Zwölfter Auftritt


[487] Vorige. Dardonius und Höflinge. Dazu Nimmelot. Abukar. Astrachan. Olimar.


DARDONIUS in freudiger Begeisterung. Wo? sagt, wo ist meines Landes wunderbarer Retter?

EIN HÖFLING. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst.

SIMPLIZIUS für sich. Meint der mich?

OLIMAR. Hat der den Eber erlegt?

ABUKAR. Wer hätte das gedacht?

DARDONIUS. Laß dich umarmen, Fremdling. Umarmt ihn. Nimm des Königs Dank.

SIMPLIZIUS. Ich bitt recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehen, es ist ja gar nicht der Müh wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen dem bissel Eber.

DARDONIUS ihn anstaunend. Also du hast dieses Ungetüm erlegt?

SIMPLIZIUS. So schmeichel ich mir.

DIE KRIEGER. Wir alle waren Zeugen.

DARDONIUS. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den Augen meines Volkes.


Die Höflinge weinen.


SIMPLIZIUS beiseite. Wie man wegen einer Wildschwein weinen kann, das ist mir unbegreiflich.

DARDONIUS. Götter! Wie können in so schwach gebautem Körper solche Riesenkräfte wohnen.[487]

SIMPLIZIUS. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, wenn man eine Austerschale öffnet, und es kommt ein Elefant heraus.

DARDONIUS. Sprich! Wie kann ich dich belohnen?

SIMPLIZIUS. Ja, ich müßt da erst einen Überschlag machen. Das dauert alls zu lang. Ich überlaß das ganz der Indiskretion Euer Majestät, wir werden keinen Richter brauchen.

DARDONIUS für sich. Dieses Mannes Ausdrücke versteh ich nicht. Laut. Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß sie ein Lorbeer lohnt?

ALLE. Ja, sie verdient es.

SIMPLIZIUS. Saprament! Einen Lorbeer geben s' mir gar dafür. Da war mir schon eine Halbe Heuriger lieber.

DARDONIUS. Wohlan, so schmücket ihn damit.


Die Krieger brechen Lorbeerzweige von den Bäumen und winden einen Kranz.


SIMPLIZIUS zu Ewald. Sie Freund, soll ich denn das Gesträuchwerk annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.

EWALD. Was für ein Gesträuch?

SIMPLIZIUS. Einen Lorbeer wollen s' mir geben. Da war mir ein Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?

EWALD. Was fällt Ihnen denn ein! Der Lorbeer ist die höchste Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten ja gerungen haben.

SIMPLIZIUS. Nach den Lorbeer? Nu der muß schön heruntergekommen sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratel.

EWALD. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit ihren Adel.

SIMPLIZIUS. Ist denn die Menschheit von Adel? den Stammbaum möcht ich sehn.

EWALD. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.

DARDONIUS. Habt Ihr ihn bereitet?[488]

EIN HÖFLING. Hier ist er. Bringt auf einem Schilde den Kranz mit roten Beeren.

SIMPLIZIUS. Das ist ja nicht einmal ein Lorbeer.

DARDONIUS. Nun beug dein Knie, ich selber will dich Kronen.

SIMPLIZIUS. Auf die Letzt Kronen s' mich gar mit Fletsche – petsch. Kniet.

OLIMAR. Ein unbarmherzges Glück.

DARDONIUS. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind ich deine Heldenstirn mit diesem Ehrenkranz.

SIMPLIZIUS. Jetzt bin ich versorgt auf mein Lebtag, Beutelt den Kopf. wenigstens gehen mir die Fliegen nicht zu.

DARDONIUS. Wie heißest du?

SIMPLIZIUS. Simplizius!

DARDONIUS. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.

ALLE KRIEGER. Hoch leb Simplizius, der Retter unsres Landes.

DARDONIUS. Steh auf! der Kranz ist dein.

SIMPLIZIUS steht auf. Für sich. Die haben mich schön erwischt. Das ist ein undankbares Volk. Ich muß aussehn wie ein Felberbaum.

DARDONIUS. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so sollst du Unterfeldherr sein.

SIMPLIZIUS. O Spektakel. Jetzt nehmen s' mich gar zum Militär. Unterfeldscherer muß ich werden.

EWALD. Der Mensch bringt mich zur Raserei.

OLIMAR. Das ist ein äußerst dummer Mensch.

ALLE. Heil dir, Simplizius!

HÖFLING. Man bringt den Eber, hoher Fürst.

