Dritter Akt.

[26] Zimmer in einer Herberge zu Straßburg.


SIEGFRIED.

Nichts hält mich mehr, – laßt Eure Salben,

Laßt Eure Kräuter, gute Frau!

Die Wund ist heil – seht, seht!

MARGARETHA.

Nur wenige Tage schont Euch noch!

Der muß von Eisen sein, daß er

Den Trank verschmerzt, den ich ihm gab –

SIEGFRIED.

Gern schont ich länger mich; doch Sehnsucht

Nach Haus, nach meinem Weib läßt keine Ruh'

Mir mehr –[26]

MARGARETHA.

Habt auch ein Weib Ihr?

SIEGFRIED.

Gute!

Wie sie giebt's keine auf der Welt!

MARGARETHA.

Und auch ein Kind?

SIEGFRIED.

Noch ist's ein Wunsch,

Schon lang harr' ich auf Kunde –

Und morgen muß ich fort, ich halt's

Nicht länger aus –

MARGARETHA.

Geduld, Geduld –

Zwei Tage pflegt Euch noch, und wollt

Ein art'ges Spiel Ihr sehen,

Das Euch an Heimath und an Weib erinnerte,

So wüßt' ich eines –

SIEGFRIED.

Ich versteh' Euch nicht –

MARGARETHA.

So hört, hier giebt's einen Zauberspiegel,

D'rin schaut man alles, was man will,

Und alles, was sich jüngst begeben –

SIEGFRIED.

Geht das mit rechten Dingen zu?

MARGARETHA.

Weiß nicht –

Untrüglich aber ist das Spiel gewiß.

SIEGFRIED.

Was Ihr da sagt! – und auch von meinem Weibe,

Glaubt Ihr, berichtet mir's? –

MARGARETHA.

Von Allem, was Ihr wünscht –[27]

SIEGFRIED.

Das muß

Ich sehen. Sagt, um welche Stunde könnt'

Ich's schau'n?

MARGARETHA.

Am liebsten, wenn es dunkelt schon –

SIEGFRIED.

Hier nehmt für Eure Pflege dies – vielleicht

Such' ich Euch auf noch –

MARGARETHA.

Euer Edelknecht

Weiß meine Wohnung. So gehabt Euch wohl

Und haltet ruhig Euch!

SIEGFRIED.

Lebt wohl!

SIEGFRIED.

Ja wart' Du bis zum jüngsten Tag

Auf mich mit Deinem Spiegel –

Conrad, Conrad!

Spring', Junge freu' Dich, laß

Die Rosse satteln, heute noch

Geht's fort nach Haus! Die Wunde zwar

Noch brennt sie – aber hier

Brennt's heißer noch, nicht länger

Ertrag' ich's fern vom Haus –

Die Nacht ist schön –

O wonn'ger Strom der Luft! –

Mach' alles fertig, – fort, fort!

LIED.

Bald blick' ich dich wieder mein Heimathschloß,

Der Thurmwart bläst, es jauchzt der Troß,

Die Thore rasseln vor mir auf,

Die Brücke fällt, ich schaue hinauf –

Sie hat mich erblickt, sie fliegt mir entgegen

Und Aug' an Aug' und Brust an Brust!

O Liebestreu', wie reich an Segen!

O Wiederseh'n so reich an Luft![28]

Besiegt ist der Feind, das Kreuz erhöht,

Des Glaubens Panier das Land durchweht!

Wie grimm die Wuth des Heiden war,

Mit uns stritt Gott und seine Schaar!

Voll Bangen blicktest du aus nach mir.

Mein Weib, aus deinen stillen Mauern –

Was bangst du noch? wirf fort dein Trauern –

Nun trennt keine Macht mich mehr von dir!

Wer sprengt so eilig in das Thor herein!

Der Reiter scheint von Sinnen – hör' ich recht,

Er lenkt die Schritte her zu mir!

Da hackt ein Rab' am Fenster –

Was kann's bedeuten!

SIEGFRIED.

Du Golo? Herzlich sei gegrüßt! –

Doch wie so bleich Du siehst – Du bringst

Nichts Gutes!

GOLO.

Gutes nicht.

SIEGFRIED.

Mein Weib ist todt –

GOLO.

Sie lebt –

SIEGFRIED.

Sie lebt?

Dann sei es, was es sei; ich trag' es leicht.

GOLO.

Les't selbst!

SIEGFRIED.

– Von wein Hauscaplan –

GOLO.

Mir beben die Knie,

Ich möchte zurück den grausigen Weg,

Den mich Margaretha gehn läßt.

SIEGFRIED.

Golo! – –

Hier nimm mein Schwert, schlag' nieder mich –

Doch wart' – erst sie![29]

GOLO.

O faßt Euch, edler Herr!

SIEGFRIED.

Verhöhn' mich nicht mit Deinem Trost! –

Niemand auf der Welt

Soll mehr mich seh'n – Niemand wissen,

Wo ich geblieben! doch – auch sie

Soll sterben!

Hier nimm mein Schwert und hier den Ring,

Zeig' beides ihr, damit sie weiß,

Von wem Du kömmst! – –

Doch still! Es fällt mir ein –

Hier lebt eine Frau, die mir erzählte

Von einem Wunderspiegel, d'rin sich zeige

Vergang'nes bis auf's Kleinste abgeschildert.

Conrad! Du weißt ja, wo die Frau,

Die meiner pflegte, wohnt! führ' hin uns!

Komm, guter Golo! –

Verwandlung.

Margarethens Zimmer.


MARGARETHA.

Ich sah ein Kind im Traum, ein hübsches Kind,

Die Zähne weiß, die Backen roth und rund,

Die Augen – nein, die sah ich nicht so recht –

Zwei Thränen standen d'rin. – Es rief:

»Zum Engel war ich dir bestimmt,

Du warfst mich in den Bach« – Dummer Traum!

Da fällt mir ein:

Hätt' ich das Mägdlein nicht ertränkt, und wär'

Es schön geworden, wie ich's sah im Traum,

So klopfet jetzt vielleicht ein Freiersmann,

Ein solcher, der das Glück bringt über Nacht; –

Laßt ruh'n die Todten, denn sie ruhen gut.

Ei nun, wer stört sie? Stören sie doch mich![30]

SIEGFRIED.

Hollah, macht auf!

MARGARETHA.

Wer da?

Herr Graf –

so spät!

SIEGFRIED.

Laßt, laßt! wer sagt Euch, daß ich sitzen will!

Ich halte mich nicht lange bei Euch auf.

MARGARETHA.

Was steht zu Diensten Euch, wenn nicht der Spiegel?

SIEGFRIED.

Vergessen hätt' ich's fast – ja, ja –

Den Spiegel wollt' ich seh'n,

So zeigt mir denn mein Weib, und was

Sie vor sechs Monden that!

MARGARETHA.

Ihr scheint erzürnt mein edler Herr –

D'rum bitt' ich, schlagt mir nicht,

Wenn was Ihr seht, Euch nicht gefällt,

Das theure Stück entzwei!

SIEGFRIED.

Hör' auf!

MARGARETHA.

Das heißt: sang' an?

Doch die Bedingung, denkt jetzt nicht an Ihn,

Der einst die Welt erschuf und sie erhält!

SIEGFRIED.

Sehr sonderbare Worte sprecht Ihr da!

Den Spiegel! den Spiegel!

MARGARETHA.

Und hier der fremde Herr – soll er nicht geh'n?

SIEGFRIED.

Er ist mein Freund, mag Alles schau'n –

Wir beid' sind rein!

[31] MARGARETHA.

Was bebst Du, Feiger, denke d'ran,

Wie Dich die Gräfin höhnte?

GOLO.

Sie reißt zu Sünd' und Schand' mich fort!

SIEGFRIED.

Was bebst Du, Golo, denke d'ran,

Wie Du mich rächst!

Die Wahrheit will ich wissen,

Ob auch das Herz mir bricht.

MARGARETHA.

Dein muß sie werden noch!

GOLO.

Du mahnst mich recht, – schon reut' es mich!

MARGARETHA.

Dein muß sie werden, Muth nur, Muth!

GOLO.

Stehst Du mir bei, so wird's gelingen!

SIEGFRIED.

Was zaudert Ihr, – laßt sehn den Spiegel!

MARGARETHA.

Ein schönes Weib – fürwahr des Küssens werth!

GOLO.

Mein muß sie werden, mein!

SIEGFRIED.

Den Spiegel! den Spiegel!

MARGARETHA.

Euch zu dienen!

»Erscheint!«

Erstes Bild.


STIMMEN HINTER DER SCENE.

Abendlüste kühlend weh'n,

Liebe singt in Wald und Feld!

Kann ein Herz allein besteh'n,

Wo so selig rings die Welt![32]

Saaten wogen um dich her,

Schlägt dein Herz nicht Liebeswogen

Den du suchst, er tritt daher,

Erde wird zum Blüthenmeer:

Und du wirst hinabgezogen,

Wie die Biene selig schwer.

