Vierter Auftritt


[306] Verwandlung.

Das Reich der Vergänglichkeit. Der Vordergrund ist eine ganz, finstere Säulenhalle aus schwarzem Marmor. Rechts von der Bühne das kolossale eherne Eingangstor um Palaste des Genius der Vergänglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf einem dunklen Felsstück ein grauer Schatten und schaufelt Lorbeerkränze, Blumenkränze, Perlen, Schmuck, Geldsäcke, Poesien, die auf einem Haufen liegen, in das Meer. Quer über die Bühne begrenzen es als Hintergrund schwarze Zackenfelsen, und über diese leuchtet in der Ferne die Morgenröte der Ewigkeit hervor.

Von diesem Punkte aus hört man leis ertönend einen Chor von Genien, die man hinter den Rosenschleiern wie im Nebel schweben sieht.


Chor.


Heil dem ewgen Himmelslichte,

Heil dem unnennbaren Geist,

Heil, Heil, Heil!


Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel

unter dem Schluß des Chores von der linken Seite ein.


GENIUS. Niedersteig ich zu Alzindens Rettung in dies lichtberaubte Reich und begrüß zum erstenmal das schaurige Gestade dieses unermeßnen Meers, Vergänglichkeit genannt. Sag an, du fleißiger Geselle: Was schaufelst du dort auf und senkst es in den Grund des Meers?

SCHATTEN mit dumpfer Stimme. Lorbeern sinds und eitle Schätze, so die Welt für unvergänglich hält.

GENIUS DER TUGEND. Und wo haust der düstre Krösus dieser Gruft, der stolze Erbherr alles Seins?[306]

SCHATTEN. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den Untergang der Zeit.


Der Schatten entfernt sich über den Fels in die Szene.


GENIUS DER TUGEND. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der verderbenbringend ist.


Dumpfes Jagdgetön.

Eine Schar Grauer Geister mit Sensen zieht über die Bühne und spricht diesen Chor.


Chor.


Lustig vorwärts, muntre Brüder,

Denn die Zeit steht nimmer still.


GENIUS DER TUGEND. Sag an, wo eilst du hin, du nächtlich wildes Chor?

ERSTER SCHATTEN grinsend.

Wir sind ein lustig Schnittervolk

Und ziehen nach der Welt.

Fleißig sind wir Tag und Nacht,

Mähen jung und alt.

GENIUS. Und seid Ihr froh bei solchem Dienst?

ERSTER SCHATTEN. Wir haben einen harten Herrn, der niemals freundlich blickt. Doch sind wir fröhlich, herzensfroh. Lustig, Kinder, auf die Welt! es leb die Pest, es leb der Krieg!


Sie ziehen ab. Raben fliegen hintendrein: Qua Qua.


GENIUS DER TUGEND. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. Er schlägt dreimal mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertönt es mächtig von innen, indem man auf eine aufgehängte Metallplatte schlägt. Heraus aus deinem finstern Haus, du Schreckensfürst, der du Vernichtung in dem Wappen führst!


Die Pforte springt donnernd auf.

Der Genius der Vergänglichkeit tritt heraus. Ein

stolzer finstrer Mann, in eine lange schwarze griechische Tunika gekleidet, weiten Mantel, eine eherne Schlange um das Haupt, bleiches Antlitz, ohne Bart, schwarzes Lockenhaar.


GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT. Wer gab dir Macht, an diese Pforte anzuschlagen?[307]

GENIUS DER TUGEND. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt erbebt und der sie einst mit eherner Faust zerschlägt.

GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT. Was willst du hier, warum erglänzt dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis?

GENIUS DER TUGEND. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunklen Grenze deines Moderreichs, die ewge Morgenröt erglühen? Dort ist der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein Bürger seines Staats.

Aus dem hohen Wunderland

Bin ich zu dir hergesandt,

Du sollst von Moisasurs Bann

Indiens Herrscherin befrein.

Nur in deinen Armen kann

Sich ihr Lebensglück erneun.

GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT.

Sprichst du irre, kannst du hoffen,

Leben aus dem Tod zu ziehn?

Stehn der Hölle Himmel offen?

Macht Verwesung Blumen blühn?

GENIUS DER TUGEND.

Ich will heut ein Schauspiel geben,

Dem sich keines noch verglich,

Wo der Tod gewinnt das Leben,

Diese Rolle lehr ich dich.

GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT.

Willst du mich zum Gaukler dingen –

Mich, den allgewaltgen Tod?

GENIUS DER TUGEND.

Ich will dich zur Milde zwingen

Durch des Himmels Machtgebot.

GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT.

Wer sagt, daß ich schrecklich bin?

Um sein Leben zu verbittern,

Stellt der Mensch mit bangem Zittern

Düstre Bilder von mir hin.[308]

Schrecklich bin ich nur dem Bösen,

Doch dem Guten bin ichs nicht.

Bin ein Wort von ernstem Wesen,

Das Bestimmung zu ihm spricht.

Doch wie kannst dus, Lichtwurm, wagen,

Zu befehlen mit dem Tod?

GENIUS DER TUGEND.

Dies wird dir dein Meister sagen,

Der dort thront im Morgenrot.


Schrecklicher Donnerschlag.


EINE STIMME ertönt von oben durchs Sprachrohr.

Gehorche, Sklav! Die Ewigkeit befiehlt.

LEISER CHOR DER GENIEN.

Heil, Heil, Heil!

GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT.

Sturmesworte hör ich sausen,

Widerstand ist mir geraubt,

Und vor seines Donners Brausen

Beug ich mein gekröntes Haupt


Er kniet und beugt sein Haupt.


GENIUS DER TUGEND seinen Blick erhebend.

Laß mich deine Strahlen küssen,

Sonne, die du es gefügt,

Daß der Tod zu meinen Füßen

Wie ein Lamm geschmeidig liegt.

GENIUS DER VERGÄNGLICHKEIT.

Dein Befehlen zu vernehmen,

Lad ich, Seraph, dich ins Haus.

Willst du dich dazu bequemen,

Eil ich deinem Schritt voraus.


Bleibt in erwartender Stellung knien.


GENIUS DER TUGEND.

Komm, du Herrscher finstrer Geister,

Führ mich in dein schaurig Haus,

Dort verleugn in dir den Meister,

Zeichne dich als Schüler aus.[309]

Zeig dem Laster, das der Jugend

Leben stiehlt mit arger List,

Daß die Kraft der edlen Tugend

Über dich erhaben ist.


Geht voraus. Der Genius der Vergänglichkeit folgt.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 306-310.
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