Scena II

[69] Schnürtzchen.


SCHNÜRTZCHEN. Kann ich auch den Schwerenotsschelm, den Boten, antreffen, der diesen Brief mitnehmen soll, und es ist mir selbst daran gelegen, denn ich habe den Hausknecht mit grüßen lassen und daß er mir soll sagen lassen, wie es ihm geht. Ich kann's nicht sagen, wie das Aas der Hund immer in einem noch heulet. Sollten sie etwan gar umgeworfen haben und irgend unterwegens ein Unglück genommen?

LORENTZ hinter der Eck. Es kann was dran sein.

SCHNÜRTZCHEN. Wie, hörte ich nicht jemand hier reden?

LORENTZ. Nein, ich schwatze nur.

SCHNÜRTZCHEN. Je, was zum Henker, bist du es denn oder bist du es nicht?

LORENTZ. Das weiß ich selbsten nicht.

SCHNÜRTZCHEN. Lorentz?

LORENTZ. Urselchen? Kommt hervor.

SCHNÜRTZCHEN. Ach, ihr Kinder! Was soll denn das bedeuten, daß du schon wieder hier bist?

LORENTZ. Was soll's bedeuten? Daß ich nicht mehr weg bin.

SCHNÜRTZCHEN. Warum kommst du aber wieder zurücke?

LORENTZ. Ei, ich wollte, daß der Henker drein schmisse!

SCHNÜRTZCHEN. Wieso denn?[69]

LORENTZ. Je, wieso? Daß wir ein Rad zerbrochen haben und können nicht fortkommen.

SCHNÜRTZCHEN. Ach, ihr Kinder! Ich will's ja nimmermehr hoffen.

LORENTZ. Ja, wir können uns nicht helfen, und darzu hätte ich bald das größte Unglück davon bekommen.

SCHNÜRTZCHEN. Je, wie denn so?

LORENTZ. Wir kamen in ein Morastloch, und der Kutscher wollte geschwind durchrennen und denkt nicht, daß auf der einen Seite so ein tief Loch ist. Da kriegt die Kutsche den Schwang, daß ich flugs hinten runter pralle, und wenn ich nicht noch einen Sprung getan, so hätte der in Gedanken geadelte Kammerdiener bis unter die Arme im Dreck gelegen.

SCHNÜRTZCHEN. Und das Rad zubrach in dem Morastloch?

LORENTZ. Freilich ging's vor die Hunde.

SCHNÜRTZCHEN. Ach ihr Kinder, müssen die Mädchen nicht da erschrocken sein?

LORENTZ. Das kann man leichte denken. Und der Kutscher war so ein Galgenvogel. Wie er sahe, daß keine Rettung, wieder herauszukommen, war, spannte er die Pferde aus, ließ uns bei der Kutsche liegen und ritte stillschweigens immer seiner Wege fort.

SCHNÜRTZCHEN. Das ist ein Schwerenotsschelm gewesen. Wo sind aber nun die Mädchen geblieben?

LORENTZ. Ich bin voran gelaufen, und ich denke, sie werden wohl bald zu Fuße nachkommen.

SCHNÜRTZCHEN. Drüm hat das Rabenaas, unser Hund, wohl immer so geheulet, weil ihr seid weg gewesen, und es hat doch immer gemeiniglich was zu bedeuten, wenn die Hunde heulen. Aber wie wollen sie es nun halten?

LORENTZ. Sie sagten, sie wollten es nun gar bleiben lassen; ob sie geadelt wären oder nicht, darzu so würde es ihnen indem nicht viel helfen.

SCHNÜRTZCHEN. Je, Herzenskind, was will es groß helfen,[70] daß sie das Geld damit vertrödeln, und wäre hernach auch doch ungewiß, ob sie welche von Adel kriegten oder nicht.

LORENTZ. Wo ist denn die Frau Schlampampe?

SCHNÜRTZCHEN. Sie ist drin mit ihren Däfftle und speiset.

LORENTZ. Was macht denn Schelmuffsky?

SCHNÜRTZCHEN. Je, denke nur, der ist auch wieder in die Fremde gegangen.

LORENTZ. Was zum Henker will er aber da wieder tun?

SCHNÜRTZCHEN. Er sagte zur Mutter, er hätte nun fast alle Länder in der ganzen Welt besehen, ausgenommen in Frankreich wäre er noch nicht gewesen; er müßte auch dahin und sehen, was da der Franzmann macht.

LORENTZ. Ich dachte, er wäre schon in Frankreich gewesen, wie er ist gefangen genommen worden.

SCHNÜRTZCHEN. Je, das ist, mein ich, nur eine Festung gewesen, die den Franzosen gehöret, allein, da ist nichts zu sehen gewesen.

LORENTZ. Es ist Wunder, daß ihm die Mutter hat Geld gegeben.

SCHNÜRTZCHEN. Mich hat's auch sehr gewundert, zumalen da sie sich neulich so sehr verschworen, sie wollte ihm keinen Dreier mehr zu reisen geben.

LORENTZ. Je, an unser Frauen ihr Schweren darf man sich nicht kehren, denn was sie heute redet, morgen hat sie es schon wieder vergessen. Allein, was wird sie zu unserer Reise sprechen, daß wir wiederkommen?

SCHNÜRTZCHEN. Ach, ich weiß, daß sie es ganz gerne siehet, daß nichts draus geworden ist. Sie spricht, die Leute würden's ihr gnug vor Übel gehalten haben, daß sie es als eine wackere, ehrliche Frau zugegeben hätte.

LORENTZ. Es ist freilich wohl wahr; wenn es aber geschehen wäre, was hätte sie machen wollen?

SCHNÜRTZCHEN. Ich dachte es flugs, wenn ich den Hund hörete so heulen, daß was vorgehen müßte.[71]

LORENTZ. Was ist denn vor ein Brief da?

SCHNÜRTZCHEN. Der Präzeptor hat ihn schreiben müssen, ich sollte ihn einem Boten geben, der denselben unsern Jungfern zustellen sollte; aber wie ich nun sehe, wird's nicht vonnöten sein.

LORENTZ. Gib mir den Brief und laß uns hereingehn, so denkt unsere Frau, ich bringe ihr Antwort drauf.

SCHNÜRTZCHEN. Da hast du ihn, und komm fein geschwinde, so treffen wir sie noch über Tische an. Gehen ab.


Quelle:
Christian Reuter: Werke in einem Band. Weimar 1962, S. 69-72.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

L'Arronge, Adolph

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik

78 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon