memoiren

Memoiren

»Was mich einigermaßen berechtigt, meine Erlebnisse mitzuteilen, ist der Umstand, daß ich mit vielen interessanten und hervorragenden Zeitgenossen zusammengetroffen und daß meine Anteilnahme an einer Bewegung, die sich allmählich zu historischer Tragweite herausgewachsen hat, mir manchen Einblick in das politische Getriebe unserer Zeit gewährte und daß ich im ganzen also wirklich Mitteilenswertes zu sagen habe.« B.v.S.

530 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon