Dritter Auftritt.

[132] Vorige, Horst tritt ein.


HORST. Sie verzeihen – – –

SCHÖNBURG. Weg damit, junger Herr! Ihn umarmend. Herzlich willkommen!

HORST. Mein Bruder Riedberg hat mich hierher beschieden und an Sie gewiesen.

SCHÖNBURG. Auf mein Gebot. Zu dem Bedienten. Friedrich soll das Frühstück im Saale besorgen.


Bediente ab.
[132]

HORST. Ist mein Bruder noch nicht angekommen?

SCHÖNBURG. Der hätte mir ausbleiben sollen! Er ist richtig gestern Abend hier eingetroffen. Hat er Sie von unserm Vorhaben unterrichtet?

HORST. Mit keinem Worte. Sein Brief war eben so kurz als dringend.

SCHÖNBURG. Ja, es fiel uns erst spät ein, daß wir noch einen Mithelfer an unserm Werke brauchen könnten.

HORST. Das klingt ja, als gäbe es eine Verschwörung.

SCHÖNBURG. Eine Verschwörung. Kennen Sie meine Nichte die Baronin von Fliedershausen?

HORST. Ich habe nicht die Ehre. Aber aus den Briefen meines Bruders weiß ich – – –

SCHÖNBURG. Daß er in sie verliebt ist. Nun, da wissen Sie wenigstens eine Wahrheit.

HORST. Aber keine erfreuliche.[133]

SCHÖNBURG. Die Wahrheit macht selten Toilette.

HORST. Mein Bruder ist nicht glücklich in seiner Liebe.

SCHÖNBURG. Wie man es nimmt. Meine Nichte ist Wittwe, 24 Jahr alt, reich an Geld und Gut, und, trotz ihrer Narrheit, auch an Geist. Dabei ist sie ein Ausbund von Schönheit, wie die Leute sagen und ich selbst glauben würde, wenn ich dreißig Jahre jünger wäre.

HORST. Mein Bruder würde es beschwören. Aber desto schlimmer für ihn.

SCHÖNBURG. Wer weiß. Der erste Mann meiner Nichte, der selige Präsident, war ein alter, ehrwürdiger, grundgelehrter Herr; hatte aber, wie es uns alten Burschen zu gehen pflegt, ein schwaches Gedächtniß und vergaß über dem Lesen und Schreiben gewöhnlich seine Frau. Sie, in ihrer jugendlichen Unerfahrenheit, bildete sich nun ein, das Vergessen gehöre zum Ehestande, und suchte ebenfalls den Mann über dem Lesen zu vergessen. So las sie denn und las, bis ihr die Lust ankam, selbst zu schreiben.[134]

HORST. Ich weiß: die Romane und Erzählungen von Aurora Abendroth sind schon ziemlich zahlreich.

SCHÖNBURG. Ein Bienenschwarm ohne Stachel und Honig. Meine Nichte ist selbst zehnmal klüger und liebenswürdiger, als die Heldinnen ihrer Romane.

HORST. Desto schlimmer für meinen Bruder.

SCHÖNBURG. Vielleicht auch desto besser. Bei dem alten Präsidenten, und in einer lesenden und schreibenden Ehe konnte meine Nichte natürlich keinen hohen Begriff von dem Glück dieses Standes bekommen – das begreifen Sie.

HORST. Ich bin nie verheirathet gewesen.

SCHÖNBURG. O Schalk! ich auch nicht; aber man versetzt sich doch in solche Lagen, um Menschenkenntnis zu erwerben.

HORST. Die Menschenkenntnis soll bisweilen hoch im Preise stehen?

SCHÖNBURG. Mag sein! mag sein! Sie wissen, daß Ihr[135] Bruder meine Nichte vorigen Winter bei uns in der Residenz kennen lernte, sich gebührlich in sie verliebte, –

HORST. Und von der Frau Baronin einen Korb bekam.

SCHÖNBURG. Keinesweges. Sie zeichnete Ihren Bruder ungewöhnlich aus, und ich bin überzeugt, sie war auf dem besten Wege, ihn zu lieben. Riedberg war vielleicht zu ungeduldig; wir rückten zu schnell mit dem Heirathsplane heraus; da hatte sie ihr Leben der Kunst geweiht, da forderte die Kunst ein ungeteiltes Leben, da war Freiheit die unerläßliche Bedingung alles künstlerischen Strebens, und der Himmel weiß, was noch mehr für Albernheiten. Vielleicht hätten wir dennoch gesiegt, wäre nicht grade damals ihr neuester Roman in einer löschpapiernen Zeitung unverschämt gelobt worden. Das schlug uns gänzlich aus dem Felde und sie wich nun jeder entscheidenden Erklärung aus.

HORST. Meines Bruders Briefe waren damals voller Verzweigung, wahrhaft Young'sche Nachtgedanken.

SCHÖNBURG. Es war mir auch wahrhaftig nicht gleichgültig:[136] denn es ist Schade um ein so liebes Weib; und dann habe ich auch nur diese einzige Nichte; hat sie keine Kinder, so kommt einmal mein Vermögen mit dem ihrigen an Menschen, die wenigstens meinem Herzen fremd sind. Ich habe ihr deßhalb unablässig zugesetzt, so daß je eine völlige Spannung zwischen uns obwaltet. Aber meinen Vorsatz habe ich doch nicht aufgegeben, und jetzt sollen Sie uns bei der Ausführung eines köstlichen Planes helfen.

HORST. Und der besteht?

SCHÖNBURG. Ihr Bruder hat ein Trauerspiel geschrieben.

HORST. O weh! das wird ein betrübtes Trauerspiel sein!

SCHÖNBURG. Heißt: »Atreus und Thyestes in der Südsee.«

HORST. Wie? diese Fratze ist von meinem Bruder? Pfui.

SCHÖNBURG. Pfui? – Es galt ein reiches, schönes und geliebtes Weib zu gewinnen. Sie hätten es auch gethan.[137]

HORST. Nimmermehr!

SCHÖNBURG. Nun, so verdienen Sie nicht jung zu sein; hätten mit grauen Haaren zur Welt kommen müssen.

HORST. Aber wozu?

SCHÖNBURG. Wir schickten das saubere anonyme Werklein an den hiesigen Buchhändler zur Beurtheilung in seinem Conversationsblatte, weil wir wußten, daß meine Nichte ihm die Recensionen liefert, und hofften, es würde auch dießmal geschehen. Es ist geschehen; die Recension ist da, und nicht eben christlich zu nennen.

HORST. Das ließ sich denken.

SCHÖNBURG. Haben es auch gedacht und gewünscht. Nun wollen wir sie damit so lange ängstigen, bis sie in sich geht und Buße thut, zwar nicht in Sack und Asche, aber doch im Brautkleide.


Quelle:
Ernst Raupach: Dramatische Werke komischer Gattung. Hamburg 1829, S. 132-138.
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