Elfter Auftritt


[484] Voriger. Simplizius atemlos.


SIMPLIZIUS. Sein Sie da?

EWALD. Was bringst du mir, Simplizius?

SIMPLIZIUS. Stellen Sie sich vor, ich hab den Eber umgebracht.

EWALD. Du? Nicht möglich.

SIMPLIZIUS. Nu sie sagens alle!

EWALD. Alle? Wer?

SIMPLIZIUS. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben.

EWALD. Das ist ja ein ungeheures Schwein.

SIMPLIZIUS. Versteht sich, ein größers als wir alle zwei.

EWALD. Das hast du nicht allein erlegt, da muß dir wer geholfen haben.

SIMPLIZIUS. Jetzt ists recht. Wenn einem einmal was gerät, so sagen Sie, es muß einem einer geholfen haben. Es hat ja nur einen Stich, das kann man doch gleich sehen.

EWALD. Wie ging es aber zu?

SIMPLIZIUS. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in einen langen Diskurs einlassen. Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn veranstaltet war. Alles war versammelt, drauß beim grünem Baum, da kommt der Eber alle Tag zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll Feuer, und in mir hats gar schon gekocht. Auf einmal wird einer totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft! rauft! Aber das Wort rauft muß in der hiesigen Sprach eine andere Bedeutung haben und muß heißen lauft. Denn kaum war das Wort heraus, sind sie alle davongelaufen. Ein Hasenfuß nach dem andern, ich war der letzte auf den Platz. Kaum waren sie fort, wer kommt? der Eber. Ich erseh ihn kaum, faßt mich eine Wut, ich stürz mich auf ihm los und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und der rechten wieder heraus.

EWALD. Unerhört. Und wie er fiel, was dann?

SIMPLIZIUS. Dann bin ich auch davongloffen, was weiter geschehn ist, weiß ich nicht. Vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.[485]

EWALD. Also nach der Tat hast du den Mut verloren?

SIMPLIZIUS. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige. Vorher ists keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist er mir noch zwanzigmal so groß vorkommen als vorher, so daß ich zum zittern angfangt hab, und hab ihn gar nicht ansehn können mehr. Alles hat zwar geschrien: Halt, verweil, du großer Held! Aber ich hab mir gedacht, schreit zu, so lang ihr wollt, ich bin nicht der erste Held, der davongelaufen ist, und werd auch nicht der letzte sein, und bin fort.

EWALD. Simplizius, du wirst reichen Lohn erhalten.

SIMPLIZIUS. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd ihnen schon einen rechten Konto machen: Was ich an Eberarbeit geliefert hab. Oder sie sollen mich nach den Pfund zahlen. Ich laß ihn beim Wildprethandler wiegen, was er wiegt, das wiegt er. Punktum.

GESCHREI von innen. Heil dem größten aller Helden.

SIMPLIZIUS. Hören S', sie schreien schon wieder. Gibt kein Ruh das Volk. Aloe zeigt sich am Fenster. Doch sagen Sie mir, wenn werden wir denn einmal das Reich erretten? wenn immer etwas dazwischen kommt. Bald ein Erdbeben, bald ein Eber.

EWALD. Dafür lassen Sie die Göttin sorgen. Wir gehorchen nur. Sehen Sie doch nach jenem Fenster.

SIMPLIZIUS. Ah, da schau ich nicht hinauf.

EWALD. Warum denn nicht?

SIMPLIZIUS. Weil eine Alte herunterschaut.

EWALD. Freund, das ist mein Ideal. Die muß mir heut noch als die größte Schönheit glänzen.

SIMPLIZIUS. Die da? Nu da dürfen S' schön politiern, bis die zum glänzen anfangt.

EWALD. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den Preis ihr reichen, drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich die Krieger im feierlichen Marsch. Man suchet Sie.[486]

SIMPLIZIUS. Ah, sie sollen marschieren, wohin sie wollen, ich brauch sie nicht.


Chor von Kriegern, welche auf die Bühne ziehen.


Chor.


Dank dem Helden, den die Götter

Mit des Löwen Mut gestählt

Und den zu des Landes Retter

Gnädig waltend sie erwählt.


Sie bilden einen Kreis.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 484-487.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die unheilbringende Zauberkrone
Raimundalmanach / Die unheilbringende Zauberkrone: Oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese gibt sich nach dem frühen Verfall ihrer Familie beliebigen Liebschaften hin, bekommt ungewollt einen Sohn, den sie in Pflege gibt. Als der später als junger Mann Geld von ihr fordert, kommt es zur Trgödie in diesem Beziehungsroman aus der versunkenen Welt des Fin de siècle.

226 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon