Fünfter Auftritt


[472] Ewald.


EWALD allein. Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen Aufschluß gibt und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann. Er klopft an das Tor des ersten Hauses.


Atritia sieht zum Fenster herab.


ATRITIA. Wer pocht so ungestüm? Weißt du noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet?

EWALD für sich. Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf!

ATRITIA. Dein Staunen ist umsonst.

EWALD für sich. Sanftmut lauscht in ihrem Auge –

ATRITIA. Täusche dich nicht!

EWALD für sich. Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen.

ATRITIA. Es ist zu fest verschlossen.

EWALD für sich. Ich muß mein Glück benützen.

ATRITIA. Du kommst mir nicht herein. Das sag ich dir.

EWALD. Schönes Mädchen! Eröffne doch die Pforte, ich will so leise über ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer über deine süßen Lippen.

ATRITIA. Er ist ein feiner Mann und hat mich süß genannt. Nun kann ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern ließ' ich dich herein, doch darf ich nicht.

EWALD. Wer hat es dir verboten?

ATRITIA. Meine Muhm. Sie sagt: Du lassest keinen Mann mir über diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot,[472] doch muß ich es befolgen, sonst würd ich gern in deiner Nähe sein. Denn du gefällst mir wohl.

EWALD. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du darfst zu keinem Manne über diese Schwelle treten?

ATRITIA unschuldig. Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon zufrieden und komm zu dir hinaus.

EWALD. Noch nie hat mich der Anblick eines Mädchens so entzückt.

ATRITIA hüpft heraus. Also hier bin ich, was hast du mich zu fragen?

EWALD. Ob du mich liebst?

ATRITIA. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiß ja noch nicht, ob du liebenswürdig bist?

EWALD. Ja wenn ich dir das erst erklären soll, dann hast du mir die Antwort schon gegeben.

ATRITIA. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du vielleicht ein Held, so geh hinaus und kämpfe mit dem Eber, und hast du ihn erlegt, so kehr zurück und wirb um meine Hand.

EWALD. Ein Eber ist hier zu bekämpfen?

ATRITIA. Ein mächtig großer noch dazu. So groß fast wie ein Haus, so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt.

EWALD. Hast du ihn schon gesehn?

ATRITIA. Ei freilich wohl, er nähert sich der Stadt, verwüstet alle Fluren und hat ein Mädchen erst zerrissen, die heute als die Schönste war gewiß erwählet worden.

EWALD. Ist heute dieses Fest?

ATRITIA. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich geschmückt, und alle Mädchen dort versammelt, doch als der König eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der hellpolierten Krieger, da kam die Nachricht schnell, daß sich der Eber zeigt und auf den Feldern wütet. Da ließ der König alles, was nur Waffen trug, zum blutgen Kampfe gen den Eber ziehn. Drum findest du die Straßen leer.

EWALD. Dann ist die höchste Zeit, daß ich zu Werke schreite. Ich bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert. Doch[473] sag mir, holdes Kind, wo find ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch so eitel ist, daß sie für schön sich hält?

ATRITIA. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen. Die gibts wohl überall, das hab ich oft gelesen. Obwohl die Frage nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen dürfen, wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhm wird bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tür verjagen.

EWALD. Ist sie so böse?

ATRITIA. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr übergeben, und vieles Geld dazu, sie mußte mich erziehen. Das tat sie auch, doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat für mich zum Heiratsgut vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlägt mich auch, wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu dem Feste schmücken wollte. Das gab sie denn nicht zu, sie sagt, mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich wünsche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein, wenn mich nie einer sieht?

EWALD. Da sprichst du wahr. Doch einer hat dich ja gesehen?

ATRITIA. Und das bist du? Doch wann wirst du mich wiedersehen?

EWALD. Ist es dein Wunsch?

ATRITIA. Ei, frag doch nicht. Glaubst du, ich war zu dir herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen hättest? Du stündst noch lang vor der verschloßnen Tür, wenn du durch deinen Blick mein Herz nicht früher aufgeschlossen hättest. Doch jetzt leb wohl und denk darum nicht arg von mir, weil ich dir sag, daß ich dich liebenswürdig finde. Dafür werd ichs auch keinem andern sagen mehr und hab es keinem noch gesagt.

EWALD. Bezauberndes Geschöpf, willst du mich schon verlassen?

ATRITIA. Ich muß. Such deine Alte nur, hörst du! und hast du sie gefunden, Droht schalkhaft mit dem Finger. vergiß nicht auf die Junge. Läuft ins Haus.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 472-474.
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