SIMPLIZIUS. Was? Nun, den tat ich mir noch ausbitten. Da trifft mich gleich der Schlag.


Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage, welch sie in die Mitte der Bühne setzen.


EWALD. Ein sehenswertes Tier.

SIMPLIZIUS. Ich schau ihn gewiß nicht an.

DARDONIUS. Bewundre deine Riesentat.

SIMPLIZIUS. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder[489] gwachsen. Zu Ewald. Das Tier nimmt gar kein End. Schauen Sie ihn nur an, mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot.

DARDONIUS. Ergetze dich an deinem Sieg.

SIMPLIZIUS zu Ewald. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut, ich verlier meinen Lorbeerkranz aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug auf mich. Sehen Sie ihn nur an.

EWALD. So fassen Sie sich doch.

SIMPLIZIUS. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da. Ich halts nicht aus. Schreit. Euer Majestät! schaffen Euer Majestät den Eber fort.

MEHRERE HÖFLINGE. Der König?

SIMPLIZIUS. Das ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur fort mit ihm. Es gschieht ein Unglück sonst.

DARDONIUS. Was bebst du so?

SIMPLIZIUS. Aus lauter Kraft, das ist der überflüßge Mut. Eine Lanze! Man reicht ihm eine – leise. Daß ich mich halten kann, sonst fall ich zusamm. Fort mit ihm, nur fort, ich stech ihn noch einmal zusammen, den Saperment, ich kenn mich nicht vor Wut. Beiseite. Und vor Angst.

DARDONIUS. So bringt den Eber fort. Für sich. Der Mann ist mir ein Rätsel.

OLIMAR. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.

DARDONIUS. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt?

DIE KRIEGER. Wir sinds.

DARDONIUS. Das ist mir unbegreiflich.

SIMPLIZIUS leise zum König. Mir schon lang.

HÖFLING leise zum König. Er ist verstandlos und gemein.

DARDONIUS. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel. Dort schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb wohl, mein Held, ich folge bald. Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.

SIMPLIZIUS. Nein was sie mir für Ehren antun! Zuerst[490] tragen s' die Wildschwein und nachher mich. Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen. Da werd ich auf meinen Lorbeern ruhen. Steigt hinauf.

KRIEGER. Es leb Simplizius!

SIMPLIZIUS. Jetzt haben s' mich auf einen Schild, da heißts beim grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht geben, sonst heben wir noch was auf. Der Marsch beginnt, man will ihn forttragen – er schreit. He sapperment, ich hab noch was vergessen! halt! die ganze Armee soll halten. Man hält. Euer Majestät, ich bitt auf ein Wort.

DARDONIUS tritt näher. Was verlangst du?

SIMPLIZIUS zu Ewald. Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ, er wünscht Dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt ich bald darauf vergessen. Hahaha! Empfehl mich! Zu den Kriegern. Nur vorwärts mit dem Zug.

CHOR wiederholt.


Dank dem Helden, den die Götter

Mit des Löwen Mut gestählt

Und den zu des Landes Retter

Gnädig waltend sie erwählt.


Alles ab bis auf Dardonius, Höflinge, Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.


DIE HÖFLINGE. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.

DARDONIUS. Du bist des tapfern Mannes Freund?

EWALD beiseite. Was soll ich sagen? Laut. Das bin ich, edler Fürst. Für sich. Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich des Dummkopfs Freund sein muß.

DARDONIUS. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist, und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die Gewährung eines Wunsches rechnen.[491]

EWALD. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl verträgt. Ich will dein Aug auf deines Reiches höchste Schönheit lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt.

DARDONIUS. Bring sie zum Fest, verdienet sie den Preis, soll er ihr nicht entgehen. Doch ungerecht darf ich nicht handeln.

EWALD. So kühn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst mit einem Kranz von Rosen schmücken, es müßten edle Frauen deines Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel drücken.

DARDONIUS. Es soll geschehen. Find dich nur bald im Tempel ein, denn eh noch Phöbus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muß unser Fest beendet sein, damit die Nacht, die aller Schönheit Glanz verdunkelt, dem ruhmbedeckten Tag nicht seinen Sieg entreißt.


Geht ab. Die Höflinge folgen.


EWALD. Es kränkt mein Herz, daß ich dich, edler König, täuschen muß, weil dir ein kühner Augenblick erschütternd zeigen wird, wie sechzig unbarmherzge Jahre der holden Schönheit Bild in Häßlichkeit verwandeln. Geht ab in Aloes Haus.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 487-492.
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