Vierter Akt.

[36] Wilde Felsengegend.


GENOVEVA.

Steil und steiler ragen die Felsen, –

Drohende Gründe! Schreckliche Wildniß! –

Sagt, wann sind wir am Ziele?

CASPAR UND BALTHASAR.

Bald![36]

GENOVEVA.

Der Tag ist schwül, die Füße schmerzen,

Gönnt eine Weile Ruhe der Müden!

CASPAR UND BALTHASAR.

Vorwärts jetzt!

GENOVEVA.

Grausames Leid fügt Ihr mir zu! –

Fürchtet Ihr nicht, der einst erscheinen,

Der einst mich rächen wird?

CASPAR UND BALTHASAR.

Heuchlerin schweigt!

GENOVEVA.

Wehe mir Armen! –

Hier führt kein Weg zurück.

BALTHASAR.

Hier wartet!

GENOVEVA.

Weh' mir, kaum halt' ich aufrecht mich.

CASPAR UND BALTHASAR.

Gaunerlied.


Sie hatten beid' sich herzlich lieb,

Spitzbübin war sie, er ein Dieb.

Wenn Schelmenstreich' er macht',

Sie warf sich hin und lacht',

Und lacht'.


Um sechse früh ward er gehenkt,

Um sieben drauf in's Grab gesenkt;

Sie aber schon um acht

'nen andern küßt', und lacht',

Und lacht'.

GENOVEVA.

Die letzte Hoffnung schwindet,

Bald ist's vorüber! –

Sterben müssen, so jung,

Sterben von Mörderhand, –

Preisgegeben der Schande![37]

Zeigt kein Ausweg sich? erscheint kein Retter?

Siegfried, Siegfried, hörst du die Stimme nicht

Deines Weibes, das dich treu geliebt?

Und die Schuld wird einst zu Tage kommen.

Und sehnsuchtsvoll wirst du mich rufen,

Und trösten kann ich dich nicht,

Siegfried, sagen dir nicht,

Wie ich vergeben

Alles Weh um deinetwillen! –

Zeigt kein Ausweg sich? erscheint kein Retter?

Was leuchtet hier aus dunklem Versteck –

Ein Kreuz, ein Muttergottesbild!


– Dies sah'n sie nicht, sie hätten

Den letzten Trost mir geraubt! –

O heil'ge Jungfrau, blick' auf mich,

Gieb' Kraft, das Bitterste zu tragen!

Mich geb' ich hier in Deine Hand,

O zieh' sie nicht zurück,

Die Du zum Heil mir ausgestrecket,

Du leitest mich zu meinem Glück,

Gieb daß dazu kein Weg mich schrecket! –


Wie wird die Luft von Tönen wach,

Wie weh'n zum Herzen mir sie mild!

Und Fels und Wald hallt von den Tönen nach,

Wie wird auf einmal alles Leid gestillt!

Was schau' ich! Oeffnet sich der Höhle Dach?

Der Himmel über mir von Glanz erfüllt

Und in dem Glanz der Liebe Bild!


Allgütiger! Sieh mich vor Dir im Staube.

Was ist vor Deines Himmels Herrlichkeit

Der Menschen Noth, der Erde kurzes Leid!

Du läßt mich der Verzweiflung nicht zum Raube!

Du Liebesquell, mein Hort, an den ich glaube,

Durch Trübsal führst Du ein zur Seligkeit!


Ich höre Schritte durch den Wald, –

Was kommen mag, ich bin gefaßt.[38]

GOLO.

Kennt Ihr den Ring?

GOLO.

Und auch dies Schwert?

Dies Schwert gab mir Graf Siegfried,

Daß Ihr den Tod von ihm empfangt –

Den Ring, damit an seines Willens Ernst

Ihr keinen Zweifel hegt, – wie dünkt Euch das?

GENOVEVA.

Ihr lügt –

GOLO.

Lügt auch dies Schwert, –

Lügt auch der Ring, derselbe,

Den Siegfried einst am Traualtar Ihr gabt?

GENOVEVA.

Ich – faß' es nicht!

GOLO.

Was denkt Ihr über Drago's Ende?

GENOVEVA.

Ich? – Nichts. Was denkt der Graf?

GOLO.

Was ein jeder denkt, –

Daß Ihr auf's Aergste ihn berückt! –

GENOVEVA.

In dieser Stunde fängt mein Elend an.

GOLO.

Mit immer höh'ren Reizen Euch zu schmücken –

GENOVEVA.

O frevelhafter Spott! – Was säumt Ihr noch?

Hier steh' ich, tödtet mich; Ihr thut ein gutes Werl?

GOLO.

Wenn Ihr so muthig seid, daß Ihr den Tod

Erwählt, – ich bin zu feig, dies schöne Haupt,

Das mir wie Sonn' und Mond und Sterne war,

An's Schwert zu liefern. –

Kommt und entflieht mit mir![39]

GENOVEVA.

Ihr sprecht im Wahnsinn!

GOLO.

Einmal nur

Gieb, was Du geben kannst, nur einmal

Laß ruhen mich an Deiner Brust!

GENOVEVA.

Zurück, Verruchter!

GOLO.

Nur einmal

Gönn' mir dies Himmelsglück! –

GENOVEVA.

Hinweg, Du fluchbelad'ner Mann!

GOLO.

Hör' mich – vom Tod will ich Dich retten, –

Nur bitte!

GENOVEVA.

Euch! O nie!

GOLO.

Bedenk', –

Du bist in meiner Macht! Ein Wink

Von mir, – und jene Männer greifen Dich!

GENOVEVA.

Ich bin in Gottes Hand! –

GOLO.

O sprich es aus ein einzig Wort,

Und Du bist frei! – –

Du schweigst? –

Ihr Männer tretet vor!

Seid Ihr bereit, des Herrn Befehl

An seiner sünd'gen Gattin zu vollziehn?

BALTHASAR UND CASPAR.

Ja! –[40]

GOLO.

So will's der Graf, Ihr sollt's

Mit diesem Schwerte thun!

DIE BEIDEN.

Wie Ihr befehlt, so wird's gescheh'n! –

GOLO.

Thut Eure Pflicht!

Ich geh! – Und hört:

Kehr' ich zu Nacht nicht heim in's Schloß,

So sucht mich nicht und sagt den Andern:

Ich sei zu Roß, den Falken auf der Hand,

In's Land hineingesprengt! –

CASPAR.

Habt Ihr noch einen Wunsch, so nennt ihn! Kann

Ich ihn erfüllen, soll's gescheh'n!

GENOVEVA.

Wenn mein Gemahl zurückkehrt, sagt ihm dies:

Daß ich, wie hart er auch mit mir verfuhr,

Ihm Alles doch, bevor ich starb, vergab!

BALTHASAR.

Nun ist's genug!

GENOVEVA.

Umsonst versucht mein Mund,

Die rohen Herzen zu erweichen!

Schickst Du kein Zeichen Deiner Huld,

So sterb' ich jetzt! – Doch Deinem Willen

Muß ich mich neigen! –

CASPAR.

Führ' sie vom Kreuze fort; am Kreuz

Mag ich nicht morden!

BALTHASAR.

Fort von hier![41]

GENOVEVA.

Vom Kreuze laß' ich nicht!

BALTHASAR.

Glaubt Ihr, das Kreuz schützt auch ein buhlend Weib?

GENOVEVA.

Von meinem Heiland laß' ich nicht!

CASPAR.

Mir ist, als hört' ich in der Ferne

Geschrei und Hörnerruf –

BALTHASAR.

Schweig', Feiger, schweig –

Die Furcht hat Dein Gehör geschärft, –

Faß' an, faß' an!

CASPAR.

Mir bebt die Hand, ich kann es nicht –

GENOVEVA.

Heb' gnädig mich zu Dir empor!

CASPAR.

Wir sind verrathen – laß uns fliehn!

BALTHASAR.

Hinweg!

JÄGER.

Sie ist's, am Kreuze dort!

Den Mördern nach!

Zu Hülfe ihr!

Wo ist der Graf? Fort suchet!

Da naht er!

MARGARETHA.

Graf Siegfried herbei!

SIEGFRIED.

O Genoveva!

CHOR.

Weh', sie erkennt ihn nicht![42]

SIEGFRIED.

Mein theures Weib! –

CHOR.

Der Schreck raubt' ihr die Sinne!

GENOVEVA.

Güt'ger Gott – wo bin ich!

SIEGFRIED.

Mein theures Weib!

GENOVEVA.

Die Stimme kenn' ich – –

Wie Wolken liegt's vor den Augen mir – –

Siegfried, Du bist's! –

CHOR.

Welch' Wiederseh'n!

SIEGFRIED.

O laß es ruhn Dein Aug' auf mir! –

GENOVEVA.

Ich mische meine Thränen mit den Deinen!

SIEGFRIED.

Ich bin die Schuld an Deinem Elend,

Ich bin's, der Dich in Noth gebracht

Wie kann ich Dich versöhnen!

GENOVEVA.

Sprich nicht so!

Es war nicht Deine Schuld, der Himmel fügt' es!

SIEGFRIED.

So lang' ich lebe, kömmt kein Trost

In meine Brust! –

GENOVEVA.

Glaub' mir auf's Neu'

Kehrt Ruh und Glück zurück;

Gelingen wird es meiner Lieb' und Treu'!

BEIDE.

Gelingen wird es unsrer Lieb' und Treu'![43]

GENOVEVA.

Doch – wo ist Golo?

BALTHASAR.

Um den seid unbesorgt! Wir fanden ihn

Zerschmettert in der Schlucht dort –

GENOVEVA.

O laß uns fort von diesem Schreckensort!

SIEGFRIED.

Versagen Dir die Füße nicht die Kraft?

CHOR DER FRAUEN.

Auf unsern Händen

Tragen wir Euch!

CHOR DER MÄNNER.

Von Zweigen flechten wir

Die Sänfte Euch!

GENOVEVA.

Laßt, lieben Leute! Neue Kräfte,

Ich fühl's, durchdringen mich – habt Dank!

SIEGFRIED.

Stütz' Dich auf mich!

Kommt Alle mit in's Schloß,

Denn dieser Tag, ein Festtag soll er sein;

Die Glocken läuten schon von fern,

Und Priester sollen Messe singen,

Dem Hocherhabnen unsern Dank zu bringen!

CHOR.

Bestreut den Weg mit grünen Mai'n,

Laßt den Ruf erschallen in's Land hinein:

Die viel geduldet,

Die edle Herrin,

Sie kehrt zurück!


[44] Gesang hinter der Scene.


Nun hebet Herz und Hände,

Voll Freude himmelan,

Zu ihm, deß' Macht ohn' Ende,

Dem all' wir unterthan!


Sein Reich es soll besteh'n,

In aller Ewigkeit,

Für ihn zum Tod zu geh'n

War'n allzeit wir bereit!


Was konnt' uns bringen Schaden,

Da er ja mit uns war!

Er ist der Quell der Gnaden,

Der ew'ge, licht und klar!

SCHLUßCHOR.

Erschalle, festlicher Sang,

Ertönet, jubelnde Lieder!

Siegfried Heil

Dem tapferen Helden,

Heil Genoveva

Der hohen Frau!

Das uns so lang

Entrissen war,

Das edle Paar

Es kehrt uns zurück!

MÄDCHEN.

Nehmet zu freundlich –

Holdem Empfang

Blühende Rosen!

SIEGFRIED UND GENOVEVA.

Habt Dank, habt Dank![45]

JÜNGLINGE.

Mögen des Lebens

Stürme euch nie

Feindlich umtosen!

SIEGFRIED UND GENOVEVA.

O namenloses Glück!

MÄDCHEN.

Lebet in Freude!

JÜNGLINGE.

Lebet in Frieden!

GENOVEVA.

Ich kann's nicht fassen,

Nicht glauben, mein Siegfried!

ALLE.

Siegfried Heil, dem tapferen Helden,

Heil Genoveva, der hohen Frau![46]

Quelle:
Robert Schumann: Genoveva. Berlin [1960], S. 36-47.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

L'Arronge, Adolph

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik

78 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon