Zweiter Akt.

[14] Halle.


GENOVEVA.

O weh des Scheidens, das er that, –

Mit ihm schied Freud' und Glück!

Herr'nloses Haus, Haus ohne Rath! –

O käm er bald zurück! –

Mit ihm die Lust, mit ihm der Muth

Wo er nicht ist da wankt es, –

Doch wo er herrscht, da steht es gut,

Mein Siegfried, kehre wieder,

Mit Dir schied all' mein Glück dahin!

Getrost, getrost, mein Herze –

GESANG DER KNECHTE.

1.


Füllet die Becher bis zum Rande,

Stoßet an und trinket aus!

Zieht der Herr in fremde Lande,

Ist der Knappe Herr im Haus!

Stoßt an und trinket aus!

2.


Ei – wer sitzt dort in der Ecke. –

Alter Drago, was ist das!

Kommt hervor aus dem Verstecke –

Unsrer Herrin dieses Glas!

Die Herrin lebe hoch!

GENOVEVA.

Welch rohes Singen! Klingt es doch,

Als ob sie spotteten! –

Die Knechte sind's, Margaretha unter ihnen,

Dies Schreckbild meinem Auge! –

Und dort der gute Drago,[14]

Er will nicht würfeln mit und singen! –

Wie wild sie lärmen! – Siegfried, Siegfried,

Kehr' bald zurück, brich ihren Uebermuth,

Sie stürzen Haus und Hof dir um!

Wer kömmt!

GENOVEVA.

Ihr seid es, Golo? –

GOLO.

Verzeiht, daß zu so später Stunde noch –

GENOVEVA.

Stets seid willkommen Ihr, und wißt –

Ich fürchtete mich eben –

GOLO.

Ihr hörtet wohl –

GENOVEVA.

Sie singen laut genug –

Und ganz allein bin ich –

GOLO.

Sie ganz allein! welch' seltnes Glück?

GENOVEVA.

Die Dienerin entließ nach Trier ich,

Dort ihren kranken Vater zu verpflegen –

Da wandelte etwas wie Furcht mich an,

Dazu das wilde Singen – aber sagt,

Was hat es zu bedeuten? –

GOLO.

So hört, was mich so spät noch zu Euch führt:

Ein großer Sieg (so spricht man)

Sei über Abdorrhaman jüngst erkämpft –

GENOVEVA.

Ein Sieg, ein Sieg! O Freude!

Doch wie, Siegfried ließ ohne Kunde mich? –

GOLO.

Gerüchte eilen schneller ja als Menschen –

Auch spricht man von der bald'gen Rückkehr

Des Heeres –

GENOVEVA.

Siegfried's auch? O wär' es wahr?[15]

GOLO.

Dies alles hat die Burschen aufgeregt –

Von Neuem toben sie, ich geh'

Zum Schweigen sie zu bringen.

GENOVEVA.

Laßt, laßt – die Freude reizt zum Singen,

Auch mich – Ihr singt so artig, laßt

Mit einer sanften Weise uns

Den wilden Lärm betäuben – kommt, dort ist die Zither.

GOLO.

's sind Monden her, daß ich schon nicht mehr sang.

GENOVEVA.

So wirds nur um so frischer klingen –

Ohn' Widerspruch! – das Lied,

Das aus dem Elsaß uns der Sänger lehrte –

GOLO.

Ihr könntet Steine singen machen

Durch Euer Bitten, schöne Frau!

GENOVEVA.

Das Schmeicheln, Golo, scheint Euch eigen,

Singt denn, laßt Euer Herz erweichen!

GOLO.

O anmuthvollste Zauberin!

Duett.


Wenn ich ein Vöglein wär',

Und auch zwei Flüglein hätt',

Flög' ich zu dir!

Weil's aber nicht kann sein,

Bleib ich allhier!


Bin ich gleich weit von dir,

Bin ich doch im Schlaf bei dir,

Und red' mit dir!

Wenn ich erwachen thu'

Bin ich allein!
[16]

Es vergeht kein' Stund' in der Nacht,

Da mein Herze nicht erwacht

Und an dich gedenkt,

Daß du mir viel tausendmal

Dein Herz geschenkt!


Nicht länger halt' ich mich,

Die Gluth verzehrt mich!

Zu ihren Füßen, zu ihren Füßen,

Daß sie's erfahre –

Alles, Alles!

GENOVEVA.

Was ist Euch? –

GOLO.

Genoveva, verzeiht mir! –

GENOVEVA.

Erst stehet auf, es ziemt Euch nicht zu knie'n!

GOLO.

Nicht eher als Ihr mir verzieh'n –

Ich täuscht' Euch –

GENOVEVA.

Wohlan – verzeiht Euch Gott, verzeih'

Auch ich Euch –

GOLO.

Ich raubt' Euch – ahnet Ihr? –

Damals als Siegfried Abschied nahm –

GENOVEVA.

Golo, ich sah Euch niemals so – Ihr seid wohl krank? –

GOLO.

Du schlugst die Wunde, still' nun auch

Das Blut, das strömende, des Herzens!

GENOVEVA.

Ein böser Dämon gab dies Wort Euch ein,

Besinnet Euch, mit wem Ihr sprecht!

GOLO.

O Zauberin, Du hast das Leben mir

Durch Kunst entführt –

GENOVEVA.

Was sprecht Ihr da? –[17]

Erwacht, denn Ihr verkennet mich!

Ich bin es, Genoveva, die jetzt spricht,

Gemahlin Eures Herrn, des Grafen Siegfried!

GOLO.

Hör' denn, Du meines Herrn Gemahlin –

Daß ich es reden, aussagen könnte,

Worte finden, Töne –

GENOVEVA.

Es fällt ihn Wahnsinn an – wer steht mir bei! –

Wo flieh' ich hin! Drago! Angelo! hört Niemand mich?

GOLO.

Du liebst mich, holde Braut,

Da ist der Tag begonnen,

Da regt und rührt's sich laut,

Da brechen aus den Knospen alle Wonnen –

GENOVEVA.

O Siegfried, mein Gemahl,

Wann kehrst du wieder!

GOLO.

Nenn' ihn nicht –

Sein Nam' ist Tod!

Mein bist Du, mein –

GENOVEVA.

Allmächtiger Gott!

GOLO.

In meine Arme, Weib! –

GENOVEVA.

Zurück!

GOLO.

An meine Brust!

GENOVEVA.

Zurück, ehrloser Bastard!

GOLO.

Das Wort, das traf, –

Das Wort, das schlug, –

Fluch Dir! –

Kein Schlaf soll über diese Augen kommen,

Kein' Speis' und Trank[18]

Ueber diese Lippen,

Bevor Du vernichtet! –

DRAGO.

Dem Himmel Dank, daß ich Euch finde,

Im ganzen Schlosse sucht ich Euch!

GOLO.

Drago, einandermal! laß jetzt mich nur!

DRAGO.

Ihr müßt mit mir – die Buben unten

Verweigern mir Gehorsam.

GOLO.

Zwing' sie dazu, was kümmert's mich!

DRAGO.

Das trüg' ich auch! Doch hört – sie lästern – –

GOLO.

Mich vielleicht? –

Laß sie – was kümmert's Dich?

DRAGO.

Nicht Euch –

Nein denkt – sie wagen's unsre Gräfin selber zu

Beschimpfen –

GOLO.

Was denn sprachen sie?

DRAGO.

Kaum mag ich's nacherzählen, das Schändlichste –

GOLO.

Sprich nur –

DRAGO.

Sie sagen: mit dem jungen

Kaplan, den jüngst Hidulfus

Hieher gesandt, stünd' sie vertrauter,

Als es Graf Siegfried wissen dürfte –

Denkt, die Schurken! –

GOLO.

Drago,

Die Schurken – – sprachen wahr!

DRAGO.

Herr Golo! –[19]

GOLO.

Ich weiß noch mehr –

DRAGO.

Ich kann's nicht glauben –

Die edle Gräfin –

GOLO.

Diese Nacht noch

Hat sie ihn herbeschieden –

DRAGO.

– mit ihm zu beten

Vielleicht –

GOLO.

ja, ja, zu beten, daß Graf Siegfried

Nie wiederkehren möge –

DRAGO.

Nie, nie glaub' ich das! –

GOLO.

Hast Augen Du?

DRAGO.

Wie meint Ihr das?

GOLO.

Du kannst ja selbst Dich überzeugen.

DRAGO.

Ich riß' mein Aug' aus, müßt' es die Schandthat seh'n.

GOLO.

Wohlan – die Prob' ist leicht –

Hier in der Nische

Kann ungesehn dem Liebespaar man lauschen –

Ich schlüpf' hinein –

DRAGO.

Um ihrer Unschuld willen

Möcht' selber ich's – doch nein –

GOLO.

So glaub', wenn Du nicht sehn willst –[20]

DRAGO.

Laßt mich – und paßt Ihr draußen an der Thür! –

Doch wenn ich Euch nun morgen früh

Beschwören kann, daß Alles Lug' und Trug!

GOLO.

So heiß' mich selbst den Schurken! –

DRAGO.

So denn mit Gott!

Zu Tag wird er die Wahrheit bringen!

MARGARETHA.

Ich lauscht' an der Thür – weiß alles –

Mit Genoveva war't zu heftig Ihr!

GOLO.

Und hörtest Du, wie sie mich nannte? –

MARGARETHA.

Ist's Deine Schuld? –

GOLO.

Hilf mir mich rächen!

MARGARETHA.

Hör' an – ich will nach Straßburg,

Den Grafen dort zurückzuhalten –

GOLO.

Das wolltest Du –

MARGARETHA.

Er liegt verwundet da –

GOLO.

Ha!

MARGARETHA.

– Ich sing ein Schreiben an die Gräfin auf

Manch' Tränklein weiß ich zu bereiten, auch

Für ihn, das soll von seinen Leiden ihn befrei'n,

Und Dich von ihm –

GOLO.

Mich schüttelt Fieberfrost –[21]

MARGARETHA.

Komm' in die Gesindestube! Drago, als Buhle –

Ei das wird lustig! –

GENOVEVA.

Dort schleichen über'n Hof sie sacht,

Wie Wölfe, die vom Raube kommen! –

Mir ist so bange, so beklommen –


O Du, der über Alle wacht,

Der Alles wohlgemacht,

Beschütz' o Herr! auch diese Nacht

Die Guten und die Frommen!

In Deinen Willen leg' ich nun

So Seel' wie Leib! O hab' Erbarmen

Mit mir, und wenn ich mich vergaß,

Weil sich ein Bub' an mir

Und meiner Ehr' vermaß,

Vergieb, da mir zu meiner Wehr

Kein' andre Waffe blieb –

O Herr, der gern verzeiht,

Beschirme mich in meinem großen Leid!

Und Du, der alle Schmerzen stillt,

Komm', süßer Schlaf, bring' Siegfried's Bild

Im Traume mir,

Vom tiefen Weh, das mich erfüllt,

An seinem Herzen auszuruh'n.

KNECHTE UND MÄGDE.

Sacht, sacht

Aufgemacht!

Daß er uns nicht entschlüpft,

Habt Acht!

BALTHASAR.

Dort ist das Zimmer,

Umstellt die Thür!

CHOR.

Er entschlüpft uns nicht,

Wir steh'n dafür![22]

BALTHASAR.

Das Licht verlischt –

CHOR.

Nur stille, still –

BALTHASAR.

Ich hör' Geflüster

Wie von Zwei'n –

CHOR.

Dringt ein, dringt ein!

GENOVEVA.

Wer kömmt? –

Wer es auch sei, zurück!

CHOR.

Still, still! sie sind gefangen!

GENOVEVA.

Was sucht Ihr hier?

BALTHASAR.

Wir suchen –

GENOVEVA.

Wen?

BALTHASAR.

Herrn Golo – –

Erlaubt, daß selbst wir suchen

In Eurem Schlafgemach –

GENOVEVA.

In meinem Schlafgemach?

Wer eintritt, ist des Todes,

Kömmt Euer Herr zurück!

BALTHASAR.

Der ist noch weit im Felde –

Wir suchen seinen Stellvertreter!

GENOVEVA.

Meint Ihr Herrn Golo, er ist nicht hier –

Geht fort, ich bitt' Euch! –

CHOR.

Die brüstet sich,

Und bittet auch!

Sucht nur, wir müssen ihn finden![23]

GENOVEVA.

Herr, schütz' vor Frechheit mich! –

Geht, geht! Weicht zurück!

CHOR.

Dringt hinein, dringt hinein!

GOLO.

Zurück, ihr Schurken!

Wie könnt Ihr wagen,

Zu stören der Herrin Ruh'!

GENOVEVA.

O nehmt Euch meiner an!

Hier ist Herr Golo – nun geht,

Wen sucht Ihr noch?

GOLO.

Mich suchten sie?

GENOVEVA.

Ja Euch!

CHOR.

Nein, nein

D'rin muß noch Jemand sein!

BALTHASAR.

Im Schlafgemach steckt Jemand noch.

GOLO.

Frau Gräfin, laßt sie suchen doch

Um Eure Unschuld darzuthun.

GENOVEVA.

Sucht denn!

DRAGO.

Erbarmen, Erbarmen!

CHOR.

Drago!

GENOVEVA.

Gott steh mir bei!

BALTHASAR.

Frau Gräfin, mit Erlaubniß, das ist schlecht –[24]

GOLO.

Freund, du bist rasch!

CHOR.

Seht, sie erbleicht, die Schuld ist klar!

BALTHASAR.

Was sagt Ihr nun?

GENOVEVA.

Nichts zu Euch!

BALTHASAR.

Das glaub' ich – nichts zu uns, die wir es sah'n,

Was aber wohl zu dem, der's hört von uns?

GENOVEVA.

Glaubt, was Ihr seht! nur bitt' ich, glaubt nicht mehr,

Ihr brachtet Lichter mit, gebt mir ein Licht!

BALTHASAR.

Verdächt'ges seh ich nichts!

MARGARETHA.

Ich lauscht' am Fenster dort,

Wie Drago sie umfing!

GENOVEVA.

Auch diese da!

Euch ruf' ich auf,

Sagt Ihr, Herr Golo, was Ihr glaubt!

GOLO.

Ich heiß' nicht Siegfried, bin der Richter nicht!

GENOVEVA.

Da sprecht Ihr wahr! –

BALTHASAR.

Die ist ja nach dem Fall

Viel stolzer noch! doch bräche sich der Stolz

Vielleicht im Thurm – wär' ich der Herr,

Sie müßte gleich hinunter!

CHOR.

Zum Thurm mit ihr, zum Thurm mit ihr,

Dort hat sie Zeit zur Reue![25]

GENOVEVA.

Führt mich wohin es sei – nur führt mich hin,

Wo ich das Blut nicht seh'! –

BALTHASAR UND CHOR.

Zum Thurm mit ihr!

GENOVEVA.

O Herr im Himmel, schütz' Dein Kind!

Was hab' ich gethan,

Daß so schwer Du mich prüfst!

GOLO.

O Herzenswunde brich' nicht auf!

Der Rache werd' ihr Recht!

Halt' Deinen Schmerz zurück!

BALTHASAR.

Führt sie hinunter, bindet sie!

CHOR.

Führt sie hinunter, bindet sie!

Fort in den Thurm, fort in den Thurm!

Quelle:
Robert Schumann: Genoveva. Berlin [1960], S. 14-26.
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