SIEGFRIED.

Sieh da – mein Schloß – wahrhaftig!

GOLO.

Mit Satan steht die Hex' im Bunde.

SIEGFRIED.

Dort der Eichwald auch! Und dort

Auf dem Fußpfad die Gestalt –

Sie ist's, mein Weib – –

GOLO.

O holdeste der Frauen!

SIEGFRIED.

Jetzt auch Drago! –

Sie sprechen freundlich! Wahrlich,

Mit Jedem sprach sie so!

Da find' ich nichts zu schelten.

Komm, Golo! der Spiegel sagt mir nichts,

Was ich nicht wüßte!

MARGARETHA.

Sechs Monden wies ich ihn zurück,

Wie Ihr gewünscht. Wollt Ihr ein Bild vielleicht

Aus neu'rer Zeit?

SIEGFRIED.

Was meinst Du, Golo!

GOLO.

Laß't sehn!

SIEGFRIED.

Wohlan denn!

MARGARETHA.

Erscheint, erscheint!

[33] Zweites Bild.


STIMMEN HINTER DER SCENE.

Wann die Lichter der Erde verglüh'n,

Wann der Blüthen Kelche geschlossen,

Eine Blume der Nacht ist entsprossen,

Möchte heimlich erblüh'n!


Wann die Sterne funkeln und sprüh'n,

Wann der Mond seine Wunder ergossen,

Hat der Liebe Reich sich erschlossen,

Möchte heimlich erglüh'n!

SIEGFRIED.

Der Garten meines Burghof's ist's,

Die Laube an der Mauer dort,

Ich kenn' sie wohl! –

Sie beid' allein, – zur Abend-Stunde!

Bursch, du bist keck!

GOLO.

So sah ich oft sie sitzen,

Doch ahnt' ich Schlimmes nicht!

SIEGFRIED.

Das Schlimme

Seh' ich noch nicht! So sittsam wie sie blickt,

So scheint sie nur als Herrin sich

Zu fühlen, er als Diener.

GOLO.

Wohl dem, der da vertraut!

SIEGFRIED.

Könnt noch ein Bild ihr hexen,

Aus jüngster Zeit ein Stück?

MARGARETHA.

Drei Bilder steh'n in meiner Macht

Mehr nicht! Wollt noch das Ihr?

SIEGFRIED.

Das letzte denn![34]

MARGARETHA.

Erscheint, erscheint, erscheint!

Drittes Bild.


STIMMEN HINTER DER SCENE.

Leiser Tritt durch's stille Haus!

Ferne der, der sie bewacht!

Sei verschwiegen, dunkle Nacht,

Lösch' die hellen Lichter aus!


Von dem Baum im Paradies,

Deß' verbotne Frucht so süß,

List'ge Schlange brich' auf's Neu'

Goldne Frucht und kriech' herbei!

SIEGFRIED.

Schurke, Drago! –

Golo, räche mich! –

MARGARETHA.

O Gott!

Furchtbar Gesicht, verschwind!

DRAGO'S GEIST.

Umsonst versuchst Du Deine Macht an mir!

MARGARETHA.

Wer sandte Dich!

GEIST.

Der Herr!

MARGARETHA.

Ich kenn' ihn nicht!

GEIST.

Du riefst ihn an, –

Und er gebietet Dir durch meinen Mund:

Schnell mach' Dich auf, dem Grafen Siegfried,

Was Du an ihm gefrevelt, zu gesteh'n.

MARGARETHA.

Und thu' ich's nicht?[35]

GEIST.

So wird

Dir binnen Mondesfrist der Holzstoß aufgerichtet,

Du stirbst den Feuertod – so ist's bestimmt!

MARGARETHA.

So tödt' ich mich vorher!

GEIST.

Versuch' es nicht! In Flammen wirst

Du Salamander sein, Im Schooß der Erde Wurm,

Und gegen Stahl und Eisen wie von Stein!

MARGARETHA.

Entsetzen packt mich –

GEIST.

Ja,

So ist's bestimmt, so wird's erfüllt!

MARGARETHA.

Schon lecken die Flammen am Holz –

Sie faßen mich blutigroth!

Wie es nagt, wie es brennt! O Tod!

Fürchterlich, fürchterlich!

Wo flieh' ich hin,

Wo berg' ich mich!

Herr des Himmels,

Hab' Erbarmen!

Luft!

Hülfe! Rettung! – –

Siegfried! Siegfried! –

Quelle:
Robert Schumann: Genoveva. Berlin [1960], S. 26-36.
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